Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Posts Tagged ‘Debatte

Erinnerungen an eine Debatte 5.11.1978-5.11.2018

leave a comment »


Zwent

Ich kann mich noch gut an die abendliche Veranstaltung erinnern. Kurz vor der Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des fertigen AKWs in Zwentendorf bei Wien hat die Hochschülerschaft zu einer Diskussion mit „Vertretern der Energiewirtschaft“ geladen und der Hörsaal war bumm voll.

Für die geladenen Herren im Nadelstreif waren alle Probleme technisch gelöst oder ihre Lösung stünde unmittelbar bevor. Die nächste AKW Generation würde die Abfälle der jetzigen Meiler begierig verbrennen und für das was überbleibt gäbe es dann schon ein Endlager. Würde Zwentendorf nicht in Betrieb gehen, würden in wenigen Jahren die Lichter ausgehen.

Ersteres und Letzeres fand bekanntlich so nicht statt und Endlager im eigentlichen Sinn gibt es seit kurzem eines weltweit, aber das liegt in den USA und nimmt nur US Müll.

Die deutlich überwiegende Mehrheit der AKW Gegner sah hingegen Maikäfer so groß wie Seeadler auf unsere missgebildeten Babys zukommen. Energie gäbe es genug, ein paar Windräder und Sonnenkollektoren und wir können auf Zwentendorf verzichten. Energiesparen ist nicht so wichtig.

Jede Wortmeldung der Befürworter wurde niedergelacht, jede Wortmeldung der Gegner beklatscht. Die Nadelstreifler saßen den Zirkus ab und blickten immer häufiger auf ihre Armbanduhren.

Eine nur annähernd an Argumenten orientierte Diskussion war unmöglich. Übrigens ist das auch nach Three Mile Island 1979, Tschernobyl 1989 und Fukushima 2011 geblieben.
Abstreiten oder Übertreiben, dazwischen gab es und gibt es wenig.

Ich war und bin gegen die Energiegewinnung durch Kernenergie, aber nicht weil der Betrieb so gefährlich wäre, eher schon, weil bereits damals klar wurde, dass sich der Betrieb eines einzigrn AKWs nicht rentiert und damit zwangsläufig immer mehr gebaut werden müssen. Das für mich wesentliche Argument fand aber schon damals bei jener ÖH Veranstaltung keine wirklichbreite Zustimmung:

Es ist einfach unethisch die Gewinne, nicht nur die der Betreiber sondern die aller Nutznießer jetzt einzufahren, die Kosten aber auch Generationen zahlen zu lassen, die von dem ganzen Ding keinen Nutzen mehr aber gesundheitliche Risiken und finanzielle Kosten haben.
Allen Noch-immer-Befürwortern sei gesagt, dass Zwentendorf, wäre es damals in Betrieb genommen worden, heute bereits vom Netz gegangen und abgebaut werden hätte müssen.

So richtig die damalige Entscheidung war, so verlogen verhielten sich im Vorfeld und in der Folge Politik, Energiewirtschaft und AKW Gegner.

Das gesamte AKW wurde noch Jahre und trotz Atomsperrgesetz mit voller Belegschaft Instand gehalten und erst 1985 still eingemottet

Bei Stromimporten wurde nicht wirklich darauf geschaut, wie viel „Atomstrom“ da nach Österreich kam.

Energiesparen war jenseits von Selbstfindungszirkeln alternativer Latzhosenträger kaum ein Thema.

Eines habe ich damals in diesem Hörsaal aber gelernt:

Öffentliche Diskussionen sind selten rational.

Nur weil man mit Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgt, heißt das noch lange nicht, dass man auch alle ihre Argumente teilt.

Auch richtige Entscheidungen können auf Grund falscher Argumente getroffen werden.

Und wenn wir an die kürzlich erfolgte Befragung über ein Berufsheer denken, dann hat sich in diesen 40 Jahren nichts zum Besseren gewandt.

PS: Das Foto stammt übrigens wirklich aus dem AKW Zwentendorf.

Written by medicus58

5. November 2018 at 19:27

Warum kaufen wir Bananen für den Apfelstrudel?

leave a comment »


Vordergründig ausgelöst durch die Analysen der ersten „Presidential Debate“ zwischen Obama und Romney (http://youtu.be/aYKKsRxhcro), jedoch einen Befund beschreibend, der mich seit Jahren immer mehr beschäftigt:

Wir wählen Führungskräfte nicht mehr nach den Eigenschaften aus, die sie benötigen, um ihre Aufgaben bestmöglich zu erfüllen, sondern nach ihrer Herzeigbarkeit und ihres oberflächlichen Unterhaltungswert.

Natürlich läuft es nicht immer so plakativ ab, wie auf dieser köstlichen Animation (http://www.youtube.com/watch?v=iNhUI8ktHuw), aber das Jahrmarkthafte unserer politischen Debatten, aber auch vieler Hearings und Assessment-Center Spielchen, die ich selbst erlebt habe, wird hier schön eingefangen.
Als Konsequenz verbringen wir immer mehr Zeit mit dem Training für diese Auftritte was notgedrungen auf Kosten der fachlichen Ausbildung oder zumindest der persönlichen Freizeit geht. 

Natürlich schafft der Trend Arbeitsplätze für ansonsten schwer vermittelbaren Absolventen diverser Orchideenstudien, die sich früher nur durch den Verkauf von Küchengeräten auf lokalen Märkten über Wasser halten hätten können oder an ihrer Türschwelle mit einem Staubsauger aufgetaucht wären. Sie machen uns auf Defizite aufmerksam, die sie selbst „erfunden“ haben und „verkaufen“ uns auch sogleich die Lösung.

Performance ist trainierbar
http://youtu.be/7NW7sHtnGdQ
„Menschen werden eingestellt wegen ihres Wissens und entlassen wegen ihres Verhaltens“
„Bleiben Sie wie sie sind, das kann Ihnen keiner nehmen“
http://youtu.be/3rD77iYWafo 
 
Wenn, wie in dem folgenden Video Studenten, also Personen, die sich gerade damit beschäftigen die neuesten Erkenntnisse in ihrem Fachgebiet zu lernen, bereits ins Assessment Center Training drängen, weil sie sonst glauben, „am freien Markt“ keine Chance zu haben (http://youtu.be/7vTydr-fhW0), dann zeigt das für mich die völlig falsche Allokation der Ressourcen, die wir uns aufzwingen lassen.

Das Sein ist ungenügend ohne den antrainierten Schein.
 
In einem sehr sehenswerten Video, lässt Sam Tanenhaus einige der bemerkenswertesten Momente in den TV Debatten amerikanischer Präsidentschaftswahlkämpfe an uns vorüberziehen, um dann den Schluss zu ziehen, dass dieses Format eben das „wahre Ich“ der Kandidaten enthüllt hätten (http://youtu.be/LY1GvXXWdHA).

Ich bezweifle die Gültigkeit dieses Schlusses. 

Die unzähligen Coaches, Ratgeber und Trainer bereiten uns zwar darauf vor,
nicht in die üblichen Fettnäpfchen unserer Vorstellungsgespräche, Hearings und TV Debatten zu tappen und trainieren uns darauf für Standardfragen Standardantworten zu haben:

Frage: „Was war den ihre größte Niederlage
Antwort: „Nicht vorhergesehen zu haben, dass ich mit meiner Meinung völlig richtig lag.“

Frage: „Sie überzeugen mich aber nicht.“
Antwort: „ Das liegt am Ihrer hohen Kritikfähigkeit und an meiner großen Bescheidenheit.“
Nun zu glauben, dass sich aus diesen Dialogen „die wahre Persönlichkeit“ erschließen lässt, wäre so intelligent, wie sich als Wiener Juwelier Bruce Willis als Wächter vor das geschäft zu stellen, nur weil er in unzähligen „Die Hard“ Filmen brillierte.

Schlagfertigkeit lässt keinen Schluss zu, wie sich ein Kandidat bei der Lösung eines Sachproblems anstellen wird. 

Wie weit diese Schwerpunktverschiebung bereits vollzogen ist, musste ich selbst in einer Hearingsituation (die ich letztendlich „gewonnen“ habe, also keine sauren Trauben) erleben, als verkündet wurde, dass man ohnehin davon ausgeht, dass alle Kandidaten im Hinblick auf ihren bisherigen Berufsweg fachlich qualifiziert wären, so dass man sich damit gar nicht mehr beschäftigen wird.

Nun könnte man oberflächlich zu Recht einwenden, dass es halt neben der Sachebene auch immer einer Persönlichkeitsebene gibt und sich kaum jemand durchsetzen wird, wenn er als Person auf völlig Ablehnung bei seinen Mitarbeitern, Käufern oder Wählern trifft, jedoch geht es hier um die bereits eingetretene Verschiebung der Gewichtung:

So unterhaltsam die „Super Mario Bros“ auch sind, ihren tropfenden Wasserhahn werden sie nie und nimmer reparieren können.

So schon und reif können Bananen gar nicht sein, dass sie in einem Apfelstrudel reüssieren werden.

Natürlich wären wir auf der sicheren Seite für jede Position eine „Eierlegende Woll-Milch-Sau“ zur Verfügung zu haben, nur spielt es das halt nicht.

Der Tag hat 24 Stunden und der Erwerb von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten verlangt von uns immer mehr Zeit. 

Je mehr wir uns von all den Typen, die weit weg vom produktiven Kernprozess ihr Geld verdienen, einreden lassen, dass wir ein immer größeres Stück unserer Zeit im Schminkraum und beim Coaching verbringen müssen und je weniger das Kunden und Wähler begreifen, desto mehr werden wir von Führern umgeben sein, die uns überzeugend in den Abgrund führen.

Verwandte Links:
Stop working start counselling:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56907
Nachlese zur ersten TV Debatte Obama Romney
http://t.co/GrIlj73r

Written by medicus58

5. Oktober 2012 at 16:21

%d Bloggern gefällt das: