Sprechstunde

über alles was uns krank macht

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Der EU Austrittswähler

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Wahlurnen

 

Etwas geschafft von der langen Reise, schließlich tritt die EU-Austrittspartei nur im Ländle hinter dem Arlberg an, treffe ich auf meinen heutigen Gesprächspartner.

„Ich bin furchtbar enttäuscht, oder?“ Begann das Gespräch mit einem hageren, etwas gehetzt wirkenden Mann mit schütterem Haarwuchs und betont aufrechtem Gang. Auf den ersten Blick erkennt man: Milizsoldat, Handygegner und mit seiner Jugendliebe verheiratet.

„Ich habe ja damals auf alle vertraut, den Vranitzky, den Mock, die Ederer und den ORF, nur bin ich halt von der EU so bitter enttäuscht worden. Es ist höchste Zeit auszutreten und wieder ein souveräner Staat zu werden, eher alles zusammenbricht und der TEUro weniger wert wird als unser Schilling. Wenn wir schon nicht aus Österreich austreten können, dann wenigstens aus der EU.“

Ich frage ihn, ob es denn außer dem EU-Austritt noch etwas gäbe, das die Partei erreichen möchte.

„Wir wollen mehr Selbstbestimmung und Mitsprache des Bürgers.“

Also mit einem Wort „Direkte Demokratie“, aber das versprechen ja ohnehin schon alle Parteien einschließlich der Piraten, die aber als Voraussetzung dafür noch einen Internetzugang fordern!, werfe ich ein.

„Österreichisches Steuergeld muss in Österreich bleiben und unseren Kindern und nicht den Banken zur Verfügung gestellt werden! Und auch die Korruption gehört abgeschafft.“

So weit, so Strache, denke ich bei mir.

„Mehr Grenzkontrollen, dass da nicht jeder rein und raus gehen kann!“

„Auch wenn die Heimat grad‘ nicht verschneit und vermurt ist“, versuche ich mich ihm anzubiedern.

„Wir müssen massive Zugangsbeschränkungen einführen, damit die aus ihren Pleitestaaten nicht alle zu uns kommen. Dafür sollen alle unsere Soldaten aus dem Ausland abgezogen werden und unsere Grenzen verteidigen!“

Mich beunruhigt der Gedanke einer Kriegserklärung Liechtensteins nun weniger, aber meinetwegen. Auf die Frage, warum er denn nicht gleich die FPÖ wählt, reagiert er gereizt aber bleibt die Antwort schuldig, die umso notwendiger wäre, je mehr er von den „Lobbyisten in Brüssel“, der „abgehobenen Beamtendiktatur“ und den „Gurkenkrümmungsradien“ spricht. Als ich darauf insistiere, meint er, dass die FPÖ nur so tue, als wäre sie gegen die EU, in Wirklichkeit wollen die den ganzen Balkan in die EU bringen.
OK, mit der blauen Nächstenliebe hat es mein Gegenüber also weniger.

„Die Handy- und Atomstrahlen machen nicht an unser Grenze halt, wenn wir nicht etwas dagegen unternehmen.“

Vor meinem geistigen Auge legt sich ein riesiger Faradayscher Käfig um das Ländle, statt der Landesfahnen wehen kleine Aluminiumfetzchen und die Armbrust wird vorsorglich auf jeden Näherkommenden angelegt, … OK, das wäre Tirol!

Inzwischen hat mein Gegenüber die Spitze seiner Krawatte durch das beständige Herumfingern gehörig ausgefranst. Was würde denn ein EU-Austritt Österreichs bewirken?, versuche ich das Gespräch in Gang zu halten.

„Ganz einfach, das Leben würde wieder einfacher werden. Beim Einkaufen müsste man nicht alles durch 13,76 dividieren.“

Glaube er denn wirklich, dass die Partei, die es gerade einmal in Vorarlberg auf die Stimmzettel geschafft hat, ihr Ziel erreichen wird?

„Wir im Ländle waren immer schon im Herzen wie die Schweizer.“
Nur die wollten euch schon 1919 nicht, fuhr es mir durch den Kopf.

„Wir müssen ja die Menschen ohnehin nicht mehr davon überzeugen, dass wir aus der EU müssen, oder!“

Ich kann mir nicht helfen, mich verunsichert die alemannische Relativierung am Satzende immer wieder, als ob man sich den Rückzug in eine gegenteilige Meinung offen halten wollte.

„Die EU-Austrittspartei hat als einzige Partei, die ein klares Programm für die Befreiung Österreichs von der EU vorgelegt hat:

2013: Nationalratswahl
2014: Volksabstimmung über den EU-Austritt
2015: Österreich ist wieder frei, oder?!?

Als zu allem Überfluss auch noch mein Handy anschlug, spürte ich eine gewissen Feindseligkeit bei meinem Gesprächspartner und ich verabschiedete mich rasch, ehe ich noch um ein Visum ansuchen muss, um wieder in den Osten zu kommen.

Written by medicus58

31. August 2013 at 15:50

Was lernen wir aus dem Scheitern der Demokratie?

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Demo

Anfang dieser Woche sind zwei Volksbegehren gescheitert:

Das Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien (http://www.kirchen-privilegien.at/) und das Volksbegehren MeinOE-Demokratie jetzt (http://www.demokratie-jetzt.at/das-volksbegehren)  wurden von einer absolutesten Mehrheit der Österreicher, also über 98% der Wahlberechtigten NICHT unterschrieben.

Natürlich gibt es dafür gute Gründe, die z.T. auch bei den Protagonisten hinter den Volksbegehren zu suchen sind, jedoch sehen wir uns das einmal ganz dialektisch an:

Wenn wir davon ausgehen, dass die verfassungsmäßig abgehaltenen Meinungsäußerungen den Willen der Wahlberechtigten reflektieren (ehe Sie nun widersprechen, bedenken Sie dass die Umkehrung dieser Prämisse uns in noch größere Probleme stürzen würde!), dann lässt sich daraus schliessen, dass Österreich 
FÜR Privilegien staatlich anerkannter Religionsgemeinschaften,
GEGEN Demokratie ist UND
sich DAGEGEN ausspricht, die RECHTE der MINDERHEIT, die dafür unterschrieben hat, zu schützen …

Wie immer wenn man zu formal denkt, erscheint einem das Ergebnis auf den ersten Blick absurd, ….

doch ist es das wirklich?

LINK: Im Rückblick-SPIEGEL: Sind es nicht die Demokraten, die die Demokratie gefährden? http://wp.me/p1kfuX-qg

Written by medicus58

25. April 2013 at 19:49

Wir leben in einem Land, in dem kein Hirnschuss zu blöd ist, als dass er nicht abgefeuert wird

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Schneeschaufel Tweet

Freitag, den 18. 1.2013 nutzte ich eine kurze Veranstaltungspause einer medizinischen Veranstaltung für einen Tweet.

Wesentlich:
Die letzten zwei Tage war ich von morgens bis abends so eingespannt, dass ich es weder zum Zeitungslesen noch zum Abhören irgendwelcher Nachrichten reichte.

Ich überflog einige Tweets für und wider die Wehrpflicht, Erinnerungen an heroische Katastropheneinsätze unseres BHs und Erinnerungen an sinnlose Tätigkeiten während des Präsenzdienstes…

Draußen rieselte leise der Schnee.

Da kam mir plötzlich die Idee, dass man, da es den Wehrpflichtbefürwortern an aktuellen Katastophen mangelt, doch den augenblicklichen Winter zu einer solchen hochstilisieren könnte.
Natürlich ist der Schmäh nicht gerade berauschend, aber ich tippte um 12:34 folgenden Text ins Smartphone:
Lassts die Soldaten vor Privathaeusern schneeschaufeln und Wahlsieg fuer Wehrpflicht ist sicher

noch die beiden hashtags #katastophenschutz und #weird, letzteren um allf. Zweifel zu beseitigen, dass ich den Vorschlag selbst ernst nähme und ab damit in das digitale Nirwana.

Etwas enttäuschend, dass der Rest der Twitteria meine Meldung weder favorisierte noch re-tweetet hat. Die Ursache liegt aber nicht nur in der Flachheit des Schmähs, sondern in der Tatsache, dass der Inhalt in ÖVP-geführten Gemeinden schon längst realisiert wurde, was ich, arbeitsbedingt gar nicht mitbekommen habe.

Aber Ehre wem Ehre gebührt, retrospektiv läßt sich auf Twitter herausfinden, dass ein mir unbekannter @Philipp_Wernig offenbar schon am 16.1. 8:06 PM auf diese Idee kam, als er twitterte

Wo ist das #Bundesheer, wenn man es braucht? Ein paar #Grundwehrdiener könnten ruhig #Schnee schieben – #Wehrpflicht bringts nicht

Ich bin mir ziemlich sicher, seinen Tweet nicht gelesen zu haben, da ich ihm nicht folge …

Gleiches gilt für den Tweet von @SomnaB, der am 17.1. um 11:18 versendet wurde:
Hilfe wien erstickt im schnee setzt das Bundesheer in wien ein sonst gibt es heute abend ein chaos ein fiasko in der rush hour

Der Standard berichtete auch schon am 17.1. um 14:58 vom Ausrücken der Grundwehrdiener in Baden um die Heimat vor den anstürmenden Schneemassen zu verteidigen http://derstandard.at/1358303822303/Arbeitsweg-Gasversorgung-Bundesheer-Die-Auswirkungen-des-Wintereinbruchs?

Während Wolfgang Fellner sich in seinem Österreich bereits am 16.1. um 23:40 fragte: Wo war das Bundesheer gestern, als Österreich im Schnee versank? http://www.oe24.at/oesterreich/politik/wolfgangfellner/Das-sagt-Oesterreich/91737564
Ob Sie es mir nun glauben oder nicht, dass ich vor meinem Tweet nichts von den Ereignissen der vorangegangenen 24 h mitbekommen habe, ist eigentlich unerheblich .. Für mich steht fest:
So blöd kann gar nicht sein, was man sich in satirischer Absicht zusammenreimt, in Österreich findet sich eine politische Partei, die genau damit glaubt Politik machen zu können …

beängstigend

Written by medicus58

19. Januar 2013 at 19:49

Da gab es noch eine andere Wahl in Europa: Managed Care in der CH

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Am Sonntag stimmten die Schweizer (76%) gegen das von der Regierung seit 8 Jahren vorbereitete  Managed Care im Gesundheitssystem, obwohl ihnen niedrigere Prämien in Aussicht gestellt wurde.
Vermutlich stellte der damit verbundene Verzicht auf die freie Arztwahl den wesentlichen Bewegrund für das Abstimmungsverhalten dar. Die Patienten hätten sich in diesem System vertraglich zur Erstkonsultation eines Hausarztes verpflichtet, der sie aber nur im Rahmen des ihm von der Krankenkasse zugeteilten Budgets hätte behandeln können. Zuweisungen wären verbindlich nur an FÄ innerhalb des jeweiligen Ärzteverbundes möglich gewesen.

Bemerkenswert war auch, dass die Befürworter sich sogar einen Internetauftritt geleistet haben (http://www.bessere-behandlung.ch/  ) die Schweizer Ärzteschaft, im Gegensatz zu den „Gesundheitsexperten“ war aber selbst höchst uneins über dieses Projekt, so dass das Abstimmungsverhalten nicht den Lobbying der Ärzteschaft zuzurechnen ist.

Neben dem US-amerikanischen ist das Schweizer System das zweit teuererste Gesundheitssystem der Welt, so dass hier der Zwang zu Einsparungen ungleich größer ist als z.B. in Österreich!
Na Gott-sei-Dank müssen sich unsere Verantwortlichen nicht auch noch einer direkten Demokratie stellen ….

http://orf.at/stories/2126245/

http://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/managed-care-vorlage-nun-gibt-es-erst-einmal-ein-paar-pflaesterli-124666228
http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Managed-CareVorlage-SVP-geht-bereits-von-einem-Nein-aus/story/11632868
http://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/krankenkassen-enttaeuscht-ueber-ablehnung-der-managed-care-vorlage-124664522
http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/wuchtiges-nein-zur-managed-care-vorlage-1.17248794
http://www.blick.ch/news/politik/76-prozent-gegen-managed-care-id1926699.html

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