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Humana: Black (est) Friday my ass

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In den letzten Jahren breitete sich – ungeachtet aller Warnungen vor Schein- und Lockangeboten – der Konsumköder Black Friday auch bei uns ungehindert aus. Ob man da wirklich vor dem Großen Weihnachtskaufrausch ein Schnäppchen kriegt, oder mit Restposten jemand sein Lager vor dem nächsten Rausverkauf leer kriegen will, tut nun mal nichts zu Sache.

Wenn der Hype nun auch die Humana erreicht, dann ist das schon ziemlich absurd, wenn man deren Missionstatement nachliest:

SCHULTER AN SCHULTER
MIT DEN ARMEN –
FÜR EINE GERECHTE WELT.

Durch Kleidersammlung und -verkauf… die Selbsthilfe-Kapazität der ärmsten Menschen der Welt, gegen Armut und Ungleichheit, durch Verbreitung von Wissen, Gesundheit, Schutz der Umwelt, Schaffung von Arbeit und Einkommen für jedermann.

Schaffung einer humanen Gesellschaft in einer einzigen Welt – das höchste Ziel.

Man kann das zwar alles gut finden, wenn die Ärmsten der Armen wenigsten mit ein paar abgelegten Fetzen am Konsumrausch mitmachen dürfen, nur stellt offenbar niemand mehr den Anspruch unverschuldete Armut an sich zu bekämpfen.

Written by medicus58

27. November 2019 at 23:15

Ich bin Unmensch – hier kaufe ich nicht ein

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Sie kennen sicher den Werbeslogan des Karlsruher Drogeriegiganten:
Hier bin ich Mensch – hier kauf ich ein
Vielleicht sogar Goethes Original: Hier bin ich Mensch hier darf ich

Wir haben uns seit 1992 an diese Junktim von
Selbstverwirklichung durch Konsum unhinterfragt gewöhnt, ebenso wie an das zur Hochzeit des Neokapitalismus (2002-2011) von einer Elektrokette formulierte Credo:
Geiz ist geil.

Seit etwa 2013 schwappt nun die nächste Welle konsumatorischer Menschwerdung über den großen Teich: Der Black Friday (nein, nicht der der Weltwirtschaftskriste 1929) bzw. der Cyber Monday oder Amazons „Cyber-Monday-Woche“ gilt seit den 60er Jahren in den US als Auftakt zum vorweihnachtlichen Einkaufswahnsinn.

Und ich fühle mich schlecht!

Natürlich weiß inzwischen jeder, dass die extremen Rabatte in vielen Fällen Humbug sind und sich entweder auf Ladenhüter, abgespeckte Konfigurationen oder auf ursprünglichen, längst nicht mehr aktuelle Verkaufspreise beziehen.

Ich fühle mich schuldig!

Nahezu alle Tageszeitungen bombardierten mich mit Schnäppchen und Warnungen, eigene Online-Seiten sammelten die besten Angebote, Mail- und Spambox waren gut gefüllt mit möglichen Ersparnissen von Hunderten Euros und ich habe nichts gekauft.

Ich verbrachte schlaflose Nächte,
weshalb ich mir meine geheimsten Wünsche nicht erfüllte, von denen ich zwar nichts, Google Ads aber alles wusste.

Mein Weinschrank ist noch immer leer,
obwohl Wein&Co mit auf den Sommerwein 2016 von Groiss 50% Preisnachlass gewährte.

Die Wohnungseinrichtung ist noch immer nicht ausgetauscht,
obwohl mir alle Möbelhäuser ihr gesamtes Lager noch am Einkaufstag zustellen wollten.

Ich bin ja eigentlich nicht blöd aber ich fühle mich so,
weil ich all die gebotenen Gelegenheiten ungenutzt verstreichen ließ.

Aktuelle Berichte schätzen für die USA ein Plus von 18% im Onlinegeschäft und Erlöse von 7,9 Milliarden Dollar. Für den heutigen Cyber Monday werden Rekordumsätze von 6,6 Milliarden Dollar geschätzt und ich war nicht dabei.

Natürlich gibt es auch Gegenbewegungen und Konsumverweigerer, aber das ist hier nicht der Punkt.
Der Punkt ist, weshalb sich dieser Konsumwahnsinn unter den gefälligen Beiträgen unserer Medien auch hier ausbreitet und niemand hinterfragt weshalb Händler am Beginn des ohnehin unvermeidlichen Weihnachtsgeschäftes Waren zu Preisen verschleudern, die sie nicht einmal im nachweihnachtlichen Räumungsverkauf mehr unterbieten?
Weshalb üben unsere Medien nicht eine vergleichbare Propagandaschlacht auf,
um Menschen zu Bildung zu verführen oder
zu Interesse an Kunst, Philosophie oder
zu demokratischer Teilhabe?

Und wenn sich die Selbstverwirklichung nur mehr über den Konsum erreichen lässt, dann eben über den bewussten Konsum, einen Konsum, der den Markt verändert, gute statt billiger Waren favorisiert, nachhaltige Strukturen stärkt statt Import aus Billigländern.

Die US Amerikaner haben offenbar an diesem Wochenende auch einen Rekordumsatz an Waffenkäufen (genauer Anmeldungen für zukünftige Waffenkäufe) hingelegt, wie heute weltweit in den Medien zu lesen ist.
Wäre doch gescheit den Konsumenten einmal zu erklären, dass ihr Geld die wichtigste Waffe ist, mit der sie diese Welt verändern können.
Eine neue Form der Revolution halt, in dem der bewusste Einsatz von Geld (nicht Feuerwaffen)  die stärkste Waffe gegen den kapitalistischen Wahnsinn darstellt.
Wer nett auch davon was in den Medien zu lesen statt der endlosen Analysen wo man beim nächsten Handy sein bestes Schnäppchen machen konnte.

Irgendwie fühle ich mich noch immer schlecht.

Written by medicus58

27. November 2017 at 16:50

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