Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Posts Tagged ‘Kunst

Das Leiden der Kunst – eine Kategorie für sich

leave a comment »


Samstag besuchte ich erstmals in meinem Leben das (übrigens sehr sehenswerte) Museum der Porzellanmanufaktur im Wiener Augarten. Die Bilder zeigen zwei Ausstellungsstücke, die mir besonders gut gefallen haben.

Die Tänzerin „Schlagobers“ aus 1927, nach einem Entwurf von Mathilde Szendrö-Jaksch

Augarten small 2

und „Pauline“ eine monumentale Figur nach einem Entwurf von Gundi Dietz aus dem Jahr 2004, sind zwei Ausstellungsstücke, die mir persönlich besonders gefallen haben.
Augarten small 1

Gebloggt habe ich aber diesen Ausflug aus einem ganz anderen Grund: Ich finde es immer wieder bemerkenswert, mit welcher Abgehobenheit in der Kunstgeschichte die politischen Vorgänge in einer bestimmten Epoche gesehen werden. Das soll jetzt keine spezifische Kritik der Augartenmanufaktur sein. Viele große Kunstwerke verdanken ihre Entstehung den Opfern vieler Namenlosen, denken wir nur an die ägyptischen Pyramiden oder an die Kathedralen des Mittelalters. Auch heute vergessen wir beim Anblick viele grandioser Bauwerke auf diejenigen, die sie erbaut haben und deren minderbezahlte Arbeitsleistung oder deren überproportionale Besteuerung zu ihrer Verwirklichung beigetragen haben.

Daran musste ich denken, als ich auf der Tafel „Augarten zwischen 1938 und 1945“ las:

Für die Wiener Porzellanmanufaktur bedeuteten die Ereignisse vor und während des Zweiten Weltkriegs eine massive Einschränkung und neue Direktiven im Bereich
der künstlerischen Produktion.

um wieder versöhnlich zu schliessen

1939 übernahm Dr. Emil Friedl die Leitung des Betriebs und die Stadt Wien erwarb die Aktienmajorität. Direktor Friedl und seine Mitarbeiter schützten in all jenen Jahren einen kommunistischen Brennmeister vor der Verhaftung durch die Nationalsozialisten. Als Anerkennung für seine Rettung vermittelte dieser nach Kriegsende zwischen der Manufaktur und den russischen Besatzern …

Dadurch konnte sich die Manufaktur ausreichende Kohlemengen für die Heizung der Brennöfen sichern.

Oral Sex mit Conchita am Life Ball

with one comment


Conchita Kopie

 Lassen Sie mich vorausschicken, dass ich das „Produkt Conchita Wurst„, also das Styling, den Song, seine Interpretation und die TV Regie des dänischen Fernsehens sehr gut finde und die mir in den Medien entgegentretende „Person Neuwirth“ als sympathisch und intelligent finde.

Ich wollte eigentlich mir meinen Senf zu der hin und herumwogenden Wurstdebatte ersparen, weil ich wusste, dass auch ich (quot erat demonstarndum) mich nicht all dieser halblustigen Formulierungen enthalten werden können, die inzwischen grassieren, jedoch hätte ich gerne ein paar Antworten auf folgende Fragen:

Erstens, glaubt irgendwer, dass ein Statement, so gut es auch sein mag, in einem Forum, dass so wenig mit dem wirklichen, d.h. rein statistisch um so viel häufiger stattfindenden, Leben zu tun hat, wie der Eurovisionssongcontest oder der Life Ball, irgendeinen Einfluss auf die Bewußtseinsbildung zu tun hat?
Die philosophischen und beletristischen Bibliotheken sind seit Jahrhunderten ebenso prall gefüllt mit humanistischen Statements, wie die Klein- und Großkunstbühnen dieser Welt, ohne dass sich ein nachhaltiger Effekt eingestellt hat. Verstehen Sie mich richtig, natürlich hat sich unser Menschenbild, vielleicht auch auf Basis dieser Statements geändert, aber nicht sofort, nicht durch einen einzigen Auftritt und (dies geht in Richtung der Life Ball Veranstalter) durch Provokation.

Zweitens sollte die Diskussion darüber abgeschlossen sein, dass Menschen, gerade weil Sie sich in Teilbereichen anders verhalten, darstellen und sehen als die Mehrheit, Rechte zustehen weil sie Menschen sind. Menschenrechte verdienen nur ihren Namen, wenn sie allen Menschen aufgrund ihres Menschseins unabhängig von ihrem Verhalten gewährt werden. Dass diese Forderung in der gesellschaftlichen Praxis nicht gänzlich erfüllt wird, ist klar, aber mich beginnt zunehmend zu stören, dass sich ich eine extreme Verengung in dieser Diskussion empfinde. Wir fühlen uns alle unheimlich liberal, wenn wir Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender einfordern während die sozialen Minderheiten (Alleinerzieher, Arbeitslose, Alte, …) jenseits von Wahlreden kaum noch wahrgenommen werden.
Die Nicht-Schönen, Fetten, Glatzköpfigen und Spinner werden in den Medien (regelmäßig durch Herrn Hermes bei Stermann und Grissemann) vorgeführt wie dereinst die Jahrmarktfreaks und kein Mensch denkt an deren Rechte.

Drittens beschäftigt mich die Frage, weshalb sich (Stichwort Life Ball Plakat 2014) https://www.google.at/search?q=life+ball+plakat+2014&es_sm=93&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=vHB0U6uuL8G47AbN74DgDw&ved=0CFIQsAQ&biw=1465&bih=876 ) die Anti-Heteronormativen offenbar ausschließlich durch ihre Geschlechtsmerkmale und ihren Geschlechtsverkehr definieren. Ohne die Freuden, die man sich und einander zwischen zwei Bettlaken oder irgendenwo daneben bereiten kann, klein reden zu wollen, so scheint mir auch im Zeitalter pharmakologischer Unterstützung die Zeit, die jeder von uns mit Sexualakrobatik zu verbringen in der Lage ist, im Vergleich zu anderen Tätigkeiten, in denen wir unserer Persönlichkeit einbringen können, doch verschwindend klein.

Mir scheint, und schon bin ich am Schluss, dass wir es hier mit kollektivem Oralsex zu tun haben, der darin besteht uns in unserem gleichgeschalteten Leben noch etwas Nervenkitzel zu verschaffen, indem wir über den Sex der anderen reden. Solange sich darüber noch irgendein Erzkonservativer aufregt, fühlen wir uns in unserer Libertinität auch noch bestätigt. Wo sind die Zeiten, als österreichische Popmusik (Wolfgang Ambros) viel unspektakulärer, ohne Lasershow und Glitzer, ganz einfache Wahrheiten aussprach:

A jeda gheart zu ana Minderheit,
a jedn geht wos o
A jeder hot a Handicap,
an jeden geht’s a so

http://www.golyr.de/wolfgang-ambros/songtext-minderheit-104572.html 

Written by medicus58

15. Mai 2014 at 07:12

Wer L.O.V.E. sagt, sagt oft mehr

leave a comment »



In einer idealen Welt, käme man ohne Symbole oder Gesten aus; deren Bloßstellung oder zumindest Relativierung ist eine wesentlichste Leistung der Aufklärer.
Bei einem Streifzug zurs nächtliche Mailand staunte ich nicht schlecht, als ich vor der Börse den meterhohen „Stinkefinger“ des italienischen Küstler Maurizio Cattalan (http://de.wikipedia.org/wiki/Maurizio_Cattelan) erblickte.
„Der offizielle Name heißt L.O.V. E. und fürdiese steht die Skulptur – aber jeder kann zwischen den Zeilen lesen und so für sich mitnehmen, was er darin sieht“ kommentierte Maurizio Cattelan sein Werk.
Das für Mailand geschaffene Kunstwerk ist letztendlich in vielfältiger Weise zu interpretieren.

Einmal interpretierte der Künstler sein Werk als „Liebesakt„, dann wieder als Phantasie.
Das Akronym L.O.V.E. steht für
LIBERTÀ (Freiheit), ODIO (Hass), VENDETTA (Rache) ETERNITY (Ewigkeit)
2007 wurde die größte Börse Italiens von der London Stock Exchange Group plc gekauft (http://en.wikipedia.org/wiki/Borsa_Italiana), so dass sich die Geste vielleicht gegen die neuen Besitzer richtet?
Neben der offensichtlich zum Ausdruck gebrachten Mißachtung gegenüber der Finanzindustrie enthüllt ein näherer Blick, dass es sich nicht um einen klassischen Stinkefinger handelt, denn die übrigen Finger sind nicht abgebogen, sondern glatt entfernt. Denkt man sich diese wieder dazu, erkennt man sofort eine zum fachistischen Gruß erhobene Hand.Die Börse ist im Palazzo Mezzanotte (http://en.wikipedia.org/wiki/Palazzo_Mezzanotte) untergebracht, einemGebäude, das wie auch andere an der Piazza Affari ein Herzeigeprojekt der faschistischen Architektur der 30er Jahre war.
Das Werk istTeil eines Zyklus „Gegen Ideologien“ und passt somit hervorragend in die Rubrik „Renaissance der Aufklärung„.
Die Zeitungsartikel aus 2010 sprachen eigentlich alle davon, dass das gute Stück im Oktober 2010 wieder entfernt werden sollte. Ich darf Ihnen aber versichern, dass es im Novermber 2012 noch immer an seinem Ort steht und das gibt Hoffnung

Links:
http://www.designboom.com/weblog/cat/10/view/11639/maurizio-cattelans-middle-finger-displayed-in-milan.html

http://www.telegraph.co.uk/culture/art/art-news/8027903/Middle-finger-marble-sculpture-sparks-row-in-Milan.html
http://www.reuters.com/article/2010/09/27/us-art-cattelan-idUSTRE68Q4E720100927
http://www.bbc.co.uk/news/world-europe-11474311

http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704681904576317781140034982.html

Andere Werke Cattalans: http://milano.repubblica.it/cronaca/2010/05/28/foto/cattelan_l_arte_della_provocazione-4415681/1/

Georg Kreisler : Anarchist

leave a comment »



Georg Kreisler
ist ein Unberechenbarer und ein Unbeschreiblicher: großer Pianist, unerschöpflicher Komponist, Dichter, Wortspieler, Kabarettist, Satiriker, Nomade, Jahrhundertzeuge, Einzelgänger, Weltdurchschuer, Überlebender. Und vor allem ist er dies: Anarchist
sagt Peter Kümmerl, Zeit Online

Obwohl mich Kreislers schmerzender Intellekt, sein treffsicherer Witz, seine abgrundtiefe Unlustigkeit
seine überhebliche Größe, die sich gerade in der kleinen Form des Liedes am vollkommensten jeglicher Kritik entledigen konnte, seit vielen Jahren begleitete, findet er erst nach seinem Tode den Weg ins Herrgottswinkerl.
Nicht unpassend vielleicht.

Die ansonsten hier üblichen Links zu den Highlights seiner Werke entnehmen Sie am besten der Homage, die Frau Kainz zu Kreislers Tod zusammengestellt hat: http://christine2.meinblog.at/?blogId=47703 

Kreisler zählt zu den Menschen, die es sich und anderen alles andere als leicht machen, wobei der eigene Standpunkt bestimmt, worin man das größere Leid zu sehen glaubt. 
Ein Aussenseiter war er und behauptete es auch sein zu wollen. 
Nur läßt sich wahre Kritik immer nur von außen erheben.

Ein genialer Wortjongleur war er und konnte dadurch 
ansprechen und absprechen,
benennen und bekennen,
verwehren und sich wehren,
betroffen werden und treffen.

Ob er ein unglücklicher Mensch war, ich möchte nicht bezweifeln,
dass er auch andere unglücklich gemacht hat, davon bin ich überzeugt.

Der Künstler Georg Kreisler war bedeutend, was seine Tochter Sandra, zu der er ebenso wie zu seinem Sohn aus seiner dritten Ehe mit Topsy Küppers jeden Kontakt abgebrochen hat,  in unnachahmlicher Weise formulierte: http://www.wortfront.com/html/downloads/Diagonal-SK.pdf?PHPSESSID=d223583b54d5b807bbb6c4a58c86ce0b.

Wenn Kümmerl ihn als Anarchist bezeichnet, trifft er damit vermutlich den Punkt am besten. Für viele sind Anarchisten Terroristen, die sie fürchten und von denen sie annehmen, dass sie die bestehende Ordnung zerstören wollen. 
Wer einmal in der Sektion „Renaissance der Aufklärung“ dieses Blogs blättert, sollte jedoch vielleicht erkennen, dass es mehr um Ablehnung ungerechtfertigter staatlicher Unterdrückung und Stärkung persönlicher Kritikfähigkeit geht. In diesem Sinne war Georg Kreisler einer der konsequentesten Anarchisten, der sich je an ein Klavier gesetzt hat.

Wie er wirklich war, hätte vermutlich nicht einmal er völlig ironiefrei formulieren können. Soviel Selbstschutz braucht der Mensch, wenn er jede andere Deckung verlassen hat:

MARX WAR EIN FILOU,
KAISER FRANZ EIN SEIFENSIEDER,
STALIN IN BETRÜGER.
UND ICH FRAG MICH IMMER WIEDER:
WAS, OH WAS BIST DU?

Zum Abschluss und von beklemmender Aktualität: Fürchten wir das Beste
Nur der Euro der bleibt: http://www.youtube.com/watch?v=NIJ-I2gzxEA

Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Kreisler 
Seine HomePätsch: http://www.georgkreisler.de/
Interviews: http://www.youtube.com/watch?v=ECXsc8URljg 

WENN’S IHNEN NICHT GEFALLEN HAT, JETZT IST ES ZU SPÄT

http://www.youtube.com/watch?v=Wxa8uECn12s

Erinnerungen an den Künstler Georg Kreisler 2012
http://www.youtube.com/watch?v=zgOabSJho-8&

Written by medicus58

28. Juni 2012 at 16:00

Roland Extrem

leave a comment »


 

Es gibt Musiker und es gibt Textdichter und dann gibt es solche die beides können, sogenannte „Singer-Song-Writer“. Dann gibt es Menschen, die das beste aus einer Musikrichtung herausholen und solche, die verschiedene Musikrichtungen zu verschmelzen vermögen und uns glauben machen, dass das was getrennt schien, ohnehin immer zusammengehörte.

Und schließlich gibt es Künstler wie den Roland Neuwirth (http://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Neuwirth), die das alles verbinden können:

Wienerlied und Schrammelmusik,
Balkan und Tango,
Gypsy Jazz und Swing,
Chanson
und Blues,
Neue Musik und Protestsong,
Philosophie und Kabarett, …

und was weiß ich,
und immer ein Vollblutkünstler,
der bis in das letzte Barthaar authentisch ist.

Roland Josef Leopold Neuwirth und seine Extremschrammeln spielen eine wirklich gültige Musik, auf die Wien stolz sein kann, Weltmusik aus Wien, Prost.

Viel Vergnügen bei einer persönlichen Hitliste zensuriert durch die Zugänglichkeit auf You Tube:

Heimat (Waß da Teufel, 1989)
http://youtu.be/tnWCqx2zNeo

Jeder Ratz liebt sein Kanäu
http://www.youtube.com/watch?v=A2GS1a2rKvY

Lass alles lieg´n …/Stiagnsteign
http://youtu.be/Yo7MlS6MkZA

Jetzt oder nie
http://youtu.be/6z_u5wU45Yk

Hernals
http://www.youtube.com/watch?v=4-fHx8IXilQ

Moment, Der Christbaum Brennt
http://www.youtube.com/watch?v=sfcT3SfKgWY

Wen des net krank is! (Nr.9 Die Pathologische 1998)
http://www.youtube.com/watch?v=NwewpJstoRg

Dobrek * Biz * Abado * Neuwirth * Corrêa .-. ’s geht eh! http://www.youtube.com/watch?v=yB70li0DiNs

Als Einstiegsdroge empfehle ich Waß da Teufel (1989), leider auf
Youtube kaum dokumentiert

Homepage: http://www.extremschrammeln.com/
W24 Talk: http://www.w24.at/tv_detail.aspx?tid=169095

Written by medicus58

6. Mai 2012 at 13:58

Ein Fuß zuviel

leave a comment »



Wer hat noch nicht vom Geheimnis der drei Füsse auf Pieter Bruegel des Älteren Gemälde „Bauernhochzeit“ gehört?

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Bauernhochzeit

Anschauen kann man sich das ab sofort auch auf Google’s Art Project, auf dem man (nach Installation eines neuen Apps) u.a. auch durch die Hallen des
Wiener Kunsthistorischen Museums flanieren kann.

http://www.googleartproject.com/collection/kunsthistorisches-museum-vienna-museum-of-fine-arts/artwork/peasant-wedding-pieter-bruegel-the-elder/681766/

Faszinierend …. und niemand steht einem im Wege!

Nachtrag zum Puzzle K.

leave a comment »



Als Nachtrag zu meinen bisherigen (nach Eigendefinition: ungelenken) Versuchen, die gesellschaftspolitische Relevanz des „Falles Kampusch“ zu beschreiben
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=53054
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=53338
und um letztlich auch zu einer befriedigenden Kausalität zu gelangen, fiel mir, nein keine Erklärung, jedoch ein wunderbares Parallelbeispiel ein, das zeigt, was sich aus der Instrumentalisierung eines Falles durch verschiedenste gesellschaftspolitisch relevante Gruppen entwickelt.

Wie sooft, wenn die Mittel der Wissenschaft versagen, springt uns die Kunst zu Hilfe, 
in diesem Falle in der Person von Tom Wolfe (http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Wolfe), eines Multitalents zwischen Dichtung und Journalismus, zwischen Bildender Kunst und Kritik.

In seinem Roman (Bonfire of the Vanities), der eher schlecht als Fegefeuer der Eitelkeiten übersetzt wurde, führt er mit fast spieltheoretischem Ansatz vor, wie Politiker, Journalisten, Anwälte, Ehefrauen, Freunde, Priester, …etc.  sich der Aufklärung eines Verkehrsunfalles bedienen, um ihre persönlichen Kriege und Abrechnungen zu schlagen. Richtigen Spin bekommt die Sache aber auch dadurch, dass fast jeder der Beteiligten so seine kleinen Geheimnisse hat, von denen er durch umso stärkeres Engagement für oder gegen andere ablenken möchte.

Der Roman ist auch noch ein Viertel Jahhundert nach seinem Erscheinen gültig.Da es noch dazu um einen Spitzenbroker der Wall Street (Eigendefinition: Master of the Universe) geht, passt dessen Fall auch noch zwei, drei Bankenkrisen später wunderbar in die Jetztzeit.

Für Lesefaule ist auch die Verfilmung Brian de Palmas empfehlenswert, obwohl er als einer der größten finanziellen Flops des Neun Hollywoods gilt.
Der Inhalt, der sich an die wesentlichen Erzählstränge des Buches hält, steht auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Fegefeuer_der_Eitelkeiten_(Film)

Vermutlich wird es nie eine schlüssige Erklärung geben, wer aller und mit welcher Begründung „den Fall Kampusch“ am Lodern hält.

Florian Klenks jüngste Interpretation, dass es sich im Kern um eine Fehde zwischen „alten konservativen“ und „jungen progressiven“ Juristen handelt(http://www.falter.at/web/print/detail.php?id=1587), scheint mir als Erklärung für die Motivation vieler anderen Mitspieler nicht schlüssig, jedoch zeigt Tom Wolfe s Roman schlüssig, dass es gar keines einheitlichen Beweggrundes aller Parteien bedarf, um an einem Strang zu ziehen.

Am Ende ist es auch völlig gleichgültig, wer an diesem Strang baumelt.

http://www.youtube.com/watch?v=V5Jo847GRKE 
http://www.youtube.com/watch?v=2qkHjr0pB38

Sehenswert auch die Schlussszene mit Morgan Freeman über „Gerechtigkeit“ bzw. das Rechtssystem sowie den  „Anstand“ der uns allen verlorengegangen scheint….

http://www.youtube.com/watch?v=si55h9-MP_4

2.6.2011: Das vorige Jahrhundert

leave a comment »


Wie vermutlich die meisten Leser stamme auch ich aus dem vorigen Jahrhundert.

Trotzdem, oder vielleicht deshalb, weil es mir über Jahrzehnte eingebleut wurde, war das 20. Jahrhundert zum Synonym für die Moderne geworden. Der Versuch irgendwann danach den Begriff der Postmoderne einzuführen, fand ich immer etwas lächerlich.
In der Kunst war das 20. Jahrhundert für viele ein Synonym für Schockierendes und Abstossendes, und seine Ausstellung im Museum des 20. Jahrhunderts, gleich neben dem Südbahnhof, verursachte manchem Unbehagen.

Seit 2002 ist das 20er Haus geschlossen und seit Monaten ist der Bereich des Bahnhofs eine Riesenbaustelle, eigentlich eine G’stettn.

http://de.wikipedia.org/wiki/20er_Haus

Erst vor kurzem bemerkte ich, dass das alte Hinweisschild noch an der Kreuzung Gürtel/Arsenalstrasse hängt.

Was sagt es uns?
Das 20.Jahrhundert ist offenkundig vorbei und modern wirkt das kaum mehr.

DAS SCHILD IST INZWISCHEN ABMONTIERT WORDEN, WEIL DAS MUSEUM INZWISCHEN ALS MUSEUM DES 21. JAHRHUNDERTS ERÖFFNET WURDE (Stand Februar 2012)

Written by medicus58

24. Februar 2012 at 18:31

Buster Keaton

leave a comment »


Die Biographie des Great Stoneface bzw. des Mannes der niemals lachte läßt sich an vielen Stellen nachlesen.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Buster_Keaton , http://www.busterkeaton.com/

Viele haben Keaton nach seinen Stummfilmerfolgen aus den Augen verloren und stellen ihn nur als einen der vielen anderen Stummfilmstars dieser Zeit.

Wenigen wurde je klar, dass Keaton (ähnlich wie Chaplin) neben seiner Rolle als Schauspieler auch enormen Einfluß auf Handlung, Stil, und Gags seiner Filme genommen hat. Sein Problem (ähnlich wie das von Stan Laurel und Oliver Hardy) war aber, dass er sich im Gegensatz zu Chaplin nicht selbstständig machte und als sein eigener Produzent die völlige Kontrolle über seine Filme erlangte konnte. Er blieb im goldenen Käfig des großen Studiosystems und wurde somit von einem Tag auf den anderen arbeitslos, als „Talkies“ der große Hit wurden. 
Für den Mann, der es schaffte, selbst in der Stummfilmära die Rolle des „stoned Face“ also in gewisser Weise des „großer Schweigers“ zu kreieren, war dann kein Platz. Alkoholexzesse, Scheidung, folgten:

This Is Your Life, Buster Keaton 
http://www.youtube.com/watch?v=NF760ecXpBI 
http://www.youtube.com/watch?v=j9O_jIh_h2o 
http://www.youtube.com/watch?v=uMVdb9pNqNk 

Im Zuge anderer Recherchen gelangte ich an footage, die interessante Seiten des Künstlers erahnen lassen.

Buster discusses early filmmaking 
http://www.youtube.com/watch?v=qhRgDltPj5w

Buster discusses Louis B. Mayer
http://www.youtube.com/watch?v=BGFHmS0YGUY

Es gibt so viele Juwelen seiner Kunst, dass es schwer fällt irgendwelche auszuwählen:

Hier denkt man an die berühmte (viel später gedrehte) 
Kabinenszene der Marx Bros:
http://www.youtube.com/watch?v=PBIW_hKxILk  
http://www.youtube.com/watch?v=8ZvugebaT6Q

die Links für andere Clips finden sich auf:
http://www.youtube.com/view_play_list?p=F4B1136D675CC9F2

Mein persönlicher Favorit ist sein Langfilm: The Cameraman
Keaton spielt einen Kameramann, der von seinen Nachrichtenfilmchen leben muss. Hier kommt er ins Yankee Stadium, NY., nur um zu erfahren, dass das Spiel in St, Louis stattfindet. Um doch noch Filmmaterial zu bekommen, beginnt Keaton, der übrigens ein ganz exquisiter Athlet war, im leeren Stadion völlig allein die Illusion eines Baseballspiels zu kreieren.
Als ich die Szene das erstemal sah, kamen mir fast die Tränen – vor Traurigkeit und vor Vergnügen.Absurdes Theater in Reinkultur:
http://www.youtube.com/watch?v=bIZKNMF52Jo

Nur die ganz Großen erinnerten sich später noch an Keaton. 
Billy Wilder gab ihm in seinem Sunset Boulevard (letztendlich eine bittere Abrechnung mit der Hollywood-Industrie) einen kurzen Auftritt:

Bridge with the Waxworks 
http://www.youtube.com/watch?v=me5qlNjN1dg

Auch ein anderes Mitglied unseres Herrgottswinkerls und ein von Hollywood Verstossener spielte übrigens in diesem Film eine tragende Rolle: Erich von Stroheimhttp://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=39308
Seinen letzten Auftritt, kurz vor seinem Tode, hatte er in Richard Lesters Musicalverfilmung „A Funny Thing Happened on my Way to the Forum“ (Stephen Sondheim http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=34273 )

http://www.youtube.com/watch?v=QPds0-hZ1tM

Auch hier kommen einem die Tränen …

Written by medicus58

15. Februar 2012 at 11:33

Helmut Qualtinger

with 21 comments


Der Qualtinger und ich

Zu seinem 25. Todestag überstürzen sich plötzlich die Lobeshymnen auf einen der ehedem verhasstesten Kabaretisten Österreichs.
http://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Qualtinger 
http://othes.univie.ac.at/36/1/Diplomarbeit.pdf

Für die wenigen, die seinen (und Carl Merz) „Herrn Karl“ nicht kennen: http://www.youtube.com/watch?v=G0p29_cfdQw http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Herr_Karl

Aber da war so viel mehr, dass es mir schwer fällt, „meinen Lieblingstext“ zu nennen. Ich weiß nur: Als ich als Heranwachsender seine Bücher las, fand ich die „Sauerbruch Operette“ als nur mäßig originell. Als ich sie einmal vom Meister persönlich interpretiert sehen konnte (TV Übertragung aus Hamburg), war mir klar, welch ein genialer „Menschenimitator“ er wirklich war. Das scheint niemand hochgeladen haben, als Ersatz sein Tiroler Hüttenwirt:
http://www.youtube.com/watch?v=6oe46xScjjM

oder wie er HC Artmann interpretiert: http://www.youtube.com/watch?v=LbJQQAE-I50

Wenn da offenbar jeder entweder Qualtingers bester Freund oder „Schüler“ war (siehe Hellers TV Doku), kann auch ich nicht länger schweigen.

Auswendig konnte ich den Herrn Karl schon im Gymnasium, jedoch behauptet das auch jeder zweite, also folgende Anekdoten:

Begegnet bin ich Qualtinger persönlich im Cafe Engländer vor dem Pissoir. Wer das Lokal gegenüber des Simpl kennt, weiß, dass dessen Pissoir sehr schmal war, so dass ich ihm den Vortritt gelassen habe. Beide hätten wir keinen Platz gehabt. Er hat sich nicht bedankt, ich habe ihm nicht gesagt, wie sehr ich ihn verehre. Eine verpasste Chance.

Dass Qualtinger durch seinen Alkoholkonsum ein massives Leberproblem hatte, ist allgemein bekannt. In meiner Zeit als Internist erzählte mir einmal eine junge Diätassistentin (aus Kärnten, sei zu ihrer Entschuldigung erwähnt!), dass sie einen ihr unbekannten Herrn Qualtinger beraten musste. Auch die Notwendigkeit der Alkoholkarenz wurde sehr freundlich und einsichtig von ihm zur Kenntnis genommen. Ein angenehmer Patient eben. Später hat man ihr dann erklärt, wer der Herr eigentlich war. Wie wir wissen, hat Qualtinger die Diätratschläge nicht befolgt, noch eine verpasste Chance.

Wenn in der Wiki steht „Im Alter von 57 Jahren starb Qualtinger am 29. September 1986 in seiner Geburtsstadt Wien an seinem Leberleiden, welches sich vermutlich durch seinen Alkoholismus verstärkt hatte.“ ist das ziemlich nahe an der Wahrheit. Auslöser war, wie fast immer in diesen Fällen, eine massive Blutung seiner Speiseröhrenvarizen und ein Leberkoma.
Noch einmal kam ich Qualtinger sehr nahe, als er nämlich komatös auf der Intensivstation lag. Ein mächtiger Körper, ein wallender Bart, der sich auf seinem riesigen Bauch ausbreitete. Dann fiel das Leintuch rasch ab und unten ragten nur zwei dürre Beine hervor, die so gar nicht zu diesem mächtigen Beginn passten. Auch nun konnte ich ihm nicht mehr sagen, dass auch ich einer seiner Verehrer war. Die Kommunikationsmöglichkeiten im Koma sind gering. Wenige Tage später war er tot. Die vorletzte verpasste Chance.

Nun werde ich die letzte Chance wahrnehmen. Ich war nie Schüler oder Freund Qualtingers. Wir haben nie ein Wort gewechselt und ich bezweifle, dass er sich zu Lebzeiten an unsere wenigen persönlichen Begegnungen erinnert hätte, aber er ist für mich einer der bedeutendsten Gesamtkünstler unseres Landes.  

Der Qualtinger die Zweite

Als Dank an Frau Kainz für die „Wiederentdeckung“ der köstlichen Karikatur „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“
http://www.meinblog.at/dt/portal/content.php?regionId=0&topicId=4&language=dt&blogTyp=0&blogId=44688 
und alle, die den Bronner/Qualtinger Song „Der Arrivierziger“ nicht parat haben, riskiere ich den Ärger von PreiserRecords (falls es die noch gibt), den Bronner Erben oder was weiß ich, … und hab den Text abgetippt, den es offenbar im WWW wirklich nicht zum Nachlesen gibt.

Er passt nur so gut in die augenblickliche politische Diskussion in Österreich, dass das sein muss:

hoffentlich mit wenigen Tippfehlern 😉

Grüss Sie Gott, na sag’n’s wie geht es denn?
Lang schon hab’n wir uns nicht geseh’ n.
Sie frag’n wie’s mir geht, ich bitt’ Sie seh’ns des net,
es geht mir wunderbar, das ist ja klar.

Weil,
ein alter Schulfreund, der’s mir gut meint,
tut was für mich im Ministerium.
An olt’n Nazi hob ich einst beschützt,
der is jetzt groß geword’n und hat mir sehr genützt.

Auch in der Leitung, einer Zeitung,
hab ich an guten Freund, der hilft mir sehr.
Auch in einer Bank, kennt man mich jahrelang,
so mocht ma heutzutag Karrier’.

Natürlich bin ich gut, mit beiden Partei’n,
denn nur auf eine, ist heut’ kein Verlass.
Charakter ist ein Luxus,
darum bin ich einmal dies und einmal das.

Was soll ich mir Sorgen machen, was die Leute morgen machen,
ich leb heut’ und heut’ hab ich Konjunktur.
Manager wie ich sind heute, Gott sei Dank, gesuchte Leute
und ich g’hör zur ersten Garnitur.

Wichtig ist, dass man sich niemals exponiert,
nie a eig’ne Meinung hat.
Drum hab’ ich wenn manchmal ein Malleur passiert,
immer einen Schmonk, als Sündenbock parat
und der soll sich die Sorgen machen, aber ich geh’ niemals krachen,
denn mit mir kracht so mancher große Herr.

Wo sich heut’ Intrigen spinnen, hab’ ich meine Finger drinnen,
einmal kreuz und einmal quer, sicher ist sicher.
Immer nach dem Höchsten streben,
nur so bringt man’s weit im Leben,
nur so macht man heut Karrier’.

Wos,
Sie sag’n dass das gefährlich ist, wenn man so wie ich ganz ehrlich ist.
Ich hab’ zu offen g’red, na glaub’n S ich bin so blöd,
es kann mir nix geschehn, Sie wer’n gleich seh’n:

Weil
ein alter Schulfreund, der’s mir gut meint, den ruf ich an im Ministerium,
der kennt an Menschen bei der Polizei,
dem sogt er wos er tun soll und ich bin sorgenfrei.

Auch in der Leitung einer Zeitung hob ich an guten Freund der dementiert,
s’kost an Pappenstiel, doch wer mir Schaden will,
der sitzt da und ist blamiert.

Ich glaub’ an Österreich und sage es laut,
doch manchmal bin ich auch Kosmopolit.
Und wenn sich einer hie und da zu stänkern traut,
KURIERt man ihn rapid.

Was soll ich mir Sorgen machen,
ich kann gut geborgen machen, was ich will,
denn ich hab’ eben Konjunktur.

Leut’ wie ich wer’n Direktoren,  manchmal sogar Professoren,
und dann machen sie auch in Kultur.
Ob’s beim Film als sachlicher Berater ist,
unsereinem mocht das sehr viel Spass.
Oder ob es irgendein Theater ist,
wenn man’s gut bezahlt, dann mach ich halt auch das.

Die Sorgen soll’n sich and’re machen, ich werd’ immer freundlich lachen,
arbeiten wird bestenfalls mein Sekretär.
Ich sitz da und halt die Fäden, daran zappeln alle Blöden,
niemand setzt sich mir zur Wehr – weil’s kann Sinn hat.

Leut’ wie ich sind auserlesen, eine Maus in allen Käsen,
die mocht halt bei uns Karrier’.

Grüss sie Gott, lieber Freund.

 

Written by medicus58

15. Februar 2012 at 11:28

%d Bloggern gefällt das: