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Nackt sind sie, die Schreibtischtäter in den Thinktanks des Gesundheitsministeriums

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Für die Uneingeweihten: Das Gesundheitsministerien hat seit vielen Jahren Thinktanks geschaffen, die uns seit Jahren erklären, wie Medizin zu gehen hat.

Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES) ist eine Gesellschaft im Eigentum der Republik Österreich (Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz und das Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus). Die Gesellschaft wurde im Jahr 2002 aufgrund des Gesundheits- und Ernährungssicherheitsgesetzes (BGBl. I Nr. 63/2002)[3] errichtet. Ihre Aufgaben liegen in den Bereichen Ernährungs- und Lebensmittelsicherheit, Gesundheit von Menschen und Tieren, Arzneimittelaufsicht und Strahlenschutz.

Bei einer Pressekonferenz präsentierten Franz Allerberger, Leiter des Bereichs Humanmedizin der AGES und Gesundheitsminister Anschober eine Studie der AGES, die angeblich zeigte, dass eine SARS-Cov2-Infizierte bereits am 5.2. die Krankheit aus der Schweiz in das unschuldige Ischgl gebracht hätte. Am Nachmittag ruderte man schon zurück:
„Hier dürfte bei Eingabe in oder Übernahme aus dem EMS-System ein Eingabefehler passiert sein, es bleibt in diesem Fall beim Datum 5.3.“, so das Ministerium. Anschober: ”Ich habe die Autoren der Dokumentation beauftragt, den Hintergrund dieses Fehlers lückenlos aufzuklären.

Nachdem ganz Tirol sich auf die Schultern klopfte, vermeldete die Ages aber dass ihren Daten zufolge die erste Erkrankung sehr wohl bereits im Februar auftrat – und zwar am 8.2. bei einer dritten Person, einer Tirolerin.

Auf der Homepage des Ministeriums kam es auch am Donnerstag zu einem plötzlichen Sprung bei der Gesamtzahl der durchgeführten Tests von rund 60.000 auf 90.000 binnen eines Tages.

Schon 1973 wurde das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) gegründet, dass 2006 in der Gesundheit Österreich GmbH aufgegangen ist, eine Gruppe von Thinktanks, die seit Jahren der am Tropf der politischen Aufträge hängt und uns seit Jahren erklärt, dass wir zu viele Spitalsbetten, Intensivbetten und viel zu viele stationäre Leistungen haben und das in seinen ÖSG gießt (Reformierer im Gesundheitswesen: Wir haben’s begriffen, aber verarschen könnt’s euch selber).

Heute stellt Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH seine Prognose vor, dass zwar bis Freitag kommender Woche von aktuell 11.000 auf rund 14.000 wachsen wird, davon 800 bis 1.200 hospitalisiert werden müssen, aber „unter 300“ Personen, die intensivmedizinische Behandlung benötigen werden. Gesundheitsminister Anschober folgt auch hier „seinen Experten“ und wähnt sich „kommenden Woche auf der relativ sicheren Seite“.

Ich würde ja gerne falsifiziert werden aber auch ohne komplexe Prognosemodelle (Coronavirus: Künstliche Intelligenz vs. Menschenverstand) halte ich diese Prognose für sehr gewagt.

Warum?

Erstens wissen wir, dass Intensiv-pflichtige COVID-19 Patienten im Schnitt drei Wochen auf der Intensivstation verbringen, d.h. viele Patienten, so sie nicht versterben, die in den letzten zwei Wochen aufgenommen wurden, werden mit großer Wahrscheinlichkeit noch kommenden Freitag dort liegen.

Am 28.3. hatten wir 135 Intensivpatienten, aktuell (4.3.) haben wir 245, also um 110 Intensivpatienten mehr.
Glauben Sie, dass wir in den nächsten 7 Tagen nur noch 54 zusätzlich Intensivpatienten bekommen?

Schießen wir etwas über diese Zahl hinaus, wäre das angesichts der vorhanden Kapazitäten auch noch kein Armageddon, nur kommt es da sehr darauf an, wie die Patienten über ganz Österreich verteilt werden.

Wir wissen ja noch immer nicht, wie das alles berechnet wird, aber das sind offenbar die Prognosedaten:


Wir werden uns hier in einer Woche wieder sehen. Bis dahin empfehle ich die Lektüre COVID19 – Testen, Testen, Testen heißt Daten, Daten, Daten! und würde die dortige Conclusio: die Regierung, die offenbar planlos agiert, macht mir Angst! um die angeblichen Experten, mit denen sich das Gesundheitsministerium umgeben hat, erweitern.

Written by medicus58

2. April 2020 at 23:47

ÖSG: Warum einfach, wenn es doch auch kompliziert geht

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Es ist schon fast fünf Jahre her, seit ich mich hier unter dem Titel Die planlose Planwirtschaft im Gesundheitswesen mit einem weitgehend unbekannten Instrument der österr. Gesundheitsplanung beschäftigt habe; dem ÖSG.
Nein, ich meinen nicht das Ökostromgesetz, die Österreichisch-Schwedische Gesellschaft, die Österreichische Sportwissenschaftliche Gesellschaft und auch nicht die Österreichische Statistische Gesellschaft, ich meine den Österreichischen Strukturplan Gesundheit.

1996 haben sich Bund und die Länder auf eine überregionale Krankenanstaltenplanung (einschließlich einer Planung der Großgeräte) geeinigt und seit 2006 heißt dieses Planspiel Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG).

Der Plan wird nun im Auftrag der Bundesgesundheitsagentur (BGA) erstellt. Die BGA ist ein auf Basis der Vereinbarung gemäß Artikel 15a Bundesverfassungsgesetz über die Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens mit (BGBl. I Nr. 105/2008) errichteter öffentlich-rechtlicher Fond mit eigener Rechtspersönlichkeit, dessen Geschäftsführung dem „Gesundheitsministerium“ obliegt.
(Anm: Die Gänsefüßchen deshalb, weil man im Gesetzestext schon dafür vorgesorgt hat, dass irgendwann einmal die Gesundheitsagenden auch woanders landen könnten.)

Also, der BGA ist eine unter der Kontrolle des Gesundheitsministers stehender Fond, hat mit der Bundes-Zielsteuerungskommission ein Steuerungsgremium, dem je vier Vertreterinnen/Vertreter des Bundes, und der Sozialversicherung sowie neun Vertreterinnen/Vertreter der Länder angehören, und vergab die Erstellung dieses Plans seither stets an die Gesundheit Österreich Ges.m.b.H. (GÖG).
Ob dieses Karussell geschaffen wurde, um den „Gesundheitsminister“ zu behindern oder die politische Veranwortung für das Ergebnis hinter scheinbarem Expertenwissen zu verbergen, mag nun jeder selbst entscheiden! 

Beim GÖG handelt es sich um ein am 1. August 2006 per Bundesgesetz errichtetes nationales Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen dessen Alleingesellschafter der Bund, vertreten durch – erraten – den Bundesminister für Gesundheit ist. Das GÖG entstand natürlich nicht aus dem Nichts, sondern vereinigte das 1973 gegründete Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) und den 1998 gegründeten Fonds Gesundes Österreich (FÖG). Im Gesundheitsqualitätsgesetz hat man da auch gleich ein Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen (BIQG) dazu gepackt, dem, natürlich wieder im Auftrag des Bundes,  die Entwicklung, Umsetzung und regelmäßige Evaluation eines gesamtösterreichischen Qualitätssystems obliegt, das den Prinzipien Patientenorientierung, Transparenz, Effektivität und Effizienz zu folgen hat. 
Ja, und damit man sich auch noch etwas Geld verdienen kann, stehen für andere Auftraggeber noch GÖG-Töchter zur Verfügung (GÖ Beratungs GmbH, GÖ Forschungs- und Planungs GmbH). Dass es dabei mitunter Diskrepanzen zum eigenen ÖSG gibt, wird noch einmal zu diskutieren sein …
Verfassungsgemäß kann der Bund aber nur Rahmenvorgaben beschließen, die Umsetzung in Regionalen Strukturplänen (RSG)  obliegt den Bundesländern und auch hier stolperte man immer wieder über massive Diskrepanzen zwischen ÖSG und RSG in diesem föderalen Sandkastenspiels! Kein Wunder, als einziges Grundlage zur Intervention hat der Bund die 15a Vereinbarungen und (rein theoretisch) die Steuergelder, die er in diesen Bereich fließen lässt. Da wir aber keine Finanzierung aus einer Hand haben, findet jeder Mitspieler genug Regler, an denen er das Endergebnis in seinem Sinne oder in Richtung seiner Hinter“personen“ zu modifizieren.

Der Bedarf nach einer Steuerung wurde seit Jahrzehnten gesehen und ebenso lange erfolgreich vereitelt.

In den 1970er-Jahren wurde vor allem der bundesweite Bedarf an Spitalsbetten und ab 1996 auch an medizinisch-technischen Großgeräten vorgeschrieben, dann ging der ÖSG in immer mehr Details der intramuralen (also stationären) Versorgung, um in den letzten Jahren immer stärker auch den extramuralen (ambulanten) Bereich zu planen.

Der ÖSG umfasst neben dem stationären Bereich (landesgesundheitsfondsfinanzierte Spitäler, Unfallkrankenhäuser und Sanatorien) auch den ambulanten Bereich (niedergelassene Ärztinnen/Ärzte, selbstständige Ambulatorien), die Rehabilitation und die Übergänge zur Langzeitpflege. Dabei enthält er quantitative Planungsaussagen (z.B. Anzahl der Betten pro medizinische Fachrichtung, zeitliche Erreichbarkeit eines Spitals) und qualitative Angaben (z.B. personelle Ausstattung einer Abteilung, Mindestausstattung eines Spitals als Voraussetzung für bestimmte Eingriffe).

Im Medienauftritt des Ministeriums (https://www.gesundheit.gv.at/gesundheitssystem/gesundheitswesen/planung) liest man überhaupt nur vom ÖSG 2012, die Draftversion aus 2016 ist irgendwo verreckt, aber die von 2017 hat es in sich. Man gewinnt den Eindruck, dass das Gesundheitsministerium Zähne zeigen will. Leider entledigt er sich aber wieder primär der im System wirklich Arbeitenden:

Das ÖBIG nimmt für seinen ÖSG den Rang einer verbindliche Planungsgrundlage für die österreichische Gesundheitsversorgungs und die Qualität eines  objektivierten Sachverständigengutachten in Anspruch, obwohl u.a. Ärzte (die Ärztekammer) in dem Gesamtprozess gerade einmal die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt wird. 

Mit der beabsichtigten Beschlussfassung und Veröffentlichung im RIS bekommt das Ding de facto Verordnungsrang, obwohl es mehr das Resultat ökonomischer und gesundheitspolitischer Strippenzieherei der Länder ist, als ein auf medizinische Evidenz fußende Versorgungsplanung.

Der Versuch von der Fokusierung auf ein paar Großeräte und das Krankenbett hin zu einer Gesamtschau wäre zwar begrüssenswert,
nur ist das Zahlenmaterial für den extramuralen Bereich noch schlechter als in den Krankenanstalten und die daraus abgeleiteten Planungsvorgaben zum Teil haarsträubend.

Halten wir also fest, damit das „Gesundheitsministerium“ den Bundesländern und anderen Gesundheitsdienstleistungsanbietern vorschreiben kann, wie die Gesundheitsversorgung in Österreich aussehen soll, errichtete es auf Basis einer miserablen Datenqualität eine überkomplexes politisches Konstrukt, dass sich der Kritik immer mehr der internen Kritik der im System arbeitenden Experten entzieht aber trotzdem für sich den Rang eines objektivierten Sachverständigengutachten in Anspruch nimmt.
Das kann nicht einfach nur passiert sein, dahinter müssen sehr potente Interessen stecken …

 

PS: Diagramm aus dem RH

Written by medicus58

24. Mai 2017 at 17:41

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