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Bei uns redet man nicht über Geld und sowas, drüben schon

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19,200 Ärzte aus über 26 Spezialisierungen beantworteten Fragen zu Ihrem Einkommen, wie viele Stunden sie Arbeiten und wie viele Minuten sie davon mit ihren Ärzten verbringen. Der Medscape Physician Compensation Report 2016 brachte wieder ein paar interessante Details über Medizin in den USA zu Tage:

Über alle Fächer verdienen die Orthopäden das meiste und über das doppelte der Summe, die ein Kinderarzt verdient.

Einkommen

… und sagen’s nicht „klar“, die operieren halt und tragen mehr Riskio, Kardiologen, Dermatologen, Gastronenterologen und Radiologen folgen auf den Plätzen. Die ehemals gut verdienenden Gynäkologen und Geburtshelfer sind noch hinter den Lungenfachärzten.

Wie überall hat die Höhe des Einkommens nicht all zu viel mit dem persönlichen Gefühl der Angemessenheit zu tun:

Compensate

Ja, und ob es die Standesvertretungen, die noch immer vom „freien Arztberuf“ und den „Einzelkämpfern in der einsamen Landpraxis“ träumen, einsehen oder nicht, der Arzt ist überwiegend ein Angestellter.

Angestellte

… und warum ist das so? Ganz einfach, dadurch wird’s billiger:

 

Geld

Egal ob in der Basisversorgung oder als Facharzt tätig, als Angestellter verdient man weniger. Interessant aber,  dass angestellte PCPs (also Allgemeinmediziner im Vergleich zum Vorjahr finanziell aufholten (10%), im Vergleich zu den freiberuflich tätigen PCPs (8%) und sogar zu den Fachärzten (6%). Warum wohl? Ich vermute, dass eben immer mehr Tätigkeiten, die vormals vom Facharzt gemacht wurden, nun von angestellten Allgemeinmedizinern verrichtet werden …

hours

2/3 der US- Amerikanische Ärzte verbringen im Mittel zwischen 30 und 55 Arbeitsstunden pro Woche mit Ihren Patienten. Diese Kontakte dauern (nach eigenen Angaben) offenkundig länger als bei uns!

ninute

Bürokratie ist aber auch „drüben“ ein zunehemndes Problem. 2014 haben 35% der angestellten und 26% der freiberuflichen Ärzte mindestens 10 Stunden pro Woche mit Administration verbracht, während heuer bereits über die Hälfte aller Ärzte so viel Zeit mit Papierkram zu erledigen hatten:

paper

 

Trotzdem scheint die Realtion zwischen Arbeit am Patienten und Bürokratie für uns hier paradiesisch. Gerade für die angestellten Ärzte muss aber bedacht werden, dass in den US-amerikanischen Spitälern schon seit Jahrzehnten die Pflege (aber natürlich gemeinsam mit einer ganzen Armada an Hilfsdiensten) Tätigkeiten übernommen hat, die hier noch immer Ärzte erledigen müssen.

Auch ganz interessant, dass etwa zwei Drittel aller Ärzte, allen voran die Allgemeinmediziner, am Beginn ihrer Laufbahn sich erneut für den Arztberuf entscheiden würden:

again

Aktuelle Zahlen für die Berufszufriedenheit österreichischer Ärzte zu finden ist mir nicht gelungen, der Tenor in meinem Umfeld ist aber katastrophal.

Ja, un dass die bei uns frisch gebackenen Jungärzte scharenweise das Land verlassen, das kann man auch in der Süddeutschen lesen: http://www.sueddeutsche.de/karriere/medizinstudium-gekommen-um-wieder-zu-gehen-1.2940743

Link: http://www.medscape.com/ (kostenlose Registrierung erforderlich)

Written by medicus58

25. Juni 2016 at 13:56

Wie globalisiert ist die Medizin? Ärztliche Ethik diesseits und jenseits des Teichs

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Welt

In Zeiten (west-)weltumspannender Konsensuspapiere und Impact-gerankter Journalweisheiten, könnte man doch glauben, dass diesseits (Europa) und jenseits (USA) des großen Wassers die Medizin in vergleichbaren Bahnen läuft.

Natürlich nicht, winkt der abgebrühte Beobachter lässig ab, jeder weiß spätestens seit „Obamacare“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Patient_Protection_and_Affordable_Care_Act), dass der Zugang zur Medizin massiv durch die ökonomischen Bedingungen des Versicherungsstatus beeinflusst wird.

Aber geh, gähnt der Fachmann, der an oft unterschiedliche Dosierungsempfehlungen und Indikationslisten im Beipacktext vieler Medikamente denkt, aber darum soll es nicht gehen.

 

Auf www.Medscape.Org, einem 1995 gegründeter Web-basierter Informationsdienst für Ärzte veröffentlichten Leslie Kane, MA (DirectorMedscape Business of Medicine) und Shelly Reese (Freelancewriter, Cincinnati, Ohio) einen Ethics-Report 2014, in dem die Antworten von 21,000 US amerikanischen und 4000 europäischen Ärzten aus über 25 Sonderfächern zu verschiedenen medizinischen Fragen gegenübergestellt werden.

Große Unterschiede fanden sich z.B. hinsichtlich des Grundkonflikts jeder ärztlichen Tätigkeit. Die Frage, ob man die möglichen Risiken einer Therapie in der Patientenaufklärung eher hinunterspielen  würde, wenn man davon überzeugt ist, dass diese zum Wohle des Patienten wäre, wurde von fast dreimal mehr europäischen Ärzten bejaht als in den US
(USA: 10% Ja, 76% Nein, 14% kommt drauf anv.s. Europa  28% Ja,  49% Nein, 23% kommt drauf an).
55% der europäischen Ärzte würden auch gegen den Willen der Angehörigen einen Patienten behandeln, wenn sie eine Heilungschancesehen, während das nur für 22% der US-Ärzte in Frage kam.
Auch sind fast doppelt so viele Europäer bereit einen Verdacht auf häusliche Gewalt für sich zu behalten.
Man könnte das auf den ersten Blick mit der größeren Angst vor juridischen Folgen der US-amerikanischen Kollegen erklären, wogegen vielleicht spricht, dass nur 14% der US-amerikanischen Ärzte v.s. 25% der Europäer meinen, dass lebenserhaltende Maßnahmen zu früh beendet werden. AlsHauptgrundwirdhieraber der Kostendruckangegeben („Individual morality is one thing,“ noted a UK physician. „Running a businessisanother.“)

Zur Frage der(passiven, physician-assisted) Sterbehilfe sind die Unterschiede eher marginal.
(USA: 54% Ja, 31%, 15% Nein, 15% kommt drauf anv.s. Europa 41%  Ja, 41% Nein, 18% kommt drauf an)
Dzt. ist sie in 5 US-Bundesstaaten und einigen europäischen Staaten erlaubt

Die Fehlerkultur ist wiederum deutlich unterschiedlich ausgeprägt. Doppelt so viele Europäer würden Fehler, die zu keinem Patientenschaden führten (nearmisses aus der Fliegersprache), unter das Leintuch kehren
(USA: 19% Ja, 60% Nein, 22% kommt drauf anv.s. Europa 37% Ja, 38% Nein, 25% kommt drauf an)

Auch in der Direktheit der Aufklärung über schwere Diagnosen bleiben die US Ärzte deutlich eher bei der Wahrheit, als die Europäer, wobei der Anteil der im Einzelfall Abwägenden bei folgender Frage sehr hoch ist.
Würden Sie eine tödliche Diagnose (terminal diagnosis) verschweigen, wenn Sie dadurch den Lebensmut (bolster a patient’sattitude) heben könnten?
(USA: 21% Ja, 3% Nein,76% kommt drauf anv.s. Europa 46% Ja, 10% Nein, 45% kommt drauf an)

Auch bezüglich schwarzer Schafe innerhalb der eigenen Gruppe sind europäische Ärzte eher bereit zu schweigen. Auf die Frage, ob Sie drogen-, alkoholabhängige oder kranke Ärzte anzeigen würden, war das Schweigen in Europa stärker ausgeprägt.

(USA: 77% Ja, 4% Nein, 20% kommt drauf anv.s. Europa 45% Ja, 20% Nein, 35% kommt drauf an)

Vielleicht statistisch nicht signifikant, aber überrascht hat mich, dass Europäer eher zu Leistungseinschränkungen am Patienten bereit sind, wenn das Budget aufgebraucht ist.

If your healthcare group will be penalized for exceeding its care budget, would you avoid or deny treating some patients?
(USA: 8% Ja, 74% Nein, 19% kommt drauf anv.s. Europa 13% Ja, 61% Nein, 26% kommt drauf an)

Der Sampling Error (am 95%-CI) betrug generell +/- 0,72 für die US Ärzte und +/- 1,55 % für die Europäer. Unter den 21.531 befragten Ärzten kamen 1% aus Österreich, nur 7% aus Deutschland, aber 17% aus UK! Auch das Geschlechterverhältnis (37% weiblich 63% männlich) mag die nationalen Verhältnisse nicht überall gleich gut repräsentieren.

 

 

 

 

Written by medicus58

9. Februar 2015 at 07:26

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