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Jedem sein Flüchtling, eine Geschichte der Willkommenskultur

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In seinem höchst lesenswerten Buch 1979 versucht der Historiker Franz Bösch zu zeigen, dass für unsere heutige Welt nicht die Umbrüche 89 oder 91, sondern das Jahr 1979 ausschlaggebend war:

Im Hinblick auf den religiösen Fundamentalismus  (Iranische Revolution, Inthronisation von Papst Wojtyla), Thatchers Deregulierung und Ausverkauf des Staates, und u. a. durch den Einmarsch der UDSSR in Afghanistan. (Spoiler ahead)

Um gleich weiter die bleibende Relevanz meines dritten Studienjahres für den Gang der Welt vorweg zu nehmen, beschäftigt sich das Buch auch ausführlich mit der damals aufkeimenden Willkommenskultur für die vietnamesischen Boat People, also jene Menschen, die in den Jahren nach dem Fall von Saigon 1975 in Booten vor der Machtübernahme der Kommunisten flohen. Gerade die BRD sah die Aufnahme dieser Menschen als propagandistische Waffe gegen die DDR. Dass da nicht nur vom Kommunismus verfolgte Vietnamesen flohen sondern auch chinesische Kollaborateure und Unterweltler, davon zeugen südostasiatische Bordellbezirke und das Musical Miss Saigon aus 1989.

Im Gegensatz zum entsprechenden Wikipedia Eintrag, der den Begriff Willkommenskultur nur im 21.Jhdt als wirkmächtig sieht, zeichnet Bösch die Historie breiter gesellschaftlicher Unterstützung bestimmter flüchtender Personen mit verblüffender Detailliebe und verblüffendem Ergebnis nach.

Gerade die unterschiedlichen Reaktionen der damals geografisch und weltanschaulich getrennten deutscher Staaten deckt auf, dass für die Entscheidung wer nun ein wilkommener Flüchtling war, nicht ausschließlich humanitäre Gründe ausschlaggebend waren.

Der Jubel linker Gruppen über den Sturz des persischen Schah Mohammad Reza Pahlavi prallte auf konservative Gruppen, die darauf verwiesen, dass unter seiner Herrschaft Frauen mit Miniröcken durch Teheran spazieren konnten (die Fotos kursieren bis heute). Als die Diktatur der revolutionären Garden ihr wahres Gesicht zeigte, verstummten beide Seiten und hießen flüchtende Iraner bei uns willkommen. Ein iranischer Studienkollege, der uns während des Sezierkurses die Vorteile der Revolution in den hellsten Farben schilderte, blieb dann in Wien und bemühte sich erfolgreich um die österreichische Staatsbürgerschaft.

Bösch zeichnet auch die Euphorie der Linken über den Sieg der Sandinistas in Niceragua nach, während die Rechte (Contras) alles tat, um das System zu stürzen. Am Ende (1994) wandte sich aber sogar der Sandinist, Marxist und Christ Ernesto Cardenal, wohl eine der bekanntesten Gallionsfiguren der Bewegung von Daniel Ortega ab, der sich vom linken Heilsbringer zum konservativen Hardliner entwickelte.

Keiner reist heute mehr nach Niceragua um bei der Kaffee-Ernte zu helfen und Russland hängte trotz oder wegen Ortegas Wandel ihm zum 70 Geburtstag den Orden der Freundschaft um.

Endlos könnte man die Beispiele fortsetzen, wo zur Stabilisierung der eigenen politischen Position Flüchtlinge/Migranten mal für gut mal für schlecht gehalten wurden und dies top down in den Medien verstärkt wird. Bottom up führt das zwangsweise zu mehr Fremdenhass.

In den Sozialen Medien überschlagen sich die Forderungen afghanische Frauen nach Österreich zu bringen, um sie vor dem Missbrauch der Taliban zu schützen. Das dies etwas über einem Monat nach dem Fall Leonie auch zumindest befremdlich aufgefasst werden könnte, scheint niemandem aufzufallen.

Die Erfahrung lehrt, dass sich sowohl Anteilnahme als auch Einschätzung bestimmter Länder und ihrer Flüchtlinge rasch ändern kann, im Zeitverlauf verlässlich abnimmt.

Wut ist das Hauptmotiv für meine Arbeit – Wut über die Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich.

sprach Karlheinz Böhm und entfesselte in Wetten dass in den 80ern eine Spendenwelle für die Menschen in der sozialistische Militärdiktatur (1974-1991) in Äthiopien. Hilfe zu Selbsthilfe schien das Ziel erreicht zu haben als man 2019 Präsident Ably für seine Aussöhnungspolitik den Friedensnobelpreis verlieh. Kurz danach wurde das Land erneut zur Konfliktzone, der sich kaum als ökonomischer Konflikt zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden erklären läßt. Und das einseitige Bild der armen Äthiopier aus dem Bewusstsein der Welt verdrängt hat.

Auch eine andere Nobelpreisträgerin, Aung San Suu Kyi, war während ihres Hausarrest durch die Birmesischen Militärdiktatoren weltweit als Märtyrer gefeiert worden und Birmesen, die das Land verlassen konnten, brandete Mitgefühl entgegen. Als sich die seit 1948 wiederkehrenden Feldzüge gegen die Rohingya-Minderheit auch nach Aung San Suu Kyis Rückkehr in die Politik fortsetzte, war ihr internationaler Ruf dahin und aktuell steht sie sowohl unter Anklage des internationalen Gerichtshofes als auch der zurückgekehrten Militärs. Die deutsche Entwicklungshilfe wurde von Birma zu den Rohingya Flüchtlingscamps umgeleitet. Ihnen gehört jetzt die Anteilnahme.

Welcher Juso der 70er will sich heute noch an seinen flammenden Einsatz für die Polisario erinnern, obwohl sich am Status der bis zu 170. 000 Menschen, die aus der Demokratischen Arabischen Republik Sahara nach Algerien geflüchtet sind, wenig gebessert hat.

Ein Blick auf die Karte würde Ihnen zeigen, dass Afghanistan rund doppelt so weit von uns entfernt ist wie die Westsahara und Birma fast dreimal so weit.

Die mediale Präsenz und der gelegte Fokus bilden mehr die jeweilige eigene politische Sicht als eine humanistische Gesamtsicht von Flucht- und Migrationbewegungen ab. Meist sind nicht die Forderungen an sich falsch, jedoch ungerecht für wen sie erhoben werden und wer dabei vergessen wird.

Klar kann man zur Bibel greifen und das Eintreten für den geringsten seiner Brüder (die Bibel gendert nicht) als Huldigung des Gottessohns verteidigen. Man möge mich aber mit der Forderung verschonen, dass ich in immer rascherem Wechsel die Juden, Palestinenser, Vietnamesen Westafrikaner, Iraner, Iraker, Afghanen, Kurden, Birmesen, Syrer, Rohingya und wieder Afghanen willkommen heißen soll, nur weil es gerade politische Mode wurde.

Written by medicus58

19. August 2021 at 14:30

Veröffentlicht in Allgemein

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F wie Fremdenhass?

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draht

 

Die Blue Meanies (https://en.wikipedia.org/wiki/Blue_Meanies_(Yellow_Submarine)) der FPÖ verdoppelten am Sonntag in Oberösterreich ihren Stimmenanteil und werden mit großer Wahrscheinlichkeit Ähnliches auch in Wien „schaffen“.

SPÖVP, Grün und die Meinungsforschung haben seit Jahren ein und dieselbe Erklärung parat und die scheint angesichts der aktuellen Wanderungsbewegungen durch Mitteleuropa auch plausibel:

Wähler sind verunsichert, aufgehetzt und lehnen Ausländer ab,
deshalb wählen Sie die Partei, die seit Jahrzehnten
„Ausländer raus“ brüllt.

Der Standard: Flüchtlingsthema dominierte klar
http://derstandard.at/2000022863113/Fluechtlingsthema-dominierte-klar

Die Presse: OÖ-Wahl: Flüchtlingskrise wichtigstes Wahlmotiv
http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/4830427/OOWahl_Fluchtlingskrise-wichtigstes-Wahlmotiv?

Tiroler Tageszeitung: Flüchtlinge brachten FPÖ Sieg bei der Oberösterreich-Wahl
http://www.tt.com/home/10564105-91/fl%C3%BCchtlinge-brachten-fp%C3%B6-sieg-bei-der-ober%C3%B6sterreich-wahl.csp

Bayrischer Rundfunk: FPÖ punktet mit Stimmung gegen Flüchtlinge
http://www.br.de/nachrichten/wahlen-oberoesterreich-landtag-100.html

EuroNews: Migrants a ‘key factor’ as far-right makes gains in Austria election
http://www.euronews.com/2015/09/27/migrants-a-key-factor-as-far-right-makes-gains-in-austria/ 

Mich wundert nur, weshalb niemand die Überlegung anstellt, ob nicht Regierungen dafür abgestraft werden, weil sie die (von Populisten) aufgezeigten Probleme nicht wirklich angegangen sind und nicht, weil sie sich der populistischen Lösungsstrategie (Zäune, Polizei, Militär, Zurückschießen, …) verweigern.

Dass kein Staat durch viele Wochen jeden Tag Quartiere für zusätzlich Tausende Asylwerber schaffen kann, leuchtet sicher auch dem Wähler ein, aber Google findet Dutzende Belege für die fehlende Lösungskompetenz der Regierenden ehe das Problem die heutigen Dimensionen angenommen hat.

z.B. aus 2012:
Erstaufnahmezentrum Traiskirchen überfüllt, Mikl-Leitner bittet Länder um Hilfe  http://derstandard.at/1342139589262/Erstaufnahmezentrum-Traiskirchen-ueberfuellt-Mikl-Leitner-bittet-Laender-um-Hilfe

Was ist, wenn sich mancher oberösterreichische Wähler die Frage gestellt hat, ob auch ihn seine Regierung im Katastrophenfall auf der Straße leben hätte lassen, wenn er und 20.000-30.000 andere Oberösterreicher plötzlich ihre Wohnungen oder Häuser verlassen hätten müssen (siehe Katastrophenpläne, grenznahe AKWs, Umweltkatastrophen, Grundwasserbelastungen, …), weil offenkundig auch für diesen Fall keine politische Lösungskompetenz existiert? Dem Feldbett ist es einerlei, wer drinnen liegt.

Vielleicht macht den Wähler gar nicht primär „der Syrer“ oder „der Afghane“ Angst sondern die Tatsache, dass Staatsgrenzen und Rechtsstaatlichkeit mit einfachem Schuhwerk niedergetrampelt werden können, für deren Schutz man sich schließlich – für viel Geld Landesregierungen, Bundesregierungen oder supranationale Organisationen hält. Vielleicht dämmert es dem Wähler, dass es den Regierenden bzw. ihren Lobbyisten in Europa nur wichtig war, dass sich das Kapital aussuchen kann, wohin es geht und die „Freizügigkeit“ der Bürger eher ein Kollateralschaden war. Da man zwar Glühlampen aber nicht Sozialsysteme standardisiert hat, wundert es auch nicht, dass Asylwerber dorthin gehen, wo die Sozialhilfen am höchsten sind.

Kurz, vielleicht wählt der Wähler einfach die Regierungen ab, die es nachweislich nicht einmal ernsthaft versucht haben ihren ureigensten Aufgaben (Rechtsstaatlichkeit, Gesundheitssystem, Bildungssystem) nachzukommen; auch und obwohl er von den Alternativen, wie der Zahntechniker-Partei, gar nicht so überzeugt ist.

Erst wenn die an der Macht befindlichen Politiker dazu stehen, dass sie abgewählt werden,
WEIL SIE Fehler gemacht haben,
weil sie Argumente durch Macht ersetzt haben,
weil sie Menschen anbrüllen, bedrohen und mit Hinauswurf bedrohen,
weil sie stadt- und staatsnahe Einrichtungen als Pfründe für Freunde und nicht als Dienstleistungseinrichtungen betreiben,
weil ihre Finanzskandale uns in Summe auch nicht viel billiger als die HypoAA kommen,…

nicht weil der Wähler
unaufgeklärt,
stumpf,
rechtsradikal,
islamophob und
xenophob ist,
dann bestünde Hoffnung auf eine wirkliche Alternative. 

Written by medicus58

28. September 2015 at 07:20

Mögen Sie Flüchtlinge?

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draht

Vorab,

für mich ist es ein Skandal, wie Österreich bisher in der „Flüchtlingsfrage“ agiert hat und ich erwarte für den nicht unbeträchtlichen Teil meines Einkommens,
den ich an diesen Staat abliefern muss, dass er einen rechtsstaatlichen und humanitären Umgang mit Menschen garantiert, die hier um Asyl ansuchen oder/und einwandern wollen, egal ob sie das zu Recht oder zu Unrecht tun.
Weiters weiß ich aus eigener vor Ort Erfahrung, dass ein Großteil der Menschheit gute Gründe hätte, nach Europa auszuwandern, aber es in der Regel nur bestimmte Gruppen auch versuchen bzw. schaffen, und das nicht immer die Ärmsten und Bedürftigsten sind.

Letztendlich steht es für mich außer Streit, dass Flüchtlinge (http://www.unhcr.at/mandat/questions-und-answers/fluechtlinge.html) völkerrechtlichen Schutz zu erhalten haben.
Nicht aus Nächstenliebe, Gnade oder kurzfristiger Gefühlsaufwallung, sondern, weil es sich bei diesem Recht um eine wesentliche unserer Gesellschaft handelt.

Bei der augenblicklichen Welle der Hilfsbereitschaft von Teilen der Zivilbevölkerung und der Politik , sowie den flammenden Appellen in Kirchen und Parlamenten frage ich mich aber, ob auch jeder,
der sich jetzt freudig seiner überschüssigen Decken oder Wasserflaschen entledigt, klar ist, dass Flüchtlinge naturgemäß auch Teile ihres bisherigen Umfelds mitbringen, das mitunter nicht ganz kompatibel mit der Gesellschaft sind,
die wir uns mit viel Blut und Opfer in Europa erkämpft haben.

Sollen wir den anerkannten Flüchtlingen das Recht geben, ihre Mädchen zu beschneiden, weil das in ihrer bisherigen Heimat so Sitte war?
In sieben Ländern – in Dschibuti, Ägypten, Guinea, Mali, Sierra Leone, Somalia und im Norden des Sudan – ist die Praxis fast flächendeckend verbreitet: Über 90 % der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind dort beschnitten. Die Infibulation (Typ III) ist insbesondere in Dschibuti, Eritrea, Äthiopien, Somalia und Nordsudan verbreitet, in Dschibuti und Nordsudan ist mehr als die Hälfte der Frauen, in Somalia sind etwa 80 % der Frauen von diesem Eingriff betroffen. Außerhalb Afrikas ist bisher der Jemen das einzige Land mit Beschneidungspraxis, für das die Verbreitung statistisch erfasst wurde: 22,6 Prozent der 15- bis 49-jährigen Mädchen und Frauen sind betroffen. Indizien deuten darauf hin, dass die Beschneidung weiblicher Genitalien in Syrien und dem West-Iran präsent ist. Weiter ist die Praxis für das irakische Kurdistan, für Teile des übrigen Irak, für kurdisch besiedelte Regionen in der Türkei,für das nördliche Saudi-Arabien und südliche Jordanien, für Beduinen in Israel, für die Vereinigten Arabischen Emirate, für muslimische Gruppen in Malaysia und für Indonesien (primär auf den Inseln Sumatra, Java, Sulawesi, Madura, vorwiegend Typ I und IV) dokumentiert.
https://de.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Genitalverst%C3%BCmmelung#Afrika

Vermutlich würden Sie jedem Afghanen und Pakistani Flüchtlingsstatus zubilligen, wenn er nachweisen kann, dass er von den Taliban verfolgt wurde. Woher wissen Sie aber, dass er nicht auch Taliban, eben einer der anderen Fraktion war?
Sie beide heißen Taliban
, doch die Islamisten in Afghanistan und Pakistan kämpfen auf unterschiedlichen Seiten. Das Schulmassaker in Peschawar verschärft die Rivalität zwischen den beiden Gruppen.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-schulmassaker-verschaerft-rivalitaet-der-taliban-a-1009029.html

Sollen wir anerkannten Flüchtlingen aus islamischen Ländern das Recht zubilligen, die Scharia über das nationale Recht zu stellen?
In Sub-Sahara Afrika stellt über die Hälfte der Menschen die Scharia über nationales Recht, in Niger sind es sogar 86%, in Djibouti 82%,  in der Demokratischen Republik Kongo 74% und in Nigeria 71%.

sharia
http://www.pewforum.org/2013/04/30/the-worlds-muslims-religion-politics-society-beliefs-about-sharia/

Und schließlich steht es wohl außer Frage, dass syrische Flüchtlinge vor den Barbaren des Islamischen Staats flüchten, oder?
Das Land ist in die Herrschaftsgebiete verschiedenster Fraktionen zerfallen, die sich zum Teil untereinander bekämpfen. Geht irgendwo ein Palast in die Luft, wird das in unseren Medien stets vermeldet, wenige Medien sprechen aber über die anderen Gruppen:
Syrisches Regime: Zuerst Stillhalteabkommen mit IS, jetzt auch Gefechte zwischen Regime und IS.
Freie Syrische Armee: Dachverband verschiedenster Rebellengruppen von der Türkei und USA unterstützt. 
Islamische Front: Dachverband Aufständischer, die einen islamischen Staat errichten wollen, von Saudiarabien und Golfmonarchien unterstützt.
Jabhat al-Nusrah: kooperiert zum Teil mit der Islamischen Front, offizielle Vertretung des Terrornetzwerkes al-Qaida
Islamischer Staat (IS): „Kalifat“, dass sich bis in den Irak zieht. Zu Beginn mit Unterstützung des Regiems gegen anderen syrischen Rebelleneinheiten, jetzt gegen alle; angeblich auch anfänglich von Türkei unterstüzt
Volksverteidigungseinheiten (YPG): Kurden, die für einen unabh. Kurdistan kämpfen
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4809036/Syrien_Ein-Burgerkrieg-ohne-Ausweg

Wir wollen gar nicht so bösartige Fragen stellen, wie nach der Bereitschaft für eine freiwillige Abgabe zur Abdeckung der Integrationskosten (Sprachkurd, Verfahren, Unterstützungen, Umschulungen, Nostrifikationen, …),
nach Ihrer Präferenz sich in die Hände eines nostrifizierten nigerischen Arztes oder Rechtsanwalts zu begeben oder
ob Sie Ihrer minderjährige Tochter die Erlaubnis geben würden, ihren 40-jährigen afghanischen Verlobten zu ehelichen… (http://fotodesjahres.unicef.de/foto_-2008/2007/index_2007.htm)

Es ist eine Illusion, dass Menschen nicht Teile ihrer bisherigen Probleme und Überzeugungen mitbringen und ich vermisse eine offene Auseinandersetzung, wie wir mit diesen Herausforderungen umgehen.
Nochmals, dies alles sind keine Gegenargumente gegen das Asylrecht für Flüchtlinge, aber Fragen, denen wir uns rechtzeitig stellen sollten, weil wir sie uns nicht ersparen können.

 

PS: Am 2.9.2015, also am Tag nachdem ich diesen Beitrag schrieb lief das auf ZDF:
Ein Staat – zwei Welten?
Wie die etwa 800.000 Flüchtlinge in die Gesellschaft integriert werden, ist eine Frage unserer Zukunft. Werden sie in Parallelwelten abtauchen oder lernen, unser Wertesystem zu akzeptieren?

http://www.zdf.de/zdfzoom/ein-staat-zwei-welten-einwanderer-in-deutschland-39881050.html

Written by medicus58

1. September 2015 at 19:40

Die Globalisierte Nächstenliebe – Weltweites Bleiberecht für alle

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Es sollte einen immer hellhörig machen, wenn Medien seit Monaten zögern auf eine knackige Story aufzuspringen.
Das Refugee Protest Camp Vienna besteht seit November 2012 und bis heute ist die mediale Berichterstattung, trotz Aufmarsch illustrer Gäste und vergleichbarer Aktionen in ganz Europa
http://de.wikipedia.org/wiki/Asylproteste_in_Deutschland_2012, http://www.noborder.org/images/transborder_map_front.jpg http://www.noborder.org/camps/campsite.html
sagen wir einmal unterproportional.
Entweder ist das so, wie Ingrid Thurnher gestern „Im Zentrum“ (http://tvthek.orf.at/programs/1279-Im-Zentrum) behauptete, weil das Thema des „Refugee Protest Camps Vienna (http://refugeecampvienna.noblogs.org/) in den Onlineforen der Zeitungen unseren „Ausländerhass“ entfesselt und deshalb, damit nicht schlafende Hunde geweckt werden, das ganze nur unter dem Teppich stattfindet,
oder es könnte aber auch sein, dass selbst der traditionellen rechten Fremdenhatz Unverdächtige, eine gewisse Diskrepanz zwischen Schein und Sein der Aktion nicht ausschließen können.

Für letztere Variante sprechen folgende lesenswerte Artikel, wobei Florian Klenks Reportage (http://www.falter.at/falter/2013/01/08/im-kirchenasyl/) leider nicht gebührenfrei online zu lesen ist.
Die Presse: Worum es bei der Besetzung der Votivkirche wirklich geht
http://diepresse.com/home/meinung/dejavu/1337511/Worum-es-bei-der-Besetzung-der-Votivkirche-wirklich-geht
Profil: Flüchtlingsprotest in der Votivkirche: Glaube, Liebe, Hunger
http://www.profil.at/articles/1303/560/350177/fluechtlingsprotest-votivkirche-glaube-liebe-hunger
Aktivisten: Die Unterstützer der Asylwerber
http://diepresse.com/home/panorama/wien/1329443/Aktivisten_Die-Unterstuetzer-der-Asylwerber
Schützt die Asylwerber! Schützt sie vor den Kirchenbesetzern!
http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/leitartikel/1330878/Schuetzt-die-Asylwerber-Schuetzt-sie-vor-den-Kirchenbesetzern
Kurzer Rückblick auf das RefugeeCamp einiger
„Einige Anarchistinnen und Anarchisten“
https://linksunten.indymedia.org/de/node/76647
Überblick auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Refugee_Protest_Camp_Vienna

Wer sich über die einzelnen Forderungen der Protestierenden informieren will, hat es nicht leicht. Die Forderungsliste auf dem „offiziellen Blog“ der Protestierenden (https://refugeecampvienna.noblogs.org/post/2012/11/25/bewegungsfreiheit-fur-alle-fluchtlinge-we-will-rise/) listet neben

  1. allgemein verständlichen Forderungen nach adäquaten sanitären und medizinischen Verhältnissen in den Aufenthaltslagern und mehr Selbstverwaltung
  2. eine Reihe von Forderungen auf, die einander in der Praxis widersprechen (Deutschkurse im Lager ab dem ersten Tag, d.h. es fehlen Sprachkenntnisse in der Familie, trotzdem, reguläre lokale Schulen gemeinsam mit ortsansässigen Kindern für die mitgebrachten Kinder)
  3. Forderungen, die auch für österr. Staatsbürger nicht erfüllt sind (Gratis Tickets für den öffentlichen Verkehr, Freies Internet und Sat-TV)
  4. und schließlich Forderungen, die nahezu wortident europaweit gestellt werden:
    1. Stopp aller Abschiebungen unabhängig vom behördlich festgestellten Status
    2. Sofortige Arbeitserlaubnis im Zielland unabhängig vom behördlich festgestellten Status

Das bereits zitierte gestrige  „Im Zentrum“, in dem ein im Detail offenbar nicht ganz firmer Dichter (Franzobel) und professionell Engagierte, die Grüne Integrationssprecherin Korun und Ute Bock für allgemeines Verständnis für die Protestierenden werben, der Leiter des Bundesasylamtes sein Amt verteidigen durften und FPÖ Generalsekretär Vilimsky Gelegenheit geboten wurde, ein paar der Wahlslogans für das kommende Wahljahr auszuprobieren, schaffte es erwartungsgemäß nicht, die selbst aufgeworfene Frage „Radikale Aktivisten oder verfolgte Opfer?“ nur annähernd zu erhellen, geschweige denn zu beantworten.
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20130125_OTS0206/im-zentrum-am-27-jaenner-aufstand-der-asylwerber-radikale-aktivisten-oder-verfolgte-opfer

Dies ist bedauerlich, denn eigentlich hätte man sich so etwas von einem gebührenfinanzierten Staatsrundfunk erwarten dürfen.
Das Thema geht schließlich über ein paar Einzelschicksale in der Votivkirche hinaus.
Es formierte sich hier eine Bewegung, die mit formal links syndikalistischer Wortwahl, dem Verweis auf das christliche Konzept der Nächstenliebe und dem eher laizistischen Konzept der Menschenrechte – fürwahr eine bizarre Melange – ein Weltweites Bleiberecht für alle fordert.
Wohlgemerkt nicht im jeweiligen Heimatland, sondern in dem Land, wohin es die betreffende Person – wie auch immer – geschafft hat.
Wer Zweifel daran hegt, dass es sich hier um eine europaweit koordinierte Aktion handelt, der möge sich die Homepage des für 1.-3. März 2013 in München geplanten Kongresses der protestierenden Flüchtlinge in Europa auf  http://refugeecongress.wordpress.com/kongress-congress/aufruf/ anschauen.

Asylanwalt und Bruno Kreisky Preisträger Bürstmayr doppelte kürzlich im Standard noch eins drauf, in dem er Österreich vorwirft, das in Analogie zur US-amerikanischen Verfassung den Asylwerbern (Flüchtling würde ja nicht mehr passen) zustehende Streben nach Glück verweigert.
http://derstandard.at/1356426519994/Asylproteste-Die-Angst-vor-dem-Streben-nach-Glueck

Ob das alles, was sich da als christlich, humanistisch und linkslink gebärdet nun Folge oder Antwort auf die hier schon einmal beschriebene Stille Revolution (Die lautlose Diktatur des globalisierten und deregulierten Kapitalismus http://wp.me/p1kfuX-l1) ist, mag offen bleiben, jedoch missachten die lautstarken Aktivisten eines Bleiberechts für jeden Einwanderungswilligen bewusst oder unbewusst dieselbe Kleinigkeit, wie die Befürworter schrankenloser Freizügigkeit von Kapital und Produktion:

Die punktuelle u/o einseitige Aufweichung globaler Schranken führt nicht zu mehr Gerechtigkeit sondern zementiert die Ungerechtigkeit eines Systems.

Vereinfacht ausgedrückt, mache ich die Welt nicht gerechter, wenn ich dem, der das Zigfache eines durchschnittlichen Monatslohns an irgendwelche Schlepperorganisationen zahlen konnte und die Anreise überlebt hat, hier ohne schlüssige Gründe für einen Flüchtlingsstatus die kompletten Bürgerrechte nachwerfe.
Ganz im Gegenteil, ich benachteilige guten Gewissens die Mehrheit seiner Landsleute, die es eben nicht geschafft haben, sich hierher schleppen zu lassen.
Diese wären mit den 40€ Taschengeld pro Monat, die der Asylwerber hier erhält, ökonomisch in den meisten Herkunftsländern schon bestens abgesichert.
Aus diesem Blickwinkel betrachtet stellt sich nicht nur die Frage, ob wir Europäer gerecht sind, sondern auch in welchem Ausmaß sich die außereuropäischen Wirtschaftsflüchtlinge mit ihren Forderungen an uns gerecht gegenüber der Mehrheit ihrer ehemaligen Landsleute verhalten.

Während es bis in die späten Neunzigerjahre unbestritten war, dass sich die ökonomische Situation eines Landes nur durch Maßnahmen vor Ort zu verbessern sind, was wahlweise zu importierten Revolutionen, Entwicklungshilfe oder Unterstützung geeigneter Kräfte vor Ort führte, blenden wir heute diesen Aspekt völlig aus.
Die heutigen Aktivisten bleiben im Lande, verfassen Homepages, schicken Tweets, richten Facebookgruppen ein und versorgen Medien mit herzeigbaren Immigrantenschicksalen.

Ihre Immunisierungsstrategie nützt das von neoliberaler Indoktrinierung aufbereitete schlechte Gewissen des Mittelstands: 
Der europäische Wohlfahrtsstaat ist nicht Leistung vorangegangener Generationen (Wirtschaftswunder) sondern nur „ungerechtfertigtes Leben über unsere Verhältnisse“
und bietet die Aufnahme einiger Wirtschaftsflüchtlinge als einzig möglichen Ablass.

Ein eigenartiges Weltbild, dem ich kaum mehr folgen kann. Menschen die glauben, dass sie sich durch die erzwungene punktuelle Einbürgerung einzelner oder durch die Öffnung Europas als Gelobtes Land für die Wirtschaftsflüchtlinge der Welt verwirklichen müssen, sollten mit etwas größerer journalistischer Sorgfalt auf ihre Ideologische Basis überprüft werden, als das gestern Frau Thurnher Im Zentrum tat.

Aktivistensites:
http://www.refugeetentaction.net/
http://www.refugeetentaction.net/
https://refugeecampvienna.noblogs.org

Written by medicus58

28. Januar 2013 at 18:04

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