Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Posts Tagged ‘Evidence

Der Diebstahl der Ganzheitsmedizin

with 3 comments


Weite
OK, ist ja nur wieder ein Buchautor und Arzt mit allen Kassen irgendwo in der deutschen Pampa, aber bei Durchsicht eines Online-Interviews des Kollegen Hobert (http://www.drhobert.de/) mit der „Gesundheitszeitung“ (12.000 Auslagestellen + Online)
( http://www.die-gz.de/hannover/lokales/lokales_13_06_03.html) platzte Ihrem GTLMedicus wieder einmal der Kragen.

Ganz exemplarisch:

Zuerst die Affirmation der doch so fortschrittlichen Schulmedizin, in deren Glanz man sich natürlich auch sonnen möchte:

versetzt uns heute in die Lage Gesundheit und Lebenskraft in einem kaum vorstellbaren Ausmaß zu fördern. Viele innovative medizinische Errungenschaften machen bislang unvorstellbares (sic) möglich.“

Dann die Absetzbewegung:

Teilbereiche der pharmazeutisch geprägten Schulmedizin mit ihrem oft seelenverachtenden, materialistischen Menschbild und ihrem Hang zu statistischen Manipulationen die Grenzen des Verträglichen überschreiten und ebenso wie zu viele überflüssige Operationen in Deutschlands Krankenhäusern zu einem wirklich lebensbedrohlichem Gefahrenmoment für unser Leben werden.“

Mit dem abschliessenden Heilsangebot aus dem eigenen Bauchladen:

Die Essenz der unterschiedlichen philosophischen Grundlagenwerke der alten Weisheitslehren aus China, Tibet und Indien hat sehr effektive Diagnose- und Heilverfahren hervorgebracht die nun immer mehr Beachtung finden.“

Auf seiner Homepage definiert unser Kollege „ganzheitlich“ wie folgt:

„Körper, Geist und Seele sind als Einheit untrennbar miteinander verbunden. Heilung kann nachhaltig nur gelingen, wenn das gegenseitige Wechselspiel ausreichend Beachtung findet und es darüber hinaus zu Einsichten kommt die inspirieren und Mut machen, neue Wege zu gehen.“

Was sich hier als so zeitgemäße Erkenntnis gibt, ist über 2400 Jahre alt und verbindet die (Vier)Säftelehre der alten Griechen (http://de.wikipedia.org/wiki/Humoralpathologie ) mit Galens Psychologismen(http://de.wikipedia.org/wiki/Temperamentenlehre) und den vagen eurozentristischen Vorstellungen über die Geheimnisse außereuropäische Kulturen.

Dass unter dem Deckmantel spukhaften Geschwubels „neuesten Erkenntnisse über die Wirkungsweise der Zellmembran und der ihr innewohnenden Intelligenz“ schon rein logisch betrachteter Schwachsinn weitergegeben wird 
Intelligenz einer Membran? weshalb dann ein Zentralnervensystem? – 
stört ja nicht, weil man das ja in Buchform vorlegt und in einer 240-stündigen Ausbildung „Integrale Medizin“ auch vorträgt.

Da erblasst ja der hartgesottendste Evangelikale und wirf sein „Grand Design“ in den Problemstoffbehälter.

Die – wo immer möglich – auf naturwissenschaftlich Evidenz fußende „Schulmedizin“ hat sich den Begriff „Ganzheitsmedizin“ von Kasperln und Scharlatanen einfach entwenden lassen. 

Statt darauf hinzuweisen, dass die Schulmedizin in sich einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, in dem sie Diagnose und Therapie mit der „Ganzheit“ aller bislang bewiesenen naturwissenschaftlichenErkenntnisse in Einklang zu bringen sucht, 
überlassen wir den Begriff Besessenen oder Geschäftemachern, die uns einen Cocktail aus Mystik, Esoterik, Psychoschmäh und privatem Weltbild kredenzen.

„Dr. Hobert beschreibt, wie man mit der Intelligenz des eigenen Körpersystems seinen Alltag radikal verändern und seine Zukunft neu ausrichten kann. Es führt den Leser zu ungeahnten Quellen der Kraft.“

Abschließend sein nur noch erwähnt, dass die zunehmende Fächerspezialisierung in der Schulmedizin kein Gegenargument ihres „ganzheitlichen Ansatzes“ darstellt, sondern eine Notwendigkeit der enormen Fülle an Information und Herausforderungen ist, die die Fähigkeiten eines Einzelnen übersteigen. 
(Man möge mich abhalten eine komplizierte Geburt zu leiten, auch wenn ich das irgendwann einmal gelernt und sogar in Einzelfällen gemacht habe, wenn irgendwo ein hauptberuflicher Geburtshelfer anwesend ist …)

Nur den Propheten der „Alternativen Ganzheitsmedizin“ gelingt es problemlos zwischen „vedischen Tinkturen„, „indianischen Wurzeln“ und „tibetischer Hausapotheke“ zu oszillieren …  

Links:

Ein Besuch in der Apotheke: Der Kunde ist König und der Patient Kaiser: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=62390  

WIE LÄSST SICH GEGEN DIE FÜLLE DER ALTERNATIVEN IN WENIGEN SÄTZTEN ARGUMENTIEREN?
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=32318

Ein Überblick über das Angebot einer Apotheke:
ALTER-NAIV-(?)-MEDIZIN II
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=33145

Bittere Pillen, Saure Trauben oder Katharsis?

leave a comment »


Kurt Langbein, 
Journalist und 1983 Co-Autor eines der erfolgreichsten Sachbücher (Bittere Pillen) des deutschsprachigen Raumes 
erklärt uns seit Jahrzehnten die Medizin, 
seit 1992 über die Multimedia-Agentur Langbein & Partner Media http://www.langbein-partner.com und 
seit 2001 auf www.surfMED.de, einem nach Selbstdefinition
 „unabhängigen und expertengeprüften Lexikon für Ihre Gesundheit“ mit jedoch explizit alternativmedizinischer Tendenz.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Langbein

In seinem Buch Das Medizin Kartell liest sich seine 
Kritik an der Schulmedizin so:

DAS MEDIZINKARTELL – EIN TÖDLICHES GEFLECHT AUS PROFITSUCHT
UND GRÖSSENWAHN?
In diesem Buch zeigen Kurt Langbein und Bert Ehgartner, warum. 
Ihre harte Diagnose der Todsünden der Gesundheitsindustrie ist eine umfassende Innenansicht des Medizinkartells, die am Bild der selbstlosen Heiler erhebliche Kratzer hinterläßt … 
http://www.steuerembargo.co.de/attachments/article/7/Das%20Medizinkartell.pdf  

2009 erkrankte er, der nach eigenen Angaben schon Darm- und Hautkrebs hatte, an Prostatakarzinom und beschrieb seine bisherigen Erfahrungen in einem eben erschienene Buch „Radieschen von oben„, das er nun durch eine Reihe von Medienauftritte an den Mann (und vermutlich an die Frau) zu bringen sucht. 

An seinen öffentlichen Äußerungen lassen sich die Hauptprobleme seiner bisherigen journalistischen Arbeit gut nachvollziehen. 
Gerade weil sich auch dieser Blog hier gefährlich nahe an dieser Grenze bewegt, wollte ich an diesem Thema nicht vorbeigehen.

Die selbstgerechte Überzeugung vom eigenen Standpunkt wächst mit der Entfernung zum Problem.

Ich war überrascht über die Wucht der Emotionen, obwohl ich selber viele Krebspatienten interviewt und mit der Filmkamera begleitet habe. 
http://derstandard.at/1330389858448/Journalist–Betroffener-Im-Konflikt-mit-dem-Krebs 
 
Ich habe davor ja Filme gedreht über das Leben mit Krebs, Langzeitbegleitungen. Das Überraschende war die Intensität der Empfindungen, die weit über alles hinausgehen, was man davor gedacht hat zu verstehen.
http://diepresse.com/home/gesundheit/735099/Kurt-Langbein_Ich-kaempfe-darum-am-Leben-zu-bleiben 

Kritik ohne Selbstkritik: Statt sich nach der Erkenntnis, dass der journalistischen Zugang die „wahre Situation“ des Patienten nicht erkannt hat, auch zu fragen, ob er nicht auch die „wahre Situation“ des Arztes fehlinterpretiert hat, kommt nicht in Frage. Er kennt zwar ohnehin ein paar gute (alternative) Ärzte, aber dem Rest sei gesagt:
.
Ich glaube aber auch, dass Ärzte den Umgang mit den Emotionen eines Krebspatienten besser kennenlernen sollten. http://derstandard.at/1330389858448/Journalist–Betroffener-Im-Konflikt-mit-dem-Krebs

Es ist ein großer Unterschied, ob man sich seine Meinung durch das Lesen, Recherchieren und Lästern oder durch die tägliche Arbeit in einem Beruf gebildet hat, den man auch erlernt hat
Der unerschütterliche Glaube an das eigene Weltbild, ist konstitutiv für viele selbsternannte Gurus aber sie sollten sich dann nicht auf wissenschaftliche Evidenz berufen.

Wissenschaftsjournalismus tut gut daran, sich der Methoden der evidenzbasierten Medizin zu bedienen. Es sollten eigentlich nur Therapien empfohlen werden, die bewiesen haben, dass sie mehr nützen als schaden. Es ist aber etwas grundlegend anderes, sich als Einzelperson die für einen selbst passende Therapie zu suchen.

Gegen meine Entzündungsneigung nehme ich erfolgreich indischen Weihrauch. Ich spritze mir, mit Pausen, Mistelextrakt. … Das tut mir gut.

Gut, aber keine „Evidence Based Medicine“ auf die sich Langbein doch immer beruft, um ärztliche Anordnungen als unnötig und zu teuer abzulehenen. Dass möglicherweise mit Weihrauch und Mistel schon mehr Geld verdient wird (man bedenke nur wie wenig die Mittel im Gegensatz zu Pharmaka kosten) als mit der Schulmedizin.

Der Journalist beschreibt die verschiedenen Therapiemöglichkeiten und zieht den Schluss, dass jene Mediziner, die bei Krebsbehandlungen ganzheitliche Ansätze verfolgen – also einen klugen Mix aus moderner Schulmedizin, Psychologie und alternativen Methoden praktizieren – überdurchschnittlich erfolgreich sind. http://oe1.orf.at/artikel/298721  

Das ist Meinung ohne Evidenz. Während Langbein süffisant Archie Cochrane einen der Ahnväter der Evidence Based Medicine zitiert: »Ärzte sind überflüssig« hält er sich selbst nicht an deren System zur Wissensanalyse, wenn es ihm nicht ins Konzept passt:
http://www.steuerembargo.co.de/attachments/article/7/Das%20Medizinkartell.pdf

Ich hatte bis zu dieser Erkrankung das Gefühl, dass ich mit meinem Körper ganz guten Kontakt habe. Ich habe relativ viel Sport gemacht, bin ganz gut mit ihm umgegangen, und er mit mir. Mit der Erkrankung habe ich meinem Körper gegenüber ein tiefes Misstrauen entwickelt und habe lange über die Zeit hinaus, in der ich Beschwerden hatte, Mühe gehabt, einen positiven und vertrauensvollen Kontakt mit ihm wiederherzustellen. Und ein Rest Skepsis bleibt. http://www.nachrichten.at/ratgeber/gesundheit/art114,822688  

Das eigene Vorurteil bedingt gerade bei den selbsternannten Aufklärern und Aufdeckern sehr häufig das abschliessende Urteil, wird aber als absolut und objektiv verkauft. Was als Selbsttherapie beginnt, wird als objektive Wahrheit verkauft.

Während des Schreibens bin ich draufgekommen, wie gut mir das getan hat, weil es mir gelungen ist, Empfindungen zu formulieren und zu präzisieren, die ich nie ausgesprochen hätte.
http://diepresse.com/home/gesundheit/735099/Kurt-Langbein_Ich-kaempfe-darum-am-Leben-zu-bleiben

Es war gar nicht leicht, die für mich passende Therapie zu finden, weil in Österreich die Meinung vorherrscht, dass Prostatakrebs operiert gehört, allenfalls noch eine Hormontherapie sinnvoll sei. 
Diese Aussage ist falsch, da für jede dieser Therapien andere Indikationen vorliegen, die jeder Laie auch nachlesen kann: 
http://www.kup.at/journals/inhalt/1205.html 
 
Viele Kritiker der Schulmedizin thematisieren immer nur die unbestreitbaren Nachteile bestimmter Therapien, verschweigen aber – so sie nicht selbst betroffen sind – dass diese oft ohne echte Alternative sind. Sind sie selbst betroffen, liest sich das so:


Ich habe mich gegen beide Varianten entschieden und mich einer kombinierten Strahlentherapie unterzogen. Dazu habe ich versucht, meine Lebenskraft durch eine onkologische Psychotherapie und Medikamente wie Mistelextrakt möglichst hoch zu halten. 
Ich habe die Begrenztheit der Chemotherapie und Strahlentherapie beschrieben und die großen Zerstörungen, die im ganzen Körper angerichtet werden.
Es ist nur scheinbar ein Widerspruch, wenn man sich dann als Betroffener einer solchen Therapie unterzieht – es gibt leider bis heute keine Therapie gegen Krebs die ohne ein solches Zerstörungswerk auskommt.

Es ist allerdings eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet ein Journalist, der vor dem PSA-Screening warnt, zu den wenigen Menschen gehört, die durch die PSA-Untersuchung rechtzeitig diagnostiziert wurden, und daher Fragen im Standard-Chat beantworten kann.
http://derstandard.at/1330389858448/Journalist–Betroffener-Im-Konflikt-mit-dem-Krebs 

Vielleicht sollte ich mich für die kaum unterdrückbare Häme schämen, aber für mich hat das Bild des selbstlosen Journalisten Langbein nicht nur einige Kratzer abbekommen, …
es erscheint mir mehr denn je als ein Paradebeispiel dafür, dass man aus der Tatsache, dass ein Kritiker bestimmte Dinge zu Recht kritisiert, nicht schliessen soll, dass er auch Recht hat.
Häufig stehen dahinter oft nur Eitelkeit, Profitsucht und Halbwissen …

aber das ist „Eminence Based“, nicht „Evidence Based“, 
ich gebe es ja zu,
Langbein würde es auch öfters gut tun, es zuzugeben.

Links:
http://derstandard.at/1329703080711/Das-aktuelle-Medizinbuch-Kurt-Langbein-Ein-Aufdecker-betroffen

%d Bloggern gefällt das: