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Das Lachen am Weltenrand über Fukushima in fünf Bänden über den ersten offiziellen Toten

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Gerade beschäftigen sich die Kulturnachrichten ausführlich mit dem ersten großen Roman des Wiener Schriftstellers Philipp Weiss:
Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen
Nach eigener Aussage war der Auslöser für seine Beschäftigung mit der zentralen gestaltenden Kraft des Menschen zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert, die Nuklearkatastrophe von Fukushima aus dem Jahre 2011.
Ich habe die rund 1000 Seiten der fünf Bände nicht gelesen und werde das vermutlich auch nicht tun, jedoch juckt es mich zu all den anderen hier schon erschienen Beiträgen noch einen aktuellen Nachschlag abzuliefern,
der wohl weniger literarische als sehr praktische und jedenfalls erschreckende Einblicke erlaubt und
wenn Sie wollen können Sie vom Weltenrand darüber lachen..

Am 5. September 2018 verbreitete die Nachrichtenagentur Reuters: Japan acknowledges first radiation death among Fukushima workers 
Konkret hat gerade das japanische Ministerium für Arbeits-, Gesundheits- und Sozialministerium beschlossen der Familie eines ehemaligen AKW Mitarbeiters eine Kompensation zu zahlen, der inzwischen an seinem im Februar 2016 diagnostizierten Lungenkarzinom verstorben ist. Die Lebenszeitdosis, die er bei seiner Arbeit in Fukushima und anderen AKWs erhalten hat wird mit 195 mSv angegeben.
Um für die Größenordnung einen Begriff zu geben: Das entspricht etwas der Lebenszeitdosis eines alten Waldviertlers durch die natürliche Strahlung  in seiner Heimat bzw. in der Annahme einer linearen Beziehung zwischen Exposition und Krebsrisko (100 mSv = 0,5% zusätzliches Krebsrisiko) einem Zuwachs des etwa 20%-igen Krebsrisikos der japanischen Allgemeinbevölkerung auf ca. 11%.

Jedenfalls wurde die behördlich in Japan festgesetzte Expositionsgrenze für beruflich strahlenexponierte Personen im Rahmen einer „radiologischen Notfallsituation“ in seinem Fall nicht überschritten.
Egal, er ist verstorben und seine Angehörigen bekommen eine finanzielle Entschädigung, zwar nicht vom Betreiber des AKW Fukushima Daiichi sondern offenbar vom japanischen Staat, aber davon später.

Aktuell verlangten laut einem von der NYT zitierten Bericht der japanischen Zeitung Asahi Shimbun 17 ehemalige Arbeiter des AKWs eine Kompensation.
5 Fälle wurden zurückgewiesen und 2 haben ihren Antrag zurückgezogen.
In insgesamt in vier Fällen wurde ein Zusammenhang zwischen den Arbeitsplatzbedingungen in dem 2011 havarierten AKW und der malignen Erkrankung (zumindest in 3 Fällen Leukämie) anerkannt, ein direkter Zusammenhang mit der Strahlenexposition jedoch offen gelassen.
2017 übersetzte das die BBC so:
„While the causal link between his exposure to radiation and his illness is unclear, we certified him from the standpoint of worker compensation. „

Der Artikel der Nachrichtenagentur Reuters schloss dann mit der Erwähnung der über 160.000 Personen, die nach dem AKW Unfall evakuiert wurden und den daraus folgenden, vor allem psychischen Traumata, die bislang nicht von der Regierung als „Strahlenfolgen“ aber in einigen Fällen vor Gericht als entschädigungspflichtig anerkannt wurden (2017: TEPCO ordered to pay evacuees of Fukushima nuclear disaster). Schätzungen sprechen allein von über 2.000 Menschen, die an den Folgen der Evakuierungsmaßnahmen nach der Naturkatastrophe (unabhängig vom AKW Unfall) durch Stress, Infektionserkrankungen und eingeschränkte Versorgung verursacht wurden. Selbstverständlich sind die beiden Größen vernünftigerweise nicht in Relation zu setzen, jedoch müssen sie mitbedacht werden, zumal vergleichbare Entschädigungen für diese Gruppe in jedem Fall ein Vielfaches der Summe ausmachen würden, die an Krebs erkrankte AKW Mitarbeiter bezahlt werden.

Die New York Times übernahm am selben Tag das Thema des „anerkannten Krebstoten“ und ergänzte, dass der betreffende Mann seit über 28 Jahren, also schon vor dem Unfall, in Fukushima Daiichi gearbeitet hat. Bereits 2015 hat die japanische Regierung zusätzliche Gesundheitskosten eines Mannes übernommen, der zwischen 10/12 und 12/13 an den Aufräumungsarbeiten beteiligt war und an Leukämie erkrankt ist.

Der Unterschied zu dem rezenten Fall besteht aber darin, dass damals mit der Kompensation der Zusammenhang mit der Strahlenbelastung nicht ausdrücklich anerkannt wurde, das aber nun – wider besseres naturwissenschaftliches Wissen – ein Prejudiz geschaffen wurde.
Schon 2015 hat die NYT auf das prinzipielle Problem solcher Entscheidungen hingewiesen, weil ein Zusammenhang zwischen Strahlenexposition und Folgeerkrankungen immer nur auf Basis von Wahrscheinlichkeiten gezogen werden kann, aber in der Regel im Einzelfall nicht zwischen einem durch Strahlung oder durch andere (genetische, Verhaltens- oder Umweltfaktoren) differenziert werden kann. Es gibt zwar erste wissenschaftliche Erkenntnisse, dass sich die Genetik von strahleniduzierten Schilddrüsenkarzinomen nach Tschernobyl und spontanen papillären Schilddrüsenkarzinomen nicht nur im klinischen Verlauf sondern evtl. auch genetisch differenzieren lassen. Ganz abgesichert ist dies mW jedoch noch nicht.

Auch in dem dem Fall mit Leukämie eines AKW Arbeiters hatte dieser sogar eine geringere Strahlenexposition erhalten hat als andere, nicht erkrankte Mitarbeiter (15.7 millisieverts of radiation during his 14 months), was die Schwierigkeiten eines Kausalzusammenhanges in diesen Fällen deutlich macht.

In diese Kerbe schlug auch Dr. James Conca auf Forbes eine Tag später:
Why The Cancer Death Of A Fukushima Worker Was Likely Not Due To Fukushima 

Obwohl auch seine Argumentation Widerspruch hervorruft:

Lungenkrebs ist kein “typischer” Organkrebs für eine Exposition, die während des Unfalls auftraten
; was mE so nicht ganz haltbar ist, weil jede Exposition gegenüber ionisierender Strahlung prinzipiell das allgemeine Risiko der Krebsentstehung erhöht.
Nur ganz wenige Expositionen, i.d. Regel dort, wo das „strahlende Material“ ganz spezifisch in bestimmten Geweben angereichert wird (z.B. Jod > Schilddrüse) lässt sich darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen Exposition und bestimmtem Organ-Karzinomen annehmen.

Es benötigte Jahre, bis in den Überlebenden der A-Bomben-Abwürfe im II. WK die ersten Lungenkarzinome auftraten.
Das ist so nach den neuesten Auswertungen der Life-Span-Study (Lit 1, Lit2) ebenfalls nicht richtig.
Es stimmt zwar, dass es 5 Jahre dauerte, bis statistisch gesichert mehr Organkrebse (i, Ggs. zu Leukämien, „sogenanntem Blutkrebs“) erkennbar waren, als es dem Erwartungswert in dieser Bevölkerung entsprochen hätte (Excess Cases/Death). Für Leukämien war das bereits deutlich früher nach der Exposition der Fall war, nur heißt das nicht, dass keines der früher aufgetretenen Karzinome nicht doch strahleninduziert war, man konnte dies mit statistischen Methoden eben nicht von den „anderen“ Karzinomen unterscheiden, die spontan oder auf Grund anderer Risikofaktoren entstanden sind.

Die Geschichte verbreitete sich dann durch viele Kanäle und kam bei uns verkürzt so an:
Krebserkrankungen durch Fukushima-GAU: Erster offizieller Todesfall
Todesfall bestätigt Nach Fukushima-GAU: Arbeiter erlag Lungenkrebs
Offiziell erster Strahlentoter nach Fukushima-Havarie

Keine Ahnung, welche Schlüsse Herr Weiss auf 1000 Seiten zum Lachen brachten, es darf jedoch aus seinen Interviews und dem pointierten Titel geschlossen werden, dass ihm das Lachen ebenso im Halse stecken bleibt wie mir, wenn man sich mit der offensichtlichen Unfähigkeit von Politik, Justiz, Medien und Gesellschaft beschäftigt, mit einer Katastrophe wie in Japan 2011 umzugehen.
Ohne zu große Parallelen zur Nuklearkatastrophe von Tschernobly ziehen zu wollen, Ursache und Verlauf der beiden Ereignisse unterscheiden sich doch sehr, reichten die über 32 Jahre offenbar nicht aus, um zu erkennen,
dass es hier (medizinisch) nicht nur um die Strahlenwirkung geht,
dass (wie im Finanzwesen und (vermutlich) der privatisierten italienischen Autobahn) die privaten Betreiber zwar die Gewinne einstreifen, aber für die Gesamthaftung nicht gerade stehen, um
letztendlich im Hinblick auf Haftung und Entschädigungen zu einem ausgewogeneren Bild zu kommen.

Natürlich ist aber sonst Herrn Dr. Conca zuzustimmen, dass niemand gegen die Entschädigung für Menschen ist, die Leid erlitten haben, aber es vergeht einem das Lachen, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse offenbar negiert werden, wenn der entschädigt wird, der mit einem Dosimeter einen „spontanen oder strahleninduzierten Krebs“ bekam und der nicht, dessen Gesundheitsgefährdung im Rahmen der Evakuierungsmaßnahmen nicht im mSv ausgedrückt werden kann, vielleicht weil das so billiger kommt und der Boulevard dann zur nächsten Headline hastet.

Written by medicus58

11. September 2018 at 17:00

Ruthenium Slow burn

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Ruthenium (v. lateinisch Ruthenia „Ruthenien“, „Russland“) ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Ru und der Ordnungszahl 44.

Unter Slow burn versteht man im Film eine Gag-Struktur, wo Aktion und Reaktion deutlich getrennt werden, d.h. zwischen die Wahrnehmung und die Reaktion auf eine Situation wir von den Agierenden eine Pause des Nichtverstehens eingelegt, in der der Zuschauer sein dadurch entstandenes Überlegenheitsgefühl ablachen darf.

Seit 29.9. 2017 wurden in mehreren Ländern Europas Ruthenium 106 gemessen.

An den Luftfiltern der etwa 10 in Österreich verteilten Luftmessstellen für Radioaktivität sind  zwischen 30.September und 3.Oktober maximal etwa 1 bis 40 Millibecquerel Ru-106 pro m³ nachgewiesen worden. Inzwischen sind die Aktivitätswerte wieder in den Bereich der Nachweisgrenze zurückgegangen, berichtete das Lebensministerium bereits am 9.10.2017.

Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz erfuhr im Rahmen der bilateralen Informationspflichten am 03.10.2017, dass in Österreich Ruthenium-106 gemessen wurden. Am 04.10.2017 schlug auch eine Spurenmessstelle in Deutschland an. Die Messwerte in Deutschland liegen zwischen wenigen Mikrobecquerel und 5 Millibecquerel pro Kubikmeter Luft.
Auf der Homepage des BfS wurde bereits am 8.10. eine Gemeinsame Pressemitteilung des Bundesamtes für Strahlenschutz und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit veröffentlicht.

Auch aus Frankreich kamen von der IRSN schon am 4.10. gleichlautende Bestätigungen mit weiteren Updates.

Spätestens Anfang November war (auch regelmäßigen Twitter-Teilnehmern) also Folgendes klar:

  • Ende September/Anfang Oktober zog von Osten nach Westen kommend eine „Ruthenium Wolke“ über Europa
  • Etwa zwei Wochen später konnte in der kein zusätzliches Ruthenium mehr gemessen werden
  • Ein Reaktorunfall oder eine Atombombe gelten gleich als unwahrscheinlich, da dabei niemals nur ein einziges Isotop freigesetzt würde. Ein Satellit (mit einer radioaktiven Batterie) wird nicht vermisst.
  • Die Strahlenexposition der Bevölkerung wurde von mehreren Stellen als so gering berechnet, dass sie innerhalb der Schwankungsbreite der natürlichen Strahlenexposition lag, besondere Maßnahmen waren in Europa also nicht erforderlich. Überraschend führten die ersten Meldungen aber zu wenig Widerhall in dr Öffentlichkeit.
  • Strömungsmessungen verschiedener Institute lokalisierten die Herkunft der Wolke von insgesamt (Quellterm) 100 and 300 teraBecquerels zwischen Wolga und Ural (Météo France).
  • Berechnungen ergaben auch, dass am Unfallort in einem Umkreis von ca 10 km spezielle Maßnahmen für den Bevölkerungsschutz ergriffen werden müssten und ein einem Radius von < 100 km ein Monitoring der Nahrungsmittel sinnvoll sein könnten.

Einzelne Medien berichteten schon früh über das Ereignis, mein Eindruck war damals aber, dass die Nachrichten kaum eine größere Öffentlichkeit erreicht hat.
Telegraph:  Nuclear ‚accident‘ sends radioactive pollution over Europe
Standard: Radioaktivität über Europa: Experten vermuten Quelle im Ural

und nur zur Vollständigkeit: Russia Today: The Russian state atomic energy corporation Rosatom, however, rejected the report, saying that “the radiation situation around all Russian nuclear facilities is within the norm and corresponds to natural background radiation.”

Erst am 21.11. berichtete auch der Russische Wetterdienst über insgesamt vier Messstationen im Süd-Ural, im Nord-Kaukasus und am Don wo im Zeitraum vom 26. September bis zum 1. Oktober 2017 Ruthenium-106 nachgewiesen wurde. Quantitativ steht der Bericht aber im Ggs zu oben zitierten früheren Kalkulationen, wenn behauptet wird: Die Messwerte in der Luft liegen zwischen 15 und 76 Millibecquerel pro Kubikmeter und liegen damit in einem Bereich von Messwerten, wie sie einige Tage später in Südosteuropa (Rumänien) gemessen wurden. Bei den in Russland gemessenen Werten handelt es sich um sehr geringe Radioaktivitätsmengen, die nicht gesundheitsgefährdend sind.

Seit ein paar Tagen ist der Vorfall plötzlich weltweit in den Schlagzeilen.

Nach Aussage der Sprecherin des Umweltministeriums am 21.11. der APA gegenüber, wäre sogar in den vergangenen beiden Wochen in Österreich – wetterbedingt – neuerlich Ruthenium-106 festgestellt worden, allerdings in noch weit geringerer Konzentration und damit knapp an der Nachweisgrenze. Auf der Homepage des Lebensminsteriums findet sich dazu aber (noch) kein Hinweis. Wahrscheinlich handelt es sich um keinen neuen Eintrag sondern um ein Aufwirbeln bereits früher nach Österreich verfrachteten Rutheniums. 

21.11.FAZ:
MYSTERIÖSES RUTHENIUM-106 : Was geschah im Ural?
21.11. New York Times:
Russia, in Reversal, Confirms Radiation Spike
21.11.: Süddeutsche:
Erhöhte Radioaktivität über Europa kommt aus Russland
21.11. WELT:
„Äußerst hohe“ Ruthenium-Konzentration nahe AKW gemessen

22.11. Science Alert:
Here’s What You Need to Know About That Mysterious Radiation Cloud Over Europe
22.11. The SUN: 
Has Russia had a secret nuclear disaster? Giant toxic cloud and radioactivity levels 1000 higher than usual spark panic
22.11. New Delhi Times:
Russia Confirms Spike in Radioactivity in Urals

Russia Today versuchte sehr kryptisch zurück zu rudern:
Russland: Radioaktive Strahlenmessungen als Inspirationsquelle des Auslands,
erinnert – wie inzwischen viele Quellen – an die Kerntechnische Anlage Majak, wo weiträumige Kontaminationen bekannt sind, um dann gleich wieder abzuwiegeln:

Die veröffentlichten Daten erlauben es uns nicht, den Ort der Verschmutzungsquelle festzustellen. Dabei war die Konzentration auf russischem Gebiet immer noch zehntausende Male unter der zulässigen Höchstgrenze, für die Gesundheit der Bevölkerung besteht keine Gefahr.

Ja und auch bei uns springen nun kleine Blätter vollmundig auf:
Kleine Zeitung: Ruthenium in der Luft: Österreich fordert Aufklärung

Indische Medien zitieren Alexander Antipin, den Pressesekretär für Südasien der staatliche russische Atomorganisation Rosatom für Südasien, der explizit den Standort Majak als Quelle für das Ruthenium ausschließt!

Wegen der widersprüchlichen Aussagen der russischen Behörden schätzt das IRSN die Chancen, dass die Herkunft des Rutheniums bald geklärt wird, für gering ein. Greenpeace Russia schaffte es zumindest von Rosatom Messergebnisse zu erhalten und plant offenbar eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen möglicher Verheimlichung eines nuklearen Unfalls.

Sehr viel mehr ist im Augenblick zu dem Vorfall auch nicht zu erfahren, wobei mir
vier Dinge bemerkenswert erscheinen:

  • Das Europäische Warnsystem und die innerstaatlichen Informationsflüsse scheinen zu funktionieren und werden auch kommuniziert.
  • Die mediale Aufarbeitung – auch in sogenannten Qualitätsmedien – erfolgt hingegen immer entweder zu früh oder mit zu langer Latenz.
  • Die IAEA kommt ihrer Aufgabe, die interessierte Öffentlichkeit zeitnahe zu informieren leider nicht in ausreichendem Maße nach. Sucht man aktuell auf der Homepage findet man gar nichts.
  • Die oft wiederholte Sage, dass die Informationen über den Unfall in Tschernobyl nur deshalb von Russland so lange unterdrückt wurden, weil damals ein kommunistisches Regime herrschte, ist als Erklärungsmodell nicht mehr länger aufrecht erhalten. Gerade in diesem Jahr hat sich Putin explizit nicht mehr als Erbe der Kommunistischen Revolution vor 100 Jahren gesehen.

 

Written by medicus58

23. November 2017 at 18:02

Ist 2030 schon vorbei, oder? Bemerkungen zum Wiener Spitalskonzept

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Am 22.6. verkündete der Kurier, dass Wien von Wehselys Spitalskonzept 2030 abrückt, da einige der vielen Transformationsprozesse begraben wurde.
Die FP schlug erneut in diese Kerbe und setzt auch noch Aktuelles drauf:
FP-Seidl: Spitalskonzept 2030 ist kläglich gescheitert – KAV ist nur mehr Passagier im kaputten Gesundheitssystem
Patientenanwältin Pilz schweigt weiter beharrlich und hält ihrem Arbeitgeber die Stange
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20170623_OTS0126/fp-seidl-spitalskonzept-2030-ist-klaeglich-gescheitert-kav-ist-nur-mehr-passagier-im-kaputten-gesundheitssystem

Prompt schlug Nani Kauer (KAV Pressestelle KAV GD) via Presseaussendung zurück:
Das Wiener Spitalskonzept 2030 ist aufrecht
und verlangte, was seit Jahrhunderten eher von Kirchenkanzeln donnert:
Verunsicherung muss aufhören
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20170623_OTS0196/kav-das-wiener-spitalskonzept-2030-ist-aufrecht-verunsicherung-muss-aufhoeren

Auf Orf.at wurde das alles noch etwas elaboriert: „Man bleibe beim Zentrumskonzept, jedoch gibt es noch bauliche Probleme

Fasst man die Grundprinzipien des Spitalskonzept zusammen,
das ja nicht erst seit 2016, wie in den Artikeln angeführt, sondern seit der SPÖ Klausur in Rust im Jahre 2011 existiert und inzwischen mehrfach umgeschrieben wurde

(Spitalskonzept 2030 und die „wehsentliche“ Wandlungen seiner Produktdeklaration) kann man einige Prinzipien ausmachen, die hier auch schon scharf kritisiert wurden:

  • Pärchenbildung: Kleinere Einheiten wurden (Kaiserin Elisabeth Spital) und werden geschlossen, so dass zum Schluss neben dem AKH noch drei Krankenhauspärchen übrig bleiben sollen.
    Im Gegensatz zu früher, sollte die Abteilungsstruktur der großen Standorte (Wilhelmine, Hietzing/Rosenhügel, KFJ, Rudolfstiftung, SMZ) nicht mehr alle wesentlichen „Organprobleme“ (Augen, Haut, Neuro, …) intramural versorgen.
    Nur mehr ein Krankenhauspärchen zusammen hätte alle Abteilungen vorgehalten, um diese Versorgung nachkommen zu können. Manche Therapien und Eingriffe sollen überhaupt nur mehr im AKH angeboten werden!
    Dazu wurden atemberaubender Schönsprech ( KAV: Superkalifragilistisch Expealigorisch) erfunden, um die verschiedenen Versorgungsformen zu definieren und etwas verwirklicht, das ich hier seit 2012 (!!) so bezeichne:
    Die Potemkinschen Spitäler
    https://medicus58.wordpress.com/2012/07/11/die-potemkinschen-spitaler 

    Reform=Stillschweigen zur Errichtung eines Potemkinschen Dorfes
    https://medicus58.wordpress.com/2016/07/26/sommerloch-reprisen-reformstillschweigen-zur-errichtung-eines-potemkinschen-dorfes/

    Nun gibt die Politik die Potemkinschen Spitäler langsam zu, schiebt aber Verantwortung auf Ärzte
    https://medicus58.wordpress.com/2013/03/21/nun-gibt-die-politik-die-potemkinschen-spitaler-langsam-zu-schiebt-aber-verantwortung-auf-arzte/
    Und wir wollen nicht darauf vergessen, dass die Teilfinanzierung des KH Nord auf diesem angeblich so neuen Ansatz beruht:
    Wehselys Coup: Wien lässt sich Demontage der öffentlichen Spitäler von der EU finanzieren! https://medicus58.wordpress.com/2016/01/15/wehselys-coup-wien-laesst-sich-demontage-der-oeffentlichen-spitaeler-von-der-eu-finanzieren/

    Mein wesentlicher Kritikpunkt am „Paarungskonzept“ war aber stets, dass auf die Notwendigkeit der Konsiltätigkeit vergessen wurde, also auf die Notwendigkeit, dass z.B.
    ein nicht transportabler Unfallpatient auch von einem Neurologen,
    ein Frühchen im Brutkasten auch von einem Augenarzt gesehen werden muss.
    Darauf zu setzen, dass sich im Bedarfsfall ein benötigter Facharzt aus dem Pärchenspital in ein Taxi setzt ist nicht nur absurd sondern auch sehr ineffizient und teuer! Außerdem vergibt er sich eine der wesentlichen ärztlichen Techniken, die Fall-basierte Kommunikation im am Gang oder im Speisesaal.

  • Zentrumsbildung: In jedem Sonderfach sollen „etwas komplexere Leistungen“ ausschließlich in „designierten Zentren“ erbracht werden. Hier geht man schon von dem längst kritisierten Ansatz aus, als würde eine Leistung in immer höherer Qualität erbracht, je häufiger sie durchgeführt wird; dass es sich hierbei eher um eine Glockenkurve handelt und dass durch die Überspezialisierung in einem niederschwelligen Gesundheitssystem (in zwei Schritten in die Fachambulanz) dort die Qualität der Grundversorgung sinken wird.
    Spezialisierung zur Qualitätsverbesserung ist out, im Spital gibt’s fachärztlichen Pannendienst 
    http://wp.me/p1kfuX-Pr
    Schwerpunktbildung ist das gesundheitspolitische Codewort für Einsparung https://medicus58.wordpress.com/2015/12/04/schwerpunktbildung-ist-das-gesundheitspolitische-codewort-fuer-einsparung/
    Auch hier wirkt sich die Nicht-Beachtung der Notwendigkeit fachärztlicher Konsile fatal aus, denn jedem Laien wird einleuchten, dass jede Spezialisierung zwangsläufig mit einer Verminderung allgmein-medizinischer Kompetenzen einhergehen wird (Ausnahmen sind vielleicht die Alles-könnenden Schreibtischtäter, die den Schmarrn entwickelt haben!). D.h. je höher die Spezialisierung je wichtiger wird die Kooperation mit anderen!
    Und wer nun einwendet, dass diese Kommunikation auch schriftlich (Konsiliarzettel) oder telefonisch erfolgen kann, hat nie im Spitalsalltag gearbeitet!
  • Notfallaufnahmen: Um die Facharztdienste während der Nachtstunden einzusparen, sollten Pufferstationen (NFA= überwiegend mit Allgemeinmedinzinern besetzt!) die akute Aufnahmen praktisch abgeklärt und „antherapiert“ erst am nächsten Morgen auf die Spezialabteilungen transferieren. Wie wir uns erinnern war das das Hauptargument in den vergangenen Gehaltsverhandlungen, um 382 Ärzteposten reduzieren zu können. So ein Konzept funktioniert seit Jahrzehnten im AKH, jedoch unter ganz anderen räumlichen, organisatorischen und personellen Voraussetzungen! Teil dieses Konzept (im KH Nord schon begonnen) wären vorgelagerte Ambulanzen (Mars) und Primärversorgungszentren, deren Errichtung aber extrem stotterte.
    Wehsely finanziert die Wiener Gebietskrankenkasse und keinen stört’s https://medicus58.wordpress.com/2015/02/27/wehselys-finanziert-die-wiener-gebietskrankenkasse-und-keinen-storts/
  • Interdisziplinäre Belegungen: Um scheinbar das „Gangbettenproblem“ mit Neuaufnahmen bei gleichzeitig unbelegten Spezialbetten lösen zu können, sollten Interdisziplinäre Bettenstationen eingerichtet werden, wo ein Pflegeteam ganz unterschiedliche Krankheitsbilder zu versorgen hätte, während die entsprechenden Fachärzte nur zur Visite auf der Station erscheinen würden. Das Bettenmanagement wurde in der Masterbetriebsorganisation der Pflege (!) überantwortet.
    Wozu hätten wir denn die Experten, wenn sie sich nicht immer was Neues einfallen ließen? https://medicus58.wordpress.com/2014/05/05/wozu-hatten-wir-denn-die-experten-wenn-sie-sich-nicht-immer-was-neues-einfallen-liesen-interdisziplinare-belegung/
    Masterplan: Wir sparen, koste es was es wolle https://medicus58.wordpress.com/2016/03/16/masterplan-wir-sparen-koste-es-was-es-wolle/
    Master BO – Die tickende Zeitbombe https://medicus58.wordpress.com/2017/01/27/master-bo-die-tickende-zeitbombe/

 

Letztlich kann man sich nur wünschen, dass der Papiertiger Spitalskonzept 2030 still und heimlich begraben wird und offen gelegt wird, welche „externe Experten“ dafür wie viel der 40 Millionen Steuergeld abkassiert haben.
Dazu kommt, dass aus ökonomischem Druck und fehlender Übersicht alles gleichzeitig und nichts wirklich richtig umzusetzen!
Die jetzt von den Medien realisierten „Verzögerungen im Transformationsprozess“ haben aber weniger medizinische als partei- und machtpolitische Gründe:

Eine seit Jahren frustrierte Belegschaft verweigert unter der tatkräftigen Unterstützung der „roten“ Personalvertretung im Schulterschluss mit dem „roten“ Bezirksvorstand die angeordnete Übersiedlung.
Dadurch werden die Räumlichkeiten nicht frei, die für den Ausbau der Notfallaufnahmen gebraucht würden.
Dort wo die Notfallaufnahmen bereits existieren, sind sie noch weit davon entfernt, die volle Pufferleistung für die klinischen Abteilungen zu erbringen.
Dort wo bereits Ärzteposten gestrichen wurden, ohne dass die organisatorischen Voraussetzungen funktionieren, müssen Abteilungen wochenweise ganz geschlossen werden.
Die Eröffnung des KH Nord hat sich so lange verzögert, dass schon allein dadurch die „Pärchenbildung“ in Transdanubien nicht funktioniert.
Standorte, die man eigentlich komplett schließen wollte, können nicht geschlossen werden, so dass man plötzlich wieder von einem Neuausbau spricht und en route bemerken musste, dass man alle Internisten abgesiedelt hat.
Und schließlich basierte das Konzept von Anfang auf massiven Bauleistungen, die sich im hoch verschuldeten Wien nun niemand leisten kann.
In den letzten Jahren wurde im KAV auch munter herumorganisiert (KAV: Rausgliedern, aber nun mal richtig? https://medicus58.wordpress.com/2016/10/22/kav-rausgliedern-aber-nun-mal-richtig/) und
schließlich sind auch Stadträtin und Generaldirektor längst verloren gegangen.
Die neue Stadträtin wird es schon von ihrer politischen Basis schwer haben, sich gegen die roten Personal- und Bezirksvertretungen zu stellen.

Ja, und unter den herrschenden Rahmenbedingungen und dem personellen Nachwuchsproblem, wird sich nur ein Ziel des Konzepts mit größter Sicherheit erreichen lassen,
die Personaleinsparungen, … einfach weil sich immer weniger Bewerber finden, um die in die Frühpension entweichenden +/-60-Jährigen ersetzen zu können.

 

 

 

 

 

Written by medicus58

25. Juni 2017 at 13:19

5 Jahre Fukushima: Expert: „This is a serious situation“

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Fukushima-Daiichi-Nuclear-Power-Station blast2

In den ersten Wochen nach dem Super GAU von Fukushima, war die HP der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS)  http://www.grs.de eine der seriösesten Informationsquellen über den aktuellen Wissenstand. Die 5. Auflage 2016 ihres Berichts über den Unfallablauf und die radiologischen Folgen sind auch für nicht einschlägig ge- oder ausgebildete Leser informativ: http://www.grs.de/sites/default/files/pdf/grs-s-56.pdf

Auch dieser Blog beschäftigte sich seit fünf Jahren immer wieder mit der medialen Aufarbeitung des Ereignisses und hat seither eine eigene Rubrik:
https://medicus58.wordpress.com/category/strahlen-risikokommunikation/

2011: 

Chronologie der Ereignisse  http://wp.me/p1kfuX-1R
Chronologie der Ereignisse II
http://wp.me/p1kfuX-24
wie die IAEA vor lauter Maulkörben zur Lachnummer wurde

Fukushima FF http://wp.me/p1kfuX-1J
war lange Zeit einer der am häufigsten via Google angeklickte Beitrag, aber nicht wegen „Fukushima“ sondern wegen das dort erwähnten PC Ganes „SimCity“

WEGWERF-ARBEITER
http://wp.me/p1kfuX-2m
Wegwerf-Arbeiter http://wp.me/p1kfuX-aR
eine Beispiel, wie inzwischen widerlegte Vermutungen eines WDR Reporter weltweite Schlagzeilen generierten

Copy and Paste ist kein Journalismus http://wp.me/p1kfuX-2j
Ein weiterer Beweis für die Schlampigkeit der Medien

Ejaculatio praecox
http://wp.me/p1kfuX-39
Methodenloser Wahnsinn
http://wp.me/p1kfuX-2e
Zuerst Panik, dann Desinteresse

Fremdfürchten http://wp.me/p1kfuX-aL

Ein kurzer Zwischenbericht: Ein paar Gedanken zu Fukushima
 http://wp.me/p1kfuX-1U

Fukushima revisited http://wp.me/p1kfuX-4d

Auch die Katastrophe muss verrechtlicht werden http://wp.me/p1kfuX-2p

3. März 2012:
Die Leere (sic) aus Fukushima http://wp.me/p1kfuX-bT

8. März 2012: Nach 100% ist es aus, das Kasperltheater http://wp.me/p1kfuX-cc

11. März 2012: @hirn #twitter #fukushima http://wp.me/p1kfuX-co

22. Mai 2012: Nein zum Atom oder Atome sind mir nicht grün http://wp.me/p1kfuX-iy

18.Oktober 2012: Der perverse Zusammenhang zwischen Angst und Information: Fukushima http://wp.me/p1kfuX-tV 

11. März 2014: Wann kommt endlich die Argumentationswende der AKW Gegner? http://wp.me/p1kfuX-LD

6. August 2015: Hiroschima: hier und jetzt http://wp.me/p1kfuX-10T

Written by medicus58

11. März 2016 at 18:36

Meine Paranoia mit der Spitals-EDV oder wenn alles steht, geht’s weiter wie bisher

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EDV down

In diesem Blog finden Sie schon eine so lange Liste, in denen die EDV/ IT Probleme in der Medizin beleuchtet werden, dass ich mir langsam Sorgen mache, ob es sich hier nicht um eine gefährliche Obsession meinerseits handelt. Schließlich scheint sich ja außer mir keiner mit dem Problem medial zu beschäftigen.

Am 14.5.2014 kam es wienweit in den Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbundes zu einem etwa zwei Stunden anhaltenden Totalausfall der netzwerkabhängigen EDV Systeme. 
Kürzlich administrierte Patienten verschwanden aus dem System,
im Zentrallabor trafen Blutproben ohne elektronischer Anforderung ein,
so dass unklar war, was denn eigentlich bestimmt werden sollte,
Drucker konnten nicht angesprochen werden, …

Bis zur völligen Wiederherstellung waren zwar nicht alle Systeme dauerhaft ausgefallen, manchmal funktionierten Teile wieder, nur um kurz darauf wieder auszufallen, jedoch bedeutete dieser Ausfall in einem Betrieb, der inzwischen alle seine Prozesse (Zuweisungen, Befundungen, Patiententransport, OP-Management, …) von seinen insuffizienten EDV-Systemen abhängig gemacht hat, eine massive Behinderung der Patientenversorgung.

Informationen über diesen Vorfall wurden von der zuständigen Abteilung (KAV-IT) weder intern noch nach außen weitergegeben, so dass es naturgemäß zu keiner öffentlichen Wahrnehmung und somit zu keiner Diskussion dieser Probleme kommt. Bedenken Sie dies bitte, ehe sie mir die ICD-10-CM F60.0 Paranoide Persönlichkeitsstörung anhängen …

16.2.2012 Pressestunde: Salon ELGA 
http://wp.me/p1kfuX-9g

10.5.2012 VI Control-Alt-Delete : Be patient, patient. 
http://wp.me/p1kfuX-hl

11.5.2012 Männchen oder Weibchen? An alle ELGA Fans
http://wp.me/p1kfuX-hp

25.5.2012 MED 2.0 Facebook for the insane
http://wp.me/p1kfuX-iK

25.10.2012 Risikofaktor medizinische Informatik
http://wp.me/p1kfuX-uw

8.11.2012 EDV: Supergau im KAV
http://wp.me/p1kfuX-vj

8.12.2012 Nervt die EDV nur oder will sie uns was sagen
http://wp.me/p1kfuX-x7

15.3.2013 KAV-IT: Die Problemverursacher übernehmen die Macht
http://wp.me/p1kfuX-B4

13.11.2013 Kunstfehler waren gestern, heute haben wir die EDV
http://wp.me/p1kfuX-Iz

12.2.2014 Die Überraschungseier der Krankenhaus EDV
http://wp.me/p1kfuX-L5

7.3.2014 Before we have been so rudely interupted
http://wp.me/p1kfuX-Lv

19.3.2014 Software kann auch töten
http://wp.me/p1kfuX-LR

25.4.2014 Da mir Minister Stöger kein Interview zu ELGA gibt
http://wp.me/p1kfuX-N2

Written by medicus58

16. Mai 2014 at 07:00

Der perverse Zusammenhang zwischen Angst und Information: Fukushima

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Einer der wesentlichen Grundpfeiler der Aufklärung war die Überzeugung, dass Wissen (Information) dem Menschen die Angst nehmen kann:

Solange jeder Donner als Willensäußerung der Götter gilt ängstigt uns unsere scheinbare Hilflosigkeit,
wenn wir die dahinter stehenden Mechanismen verstehen, verliert der Donner seinen Schrecken
und wir können unsere Sicherheit durch den Bau von Blitzableitern nachweislich vergrößern.

Dass dieser Ansatz in vielen Fällen nicht stimmt, scheint eine aktuell vom Meinungsforschungsinstitut „market“ veröffentlichte Studie zu belegen, die Der Standard so zusammenfasst:
Die Angst der Österreicher, dass sie in ihrem Land von einer Atomkatastrophe heimgesucht werden könnten, ist seit dem Super-GAU von Fukushima regelrecht explodiert. Während unmittelbar nach den Reaktorunfällen im Frühling 2011 in Japan nur 27 Prozent glaubten, dass sie ein derartiges Szenario betreffen könnte, tun das mittlerweile 78 Prozent. Das zeigt eine Umfrage des Linzer „market“-Instituts, deren Ergebnisse am Mittwoch veröffentlicht wurden.
http://derstandard.at/1350258660435/Angst-vor-Atomkatastrophe-in-Oesterreich-explodiert

Die Studienautoren fassen ihre Ergebnisse so zusammen:
Die Nähe zu Europa´s Kernkraftwerken und die medialen Berichterstattung über zum Teil große Sicherheitsmängel der AKW hat den Österreichern Angst gemacht.
Die Angst verstärkt sich noch mit höherem Alter, niedrigerem Bildungsstand und auch in den ländlicheren Regionen ist das Vertrauen in die Kernkraftwerke der Nachbarländer massiv gesunken. Fukushima war weit weg und die dramatischen Bilder von damals lehrten uns nicht das Fürchten. Erst die Ergebnisse der Stresstests haben die Einstellung der Österreicher zu Atomstrom wirklich massiv verändert.
http://www.market.at/de/market-aktuell/news/entity.detail/action.view/key.781.html

Jetzt entzieht es sich meiner Kenntnis, wer diese Studie bei market in Auftrag gegeben hat und welche Absicht damit verbunden war.
Die Behauptung, dass erst die „Stresstests“ bzw. deren Ergebnisse die Menschen beunruhigt hätten entspricht nicht ganz der eigenen Erfahrung unmittelbar nach dem Supergau von Fukushima, wo bisweilen der helle Wahnwitz Leute in Österreich getrieben hat, Kaliumjodidtabletten zu schlucken,
jedoch bleibt der beunruhigende Eindruck, dass rationale Information Menschen ängstigt –  und wie schon hier ausgeführt- ,
dass diese Angst zum falschen Zeitpunkt -nämlich zu früh im Sinne einer Ejaculatio präcox (http://wp.me/p1kfuX-39) – auftritt.

Dass dafür neben der hysterisierende medialen Berichterstattung (Nach 100% ist es aus, das Kasperltheater http://wp.me/p1kfuX-cc)
auch die Lust am Fremdfürchten (http://wp.me/p1kfuX-27) und
unsere prinzipielle Unfähigkeit mit statistischen Informationen über Risiko umzugehen verantwortlich ist wurde hier schon ausgeführt (http://wp.me/p1kfuX-1M).

Ich komme im Zuge der jetzigen Veröffentlichung noch einmal auf das Problem zurück, weil es beispielhaft zeigt, dass wir
zuerst lustvoll in Panik geraten,
weil wir keine Informationen haben,  um das Allerschlimmste auszuschliessen 
aber innerlich wissen, nicht direkt betroffen zu sein (Fremdfürchten)
dann aber,
wenn wir durch zwischenzeitliche Information die Dimension eines Problems eingrenzen könnten,
überschiessend reagieren, weil uns die Informationen klar machen, dass wir doch persönlich – wenn auch in geringem Ausmaß – betroffen sind.

Ich kann mich noch an unzählige, hektische Reporter erinnern, die in den Tagen nach dem Unfall in Fukushima von allen österr. Interviewpartnern nur hören wollten, dass nun Japan für Generationen unbewohnbar sein wird und eher unwillig darauf reagierten, wenn man ihnen vorrechnete, dass die maximale Zunahme der Karzinomrate im einstelligen Prozentbereich liegen wird (Bei einem Ausgangswert von etwa einem Drittel der Menschen in den Industriestaaten, die bereits bisher an einem Karzinom versterben.)

Inzwischen haben wir sehr detailierte Analysen, wie hoch die Strahlenexposition der Japaner (vom Tepco-Mitarbeiter bis zum Bewohner der südlichsten Insel) war und ist (eine von vielen rezenten Zusammenfassungen z.B.:  http://www.world-nuclear.org/info/fukushima_accident_inf129.html) und unter Berücksichtigung aller strahlenbiologischen Erkenntnissen des letzten Jahrhunderst können sagen, dass die initiale Abschätzung wichtig war:

Eine expositionsbedingten Zunahme an Karzinomen in der japanischen Allgemeinbevölkerung wird quantitativ so gering sein, dass sie sich dem statistischen Nachweis enziehen wird.
Das heißt nicht, dass hier „nichts passiert ist„, denn auch der statistisch nicht erfassbare zusätzliche Todesfall ist einer, zu dem es ohne der Katastrophe nicht gekommen wäre und selbst Prozentwerte weit in den Rechtskommastellen sind hochgerechnet auf eine große Population eine große Anzahl.

Aber wer will von der „Normalbevölkerung“  verlangen hier adäquat zu reagieren, wenn in der aktuellen Ausgabe der Österr. Ärztezeitung (http://www.aerztezeitung.at/archiv/oeaez-2012/oeaez-18-25092012/politische-kurzmeldungen-ebola-fukushima-stevia-produkte-mutter-kind-pass.html) zu lesen ist:

Fukushima: erster Fall von Schilddrüsen-Krebs
Nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 wurde nun der erste Fall von Schilddrüsen-Krebs bei einem Jugendlichen bestätigt. Da die Behörden es verabsäumten, Jodtabletten an Kinder im Umkreis von 100 bis 150 Kilometern auszuteilen, werden seit der Katastrophe alle 360.000 Kinder und Jugendlichen der Region untersucht. Von den bis März 2012 untersuchten 38.000 Kindern hatten 13.382 (36 Prozent) Zysten und Knoten in der Schilddrüse. Hochgerechnet könnten damit insgesamt mehr als 100.000 Kinder bereits Zysten und Knoten haben und im schlimmsten Fall 25.000 ein Karzinom entwickeln. Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 wurden offiziell 4.000 Fälle von Schilddrüsen-Krebs registriert; die Dunkelziffer war allerdings viel höher.

Damit bezog man sich auf eine auch in der japanischen Presse diskutierten Report der Forschergruppe, die die Schilddrüsenreihenuntersuchungen von 360,000 Bewohnern organisiert hat, die am 11.3.2011 > 18 Jahre alt waren und bislang 80.000 Personen untersucht hat, aber explizit keinen Zusammenhang zwischen dem gefundenen Fall von Schilddrüsenkrebs (der schließlich auch außerhalb von Japan auftritt) und der Strahlenexposition durch die Freisetzung aus den havarierten Reaktoren herstellt:
Shinichi Suzuki, a professor at Fukushima Medical University performing the medical checks, said that there was no confirmed link between the case and radiation released during the nuclear crisis. „Even in the case of Chernobyl, it took at least four years“ before residents developed thyroid cancer symptoms, Suzuki said.
http://www.japantimes.co.jp/text/nn20120913b7.html

Na, da soll sich nun der Laie noch auskennen!
Trotzdem ein Versuch:

Erstens entspricht 1/80.000 = 0,0013%  der Rate jugendlicher Schilddrüsenkarzinome auch in anderen Ländern.
Zweitens, wie schon in der japanischen Stellungnahme angeführt, wissen wir, dass zwischen Strahlenexposition und Krebsentstehung eine gewisse Latenzzeit verstreicht.
Natürlich scheint diese kürzer, wenn man durch intensive Untersuchungen (Screening), das Karzinom schon früher entdeckt, aber trotzdem wäre eine Latenzzeit von 1,5 Jahren sehr kurz.
Nochmals, das schließt nicht aus, dass gerade diese Person ihr SD-Karzinom dem J-131 aus dem Reaktor von Fukushima „verdankt“, aber es beweist es auch nicht!
Die an 46/62 Personen aus dem Unfallgebiet gemessene mediane Äquivalenzdosis der Schilddrüsen wird bei Kindern mit 4,2 mSv und bei Erwachsenen mit  3,5 mSv angegeben (http://www.nature.com/srep/2012/120712/srep00507/pdf/srep00507.pdf ).
Die Werte unter den Evakuierten nach dem Unfall in Chernobyl lagen um den Faktor 4-5 höher, so dass aus diesem Grunde zu erwarten wäre, dass Anzahl der statistisch auf das in Fukushima freigesetzte Radiojod  zurückzuführenden Schilddrüsenkarzinome nicht höher sondern eher niedriger sein müsste, wenn man eine lineare Wirkungsbeziehung postuliert.
Auch hier kann eingewendet werden, dass exakte Messungen nur an einer im Vergleich zur betroffenen Gruppe kleinen Anzahl an Personen vorliegen, jedoch wurden sehr viele Menschen aus der Region grob gemessen und deutlich höhere Werte wären dabei aufgefallen.
Natürlich sind andere Faktoren (Messungenaugigkeiten, Jodversorgung im Unfallgebiet, bewußte Falschmessungen, unterschlagene Daten, … etc.) zu bedenken, aber aus den 38% Knoten und Zysten auf 25.000 Karzinome hochzurechnen ist unzulässig, da aus dem Vorliegen von kleinen strukturellen Veränderungen (Knoten < 5 mm und Zysten < 20 mm) nicht geschlossen werden darf, dass es sich hierbei um Vorstufen eines Karzinoms handelt. Die Berechnung von 25.000 Karzinome basiert aber darauf, dass etwas jede 4. dieser Veränderungen ein Karzinom darstellt und dafür fehlt die Evidenz.
Die Voraussage der Ärztezeitung ist einfach unwissenschaftlich, nicht weil sie nachweislich falsch, sondern weil sie rein spekulativ,
d.h. ohne naturwissenschaftliche Basis ist
.

Richtiger wäre darauf hinzuweisen, dass die intensive Untersuchung von jugendlichen Schilddrüsen im Unfallgebiet eine deutlich höhere Frequenz von morphologischen Organveränderungen gezeigt hat, als in dieser Altersgruppe erwartet wurde und diese Probanden somit weiter in engmaschiger Kontrolle bleiben müssen,
um einerseits auftretende Karzinome frühzeitig identifizieren zu können
(Knoten und Zysten < 5 mm sind durch Feinnadelpunktion und zytologische Untersuchung nicht sicher abklärbar, so dass es einer Verlaufsbeobachtung bedarf) und
in den nächsten 5-15 Jahren vielleicht eine exakte Aussage über die durch den Supergau verursachten Schilddrüsenkarzinome bei Jugendlichen Unfall möglich wird.
Weiters hätte erklärt werden müssen, dass das nun entdeckte Schilddrüsenkarzinom, ebenso wie die kindlichen Schilddrüsenkarzinome die auch in Österreich seit Jahrzehnten dokumentiert sind, wissenschaftlich nicht durch den Supergau in Fukushima erklärt werden können.

Wenn aber die Österr. Ärztezeitung, eine Publikation die sich ausschließlich an Ärzte richtet, auf Schlagzeilenjournalismus und nicht die naturwissenschaftlichen Grundlagen unseres Berufs setzt, wird verständlich, dass die Menschen durch jede Information verängstigt werden.

Link:
Vergleiche kritische Analyse des Problems (engl.) http://www.japanfocus.org/-Iwata-Wataru/3841
http://www.japantimes.co.jp/text/nn20120828a5.html

Written by medicus58

18. Oktober 2012 at 19:00

EURO DREI AUS

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Schon einmal wurde hier die Antwort Anton Zeilingers an John Brockmann (Herausgeber der Internetzeitschrift „Edge“) Frage „Welche Idee wird alles verändern?“ zitiert.
Das Ereignis, dass diese Welt seiner Meinung nach am nachhaltigsten verändern wird, alle Telefone zum verstummen bringen wird, alle Supermärkte leeren und alles zusammenbrechen lassen wird, ist ein Absturz aller Computer (ausgelöst durch einen elektromagentischen Puls http://de.wikipedia.org/wiki/Elektromagnetischer_Puls)
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=48811 Nun gut, ein elektomagnetischer Puls hat gestern vermutlich nicht die Welt erfasst und das Telefon- und Datennetz von DREI zwischen 16:30 bis 23:00 lahmlegte. http://futurezone.at/digitallife/9578-mobilfunker-drei-kaempft-mit-netzausfall.php
Die Homepage des Betreibers ist jetzt ca. 24 später noch immer down. Jetzt bin ich zwar Betroffener, aber nach ein bißchen heruminstallieren, ging ich halt auch auf diesem Rechner mit Orange (pikanterweise im Stadium der Fusion mir Drei !!) ins Netz. Und heute musste ich deren Software deinstallieren, damit mein Drei Modem wieder akzeptiert wurde, aber so wirklich weltbewegend wird das für Sie, geneigter Leser, nicht sein.
ABER
wir befinden uns ja in der Sektion der „Psychopathologie der Medizin“
bedenken Sie, dass nunmehr immer mehr Spitäler mittels WLAN auf elektronische Fieberkurven, Anforderungen, Krankengeschichten, etc. umgestellt werden. Ach, ja ELGA, steht uns ja auch ins Haus, die elektronischen Rezeptgenehmigungen und was weiß ich noch …
Unsere Welt
-und natürlich auch die Welt der Medizin läuft zunehmend nur mehr elektronisch, zumindest so lange bis es zu dem kommt, was nun DREI stammelt:
„unglückliche Verkettung von unglücklichen Umständen „. http://kurier.at/techno/4499884-drei-netzausfall-entschaedigung-moeglich.php

Nur was dann ausfällt, sind nicht ein paar Tausend Statusmeldungen auf Facebook nicht nur Hunderte Twitter, was dann ausfällt ist nahezu jede Möglichkeit im Notfall ein Blutbild anzufertigen!
Kassandra?
Schlafen Sie weiter, seit der EURO, nein nicht der jetzigen in Polen und der Ukraine sonder der letzten bei uns in Österreich, haben das sogar die Verantwortlichen im Krankenanstaltenverbund realisiert und arbeiten an einer Lösung … seit 2008

Written by medicus58

14. Juni 2012 at 18:01

Nein zum Atom oder Atome sind mir nicht grün

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Spät aber doch. möchte ich auch „meinen Senf“ zu einer Angelegenheit geben, die Anfang des Monats zu ein paar bemerkenswerten Reaktionen geführt hat.

Vorgeschichte:
1958 wurde in Österreich das Atominstitut als interuniversitäres Institut gegründet und 1962 im Wiener Prater ein TRIGA Mark II Forschungsreaktors eröffnet. Heute ist das Atominstitut ein Institut der TU Wien und bildet zusammen mit den Instituten für Theoretische, Angewandte sowie Festkörperphysik die Fakultät für Physik an der TU Wien. Forschungsschwerpunkte sind Atom-, Kern- und Reaktorphysik,  Umweltanalytik, Radiochemie, nuklearen Messtechnik und Festkörperphysik, Quantenphysik, Quantenoptik sowie Tieftemperaturphysik und Supraleitung.  http://www.ati.ac.at Den ORF Sehern war im Zusammenhang der Fukushima-Katastrophe einer der „Jungstars“ des Instituts Georg Steinhauser (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=53642) ein guter Bekannter geworden.
WAS? MITTEN IM WURSTELPRATER EIN FUKUSHIMA?
Na ja, nicht beim Watschenmann, aber (siehe Bild) inmitten eines Kleingartenvereins.
Die schien nun den Grünen (nach immerhin 50 Jahren) erstmals aufgefallen zu sein und Glawischnig diagnostiziert messerscharf, dass den Reaktor „niemand mehr wirklich braucht.“ http://derstandard.at/1336435289341/Atominstitut-Gruene-wollen-Forschungsreaktor-abdrehen?

Nicht ganz, ein ehemaliger Leiter des Instituts, der den TV Zuschauern als Sciencebuster Prof. Oberhumer bekannt ist, wies darauf hin, dass an diesem Standort Forschung betrieben wird und wundert sich ebenso, wie das Wissenschaftsministerium, weshalb die Grünen sich gegen Grundlagenforschung aussprechen. http://www.sciencebusters.at/sections/science-fu/posts/327
Natürlich kann man Oberhumer hier der berufsbedingten Parteilichkeit beschuldigen, aber zur Erklärung sei noch hinzugefügt, dass die Neutronenquelle des Reaktors u.a. für Materialprüfungen, die prinzipiel gar nichts mit der Kerntechnik, also der Entwicklung neuer Kernreaktoren zu tun hat.
ABER IST DAS NICHT GEFÄHRLICH IM KLEINGARTENVEREIN?

Die Leistung eines Forschungsreaktors ist im Vergleich zu Reaktoren, die zur Energiegewinnung verwendet werden gering (max 250 kW) und die Brennstoff-Zentraltemperatur liegt bei etwa 200 °C, so dass eine Kernschmelze, wie in Fukushima, bei der Temperaturen weit jenseits der 1000°C auftreten können, bautechnisch ausgeschlossen werden kann. Der Abbrand der Brennelemente ist entsprechend gering, so dass noch Brennelemente aus dem Jahre 1962 verwendet wurden. http://www.ati.ac.at/fileadmin/files/general/Reaktor/D_text__Bilder.PDF

Die Aufregung der Grünen entstand aber offenbar deshalb, weil nun einige Brennstäbe ausgetauscht werden mussten. Das Bundesministerium und die TU wies die Anschuldigungen wie folgt zurück:
http://www.bmwf.gv.at/startseite/mini_menue/presse_und_news/news_details/cHash/22985967eb14b25c849c0ec21feee19a/article/tu-forschungsreaktor-ministerium-und-tu-wien-weisen-unserioese-darstellung-seitens-der-gruenen-ents/

Aktuell scheint niemand mehr darüber zu reden, aber es stellt sich schon wieder die Frage, weshalb es so schwer ist, über die Anwendung ionisierender Strahlen in Forschung, Diagnostik und Therapie zu sprechen; bzw. weshalb selbst akademisch gebildete Personen einer rationalen Diskussion unzugänglich sind.

Wenn wir die Energiegewinnung in Kernreaktoren, die ich persönlich ablehne völlig unkritisch mit allen anderen Anwendungen in einen Topf werfe, dann handle ich als ob ich im Winter lieber erfrieren würde, nur weil ich mich im Sommer am Grill verbrannt habe.
Ionisierende Strahlung ist aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Will heute noch jemand eine antibiotische oder onkologische Therapie erhalten, weil der Arzt mit seinem Stethoskop „was gehört hat“, oder weil man die Lungenentzündung oder den Lungenkrebs im Röntgen gesehen hat.
Will sich jemand seine Schilddrüse einfach operieren lassen, ohne, dass ein Schilddrüsenszintigramm die Funktion seines Knotens näher charakterisiert hat?

Will irgend jemand sterben, nur weil er die Strahlentherapie als zu wenig homöopathisch empfindet.

Lassen wir lieber unser Haus in Vollbrand geraten, weil wir das bißchen Americium in unseren Brandmeldern ablehnen?

Offenbar manche unsere Politiker!
Deshalb besteht in Österreich eine dramatische Unterversorgung mit Strahlentherapie und Nuklearmedizin, Patienten erleiden endlose Wartezeiten und pilgern über Bundesländergrenzen, wenn irgendwo ein Gerät kaputt geht …

Es fällt immer schwerer, einige der Spitzenpolitiker der Grünen ernst zu nehmen, auf Landesebene (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35384) und auf Bundesebene (siehe oben).

Es wird immer schwieriger bestimmte Expertisen im Lande zu halten, wenn diese „Augen zu“ und „weg mit Schaden“ Mentalität um sich greift.
Wenn ich es als (hoffentlich ist dieser Blog beweisend) kritischer Mensch sehr wohl logisch auf die Reihe bringe, GEGEN AKWs und FÜR EINE KONTROLLIERTE ANWENDUNG IONISERENDER STARHLUNG IN MEDIZIN UND FORSCHUNG zu sein, stellt sich mir doch die Frage, weshalb das andere nicht schaffen:
Wissensmangel? dem könnte man abhelfen
Blanke Ignoranz oder purer Populismus?
dann ist eine der letzten politischen Hoffnungen in diesem Lande dahin und wir segeln freudestrahlend unter der Piraternflagge in die nächste politische Wende und freuen uns auf die nächsten Untersuchungsausschüsse…

 

Screenshot: Google Maps

@hirn #twitter #fukushima

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@Pro Sieben Stark. Das #Galileo-Spezial zu #Fukushima holt sehr gute 12,7 Prozent Marktanteil

twitterte (am 5. März 2012) der Sender, der die Sendung ausgestrahlt hat.

Am 4. März 2012 hat @ProSieben schon den Grundstein für seinen „Erfolg“ gelegt, indem es twitterte:
Empfehlenswert. Wir zeigen gerade eine Reportage über #Fukushima. #Galileo

Heute am Jahrestag schweigen wir für die Opfer, auch @ProSieben, … bis jetzt

Written by medicus58

11. März 2012 at 09:42

Nach 100% ist es aus, das Kasperltheater

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Zum dräuenden Jahrestag des Super-GAUs im AKW Fukushima lud Armin Wolf erneut Kasperl und Krokodil ein, damit sich die PT Zuschauer erneut ergözen mögen, wie sich die beiden nicht einigen.

Das war auch @ArminWolf via Twitter im Vorfeld klar:
Wird eine interessante Fukushima-Debatte jetzt zwischen den Herren Kromp und Steinhauser. Sind sich praktisch in nichts einig.

Georg Steinhauser, eloquenter und telegener Radiochemiker am Atominstitut der TU in statu habilitandi (2008 FAME LAB http://www.youtube.com/watch?v=19Vxg2ZWAlg ) und naturgemäß an der Weiterentwicklung der Reaktortechnik interessiert, sonst hätte er ja am Reinhardseminar inskripiert.

Wolfgang Kromp (Institut für Sicherheits- und Risikoforschung der BoKu) und laut Zeit Online, der Prophet der Apokalypse, die Kassandra der Republik (Der graue Wolf im Heimatlook erklimmt das Podium. Das Trachtenband um den Hals ist sein Amulett gegen die Globalisierung). http://www.zeit.de/2011/13/A-Kromp)

Persönlich hatte ich, der die Nutzung dieser Technologie zur Energiegewinnung seit den 70er Jahre ablehnt aber versucht die Mitte zwischen Verharmlosung und Alarmismus zu finden, die zweifelhafte Ehre in den rufschädigenden Bannstrahl von Kromp zu kommen, weil ich ihm vorwarf, dass seine Argumentation (bewußt?) zu vage bleibt, bzw. er bei seinem Lieblingsthema, das er auch gestern wieder angesprochen hat, (völlig unbekannt was mit Radionukliden im Meer passiert), wissenschaftliche Fakten entweder nicht kennt oder negiert.

Nach der üblich-saftigen Einmoderierung 
„würden Sie Gemüse aus Fukushima essen“ 
wurden gestern in der ZIB2 wieder die üblichen Standpunkte eingenommen:

Steinhauser: „es ist ja gar nicht so viel passiert“
Kromp: „ein Großexperiment, von dem wir nicht wissen was da noch kommt“

Hat das den Auftrag des öffentlich rechtlichen Rundfunks erfüllt?

Ich bezweifle es, denn die uns allen von vielen Journalisten gestellte Frage „Ist das schlimm?“ lässt sich naturgemäß die Medien nur befriedigend beantworten, wenn man sich auf ein Ja oder Nein beschränkt,
was aber ohne vorheriger Festlegung des Messsystems aber methodisch angreifbar bleiben muss.

Jedem, der sich jenseits der Baumschule gebildet hat, wurden die Kant’schen Kernfragen:
Was kann ich wissen??
Was soll ich tun??
Was darf ich hoffen??
eingebleut.
Heute müsste der Alte vermutlich seinen Kanon um die Frage des
Wovor soll ich mich fremdfürchten??
(http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35227) ergänzen.

Öffentlich-rechtliche Information sollte meines Erachtens einmal die unbestreitbaren FAKTEN UND IHRE VERTRAUENSBEREICHE festmachen, wobei das Schwergewicht auf diesen Fakten zu ruhen hat, die auch für den hiesigen Medienkonsumenten entscheidungsrelevant sind.

Also konkret müsste man Armin Wolf antworten, dass jeder von uns jedes Gemüse auch aus der Sperrzone einmal essen könnte, ohne dass das sein sicherer Tod wäre, weil es für uns eine EINZELDOSIS wäre, das Problem aber im Dauerkonsum kontaminierter Nahrung der Anreiner liegt.

Theoretisch wird etwa 1 von etwa 1,6 Millionen Menschen, die eine Zigarette pro Jahr rauchen, genau an dieser Zigarette durch Lungenkrebs sterben, 
weil statistisch gesichert ist, dass unter 200 Menschen, die 8000 Zigaretten/Jahr rauchen einer pro Jahr daran sterben wird.

Ob aber diese LINEARE EXTRAPOLATION eiens gesicherten Risikos bei hoher Exposition auch bis gegen Null valide ist, kann keiner sagen.

ABER:

Es wäre zum Beispiel eine sinnvolle Anregung auf Basis der bekannt gewordenen Problemen der Informationsweitergabe (um es freundlich zu formulieren) zwischen Betreiber und Aufsichtsbehörde

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitrag/video/1576888/ZDFzoom:-Die-Fukushima-Lüge 

zu diskutieren, ob es gesellschaftspolitisch wünschenswert ist, dass Risikotechnologien im Bereich privater, zur Gewinnmaximierung ihrer Miteigentümer (share holder value) verpflichteter Firmen bleiben dürfen.

Dieses Problem liesse sich auch – und dann macht es Sinn und ist keine der üblichen Like/DisLike Schlachten – an Beispielen aus anderen Industrien abhandeln:

Bhopal/Union Carbide/Auslagerung in die Dritte Welt: http://de.wikipedia.org/wiki/Katastrophe_von_Bhopal
Mexikanischer Golf/BP/Tiefseebohrung:
http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lpest_im_Golf_von_Mexiko_2010
ÖMV/Weinviertel/Fracking: http://derstandard.at/1330390280448/Weinviertel-OMV-lenkt-ein-Vorerst-keine-Schiefergasfoerderung

Das aufgewärmte Gruseln, ob der japanische Butterfisch im Shushi oder der japanische Blattspinat uns im Munde stecken bleiben soll, schafft wenig Erkenntnis.

Das Kasperltheater der streitenden Experten bringt wenig, egal ob das Wasser halbvoll oder halbleer ist.

Ein Risikoforscher Kromp ist für mich nicht sehr überzeugend, wenn er (siehe die Arbeitsgebiete seiner Institutshomepage:  nahezu ausschliesslich mit dem atomaren Risiko befasst.
https://forschung.boku.ac.at/fis/suchen.orgeinheit_uebersicht?sprache_in=de&menue_id_in=201&id_in=H818

UND DOCH:

Ein fast nur gemurmelter Beitrag Kromps in seinem Rückzugsgefecht hat dann doch das wirklichee Problem angesprochen:

Wir können nicht 1 1/2 Welten für den Energiehunger der entwickelten Welt verbrauchen …..

Es gibt eine Möglichkeit, die Gefahren des Super GAUs auch ohne Übertreibung in eines der beiden Extreme zu diskutieren:

Ist ist ziemlich egal, ob die residuale Strahlenbelastung die japanische Krebsrate um 0,002% angehoben wird
(der Chemiker Steinhauser zitiert den Onkologen Gale mit einer Sterberate von 0,001%) oder
(meine worst case Annahme für eine seafood basierte Exposition auf Basis der Daten nach den Unfällen in Windscale/Sellafield http://de.wikipedia.org/wiki/Windscale
um maximal 0,5% für die betroffenen Küstenabschnitte ansteigt…

Am Ende der Fahnenstange haben wir alle als Gesellschaft „100% Risikolose“:
 
Wenn wir die verspielt haben ist es aus …

Links:
Versuch einer Kommunikation von Strahlenrisiko:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=32224 
ZIB 2
http://tvthek.orf.at/programs/79134-Spaet-ZIB/episodes/3698623-ZIB-2

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