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Die lange Geschichte einer großen Panik

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In den USA verlangen immer mehr Frauen während ihrer Mammografie eine Abdeckung ihrer Schilddrüse, da sie sich vor einem strahleninduzierten Schilddrüsenkrebs fürchten. Aussagen wissenschaftlicher Organisationen, dass das

a) unnötig ist, weil die Schilddrüse kaum während der Mammografie außerhalb des Strahlenganges ist und daher „kaum Strahlung abbekommt“ und

b) diese Abdeckung die Positionierung in Einzelfällen so verschlechtern kann, dass es zu falschen Mammografiebefunden kommt

werden negiert.

Wie kam es dazu?

Am 27 Sept. 2010 brachte die „Dr. Oz Show“ im US amerikanischen TV einen Bericht über Schilddrüsenkrebs.

Völlig richtig wurde darauf hingewiesen, dass sich die Zahl der entdeckten Schilddrüsenkarzinome seit 1970 (vor allem bei Frauen) verdoppelt hat, was auf die bessere Diagnostik zurückzuführen ist.

Diese Beobachtung trifft auf alle gut entwickelten Gesundheitssysteme zu, wobei darauf hingewiesen werden muss, dass sich das Risiko an einem Schilddrüsenkrebs zu sterben in diesem Zeitraum REDUZIERT hat. Vielmehr wird heute diskutiert, dass man (ähnlich dem Prostatakarzinom) zu viele Karzinome („Haustierkrebs“) entdeckt, da die meisten ohnehin für den Träger zu keinen gesundheitlich nachteiligen Folgen geführt hätten.

Auf der Website der Sendung wurde auf die Strahlenempfindlichkeit der kindlichen Schilddrüse hingewiesen und dass es bei den „Bleischürzen“, die Patienten bei vielen Untersuchungen umgehängt werden, auch eine eigene Lasche gibt, um die Schilddrüse abzudecken.

Nach der Erstausstrahlung interessierte sich niemand für die Angelegenheit.

Nach der Wiederholung am 30. Dezember postete eine Dame, dass sie sich im Rahmen ihrer Mammografie nach diesem „Schilddrüsenschutz“ erkundigt hat und hören musste, dass die Assistentin ihr nicht sagen konnte, warum das nicht verwendet wird.

Dieses Posting verbreitete sich im WWW und kam am 22. März auch auf das Diskussionsforum der www.BreastCancer.org und etwas später auf das American Cancer Society’s cancer survivorship network discussion board.

Eine eigene Homepage wurde dem Thema gewidmet: http://www.snopes.com/medical/toxins/thyroidguard.asp und Frauen wurden aufgefordert, den „Schilddrüsen-Schutz“ einzufordern. Heute werden jedoch auch dort die entsprechenden gegenteiligen Statements angeführt.

Das Schwein war aber los und stolperte durch das globale Dorf:

In der Kinderabteilung des Sutter Amador Hospital, einem 52-Betten Spital  in Jackson, CA, begann man sich über die vielen „Schilddrüsenveränderungen“  im Personal zu wundern und glaubte den kausalen Zusammenhang darin gefunden zu haben, dass die Abteilung direkt über dem Röntgen lokalisiert ist. Die Abteilung wurde verlegt. Ein externer Medizinphysiker prüfte und fand keine Auffälligkeiten, so dass die Abteilung vermutlich bald wieder zurücksiedeln wird.

Was lernen wir daraus?

Wenn etwas einen Web 2.0 drive bekommt, dann vernebelt die Eigendynamik nicht nur die Kritikfähigkeit der Laien, sondern auch die der Profis, die es besser wissen müssten, d.h.

  • nicht Schlüsse aus wenigen Einzelfällen ziehen
  • nicht auf gesichertes Wissen vergessen:
    Schilddrüsenveränderungen sind häüfig
    Die Strahlenempfindlichkeit der kindlichen Schilddrüse für J-131 und therapeutische Bestrahlung (!!) z.B. im Zuge einer Lymphomtherapie hat nichts mit der niedriggradigen Exposition in der Nähe einer Röntgeneinrichtung zu tun
    für den Betrieb von Strahleneinrichtungen gelten strenge Grenzwerte, die behördlich überprüft werden
  • Kritikfähig gegenüber einer „Availibility Heuristik“ bleiben: d.h. heisst, Fehlschlüsse treten oft auf, weil man glaubt, dass ein Zusammenhang zwischen kürzlich erfahrenen Informationen (TV Sendung-Schilddrüsenkarzinom) eher vorliegt als zwischen länger zurückliegenden Informationen (Ausbildung) ..
  • Selbstreflexion, ob eine flächendeckende Paranoia, von allen angelogen zu werden, einem nicht mehr schadet, als auf die Aussagen von Menschen zu vertrauen, die sich mit einem Sachverhalt seit Jahrzehnten wissenschaftlich auseinandersetzen.

Brave New Web 2.0 World

 

Written by medicus58

9. Mai 2011 at 08:41

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