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#METOO Bekenntnisse eines von 223.544 Pilz Wählern

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Jetzt ist es also passiert!
Selbst während der Lewinsky Affäre hatten weltweit nicht so viele Menschen die Gelegenheit Oralsex zu haben, also über das behaupteten und bewiesenen Sexualverhalten anderer zu reden, wie in den letzten Wochen.
Vor allem in der veröffentlichten Wirklichkeit scheint es nur mehr Opfer, Täter und Richter zu geben.
Wer sich verteidigt ist schuldig, wer sich nicht verteidigt sowieso.
Musste zu Zeiten der Inquisition der Teufel herhalten, um jedes Gegenargument zu entkräften,
immunisiert sich heute die Anklage mit Begriffen wie Anti-Semitismus, Homophobie, Nationalsozialismus oder aktuell grad Sexismus.
Widerspruch zwecklos, sonst sitzt man gleich selbst auf der Anklagebank.

Vor fast fünf Jahren bedauerte ich hier (21.12.2011: Florian Pilz gegen Peter Klenk) einen Konflikt zwischen Florian Klenk (Falter) und Peter Pilz (damals Die Grünen) über den „Fall Kampusch„.
Nach einem „langen Telefonat mit Klenk“ beschloss Pilz jetzt sein Nationalratsmandat nicht anzunehmen, nachdem schon Tage vorher Profil und Presse die Beschuldigung der sexuellen Belästigung erhoben hat und der Falter nun eine zweite Geschichte „herausfand“.

Grund genug sich nochmals mit dem Herren zu unterhalten, den ich bereits vor der Nationalratswahl 2017 interviewt habe und für den damals der wesentlichste Grund „Pilz zu wählen“ war, dass er ihn für
bedingungslos interger hielt, weil man ihn sonst schon längt hopp genommen hätte:
Schwammerlsuche im Wahlkampf: Unser Gespräch mit einem Pilz-Wähler 

Nun„, triumphierte ich zu Gesprächsbeginn, „so ganz integer scheint der Pilz doch nicht gewesen zu sein?!“
Doch eher so ein Harvey Weinstein, Verteidigungminister Fallon oder Kevin Spacey? Oder wie es die Grüne Sigi Maurer twitterte:
Ein erbärmlicher Sexist. Seine politische Karriere muss enden. Und immer gilt der Betroffenenschutz.

„Also die einzige Parallele, die ich sehe, dass es auch in diesen Fällen weder eine Gerichtsverhandlung noch ein rechtskräftiges Urteil gibt.“
Ich entgegne, dass doch die Beweise erdrückend wären, worauf ich korrigiert werde, dass ein Beweis das (positive) Ergebnis eines auf die Feststellung von Tatsachen gerichteten Beweisverfahrens darstellt und klar von Anschuldigungen zu differenzieren ist.

„Sie werden doch nicht ernsthaft bezweifeln, dass Peter Pilz sich im wahrsten Sinn des Wortes verbal und manuell vergriffen hat, da gibt es Zeugen!“
Natürlich nicht„, antwortete mir mein Gegenüber ganz ruhig. „Es scheint unstrittig, dass in Alpbach zwei Männer einen betrunkenen und grapschenden Pilz ziemlich schnell von der bedrängten Frau weggezogen haben, woran sich Pilz nicht mehr erinnern kann/will und dass seine ehemalige Assistentin im Grünen Club 40 sexuelle Übergriffe dokumentiert hat, es aber auf Wunsch der Beschwerdeführerin zum Schutz der Betroffenen zu keine Verhandlung gekommen ist.“

„Eben“, triumphierte ich erneut, „das passt doch alles gut in ein Gesamtbild! Vor einer Stunde zitiert der Standard einen Zeugen mit der Aussage, dass er sowas überhaupt noch nie erlebt hat.
Das passt doch alles zusammen!“

„Zum Fall Weinstein?“.

„Natürlich nicht, aber in das Bild von Peter Pilz als mächtiger älteren Mannes, der sich nicht im Griff hat!“

„Und deshalb verzichten wir auf die Fortsetzung des Eurofighter Ausschusses und somit kurz vor der Neuauflage von Schwarz/Blau die weitere Aufklärung der unter Schwarz/Blau unterzeichneten Eurofighter-Beschaffung?
Deshalb war alles, was Pilz bisher aufgedeckt, eingebracht, hinterfragt oder gemacht hat, unglaubwürdig?“
Jetzt hatte ich ihn. „Das ist eine Verschwörungstheorie, die rein gar nichts damit zu tun hat, dass der feine Herr Pilz, kein Benehmen hat!“

„Also, ich habe ihn ja auch nicht wegen seiner Umgangsformen gewählt und er hat sich auch nicht zum Erzbischof wählen lassen.“
„Da messen Sie aber nun wirklich mit zweierlei Maß!“
„Ja, weil das auch angebracht ist. Ich bin Wähler und kein Richter. Ich will zwar auch, dass entsprechendes Verhalten geahndet wird. Wenn nun für alle „erst jetzt an die Öffentlichkeit kommenden Opfer“ der Betroffenenschutz gilt, dann doch hoffentlich auch für die präsumptiven oder überführten Täter?!
Es wimmelt in den Seitenblicken von zu viel Alkohol konsumierenden Ärzten, ungeniert Nikotin rauchenden Rechtsanwälten, der Lüge überführten Politikern, denen ihr Klientel trotzdem vertraut, weil sie zwar keine Heiligen, in ihrem Metier aber seit Jahren gut sind.
Verweigern wir zu Recht die Annahme eines Strafmandates von einem Polizisten, wenn er selbst einmal beim Rasen erwischt wurde?
Verwerfen wir die Newton’sche Physik, weil er sich so nebenher auch mit Schwarzer Magie beschäftigt hat?
Verbrennen wir alle Filme, die Harvey Weinstein produziert hat, weil er sich als menschlicher Abgrund herausgestellt hat?
Gehen nun alle Fans von House of Cards zur Beichte, weil ihnen die Serie einst gefallen hat, bevor sie wussten, dass Spacey nicht nur im Film mies sein konnte?
Sagen wir den Brexit abEs steht wohl außer Streit, dass wenig so verletzt, wie ungewollte Überschreitung der eigenen Intimsphäre, insbesondere wenn dies in einem Abhängigkeitsverhältnis oder unter physischer Bedrängnis stattfindet.

Selbstverständlich kann der Preis einer Verurteilung nicht die nochmalige Beschädigung des Opfers sein, nur wage ich zu bezweifeln, dass wir deshalb gleich den Rechtsstaat aushebeln sollten.

Jede publik gewordene Handlung wirft ein neues Licht auf eine Person, jedoch sollten wir wachsam sein, wenn man uns einreden möchte, dass diese eine Erkenntnis nun alle längst bekannten Eigenschaften einer Person überdeckt.
Haben sich die Vorfälle zugetragen wie berichtet, dann sollte sich eine am Einkommen eines Nationalratsabgeordneten orientierte, üppige Schadenersatzzahlung für das verursachte Leid ausgehen!

Eine Gesellschaft, in der gerade noch Shades of Grey nicht zuletzt durch die weiblichen Leser die Bestsellerlisten stürmte, so dass „Time“ die Autorin auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt setzte, da „Ihre Worte die Frauen des Landes in eine bebende Woge der Begierde“ verwandelte, scheint einvernehmliche Peitschenhiebe auf den Intimbereich herrlich zu finden, solange ein noch so unglaubwürdiges Einverständnis behauptet wird, verurteilt aber körperlich weit weniger aggressive Übergriffe mit biblischem Zorn.
Gerade in einem derartig widersprüchlichen Umfeld wäre eine rechtsstaatliche Aufarbeitung an Stelle einer medialen Treibjagd dringlich wünschenswert, zumal auf Twitter @ernst_michalek nicht ganz unrichtig feststellte:
Einstweilen teilen sich Basti und Bumsti weitgehend ungestört das Land auf. Weil eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. #Pilz

Vielleicht hat er Unrecht, vermutlich ist mit Pilz einfach ein Silberrücken über seinen inneren Widerspruch zwischen Sein und Anspruch gestolpert und hat mit dem Rücktritt sein Problem aus der Welt schaffen wollen,
vielleicht hätten wir ihn aber noch für die Lösung einiger politischer Probleme gut gebrauchen können. Ob sich seine Gegner nun wirklich freuen können, ist auch noch nicht heraußen, denn es darf angenommen werden, dass er als Privatmann durchaus mehr Zeit haben wird, die Scheinwerfer, die nun alle auf ihn gerichtet wurden, auch wieder in die Gegenrichtung zu drehen.
Ohne rechtsstaatliches Urteil wird nur das Bild eines endlosen Sumpfes übrig bleiben.
Vielleicht ist Pilz aber auch schnell zurückgetreten, weil gerade er weiß, wie endlos lange eine rechtsstaatliche Aufarbeitung in diesem Lande dauert.

Ich gab es auf und ließ meinen Gesprächspartner zurück. Zumindest einer der 223.544 Pilz Wählern würde den Peter wieder wählen.

Written by medicus58

5. November 2017 at 16:57

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