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Ärzteausbildung: Selbst der Billa beruft sich auf den Meisterbäcker

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Pfeiferl

Seit Tagen läuft ein Werbespot in dem einer etwas blässlichen, namenlosen Semmel der Eintritt in die BILLA-Filiale verwehrt wird, weil man sich ihrer Qualität nicht sicher sein kann, da sie schließlich nicht von einem Meisterbäcker stammt.
Beim Essen scheint also selbst im Supermarkt allen klar, dass nix Genießbares rauskommen kann, wenn ein Semmerl von Ökonomen, Politikern und Versicherer geknetet wurde. Bei der Ärzteausbildung sind wir hier weniger wählerisch.

Das, was nun der Kammertag der Österreichischen Ärztekammer verabschiedet hat (http://derstandard.at/2000017723893/Aerztekammer-stimmt-Aerzteausbildung-zu), ist nur zum geringsten Teil das Produkt der Meister, also der Fachärzte der jeweiligen Sonderfächer, sondern das, was die sogenannte Artikel 44 Kommission im Bundesministerium wollte und die Kammerfunktionäre nicht verhindern wollten (oder konnten).

Die Basisausbildung für alle sichert einmal, dass bis nächstes Jahr konservative und chirurgische Fächer genügend „Weißmäntel“ bekommen. Die Lehrziele strotzen vor Gemeinplätzen,so dass damit jede Abteilung auch des kleinsten Landspitals den Anschein von anwesenden Ärzten erwecken kann. Was sie dabei lernen sollen, was sie nicht ohnehin schon im KPJ gesehen haben, bleibt eines der Mirakel dieses Meilensteins.

Die danach unbedingte Entscheidung für Allgemeinmedizin oder für ein bestimmtes Fach, kanalisiert zwangsweise mehr Ärzte in die Allgemeinmedizin, weil es sich um einen ziemlichen Glückstreffer handeln muss, dass gerade die Ausbildungsstelle in meinem Wunschfach vakant ist, wenn ich die 9 Monate Basisausbildung hinter mir habe. Der früher mögliche Übertritt während der Ausbildung zum Allgemeinmediziner in ein bestimmtes Fach, soll nun explizit nicht mehr möglich sein. Da waren schon alle inkl. der Spitalserhalter dahinter, weil sie einem fertigen Praktischen Arzt in der Facharztausbildung einfach mehr zahlen müssen als einem frischer Studienabgänger! Aber auch der Hauptverband wünscht sich weniger Fachärzte, schließlich kommt ihm – trotz lächerlicher Refundierungen in beiden Fällen – der Besuch beim Allgemeinmediziner auch billiger als beim Facharzt.

Das Streichen der Gegenrotationen ist ebenfalls ein Kniefall unserer Kämmerer vor den Spitalserhaltern. Was kann ein Neurochirurg denn schon auf einer Neurologie, ein Internist auf einer Chirurgie, ein Dermatologe auf einer Diabetesambulanz, ein Radioonkologe auf einer Onkologie, … etc. lernen, das macht alles nur Probleme für die Personalabteilungen.

In dieser Artikel 44 Kommission des BuMin, die den Prozess maßgeblich beeinflusste, setzten
die Gesundheitspolitiker der Länder und die Spitalserhalter durch,
dass sie auch für ihr kleinstes Renommierspital noch JungärztInnen finden, die den Schein einer ärztlichen Versorgung aufrechterhalten, auch wenn sie halt nur einen sehr eingeschränkten Einblick in das jeweilige Sonderfach bekommen (man nennt das Modularisierung).
Es durfte der Hauptverband sicher stellen,
dass sehr bald viele Allgemeinmediziner am Markt erscheinen und sich für ihre Primärversorgungszentren melden und die Anzahl der Fachärzte sinkt, bzw. sich diesen die Patienten privat zahlen.
Die Allgemeinmediziner durften sich freuen, dass sie in ihren Lehrpraxen bald günstige Helferlein haben werden,
die sie nun in all den Qualifikationen schulen werden, die sie selbst während ihres Turnus nicht gelernt haben und bisher in die Ambulanzen schickten (warum die Ärztekammer zu allem anderen Ja und Amen gesagt hat, ohne dass sie die verlangten 12 Monate Unterstützung für die Lehrpraxis bekommen haben, bleibt ein Rätsel).

Die Bundesfachgruppen, also die frei gewählten und gesetzlich verankerten Vertreter der einzelnen Sonderfächer, die bisher sagen durften, was ihrer Meinung nach eine zukünftige Kollegin oder ein zukünftiger Kollege LERNEN UND KÖNNEN muss, wurden seitens der Ärztekammer praktisch übergangen. An ihre Stelle übertrugen die Kämmerer den sogenannten „akkreditierten wissenschaftlichen Gesellschaften“ die Aufgabe das Ziel der Ärzteausbildung zu definieren. Dabei handelt es sich um Vereine, deren Interesse weniger in der täglichen Praxis ihrer Fächer als in der Forschung liegt. Deshalb existiert jetzt auch ein – wenig definiertes – wissenschaftliches Modul, in dem der zukünftige Facharzt für seine Praxis (!) ausgebildet werden soll …..

Gerade ein Monat gab es eine Einsichtsmöglichkeit in die neuen Rasterzeugnisse und für die Diskussion ein völlig untaugliches Online-Forum, dann strichen Bundesministerium, Gesundheitspolitiker, Hauptverband, Ökonomen und ein paar politisch vernetzte Ärztekämmerer nach Belieben durch, was ihnen nicht passte.

Weshalb dieser (angebliche) Meilenstein nun vom Kammertag beschlossen wurde, ist schwer verständlich und für mich nur dadurch erklärbar, dass auch hier andere, als wirklich fachliche Gründe die Oberhand behielten.
Die nächsten Monate werden zeigen, welchen Mühlstein man zukünftigen Arztgenerationen umgehängt hat.
Vielleicht stellen sich dann auch noch andere die Frage, weshalb der politische Einfluss auf die Qualität der Ärzteausbildung direkt proportional zum ökonomischen Interesse und indirekt proportional zur fachlichen Qualifikation ist.

Aber vielleicht kommt erst der Aufschrei, wenn auch die Krankenpflege bemerkt, dass hinter der politisch seit Jahren betriebenen Akademisierung der Pflege keine Aufwertung, sondern ein politisch gewolltes Downsizing  steckt.

Eine akademische Führungskraft hat dann mit einer Reihe von Hilfskräften die Leistung billiger zu erbringen, als jetzt eine Gruppe nicht-akademischer, aber höher qualifizierter Pflegekräfte.
Die heute geäußerten Gedanken des NÖ Gesundheits- und Finanzlandesrats Sobotka über die Qualifikation, die die Pflege im Operationssaal benötigt, ist da ein klares Vorzeichen. Seiner Meinung nach gibt es auch im OP genügend einfache Aufgaben, für die dann weniger qualifiziertes Personal ausreichen würden als jetzt. Sobotka ist übriges studierter Musikpädagoge!

 

Links:

Was sich der Stöger hier wieder erlaubt hat … http://wp.me/p1kfuX-GM

Wirkungsorientierte Folgenabschätzung der Ärzteausbildung: Geiz war geil http://wp.me/p1kfuX-Wj

Wickel oder Neustart der Ärzteausbildung: Komm auf die Schaukel, KollegIn http://wp.me/p1kfuX-Sc

Entwertung der Ausbildung durch das Geschäft mit der Fortbildung http://wp.me/p1kfuX-Mx

Ärzteausbildung revisited oder leckt’s mich am 15a http://wp.me/p1kfuX-IC

KPJ und so weiter: Das Chaos der Ärzteausbildung http://wp.me/p1kfuX-GQ

Die wahre Reform der Ärzteausbildung http://wp.me/p1kfuX-Ex

Spezialisierung zur Qualitätsverbesserung ist out, im Spital gibt’s fachärztlichen Pannendienst

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Arzt

Über die seit einigen Jahren von der Gesundheitspolitik verfolgten stillen Aushöhlung der fachärztlichen Leistungen im Krankenhaus konnte der regelmäßige Leser dieses Blogs schon 2012 unter Die Potemkinschen Spitäler (http://wp.me/p1kfuX-n8) lesen.

Bei seiner heutigen Pressekonferenz (Spitalsärztin/Spitalsarzt 2025), hat der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie der angestellten Ärzte, Harald Mayer nun ebenfalls der Aufgabe der bisher gesetzlich festgelegten Einteilung

Standardkrankenanstalten (Chirurgie + Interne Betten),
Schwerpunktkrankenanstalten und
Zentralkrankenanstalten (die grundsätzlich allen dem jeweiligen Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechenden spezialisierten Einrichtungen enthalten)

das Wort geredet.

Weil Fachärzte offenbar zu teuer sind (egal, dass sie eine längere Ausbildung haben und meist die Endverantwortung für die schwierigeren Fälle haben), will man diese nur noch auf Abruf ins Spital holen, so eine Art medizinischer Bordsteinschwalbe. Für den Routinembetrieb reichen dann Ärzte ohne Spezialausbildung (heute also Praktiker, bald Fachärzte für Allgemeinmedizin).

Verstehen Sie mich richtig, hier geht es nicht um die fachliche Abwertung der „Allgemeinmediziner“, jedoch liegt es auf der Hand, dass der Einzelne nicht für alle medizinische Fragen eine so tiefe Kompetenz haben kann, wie sie erforderlich ist, wenn man offenkundig einen Patienten nicht mehr „mit den Mitteln der Praxis“ führen kann.

Wenn Harry Mayer, übrigens Facharzt für Unfallchirurgie, die fachärztliche Betreuung der Spitalspatienten (außer in einem Leitspital, schon wieder ein neuer Begriff) zukünftig in

Stationäre Betteneinheiten mit ambulanter fachärztlicher Betreuung

oder im
Regional-Krankenhaus mit Teilbesetzung und Rufbereitschaft

vorschlägt, die

aus einem Fachärztinnen/-ärzte-Pool, der für die gesamte Region zuständig ist (gespeist werden, deren) Mitglieder folglich auch pendeln müssen“,
stellt sich mir die Frage, ob er wirklich ein Vertreter der angestellen Ärzte ist, oder doch eher zum ÖAMTC wechseln sollte.

So absurd das Außenstehenden alles vorkommen möge, es ist eine klare politische Linie erkennbar:

Zuerst wurden von den Gesundheitspolitikern die reduzierten Organisationsformen in den Österr. Strukturplan Gesundheit aufgenommen.

Dann wird das in den Ländern in einer KH Betriebsordnung (Master-Betriebsorganisation im KAV: Da fährt die Eisenbahn drüber http://wp.me/p1kfuX-NSm) umgesetzt, die de facto nur mehr ein Belegarztkonzept darstellt.

Und nun schwenkt die Ärztekammer (ohne Diskussion mit den Betroffenen) auf die Linie ein und schlägt ein Nebenbeschäftigungskonzept für niedergelassene Ärzte vor.

Am Ende wird das Werkstück Patient auf ein Fließband gesetzt und kann nur hoffen, dass er rechtzeitig an der richtigen Montageeinheit vorbei kommt. Die Vorstellung, dass er hinter den Spitalsmauern für jedes der Sonderfächer (Innere, Chirurgie, Radiologie, Neurologie, Dermatologie, …) auch rund um die Uhr einen fachkompetenten Arzt vorfindet, kan ner sich abschminken.

Diese Vorhalteleistung wird nun auch von der Ärztekammer nicht mehr unterstützt. Ich frage mich, was man ihr für den Gesinnungwandel wohl angeboten hat.
Die geforderte Abschaffung der „Kollegialen Führung“ und Ersatz durch eine ärztliche Führungskraft kann es nicht sein:

Neu regeln würde die Bundeskurie außerdem die Führungsfrage: Die
Leitungsposition soll demnach nur ein Arzt oder eine Ärztin übernehmen können. Die kollegiale Führung, bestehend aus ärztlichem Direktor, Verwaltungsdirektor und der Leitung des Pflegedienstes, würde damit der Vergangenheit angehören.

Wenn das Harry Mayer glaubt, hat er und die ÖÄK die schon längst laufende Entwicklung in die Gegenrichtung wieder einmal verpennt.

Die Potemkinschen Spitäler

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Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass wir in den Dingen selten noch das finden, was drinnen drauf steht.

Blutschokolade“ und „Läusejoghurt“, „Analogkäse“ und „Klebefleisch“ ringen uns nur mehr ein fälschlicherweise wissendes Lächeln am Mittagstisch ab und auch die letzten Enthüllungen über diverse Bioskandale können uns nicht mehr wirklich wundern.

Und nur die unverbesserlichsten Nerds glauben noch, dass ihr neuer Provider ihnen die angepriesenen Downloadraten auch wirklich auf’s Smartphone bringen kann.

Bei ein paar Dingen, wollen wir aber noch immer glauben, 
dass das drinnen ist, was draußen drauf steht: 

Abgestoßen von der entwürdigenden Erfahrungen in der Ordination ihres Hausarztes, der nach stundenlangem Warten den fiebernden Patienten erst recht nur „ins Labor“ oder „ins Röntgen“ schicken kann, um einen grippalen Infekt von einer bakteriellen Lungenentzündung zu differenzieren, 
pilgern nirgends so viele Menschen „ins Spital“ wie in Österreich.

Dort glauben sie die gesamte Diagnostik an einem Platz vorzufinden und einen Facharzt für jedes ihrer Probleme konsultieren zu können. 

Dieser Glaube wird noch dadurch genährt, dass die Unterscheidung der „Allgemeinen Krankenanstalten“ (nach § 2 KAKuG) in
Standardkrankenanstalten (Chirurgie + Interne Betten),
Schwerpunktkrankenanstalten und
Zentralkrankenanstalten (enthalten grundsätzlich allen dem jeweiligen Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechenden spezialisierten Einrichtungen
auch von der Landespolitik gar nicht so groß angesprochen wird, weil man ja den potentiellen Wählern vermitteln möchte, dass auch das kleinste Spital eben ein vollwertiges Krankenhaus darstellt.

Noch mehr nur für Spezialisten einsichtig, sind neben den
dislozierten Organisationseinheiten (die also bekannte Namen beibehalten, aber längst nicht mehr an dem Ort betrieben werden, an denen man sie wähnt, z.B.: Gottfried von Preyer’schem Kinderspital als Einrichtung des Sozialmedizinischen Zentrums Süd im Kaiser-Franz-Josef-Spital) die
Reduzierte Organisationsformen.

Während der alte ÖSG (Österr. Strukturplan Gesundheit) diese noch als
nur in begründeten Ausnahmefällen zulässig (z. B. zur Abdeckung von Versorgungslücken in peripheren Regionen bzw. zur Herstellung einer regional ausgewogenen Versorgung zulässig, und wenn sie in der regionalen Detailplanung des jeweiligen Bundeslandes vorgesehen sind
definiert hat, 
sind in der (natürlich noch geheimen) aktuellen Version des ÖSG 2012 z.B. die Einschränkungen „nur in begründeten Ausnahmefällen zulässig“ und „in peripheren Regionen“ dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Das heißt also auf Klartext, die Aushöhlung dessen, was sich „der Patient“ unter einer nach außen großmäulig angepriesenen Leistung eines bestimmten Spitals vorzustellen hat, geht munter weiter.

Hieß es früher, dass eine Schwerpunktkrankenanstalt bettenführende „Abteilungen“ für z.B. Augen, HNO, Dermatologie, Kinterinterne, Neurologie, Urologie …. zu führen hat, wird das im ÖSG 2012 auf „Fachstrukturendowngesized.

Man spricht von einer „Basisversorgung“ und meint damit, dass ein akutes Krankheitsbild eine „Primärtherapie“ erhalten wird, aber ein evtl. akut erforderlicher (z.B.) neurologischer Konsiliarbefund erst am Folgetag erbracht werden kann, wenn der entsprechende Facharzt wieder im Hause vorbeischaut
Jetzt kann natürlich vieles warten, aber manches halt nicht – blöd gelaufen
Pareto Prinzip eben: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=72332

Doch zurück zu den Reduzierte Organisationsformen bei denen allein schon durch die vorgegebenen Personalzahl eine Versorgung außerhalb der Regelarbeitszeit nicht mehr möglich ist:

DEP= Department (3 Fachärzte davon einer als Leiter)

FSP= Fachschwerpunkt (2 Fachärzte (davon einer als Leiter und einer als Stellvertreter) sowie nach Bedarf (niedergelassene) Ärzte zur Abdeckung der Rufbereitschaft).

dWK= dislozierte Wochenklinik (Leitung: Fachärztin/-arzt des betreffenden Sonderfachs, trägt medizinische Letztverantwortung, Personelle Beschickung durch Fachärztinnen/-ärzte der fachspezifischen Mutterabteilung in Personalrotation, Personelle Ausstattung in Abhängigkeit von örtlichen Gegebenheiten und regionalem Versorgungsbedarf, Sicherstellung der organisatorischen sowie medizinischen Zusammenarbeit mit Mutterabteilung).

dTK= dislozierte Tagesklinik (hier wird ab ÖSG 2012 nun in Typ 1 und Typ2 differenziert, nur möchte ich diese Glasperlenspiel dem geneigten Leser ersparen, falls bis hierher noch irgendjemand mitgelesen hat.)

Diese reduzierten Organisationsformen sind in ihrem Leistungsauftrag vorrangig auf die planbare Leistungserbringung gemäß Leistungsmatrix begrenzt vorzusehen. Für FSP und dTK muss außerhalb der Kernarbeitszeit die ärztliche Leistungsbereitschaft nur für Behandlungserfordernisse im Zusammenhang mit stationären Aufenthalten sichergestellt werden. Bei DEP und dWK ist (während der definierten Betriebszeit) außerhalb der Kernarbeitszeit die fachärztliche Abdeckung der Akutversorgung, im Fall der dWK begrenzt auf jene im Rahmen der Basisversorgung, sicher
zu stellen. Eine zeitliche Begrenzung der Betriebszeit bezieht sich im Fall von Satelliten-DEP auf die Tagesroutine inkl. Wochenende und im Fall von dWK auf die festgelegten Wochentage
.

Da mit dieser unübersichtlichen Nebelwand natürlich auch das bisherige Gefüge der Spitalsärzte zerrissen wird, muss man noch nachschieben:

 Die Leiter der jeweiligen an einem KA-Standort eingerichteten fachrichtungsbezogenen Organisationsformen sind unabhängig von deren jeweiliger Ausprägung gleichberechtigt in der KA-internen Organisation.

Meine bisherige Empfehlung an Patienten war stets:

Wenn Sie wirklich krank sind, dann legen Sie sich in ein öffentliches Spital und nicht in eines der so komfortabel wirkenden „Privat- oder Belegspitäler der Goldnen Meile“, weil dort ist vielleicht das Frühstück besser und auf Meissner Porzellan, dort geben sich tagsüber „die Professoren und Belegärzte die Klinke in die Hand“ aber wenn in der Nacht was passiert, läuft der Betrieb mit einem Nachtdienst versehenden praktischen Arzt, de schnell an die Grenzen seines Wissens geraten kann.

Ich denke, dass mir diese Empfehlung nicht mehr über die Lippen kommen wird, eher schon der sehr ernst gemeinte Wunsch: 
Schau’n Sie, dass sie gesund bleiben.

Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Potemkinsches_Dorf  
http://derstandard.at/2416797  
http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/gesundessen/tid-15554/klebefleisch-und-co-legale-taeuschungstricks-der-lebensmittelindustrie_aid_436657.html  
http://www.focus.de/gesundheit/news/bio-skandal-gefaelschte-bio-lebensmittel-in-deutschland-verkauft_aid_693593.html

Written by medicus58

11. Juli 2012 at 17:00

Ein paar Kratzer für den Hausarzt und Winter im Gasteinertal

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Bad Hofgastein Kongresszentrum im Winter, weils hier so heiß ist

Bis morgen Samstag findet im Wiener Austria Center der europäische Hausärztekongress (WONCA Europe 2012)
unter dem Titel „The Art and Science of General Practice“ statt und läßt Medien und Tourismusmanager über rund 2800 Teilnehmern jubeln.

Kongresspräsident Gustav Kamenski räsonierte,  dass der Stellenwert der Allgemeinmedizin nicht ausreichend gewürdigt wird und forderte (wie übrigens jeder Ärztekammerpräsident „seit der letzten Eiszeit“) die Politik auf , die Hausärzte zu stärken. Benötigt würden Generalisten, die den Patienten auf ganzheitlicher Ebene betrachten.

ÖGAM-(Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin ) Präs. Reinhold Glehr bedauerte dass das
österreichische Gesundheitswesen von Mustern der Akutmedizin und der fachspezialistischen Versorgung geprägt wäre.
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20120704_OTS0132/wonca-europe-konferenz-2012-the-art-and-science-of-general-practice-bild

 So weit, so gut und dem Anlaß entsprechend.
Wenn im Austria Center 15.000 Lungenfachärzte tagten oder beim ECR jährlich über 20.000 Radiologen aus 106 Ländern tagen, dann wird eine Aufwertung der Pulmologie bzw. der Radiologie von der Politik gefordert werden; nix Neues unter der Sonne.

Im Zusammenhang mit dem Hausarzt steht dahinter ein prinzipielles Problem, dessen scheinbarer Lösung schon
Generationen von Ärztekammerpräsidenten ihre Wahl und Generationen von Gesundheitsökonomen ihre Heilversprechen verdanken:

Versorgung extramural durch Hausarzt solange es geht: „Hausarztmodellhttp://de.wikipedia.org/wiki/Hausarztzentrierte_Versorgung

Um den „titelaffinen“ österr. Patienten, die sich beim Hausarzt (i.d.R. von seiner Anmeldekraft) nur ihre Rezepte und Überweisungen abholen und, wenn sie der Meinung sind krank zu sein, lieber gleich Facharzt oder Spitalsambulanz aufsuchen, entgegen zu kommen, wird seit Jahren ein „Facharzt für Allgemeinmedizin“ nach dt. Vorbild (http://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeinmedizin) geplant, was aber kaum was an der Sachlage ändern wird.

Der heutige Kurier – ganz auf der Hausarzt getrimmt (Kommentar Salomon und Langartikel: http://kurier.at/nachrichten/gesundheit/4502536-das-spital-ist-nicht-immer-das-beste.php) kritisiert in Balkenlettern:

Das Spital ist nicht immer das Beste

In Österreich werden drei Mal so viele Menschen an einer Uni-Klinik behandelt wie anderswo, kritisieren die Hausärzte.

Zitiert wird auch Prof. Günther Leiner (http://www.karriere-medizin.at/archiv/index.php?id=1275 ), ein rühriger (nicht-habilitierter Ehrenprofessor) Internist und politisch aktiver Primar der in Personalunion Gründer und  Präsident des European Health Forum Gastein ist, einer Einrichtung, die mit dem Segen des Bundesministeriums im idyllischen Bad Hofgastein Meetings abhält und sich auf ihrer HP (http://www.ehfg.org/home.html) ganz bescheiden gibt:  The EHFG is the leading health policy event in the EU

Mit 7,7 Betten pro 100.000 Einwohner zähle Österreich zu den Spitals-Europameistern. (Schweden: 2,8, Norwegen: 3,3, Niederlande: 4,7).
Weniger Spitäler mit mehr Spezialisierung bringen einen besseren Behandlungserfolg„, betont Leiner. So sei es etwa Holland gelungen, durch die Reduktion der Spitalsbetten auch das Auftreten gefährlicher resistenter Krankenhauskeime um 20 Prozent zu senken.
Mit dieser Logik habe ich durch die gänzliche Abschaffung der Spitäler den Hospitalismus endgültig besieht, aber sei’s drum.

Bei dem WONCA Kongress ließ sich auch der Kongresspräsident Glehr nicht lumpen und verband rhetorisch geschickt ein allgemein akzeptiertes Schlagwort mit eigener Klientelpolitik:
Durch den vermehrten Wissenszuwachs in der Medizin, braucht es Generalisten, die den Patienten auf ganzheitlicher, integrativer Ebene betrachten und kontinuierliche Ansprechpartner sind.
 Weshalb der Generalist mit dem Wissenszuwachs, der ja offenbar nicht aus der allgemeinmedizinischen Forschung kommt, die ja weltweit darnieder liegt, sondern aus der Entwicklung der Fachdisziplinen, besser umzugehen weiß, als der durch die Spezialisierung bereits überforderte Facharzt, bleibt im Dunkeln des Vortragssaales.

Facts first:

Ein zentraler Gatekeeper wäre im Gesundheitswesen natürlich ebenso sinnvoll, wie im Schulwesen, Rechtswesen, .. .etc. nur spielt’s ihn unter den gegebene Rahmenbedingungen nicht.

Die Anzahl der Spitalsbetten ist (wie schon öfters kommuniziert) der ökonomisch und medizinisch unsinnigste Parameter für eine intramurale Versorgung, wenn wir von den großen Spitälern sprechen. Dort liegt kein Patient auf dem Gangbett, weil es die Ärzte so wollen.
Spitalsbetten sind die Auffangbetten für in der Wohnung oder in Rehab- bzw. Geriatriezentren nicht Behandlung und/oder Platz fndende Menschen.
Andererseits ist nicht zu bezweifeln, dass ein Großspital nicht der richtige Platz ist, seine Lumbago auszuliegen.

Ärztekammern verstehen sich noch immer (und nehmen von diesen auch einen relativ noch höheren Mitgliedsbeitrag) als Vertreter des „niedergelassenen praktischen Arztes in der Einzelpraxis“, obwohl die Anzahl der angestellten Ärzte (meist mit Ordination nach Dienstschluß) inzwischen deutlich höher ist, als die der ausschließlich extramural tätigen.

Hinter dem von Kammervertetern (auch der Wirtschaftskammer), Ökonomie und Politik stets herunter gebeteten Schlagwort der „Aufwertung des Hausarztes“ stecken ausschließlich wirtschaftliche Motive, die Geld im Spitalsbereich einsparen, aber nicht in den extramuralen Bereich transferieren wollen.

Angesichts der Explosion -nicht so sehr an unbedingt erforderlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen – aber
an Empfehlungen verschiedener Gremien, Leitlinien, Richtlinien, EinschränkungenKontraindikationen, Generikanamen, …etc. ,
an Erwartungen an eine zeitökonomisch Diagnostik (One stop Shop) von berufstätigen Patienten
an gestiegenen haftungsrechtlichen Anforderungen,
der gestiegenen Mobilität und sprachlichen und ethnischen Diversifizierung der Bevölkerung (kein Hausarzt begleitet mehr eine ganze Familie „lebenslang“)
ist es eine unüberbietbare Hybris der „Interessensvertreter der Hausärzte“ zu behaupten, dass die Hausärzte im herkömmlichen Sinn diesen Anforderungen entsprechen können, wenn inzwischen die Diversifizierung innerhalb des Sonderfaches Innere Medizin so groß geworden ist, dass ich mir vom Gastroenterologen lieber kein EKG interpretieren lassen würde.

Alternativen:

Verabschieden wir uns vom Arzt als Einzelkämpfer in seiner wohligen Praxis mit Hausapotheke, aber auch vom hauptberuflichen Spitalsarzt mit nebenberuflich geführten Praxis, die beide nur den Schein einer extramuralen Ganzversorgung aufrecht erhalten, sich aber beide des Leistungsangebotes der Spitalsambulanzen bedienen, sobald Leistungen erforderlich werden, die sie kostengünstig auslagern können.

Spielen wir niedergelassene (PA und FA) nicht gegen angestellte Ärzte aus, nur weil das Posten in der Kammer bringt, sondern sehen wir uns alle als Team, das für eine bedarfsgerechte und dem ökonomischen Stand unserer Gesellschaft adäquate Gesundheitsversorgung. 

Treten wir doppelzüngigen Stimmen entgegen, die den Zugang zu „Spitzenmedizin rund um die Uhr“ versprechen, aber nur mehr Potjemkinsche Spitäler finanzieren können und die nächtliche Akutversorgung aber genau dort hin schicken und stehen wir dazu, dass Ballungsräume und das offene Land unterschiedliche Versorgungsstrukturen benötigt.
(Um Geld zu sparen, überlegt die Sbg. Krankenkasse die Wochenend- und Notdienste, die von den niedergelassenen Ärzten und dem Roten Kreuz geleistet werden, auf die Notaufnahme zu konzentrieren. Aus der SÄK heißt es dazu, dass man auf die Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz nicht verzichten wolle, das biete eine „Super-Versorgung“. Diese Kooperation habe sich bereits über Jahre bewährt. Krone, Salzburg)
In Städten ab einer gewissen Größe macht es mehr Sinn, im Spital eine ambulante Versorgungsstruktur aufzubauen, wo auch ohne viel Herumgeschicke der Patienten die diagnostischen Hilfsmittel zur Verfügung stehen und die Ordinationen, die ohnehin nur überweisen, runter zu fahren, „am freien Feld“ wird man um eine Aufwertung des extramuralen Sektors, der aber dann durch Ärztekollektive einschließlich einer vor Ort zugänglichen Basisdiagnostik (Labor, Bildgebung, …) eine wirkliche Basisversorgung ermöglicht, nicht herum kommen. 

Hören wir auf mit dem Märchen, dass ein „guter Diagnostiker“ mit der forensisch erforderlichen Trennschärfe „durchs Draufschauen“ in allen Fällen zwischen Herzinfarkt und Roemheld Syndrom (http://roemheldsyndrom.info/Roemheldsyndrom/Home.html ) unterscheiden kann, sondern etablieren wir auch bei uns endlich einmal eine „Wissenschaft des klinischen Diagnoseganges“ (Klinische Entscheidungsfindung, Clinical Decision Making)
z.B.: http://www.radcliffe-oxford.com/books/samplechapter/1483/Hall_final_lowres_chap12-26b247c0rdz.pdf

Verlangen wir endlich eine ehrliche Unterscheidung zwischen Einsparungen und Qualitätsverbesserungen.

Qualitätsverbesserungen erfordern oft Investitionen, d.h. kurzfristig sind sie teuerer als das alte System, das wir uns aber aktuell nicht mehr leisten können oder wollen.

Einsparungen sind in der aktuellen Krise unseres globalisierten, deregulierten und überwiegend auf  Spekulation aufgebauten kapitalistischen Wirtschaftssystems unausweichlich, schlicht weil die Kommunen sich an dieses System verkauft haben und überdies auch dessen Schulden bezahlen müssen.
Solange wir in standespolitische Kleinkriegen und unter Beiziehung immer weiterer Klientelberater nur um den besten Platz im freien Fall drängeln, bleibt die wesentliche Frage unbeantwortet, in welchem moralischen Verhältnis die angepeilten 2 Milliarden Euro an Einsparungen im Gesundheitswesen (http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/oesterreich/453784_Eines-fuer-alle-alle-fuer-eines.html)
zu den allein bis vor einem Jahr (Schätzung Aug. 2011) von Österreich schon eingezahlten und garantierten 100 Milliarden Euro  für die „Stabilisierung“ dieses Wirtschaftssystems stehen.
Die Friedrich Ebert Stiftung analysierte rezent (http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07875.pdf), dass die indirekten Kosten der Finanzkrise durch fehelnde Einnahmen der Staaten um ein Vielfaches höher als die direkten Kosten aus Vermögensverlusten und Staatshilfen waren.
Das entspricht fehlenden Staatseinnahmen von  3.000 bis 10.000 Euro an fehlenden Staatseinnahmen pro Bürgerin und Bürger.

Nicht die Sorge um den Hospitalismus, nicht die immer und überall möglichen Verbesserungen im Gesundheitswesen, sind es, die uns seit Jahren eine Gesundheitsdiskussion einbringen, sondern die Absicht von Staat und Marktwirtschaft, sich dieses Marktes zu bedienen.

Viele von uns spielen mit, um „ihr Schäfchen zu föhnen“:
um die Hausapotheke zu halten, weil sie mit den Kassentarifen sich den Installateur nicht mehr leisten können,
etwas Alternativmedizin anzubieten, damit man mit Gewinnbeteiligung seine Vitaminpulverln verscherbeln kann, weils in Wien keine Hausapotheke gibt,
eine gesundheitsökonomische Studie abzuliefern, die ja gut bezahlt wird und nicht -wie ärztliche Tätigkeit- dem Haftungsrecht unterliegt
eine Zertifizierungsstelle zu etablieren, die ein alle paar Jahre zu erneuerndes Qualitätszertifikat herausgibt, das zur Voraussetzung für eine Kassenrefundierung wird,
einen Kongress ausrichtet, um in die Zeitung zu kommen und eine Audienz im Ministerum zu erlangen, … etc.
wir übersehen aber, dass wir alle schon längst zum entmündigten Spielball ökonomischer Kräfte geworden sind, denen es um eines nicht geht: um eine medizinische Versorgung

„The Art and Science of General Practice“

Etwas weniger ART, wirkliche SCIENCE und einen noch viel generelleren Blick über den Tellerand,
weil morgen, am Samstag, ist die Ordination zu die Spitäler und die Welt aber noch offen.  

PS: für alle geifernden Kommentare, dass ich von der Sache des Hausarztes nix verstehe, erlaube ich mir mein Inkognito so weit zu lüften, dass ich Erfahrung mit mehreren Aspekte der Gesundheitsversorgung vom Rettungswesen über die Kurmedizin bis zur Intensivmedizin und von extramuralen privaten bis zu intramuralen staatlichen Einrichtungen, hier und im Ausland, habe und berufsbedingt in täglichen Kontakt mit den Hausärzten mehrerer Bundesländer stehe.
Mich ärgert nur die auf kurzfristige relative Besserstellung der eigenen Position beruhende Scheinheiligkeit des Erlösungsmodells „Hausarzt“ bei völliger Negation der erforderlichen strukturellen Rahmenbedingungen

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