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Entwertung der Ausbildung durch das Geschäft mit der Fortbildung

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Doktorrolle

Hier wurde schon oft aus der Sicht der zur Berufsausübung berechtigten Ärzte das boomende Geschäft mit den postpromotionellen Fort- und Weiterbildungen und das Geschäft mit all den Dekreten, Zertifikaten und Spezialisierungen kritisiert.

Heute möchte ich dasselbe Problem aus der Sicht der Universität beleuchten.  Natürlich handelt es sich hier um meine persönliche Meinung, die sich in vielen Jahren sowohl extra- als auch intramuraler Lehrtätigkeit gebildet hat und muss nicht notwendigerweise der Meinung der aktuellen Curriculumverantwortlichen entsprechen, die mit dem Klinisch Praktischen Jahr (KPJ) ohnehin ein ganzes Jahr der universitären Ausbildung an Lehrspitäler ausgelagert haben (zumindest in dem Ausmaß indem man sich über die finanzielle Bedeckung einigen konnte).

Da wir derzeit davon ausgehen, dass Ärzte trotz jahrelanger universitärer und praktischer Ausbildung erst dann „etwas praktisch tun dürfen“, wenn sie einen Extra-Kurs absolviert haben, entwerten wir ja auch die teure Ausbildung. In Haupt- und Nebenvorlesungen, strukturierten Praktika und aktuell im KPJ bilden wir den ärztlichen Nachwuchs mit viel finanziellem Einsatz aus und bestehen darauf, dass sie noch weitere Jahre als „Azubis“ auch als Systemerhalter in den Spitälern herumlaufen (bald auch in Lehrpraxen die Routine übernehmen) in der Hoffnung, dass dabei auch für sie zusätzliche „hands on Erfahrungen“ (offiziell Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten) abfallen, um immer stärker sie als unbrauchbare Dilettanten zu desavouiren, die
einen Notfallkurs benötigen, damit sie Reanimieren können,
einen Sonografiekurs, damit sie einen palpapblen Schilddrüsenknoten objektivieren dürfen,
einen Hygienekurs, damit sie sich „chirurgisch“ die Hände waschen lernen,
einen Strahlenschutzkurs, um zu verstehen, dass ionisierende Strahlen eien Rolle spielen, wenn ein Lungenröntgen angefertigt wird,
einen Kommunikationskurs, damit sie einem Patienten sagen dürfen, dass er krank ist,
einen Akupunkturkurs, einen Homoeopathiekurs, einen Kurs über TCM, einen Gutachterkurs, ein Zertifikat von Doc_Cert, …. etc.

Das heißt die Gesellschaft, die Studenten und häufig auch deren Eltern bezahlt Unsummen, um aus einem Maturanten einen Dr. med zu machen. Zu meiner Zeit kalkulierte man das mit etwa einer Million Schilling, heutige Schätzungen variieren zwar um Größenordnungen aber mitteln bei etwa 190.000 €!

Ganz schön viel für einen unbrauchbaren Trottel, der durch Dutzende Kurse endlich einmal lernen soll, wie er seinen Beruf auszuüben hat!

Eigentlich sollten die Universitäten einmal ihre eigene Effizienz hinterfragen, was sie für dieses Geld leisten. Vergleichen Sie, liebe Leser, auch dazu folgenden Blog, der sich aus deutscher Sicht mit der Frage beschäftigt:
Wieviel schuldet ein Arzt dem Staat?
http://assistenzarzt.wordpress.com/2008/01/20/wieviel-schuldet-ein-arzt-dem-staat/

Weitere Links: 

Reisemedizin oder der Arzt auf Reisen http://wp.me/p1kfuX-Dd
Niedermoser: Who’s side are you on http://wp.me/p1kfuX-LF
Gelddruckmaschine ärztliche Fortbildung http://wp.me/p1kfuX-Cy
Die Qualität der Zertifizierung der Qualität http://wp.me/p1kfuX-4a

Written by medicus58

9. April 2014 at 19:08

Reisemedizin oder der Arzt auf Reisen

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Flug
Unter Reisemedizin versteht man Prophylaxe, Diagnose und Therapie von auf Reisen erworbenen Krankheiten: http://de.wikipedia.org/wiki/Reisemedizin
 
Um sich dieses und natürlich auch anderes medizinisches Wissen anzueignen, entfalten die Ärzte selbst eine nicht unbeträchtliche Reisetätigkeit, die inzwischen nur mehr dann als steuerlich absetzbar geltende gemacht werden kann, wenn sie ausschließlich dem Wissenserwerb dient. 
Für allgemeine Teile der Reise, etwa das Freizeitprogramm, darf nur soviel Platz gelassen werden, wie auch im alltäglichen Leben neben der Arbeitszeit Freizeit­aktivitäten möglich sind.
Zitat aus Die steuerlich perfekte Ärzte-Reise
http://www.springermedizin.at/artikel/7074-die-steuerlich-perfekte-aerzte-reise

Die Gelegenheiten, wo die Ärztliche Fortbildung ein versteckter Urlaubstrip war (Die Kunst, Arbeit mit Erholung und Spaß zu verbinden, haben 484 Wissenschaftler, meist Ärzte, im November 1960 auf einer Kongreß-Kreuzfahrt im Mittelmeer auf die Spitze getriebenhttp://www.zeit.de/1961/30/aerzte-kongress-auf-dem-wasser) sind heute sehr selten geworden.

Dass ich der Gelddruckmaschine Ärztliche Fortbildung etwas distanziert gegenüber stehe, obwohl ich sowohl Konsument, Vortragender als auch Anbieter bin, habe ich hier schon thematisiert (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=91833).

Welche Ausmaße diese Form der „Reisemedizin“ angenommen hat, kann auch der Laie auf den entsprechenden Suchmaschinen überblicken:

Auf http://www.kongresse-medizin.de werden mir z.B. in den nächsten 
7 Tagen 126 Kongresse angeboten.
Neben den klassischen Kongressen der wissenschaftlichen Gesellschaften sprießen immer mehr Anbieter, die für Teilnahmegebühren von einigen Hundert Euro (http://www.fomf.at/de_AT/home?) ein Wissensupdate versprechen.

Aktuell fordert das DFP Programm der Österreichischen Ärztekammer (http://www.arztakademie.at/diplom-fortbildungs-programm/) 50 Punkte/Jahr, das entspricht 50 x 45 Minuten reiner Fortbildungszeit in einer approbierten Veranstaltung (oder einer aliquoten Beschäftigung z.B. e-learnning). Derzeit ist das programm noch freiwillig, ab September wird es de facto zur Pflicht und das Bundesministerium wird von der Ärztekammer jährliche Berichte einfordern. 
Überwacht wird das Fortbildungsprogramm von einer Ges.m.b.H. der Österr. Ärztekammer, der mit den Kammerbeiträgen der Ärzteschaft finanzierten Arztakademie.

Berücksichtigt man An- und Abreise entsprechen 50 DFP mindestens einer vollen Arbeitswoche, die ein Arzt sich pro Jahr fortzubilden hat; 
Um die Vollkosten dieser Aktivität abzuschätzen muss man zu den Kongresskosten (Reise-, Übernachtungskosten, Teilnahmegebühr), die weder Krankenkasse noch Dienstgeber zahlt, kommt, noch den Verdienstentgang (Ordination zu, keine Nachtdienste im Spital, …) dazu rechnen. 

Keine Frage, Qualität kostet, aber zur ärztlichen Fortbildung im eigentlichen Sinn, können in manchen Fällen noch weitere gesetzlich vorgeschriebene Hygiene-, Strahlenschutz-, Arbeitsmedizinkurse, Geräteeinschulungen, Diplomkurse für allerlei Alternativmedizin, Psychotherapie, etc., etc. ….

Die Lösung ist jedoch einfach und wird in Deutschland von ca. 50% in Österreich von ca. 30% aller fertigen Mediziner ergriffen:

Sie tauchen nicht mehr am Krankenbett auf.

So gesehen ist es wohl wirklich besser, mehr als Fortbildner, Vortragender, Scout oder Trainer zu arbeiten, als direkt am Patienten,
jedoch sind wir schon wieder bei einem Thema, das wir hier auch schon abgehandelt haben: 
Stop working, Start counselling:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56907 
Flug 2

Gelddruckmaschine ärztliche Fortbildung

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AAPS
Die US-amerikanische Association of American Physicians and Surgeons (AAPS) verklagt das
American Board of Medical Specialties (ABMS), das sich für die regelmäßige Rezertifizierung (maintenance of certification (MOC))
der in den US tätigen Ärzte verantwortlich sieht. 
Die AAPS bezeichnet die ABMS, die prinzipiell einen Non-Profit Organisation darstellt wörtlich als Gelddruckmaschine
und verweist auf hohe Zahlungen an die dort beschäftigten Ärzte.

Für die Nichteingeweihten: 
Wie für jeden Beruf in gefahrengeneigten Bereichen ist auch für den des Arztes eine entsprechende theoretische und praktische Ausbildung gefordert.
Früher „genügte“ es das entsprechende Studium abgeschlossen zu haben und danach eine (für den praktischen Arzt, und den Facharzt) unterschiedliche lange Zeit in einem Spital unter Aufsicht sein „Handwerk“ auch praktisch zu lernen. Im Laufe der Zeit führten die meisten Länder nach Ende dieser praktischen Ausbildung, wohlgemerkt nach im Schnitt 6-8 Jahren Studium und 3-6 Jahren praktischer Ausbildung noch eine „Arztprüfung“ ein, weil man sich noch imemr nicht sicher sein wollte, dass unser „Hakim“ eigenverantwortlich auf die Menschheit losgelassen werden durfte. 

Was das für die bisherigen Ausbildner in Uni und Spital eigentlich bedeutet, dass man nach über einem Jahrzehnt Ausbildung dem Ausgebildeten noch immer nix zutraut, sei hier einmal nicht weiter ausgeführt.

Jedenfalls sind wir Ärzte per Gesetz zu einer kontinuierlichen Weiterbildung verpflichtet, wogegen zwar nichts einzuwenden ist, aber was u.a. die Basis für ein Abhängigkeitsverhältnis von der Industrie legt, weil sich niemand, weder Krankenkassen noch Spitalsbetreiber so wirklich Gedanken machen wollte, dass Fortbildung ja auch etwas kostet:
Verdienstentgang während der Fortbildung, wenn die Ordi zu ist
Reise- und Kongresskosten für kleinere Fächer, deren Fortbildungsveranstaltungen dünn gesät sind
Kein medizinischer Kongress ist durch die Kongressgebühren zu finanzieren sondern nur durch die Beteiligung der Industrie, …etc.

Dass dieser Zwang zur Fortbildung also ein Riesengeschäft ist, haben gewitzte Köpfe erkannt und schon seit Jahrzehnten (wieder in den USA früher als bei uns) eine Rezertifizierung nach der einmal abgelegten Arztprüfung eingeführt, zuerst nur für Themen des Hauptfaches und alle 10 Jahre, dann alle 7 Jahre und nun in einigen Fächern noch kürzer … nunmehr daneben auch ein Punktesystem für entgeltlichen Fortbildungsveranstaltungen, das auch immer mehr auf nicht wirklich mehr dem Kernfach zugeordnete Lehrinhalte setzt, damit auch ein paar Juristen, Psychologen, Ökonomen und Staatsbeamte einen Nebenjob bekommen.

Für die Finanziers des Systems, also die „Krankenkassen“ hat sich das (auch bei uns) als hervorragendes Druckmittel herausgestellt, um bestimmte Leistungen nur mehr zu Vergüten, wenn dieser oder jener Kurs nachweisbar ist.

Auch für die wissenschaftlichen Gesellschaften und diversen anderen Vereine sind diese Kurse neben den Kongressen zu einer sprudelnden Einnahmequelle geworden, so dass sich auch in den USA bereits das American Board of Radiology, dass für sein Fach die MOCs durchführt, heftig gegen den Vorstoß der AAPS ausspricht.

Nur US-amerikanische Verhältnisse? 

Mitnichten, auch bei uns haben es gewisse Seilschaften geschafft, dort einen Ultraschallkurs, da einen Kurs für Knochendichtemessung, hier eine Hygieneunterweisung, da einen Refresher für Strahlenschutz de facto zum Standard zu machen. Ein bisschen Lobbying im Bundesministerium u/o der Ärztekammer und schon ist’s geschafft.
Natürlich ist meine Beobachtung nur „Eminence based“ und durch keine Doppelblind-Studie erhärtet, aber meiner Wahrnehmung nach hat sich die regelhafte Panik bei einem medizinischen Notfall außerhalb von Intensivstationen oder Rettungswägen seit Jahrzehnten nicht wesentlich gemildert, seit nunmehr praktisch jeder Jungarzt seinen „Notarztrefresher-Kurs“ besucht….

Der Hauptvorwurf in der Klage der amerikanischen Kollegen lautet, dass es bei all diesen Fortbildungs- und Zertifizierungsbemühungen nicht um Qualität sondern um Knete geht, wird durch Einzelfälle untermauert, die an dem System sehr gut verdienen. 
Wie kann das sein, wenn die beteiligten Organisationen alle das Non-Profit Label tragen?
Ganz einfach: Da gibt es Leute die Vorträge halten, die Prüfungen zusammen stellen (in den USA laufen die Prüfungen heute meist über Multiple Choice Fragen am PC ab, d.h. einmal erstellt, bringt das Programm immer wieder Geld. Ein Tross von Leuten zieht durch die Lande, stellt die PCs auf und die Kasse klingelt. Wissenschaftliche Gesellschaften laden einander zu Vorträgen ein (Spesenersatz), … die Möglichkeiten sind endlos und keiner schaut da so genau, weil es ja um Qualität geht, also was ganz, ganz Gutes …

Noch haben wir bei uns nicht ganz den US-amerikanischen Standard erreicht, jedoch wäre es Zeit auch bei uns einmal zu hinterfragen, wem das alles wirklich nützt, was hier aufgebaut wird. Vielleicht ersparen wir uns dann irgendwann einen Gerichtstermin.

Über eines andere Seite des Zertifizierungswahns habe ich schon hier einmal unter
Die Qualität der Zertifizierung der Qualität“ berichtet:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=39411  

Und auch mein Aufruf „Stop working start counselling“ vor fast exakt einem Jahr greift das Thema auf, dass immer mehr davon leben wollen, dass sie immer weniger, die noch im Primärprozess arbeiten, sagen, wie es eigentlich richtig geht: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56907

Links:
http://www.aapsonline.org/index.php/site/article/aaps_takes_moc_to_court/  
http://online.wsj.com/article/PR-CO-20130424-917146.html?

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