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Nimm Dein Bett und geh, Omi

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Für die, die Kaiser Health nicht kennen, dabei handelt es sich um eine Mischform aus einer gewinnorientierten und Non-Profit-Organisation die in den USA die Krankenversicherung von über 12 Millionen Patienten organisiert. In der Regel handelt es sich um ein managed care System, wo angeordnete Maßnahmen in der Diagnostik und Versorgung den ökonomischen Erfolg des betreuenden Arztes schmälern. Positiv kann man es auch so sehen, je gesünder ein Patient ist, desto mehr verdient sein Arzt daran.

Und nun schauen wir uns die Aussage des oben gezeigten Tweets dieser Organisation an. Hier wird als Beweis, dass zu viele Patienten (zu höheren Kosten) hospitalisiert und geschädigt werden, angeführt, dass die bösen Spitäler 83% der über 65-Jährigen, die 2 Wochen vor der Aufnahme laufen konnten und weder dement oder delirant waren im Bett landeten.

Nett, nicht?

Sollen wir nun daraus schließen, dass die Oma, nur weil sie vor ihrer Grippe noch laufen konnte, mit 39 Grad nun heim gehen soll? IMHO ein netter Beitrag zu unserer Rubrik Psychopathologie des Gesundheitssystems.

Written by medicus58

19. Oktober 2019 at 15:24

Das Rundum-Sorglos Paket der Gesundheitsversorgung

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Wer vergeblich nach einem Arzt in freier Praxis sucht, das gut versteckte PVZ nicht findet und deshalb stundenlang in einer Notambulanz vergammelt, übersieht in seinem Ärger oft, dass es sich hier nicht nur um ein hausgemachtes Problem handelt.

Auch werden die meisten unserer Pflichtversicherten noch wenig Gedanken darauf verschwendet haben, was man unter managed care in der Krankenversicherung versteht.

Ein Blick in die New York Times (5 Artikel/Monat sind gratis) hilft jedoch weiter und erlaubt auch einen beängstigenden Blick in die Zukunft des Gesundheitssystems.

Erstens findet sich selbst im US Gesundheitssystems mit traditionell sehr hohen Arzthonoraren niemand mehr, der dem Klischee des Hausärzte (kennt sich mit allem gut genug aus, um eine Ersttriage zu ermöglichen) entsprechen will oder kann.

Zweitens konkurrenzieren immer mehr private Anbieter die traditionellen Med-Unis in der Ärzte-Produktion.

Zugegeben, bei uns sind es neben den privaten SFU und Red Bull Unis eher die Landeshauptleute die sich im Glanz von Med-Unis sonnen wollen, und in den USA spielen auch die horrenden Studiengebühren und Haftpflichtversicherungen eine wesentliche Rolle, die viele Ärzte bis an ihr Berufsende zur Gewinnmaximierung zwingen, um wieder aus den Schulden ihres Studiums raus zu kommen.

Was uns aber zu denken geben sollte sind zwei vergleichbare Punkte:

Während wir über immer mehr und höhere Studiengebühren diskutieren und das Umschiffen der Aufnahmetests der staatlichen Med-Unis nun schon bei uns fast so viel kostet wie das Studium an renommierten US-Unis, beginnt man im Mutterland des egozentrischen Kapitalismus neben dem gut ausgebauten Stipendiensystem über die kommunale Übernahme von Studiengebühren zu diskutierten.

Daneben scheint aber eine andere Entwicklung die Position des Arztes als Mittler zwischen Patient und Gesundheitssystems zu verändern (Stichwort Freier Beruf):

In den USA, aber auch in anderen Ländern wie z.B. der Schweiz und den Niederlanden entwickeln sich sogenannte Managed Care Modelle der Gesundheitsversorgung, bei denen die Behandlung vom Versicherer nur innerhalb seiner eigenen Versorgungsstrukturen garantiert wird. Ein der größten derartigen Versicherer ist die kalifornische Kaiser Permanente, eine non-profit Organisation die noch immer über mehr als eine halbe Milliarde $ Spielgeld für Investitionen am Kapitalmarkt verfügt.

Das erfolgreiche Geschäftsmodell besteht auch darin, dass Patienten einerseits möglichst lange auf einer kostengünstigen ambulanten Versorgung gehalten werden (was prinzipiell eh OK wäre) aber andererseits auch einen Verzicht auf gerichtliche Klärung von Behandlungsfehlern unterschreiben müssen (was in der Vergangenheit auch schon dazu geführt hat, dass Verfahren bis zum Tode des Versicherten verzögert wurden, weil das der Versicherung billiger kam).

Eben diese Kaiser Permanente hat nun laut NYT angekündigt, die Kosten der Ärzte-Ausbildung zu übernehmen, wenn die frisch gebackenen Doc dann innerhalb ihres Versorgungssystems bleiben.

Ja, auch unsere Landeskaiser wollen für das Studium zahlen, wenn die Absolventen dann im (Bundes-) Land bleiben, aber bei dem US-amerikanischen Weg bildet ein Konzern mit ökonomischen Interessen seine Ärzte selbst aus.

Also irgendwieso, wenn Bayer-Monsanto die Bauern unter Vertrag nimmt, wenn sie ihren gentechnologisch veränderten Samen sähen, aber hoppla, das gibt es eh schon längst.

Link: https://www.nytimes.com/2019/02/19/health/kaiser-medical-school-free-.html#click=https://t.co/T2Ve1DBAF2

PS: hatte mal das Vergnügen einen der Verantwortungsträger von Kaiser persönlich kennen zu lernen, und manches dort ist durchaus überlegenswert: die zahlen zB ihren Fachärzten auch Geld, wenn die den Allgemeinmedizinern telefonischen Rat geben, weil das billiger kommt, als den Patienten herum zu schicken.

Written by medicus58

24. Februar 2019 at 15:14

Alter Wein in Englischen Schläuchen: AGB der Gesundheitsreform müssen her

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Vila Nogueira de Azeitao
Liest man die aktuelle Österreichishe Ärztezeitung (http://www.aerztezeitung.at/archiv/oeaez-2013/oeaez-9-10052013/tag-der-allgemeinmedizin-hausarzt-primary-health-care.html; das präsidiale Vorwort ist leider nicht online), dann gewinnt man den Eindruck, dass es der Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) durch ihren vorjährigen Kampf gegen ELGA, die Gesundheitsreform, gegen die Beschneidung ihres bisherigen Verhandlungsmandates, … und was-weiss-ich-noch-alles gelungen ist, ihr langjähriges Kernthema durchzusetzen:

Mehr Praktiker!

Nur wird der „praktische Arzt“ praktischerweise bald „Facharzt für Allgemeinmedizin“ heißen, damit das weniger nach Hilfsarbeiter und mehr nach Facharbeiter klingt.

Das alte „Hausarztsystem“ wird nun, 35 Jahre nachdem die WHO das so definierte plötzlich zu „PHC“ (Primary Health Care)

Essential health care; based on practical, scientifically sound, and socially acceptable method and technology; universally accessible to all in the community through their full participation; at an affordable cost; and geared toward self-reliance and self-determination (WHO & UNICEF, 1978)

Früher sagten wir halt nach den Regeln der ärztlichen Kunst, weil es ja Ärzten ohnehin stets verboten war etwas zu tun, wovon sich das Fach einig war, dass es schadet.

Primum nihil nocerehttp://de.wikipedia.org/wiki/Primum_non_nocere

Nun heißt das EBM (Evidence Based Medicine), damit für nichts mehr bezahlt werden muss, für dass nicht eine wissenschaftliche Studie vorgelegt werden kann, die sich aber ohnehin nur mehr die finanzstärksten Player in diesem System leisten können: (Wenn Sie nun an die Neonicotinoid Studie zum Bienensterben denken, die von einer ehemals staatlichen, nun ausgelagerten Einrichtung (AGES) durchgeführt wurde und von den Pestizidherstellern finanziert wurde, …
dann haben Sie verstanden was ich meine)

Auch das Konzept des „Point-of-Best-Care“, also der durchaus sinnvolle Wunsch den Patienten dort „zu halten“, wo er am kostengünstigsten gesund wird, hat den Wählern schon viele Gesundheitsreformen, der Politik viele Wähler und so manchem Akademiker einen gut dotierten Studienauftrag beschert, scheiterte aber im Alltag an der Zugänglichkeit zu den definierten Punkten. Ist die Ordination zu, oder der nächste Termin in 2 Monaten, dann geht man dorthin wo die Türe offen ist, also je nach persönlicher Barschaft in die Spitalsambulanz oder „privat“ zum Arzt.

Selbst das, in der öffentlichen Diskussion noch gar nicht realisierte, jedoch in der aktuellen Gesundheitsreform angestrebte „Managed Care System
(http://de.wikipedia.org/wiki/Managed_care), also die zeitlich eingeschränkte freie Arztwahl und das teilweise Verbot ohne Überweisung einen Facharzt oder Spitalsambulanz aufzusuchen, ist eigentlich nur „der alte Wein“ des Kranken- und Überweisungsscheins in stärker kontrollierter und verrechtlichter Form.
Dass gerade dieses Systems erst im Vorjahr in der Schweiz abgelehnt wurde, wissen Leser dieses Blogs (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=69729).

Was will ich mit all dem eigentlich sagen?

Nach einigen Jahren geht es einem unheimlich auf den Geist, wenn einem von immer neuen Expertengenerationen der alte Wein als Heuriger aufgetischt wird.
Das heißt nicht, dass nicht manche der Konzepte etwas für sich hätten, schließlich verfolgen wir sie unter anderem Namen schon seit Jahrzehnten, aber solange wir Etikettenschwindel betreiben und geringe Modifikationen mit englischen Kürzeln zu einer neuen Heilslehre hoch peppen, ohne anzusprechen, weshalb sie in ihrer ursprünglichen Bezeichnung nicht funktioniert haben, stellen sie sich mir nur als Einkommensquelle eloquenter Gesundheitsökonomen dar.
Aus Sicht eines Patienten, die ich für meine Person bisher weitgehend minimieren konnte, halte ich das alles für eine fiese Vernebelungstaktik. Kehren wir wieder zum Bild des Weines zurück , konnte der Etikettenschwindel mancher Winzer – nach dem großen Österr. Weinskandal der 80er Jahre (https://de.wikipedia.org/wiki/Glykolwein-Skandal) nur durch mehr Transparenz begegnen werden, mit anderen Worten mit einer transparenten Produktdeklaration. Kaufe ich heute ein Fläschchen, weiß ich genau WER, WANN, WAS hineingetan hat.
Wenn ich diesen Kauf beim Wirt tätige, dann ist der verpflichtet bereits an der Haustüre gut leserlich anzuschlagen, welche Leistungen und Preise mich drinnen erwarten. In der Edel-Gastronomie erfahre ich sogar den Stammbaum meines Brathendls (http://de.wikipedia.org/wiki/Sulmtaler).

Das wünsche ich mir auch für die Gesundheitsreform;
für uns Ärzte aber auch für unsere Patienten:

Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Gesundheitssystems:

Angebotene und NICHT angebotenen Leistungen,
Einzelpreise (rectale Untersuchung 2,75 €; http://wp.me/p1kfuX-jY)
Welcher Grad an Managed Care wird vereinbart?
Welcher Grad an Solidarität wird vereinbart: Wie oft kann Ihr Arzt noch ein EKG abrechnen, darf Ihr Spital im letzten Quartal noch eine Hüfte oder einen Schrittmacher einbauen?
Haben Sie das Recht ein Medikament weiter zu erhalten, wenn sich die Versicherungen mitr dem Hersteller nicht über einen Preis einigen können.
Was ist in dem Spital noch drinnen, wenn es „Reduzierte Organisationsformen“ enthält?
Bekommt die Chirurgie, die Ihr Rektumkarzinom entfernen darf, auch für die Entfernung der Lebermetastase eine Refundierung oder müssen Sie zum Zweiteingriff ins „Leberzentrum“?

All das, diese Speisekarte müsste verpflichten am Eingang der „Gesundheitsdienstleister“ und „-versicherer“ angeschlagen werden.
Natürlich werden die wenigsten das lesen, aber wenn wir schon den Propheten des „Gesundheitsmarktes“ folgen, dann sollten wir auch diese Grundvoraussetzungen eines fairen Marktes einfordern:
Gleiche Information für alle Marktteilnehmer!

Links:
Nun gibt die Politik die Potemkinschen Spitäler langsam zu, schiebt aber Verantwortung auf Ärzte: http://wp.me/p1kfuX-Br
Die Potemkinschen Spitäler: http://wp.me/p1kfuX-n8
Kann mir das irgendwer erklären: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=78930
Ärzteprotest: Why now? http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=82356
ELGA kommt endlich: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=78930
Ein paar Kratzer für den Hausarzt und Winter im Gasteinertal: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=74865
Pressestunde: Salon ELGA http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=47125

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