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Keine Laudatio aber noch vor dem Nachruf: Wolfgang Ambros

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Selbst seine größten Fans werden wohl zugeben, dass seine beste Zeit vorbei ist,
auch seinen letzten „runden Geburtstag„, es war der 65. am 19.März, ist hier unerwähnt verstrichen und
dass er im Februar erneut geheiratet hat habe ich ungenützt verstreichen lassen, ehe ich
Wolfgang Ambros nun endlich in mein Herrgottswinkerl stelle
.

Noch eine Laudatio über den „Godfather of Austropop“ zu schreiben, würde wohl kaum Neues zu Tage bringen und nicht nur den Leser langweilen.
Über den angesichts seiner komplexen Lebens- und Krankengeschichte schon Für’s Leben Gezeichneten

einen Nachruf zu schreiben wäre andererseits geschmacklos und könnte kaum toppen, was Ambros selbst dazu sagte:

Haben Sie Angst vor dem Ende?
Na! Überhaupt nicht. Wenn ich heute den Löffel abgeben müsste, könnte ich sagen: Ich hab g’macht, was ich können hab.

http://www.kleinezeitung.at/kultur/pop/5185871/Interview_Wolfgang-Ambros_Grandiose-Grantelei-zum-Geburtstag

Um nachvollziehbar zu machen, was die Texte des frühen Ambros in den 70er Jahren der Kreisky-Evolution (Copyright Andre Heller) bedeuteten,
müsste man an die brüchig aggressive Stimme erinnern, die 1972 die wärmende Poesie des Wiener Dialekts in der Kälte des Winters besungen hat und (mit den Worten seines Schulkameraden Prokopetz) am Höhepunkt der I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric Integrationsbemühungen den ausgegrenzten Innländer (Hofa) im Rinnsal fand.
Man müsste mit ihm 1975 Knochenmark abbraten und sich an die grauen Stadtlauer Gemeindebauten erinnern, in denen er 1977 eine Blume fand.

Trotz aller Erfolge war Ambros damals für viele in so hohem Maße unangepasst, ja fast als revolutionär, dass man in der Schule, in der ich in diesem Jahrzehnt maturierte, komplett verschwieg, dass das Lehrerkind Ambros dort wenige Jahre vorher raus geflogen war!

Vielleicht lässt der nachfolgender Ausschnitt aus der Jugendsendung Spotlight das kulturelle Umfeld erahnen das Ambros damals aufmischte, insbesondere wenn man sich auch noch vor Augen führt, dass damals der nunmehrige Präsentator der Brieflos-Show, Peter Rapp, ein Jugendidol war!

Während inzwischen nahezu alle Fäkalausdrücke burgtheaterreif geworden sind, sah man sich damals offenbar gezwungen beim (grausig asynchronen) Playback(!)-Vortrag des Hits Zwickt’s mi, das O-Wort in den Zeilen

Die Jugend hat kein Ideal, kan Sinn für wohre Werte.
Den jungen Leuten geht’s zu gut, sie kennen keine Härte!
So reden de, de nur in Orsch kräul’n,
Schmiergeld nehman, packeln tan,
noch an Skandal daun pensioniert wer’n, kurz: a echtes Vurbüld san.

seltsam verschluckt, aufzunehmen. Im Radio lief überhaupt eine Version, die an der entscheidenden Stelle durch das heute noch im US-TV übliche „Pieps“ „zensuriert“ wurde.

Schwieriger wird es den Ambros danach einzuordnen, da er sich – trotz anderer Ankündigung – nicht wie die Rebellen des Klub 27 aus der Karriere nahm und wir ihn mit all seinen Hochs und Tiefs weiter beobachten konnten.

Für mich symptomatisch ist das letzte seiner Alben, das ich noch erstanden habe, Äquator aus 1992.

Neben textlich und musikalischen Eigenartigkeiten wie im Titelsong:

Rund um den Äquator
scheint immer die Sonne.
Palmen wiegen sich im Wind,
es ist eine Wonne!
Die Menschen sind fröhlich,
bunt und lebendig
rund um den Äquator,
obwohl es ihnen dreckig geht
oft ganz elendig,
abgesehen natürlich vom Diktator.

fand sich auch Der Nipper ein hinreißend interpretiertes Minidrama eines Anbandelversuches zwischen Lebemann und Bardame mit der entlarvenden Schlusszeile:

I kann dir zwar net vü nutz’n,
aber I kann dir sehr vü schad’n! 
https://www.golyr.de/wolfgang-ambros/songtext-der-nipper-36383.html

und im Song Wos is, wann nix is?, die kürzesten und klarsten Zeilen, die je über ein mögliches Leben nach dem Tod geschrieben wurden:

Sie sog’n, wann man tot is,

fangt das Leb’n erst an,
aber wos is, wann nix is,
wann nix is, wos is dann?
https://www.golyr.de/wolfgang-ambros/songtext-wos-is-wann-nix-is-201952.html

Ambros zählt zu den Künstlern, die im Scheitern noch mehr sagen, als andere am Höhepunkt ihres Schaffens.

Unruhe in Frieden!

Wolfgang Ambros (Liedermacher) in „Vordergründig-Hintergründig“

 

Written by medicus58

22. April 2017 at 18:15

höret was erfahrung spricht: hier ists so wie anderswo – nichts genaues weiß man nicht – dieses aber ebenso

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Nie werde ich das Gefühl vergessen, als Otto Grünmandl (* 4. Mai 1924 † 2. März 2000) in „Ich heiße nicht Oblomov“ einen virtuellen Zuschauer mit der Pistole bedrohte, ihn aus dem Zuschauerraum komplementierte und dann im off ein Schuss knallte.
Damals vielleicht eine Banalität in Dutzenden Aufführungen experimenteller Theateraufführungen aber bislang, als österreichische  Kabarettisten noch Kabarett machten und nicht ihre Geschichten als Theater ausgaben, ungehört.

Kürzlich von Andreas Vitasek wiederentdeckt, war es für mich aber erschreckend, dass Grünmandl bis jetzt noch nicht Einzug ins hiesige Herrgottswinkerl fand.
Danach war ich mir ganz sicher ihm hier eine angemessene Ruhestätte bereitet zu haben, so wie er damals seinem Hansi:

Aber irgendwie scheine ich es dann doch nicht getan zu haben, was also letztlich genauso unverständlich ist, wie dass ich die letzten Weihnachten nicht zum Anlass genommen zu haben, dies zu tun:

 

Auch viele andere passende Gelegenheiten, den Erfinder der Felsenzackenschleifundzuspitzmaschine und des Ein-Mann-Stammtisches,
sowie den Chefermittler des alpenländischen Inspektoreninspektorates zu ehren, ließ ich ungenützt verstreichen,
so wie ich es auch verabsäumte, bei Dutzenden Gelegenheiten an diese archetypische Darstellung eines Lokalpolitikers zu erinnern:

Beinahe hätte ich es so gemacht, wie Grünmandls Interviewer Theo Peer, der hier wirklich
unglaubliche Dinge auspackte …

Nur liegt mir nichts fremder, als nun meine intimsten Erlebnisse mit Otto Grünmandl auszupacken, aber eines muss jetzt noch wirklich sein.
Wie Grünmandel im Rahmen einer Pharmapräsentation im Wiener Konferenzzentrum, bei der er, also Grünmandel, nicht Peer, den ich nie gesehen habe, einen wissenschaftliche Vortrag hielt, der ebenso erschreckend echt wirkte, wie die nachfolgende Radiosendung mit Gerhart Polt und Professor Sonnblum:

Also in diesem Vortrag lotete Grünmandl, wir schrieben die 80er Jahre, die sieben falschen Möglichkeiten ein und dasselbe Diapositiv an die Wand zu werfen ebenso aus, wie die mannigfachen Möglichkeiten der missbräuchlichen Verwendung statistische Teste – er war schließlich gelernter Techniker – und endete mit dem Klassiker jedes wissenschaftlichen Vortrags, eben dass das alles noch präliminär wäre und weitere Studien erforderlich wären

Ich sollte jetzt wirklich einmal  Grünmandel in mein Herrgottswinkerl stellen …

 

 

Written by medicus58

15. April 2017 at 14:07

Veröffentlicht in Herrgottswinkerl

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Roland Extrem

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Es gibt Musiker und es gibt Textdichter und dann gibt es solche die beides können, sogenannte „Singer-Song-Writer“. Dann gibt es Menschen, die das beste aus einer Musikrichtung herausholen und solche, die verschiedene Musikrichtungen zu verschmelzen vermögen und uns glauben machen, dass das was getrennt schien, ohnehin immer zusammengehörte.

Und schließlich gibt es Künstler wie den Roland Neuwirth (http://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Neuwirth), die das alles verbinden können:

Wienerlied und Schrammelmusik,
Balkan und Tango,
Gypsy Jazz und Swing,
Chanson
und Blues,
Neue Musik und Protestsong,
Philosophie und Kabarett, …

und was weiß ich,
und immer ein Vollblutkünstler,
der bis in das letzte Barthaar authentisch ist.

Roland Josef Leopold Neuwirth und seine Extremschrammeln spielen eine wirklich gültige Musik, auf die Wien stolz sein kann, Weltmusik aus Wien, Prost.

Viel Vergnügen bei einer persönlichen Hitliste zensuriert durch die Zugänglichkeit auf You Tube:

Heimat (Waß da Teufel, 1989)
http://youtu.be/tnWCqx2zNeo

Jeder Ratz liebt sein Kanäu
http://www.youtube.com/watch?v=A2GS1a2rKvY

Lass alles lieg´n …/Stiagnsteign
http://youtu.be/Yo7MlS6MkZA

Jetzt oder nie
http://youtu.be/6z_u5wU45Yk

Hernals
http://www.youtube.com/watch?v=4-fHx8IXilQ

Moment, Der Christbaum Brennt
http://www.youtube.com/watch?v=sfcT3SfKgWY

Wen des net krank is! (Nr.9 Die Pathologische 1998)
http://www.youtube.com/watch?v=NwewpJstoRg

Dobrek * Biz * Abado * Neuwirth * Corrêa .-. ’s geht eh! http://www.youtube.com/watch?v=yB70li0DiNs

Als Einstiegsdroge empfehle ich Waß da Teufel (1989), leider auf
Youtube kaum dokumentiert

Homepage: http://www.extremschrammeln.com/
W24 Talk: http://www.w24.at/tv_detail.aspx?tid=169095

Written by medicus58

6. Mai 2012 at 13:58

SATCHMO

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Kennengelernt habe ich ihn über die musikalischen Vorlieben meines Vater.
Relevant ist er nicht nur wegen der Eigenständigkeit seines Trompetenspiels und seiner unnachahmliche Stimme …

Ich beginne hier mein Herrgottswinkerl mit ihm, weil er für mich zeigte,
dass man sich trotz aller scheinbaren Anbiederung an den Mainstream eine Persönlichkeit bewahren und echte Qualität bieten kann…

Für viele der Uncle SAM mit den rollenden Augen, war Satchmo auch der, 
der seinen Jazz in die Lokale brachte, in die er selbst nur durch den Hintereingang gelangen konnte …
der am Höhepunkt seiner Popularität Präsident Eisenhower herausforderte, um Afroamerikanischen Kindern den Zutritt zu einer  gemischten Schule in Little Rock zu ermöglichen ..
http://www.jazz.com/music/2009/2/23/louis-armstrong-what-did-i-do-to-be-so-black-and-blue-1955
und der seinen Qualitätsanspruch dadurch rechtfertigte, dass er in jedem seiner Konzerte sein erster Zuhörer wäre.

On the Sunny Side of the Street:
http://www.youtube.com/watch?v=ECYuEEzRWdE

http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Armstrong
http://www.accessmylibrary.com/coms2/summary_0286-6734623_ITM

Written by medicus58

15. Februar 2012 at 10:17

Samuel Beckett

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Nach all dem täglichen Mist, ist es wieder an der Zeit den Herrgottswinkel aufzusuchen und die nächste Ikone zu plazieren.

Sam Beckett, ja der der auf Godot wartete …
http://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Beckett
aber auch der Widerstandskämpfer, der Alkoholiker, der Depresive, 
… der Dichter.

Wenn Wiki augenblicklich (21-06-2011, morgen kann dort was ganz anderes stehen), schreibt:

Heute wird Beckett – trotz gelegentlicher Ehrenrettungen – immer weniger gelesen, zumal seine erzählenden Werke als schwierig gelten, denn sie besitzen in der Regel keine erkennbare Handlung und vermitteln eine Atmosphäre von Sinnleere, Überdruss und Aussichtslosigkeit.

dann wird es wirklich höchste Zeit einen Menschen hier zu plazieren, der für mich Angelpunkt und Sprachrohr darstellt. 

Für mich waren die „Bilder“ die er geschaffen hat in ihrer Absurdheit immer der Ausdruck „reiner Fiktion“ und deshalb faszinierend. Auch wen aktuelle Biographien heute zum Teil erfolgreich versuchen, diese Bilder als gar nicht so abstrakt sondern vielmehr als aus der Biographie entstanden, zu identifizieren, ist Beckett für mich noch immer einer der ganz großen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.

Schwierig? 
Für wen der mitunter Vaudeville-artige Roman „Murphy“ (34-37) schwierig ist, dem bereitet wohl auch Chaplins Frühwerk Kopfzerbrechen und wen die Kargheit des Spätwerks schreckt, der hat nur Angst vor dem Wesentlichen.

Sinnleere, Überdruss und Aussichtslosigkeit?
Hallo, das ist das 21. Jahrhundert und vor 2600 Jahren hat das ein dicklicher, indischer Prinz schon gepredigt (http://de.wikipedia.org/wiki/Buddhismus ), also wie lange kann man den auf der Leitung stehen? 

Aber ernsthaft. Der konsequente Weg von sprudelnder Wortakrobatik im Geiste eines James Joyce zur absoluten Reduktion „auf das Wesentliche“ demaskierte dieses „Wesentliche“ als hohl und erbärmlich. 
Wie sehr dies bewußt geschah, zeigen Aussagen wie Beckets Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, was er denn mit „Warten auf Godot“ sagen hätte wollen:

Gäbe es eine andere Form das Auszudrücken, hätte ich sie ja gewählt und nicht dieses Stück geschrieben.

Wenn man die Dokumentation seiner Regiearbeit an „Godot“ in Deutschland sieht (München? wann?), ging es ihm überhaupt mehr um die Melodie der Sprache als um deren vorgeblichen Inhalt, den zu mißtrauen er offenbar gelernt hat.

„Godot“ ist überhaupt so eine Wasserscheide;
die noch durch Slapstick aufgelockertem aber bereits auf höchste Kargheit reduzierten Szenen mit den Landstreichern gemahnen an das Spätwerk, während die Wortkaskaden im Monolog des „Lucky“ noch die Sprachfülle und- beherrschung des Intellektuellen und Sprachlehrers erkennen lassen, der „Murphy“ geschrieben hat.

Für mich ist Beckett der Prototyp des Künstlers, der sich zwar aller Facetten seiner Kunst mühelos bedienen kann, jedoch genau dadurch zunehmend auf diese Tricks verzichtet, um zu immer höherer Verdichtung zu kommen.

Dadurch erinnert er an Shakespeare/Prospero, der am Ende des „Sturms“ seinen Fähigkeiten abschwört und sich bis zu seinem Lebensende als „einfacher Mensch“ (nach Strattford) zurückzieht. Ich denke, dass diese Sehnsucht für viele, „nicht so einfachen Menschen“ nachvollziehbar sein sollte.

Für wen das inhaltslos ist, der ist eben irgendwo am Wege ausgestiegen und ist nie bis zu diesen Problemen vorgedrungen.

Wie hat einmal ein Kritiker über Godot’s Stücke gesagt:
Sie sind wie Idioten, man kann sie mit Cremetorten bewerfen oder mit Kanonen beschiessen, sie gehen ihren Weg.“

Wollen wir es hoffen, dass das auch für Beckets Gesamtwerk Geltung hat; dass seinen Fragen nicht mehr aktuell wären, das kann doch wirklich nicht sein, und dass jemand bessere Antworten darauf gefunden hätte, wäre mir auch entgangen. 

Mehr zum Herrgottswinkel: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=33565

Written by medicus58

21. Juni 2011 at 08:40

Veröffentlicht in Herrgottswinkerl

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