Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Posts Tagged ‘Arzt

Schämt sich der Arzt seiner Kutsche? Eine subjektive Betrachtung

leave a comment »


ÄKVÖ

Raschere ärztliche Hilfeleistung durch Förderung des Einsatzes von Automobilen – anstatt der bisherigen Pferdekutschen – bei der ärztlichen Berufsausübung“ war im November 1907 einer der Beweggründe, die Ärztlichen Kraftfahrvereinigung Österreichs (ÄKVÖ) zu gründen
(http://www.aekvoe.at/f_main.htm), die seit 1952 unter der proporzgemäß schwarzen Seite der österreichischen Kraftfahrervertretung ÖAMTC daherkommt.

Arzt und Kutsche gemahnt an Kafkas Kleinod „Der Landarzt„:
Eine entscheidende Stelle zu Beginn der Erzählung mag die Tür zum vermeintlichen Schweinestall sein, die als Schnittstelle zwischen realer und irrealer (Traum-)Welt des Unterbewussten interpretiert wurde. Die eigenartigen Pferde wurden als plötzlich frei werdende, innere Kräfte des Arztes gedeutet, die die Unzulänglichkeiten des Privat- und Berufslebens offenlegen und einen Prozess der Selbstfindung, der Selbstverwirklichung auch in sexueller Hinsicht auslösen. Die Geschichte kann aber auch als Kritik an einer rücksichtslosen, unsolidarischen Gesellschaft verstanden werden, die einen auf sich gestellten, Tag und Nacht seine Pflicht tuenden Arzt überfordert, in die Isolation treibt und letztendlich zerstört.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Landarzt#Die_Erz.C3.A4hlung_.E2.80.9EEin_Landarzt.E2.80.9C)

Aber eigentlich wollte ich es gar nicht so ernsthaft anlegen.
Mir ist nur aufgefallen, dass das ehemals so beliebte Emblem des Vereins, selbst in Spitalsgaragen heute kaum noch auf den Windschutzscheiben ärztlicher PKWs zu sehen ist. 
Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, wo jede „Rostlaube“, kaum hatte ihr Besitzer seinen Dr. med univ. auf Kunstpergament, das schmucke Zeichen trug, als sollte damit vor der Dorfdisco signalisierte werden, dass man sich nur in einem Durchgangsstadium zu „Höherem“ befand.
Erst recht zierte das „Pickerl“ die Windschutzscheibe des „Bayern“, „Quattro“ oder „Benz“ um dem „einschreitenden Organ“ gleich einmal zu signalisieren, dass die Geschwindikeitsübertretung eventuell der Lebensrettung gedient haben könnte und man sich mit einer „Alkkontrolle“ nur Schwierigkeiten einhandeln würde, weil der Fahrer irgendwann einmal auch ein gerichtsmedizinisches Skript überflogen hat.

Dies schien sich geändert zu haben. Das ehemalige Statussymbol fällt nur mehr selten auf.
Über eine allfällige Erklärung, kann ich nur Mutmaßungen anstellen:
Vielleicht ist es heute gar nicht mehr so wünschenswert als Arzt identifizert zu werden?

Vergleiche: Unser Image ist im Arsch, soviel scheint sicher … http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=85300

Written by medicus58

3. Juni 2013 at 17:38

Der typische Arzt ist ein Hausarzt mit Kassenverträgen und reich

leave a comment »


Der typische Arzt, ist Ihr Hausarzt mit Kassenpraxis: Weit daneben

Von den insgesamt rund
42.640 Ärztinnen/Ärzten und Zahnärztinnen/Zahnärzten im Jahr 2010 waren rund
19.140 (das sind nichteinmal 45%) in freier Praxis tätig.
Davon hatten rund 4.240 Allgemeinmedizinerinnen/-mediziner und rund 3.660 Fachärztinnen/Fachärzte einen Kassenvertrag.

Das heißt nur 18,5% aller Ärzte und nur 41% der in der Praxis tätigen Ärzte haben einen Kassenvertrag.
Rund 2690 oder 77 Prozent der freiberuflichen Zahnärztinnen/Zahnärzte standen in einem Vertragsverhältnis zu den Krankenkassen.

https://www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/DasGesundheitswesenimUeberblicktml_LN.html

Ärztliche Leistungen sind adäquat bezahlt, sonst könnte sich mein Arzt seinen Sportwagen nicht leisten.
Was ein niedergelassener Arzt für seine Leistungen verrechnen kann, ist bei den Gebietskrankenkassen von Bundesland zu Bundesland verschieden. Die hier angegebenen Tarife sind die aktuellen Tarife der Wiener Gebietskrankenkasse für Allgemeinmediziner. Wahlärzten wird nur 80% dieses Tarifes erstattet:

Digitale rectale Untersuchung (5 Punkte (1 Punkt = 0,55 € )):  2, 75 EUR
http://www.aekwien.at/media/tarif_AM.pdf

Ich möchte nun gar nicht hinterfragen, wie viel Geld Sie dafür verlangen würden, um ihren Finger einem prinzipiell fremden Menschen in den Anus einzuführen, aber doch daran erinnern, dass Sie vermutlich zu Recht erwarten,

dass der Arzt immer wieder einen neuen (!) Einweghandschuh und etwas Vaseline benutzt und der ganze Vorgang auf einer stabilen Liege in einem geschlossenen und geheizten Raum (Sachaufwand !!) stattfindet bzw.

dass er gelernt hat eine Hämorrhoide von einem Rektumkarzinom bzw. die Protstata von einem Kotballen zu unterscheiden (ca. 6 Jahre Studium + ca 3. Jahre Turnus).

Schmöckern Sie ein bißchen in diesem Tarifdschungel herum und machen Sie sich Gedanken über den monitären Wert der ärztlichen Tätigkeit, zumindest aus Sicht des Hauptverbandes.
Sie werden auch erkennen, dass es durch kreative Abrechnungskombinantionen zwar möglich ist Geld zu verdienen, aber wenn Sie an die Tarife Ihres letzten Handwerkerbesuches denken, dann wird schnell klar, dass in diesem System nicht durch Klasse Geld zu verdienen ist.

Nachtrag: am Tag nach der Veröffentlichung dieses Blogeintrages erschien im Standard ein Artikel, der u.a. das hier angerissene Problem bestens illustriert: http://derstandard.at/1338558842773/Aus-der-Arztpraxis-Masse-statt-Klasse-70-Patienten-in-sechs-Stunden

Written by medicus58

10. Juni 2012 at 19:02

Ein Hospiz für den Sozialismus?

leave a comment »


Ein Sozialist ist heutzutage in der gleichen Lage wie ein Arzt, der einen hoffnungslosen Fall behandelt.
Als Arzt ist es seine Pflicht, den Patienten am Leben zu erhalten und davon auszugehen, dass er mindestens eine Aussicht auf Genesung hat.
Als Wissenschafter ist es seine Pflicht, sich mit den Tatsachen abzufinden und daher zuzugeben, dass der Patient wahrscheinlich sterben wird.
George Orwell (1905-1950)
http://de.wikipedia.org/wiki/George_Orwell (zitiert nach Fritz Senn,
Das George Orwell Lesebuch, Zürich 1988, S.178

 

Bildnachweis: Wikipedia

Written by medicus58

6. Mai 2012 at 09:33

Der Beginn eines noch zu schreibenen Buches

leave a comment »


I) Der Patient trifft auf den Arzt

Den ersten Höhepunkt in unserem Trauerspiel stellt zweifellos die erste Begegnung zwischen Patient und Arzt dar. Der Auftritt von Prof. Sauerbruch im gleichnamigen Film über diesen begnadeten Chirurgen, O.W.Fischers als Frauenschwarm Dr. Axel Munthe, ja selbst der furiose Auftritt Groucho Marx als Dr. Hugo Z. Hackenbush (Day at the Races) haben etwas Außerordentliches, Grandioses und Erhebendes. Die eigenen Erfahrungen sind hier naturgemäß weniger dramatisch.

Im Rahmen meiner ärztlichen Ausbildung wurde man initial „zu einem Patienten geschickt“, um „Blut abzunehmen“ oder eine „Aufnahme“ durch zu führen. Im Vordergrund steht die eigene Unsicherheit, die durch einen „Profipatienten“, der im Gegensatz zu unserem „Azubi“ den Vorgang schon x-mal über sich ergehen hat lassen, nur noch verstärkt werden kann. Im Idealfall zeigt er uns seine „beste Vene“ und hat einen vorgeschriebenen Zettel bisheriger medizinischer Abenteuer (Kinderkrankheiten, Operationen, Kuren, …etc.). In dieser Phase erschließt sich dem herangehenden Arzt die „Größe“ der Patient-Arzt Beziehung nur ungenügend. Haben wir uns aber schon unsere ersten Meriten in dem Beruf verdient, dann wird der endlose Bericht des Patienten über „Stechen in der Brust“, „heißes Prickeln in den Unterschenkeln“ und „Knödel im Hals“ eher zur Plage und Thema innerkollegialer Scherze. Charakteristisch ist eine oft deutliche Distanzierung und zunehmende Derbheit dieser Schnurren, die in so manchen „kaltschnäuzigen Ärztewitz“ mündet (Fragt der Arzt den Patienten „Was fehlt Ihnen denn außer der Gesundheit?“).

Die nicht geraden druckreifen Äußerungen, die ich im Laufe der Jahre von beiden Seiten hörte (selbstverständlich weder von noch über mich), legen aber einen schweren Konflikt offen. Unzufriedene Patienten sprechen vom „Gott in Weiß“, während von uns Ärzte fordernde Patienten oft als „Hypochonder“ empfunden werden. Offenbar entwickelt sich in diesen Fällen auf beiden Seiten eine Aggressivität, die auf eine nicht unbeträchtliche Enttäuschung schließen lassen.
Vielleicht finde ich noch einmal das Zitat, aber zu Beginn meines Studiums habe ich eine Untersuchung gelesen, die behauptete, dass bei einer Befragung von Medizinstudenten am Beginn ihres Studiums die Mehrzahl den Willen „Menschen zu helfen“ als Begründung für die Studienwahl angeben, während am Ende des Studiums (!) diese Begründung nur noch von einer Minderheit angegeben wird. Woher kommt das Frustpotential?
Irgendwas ist da faul und eine gute Taktik ist meines Erachtens stets Prozesse Schritt für Schritt durch zu spielen, um mögliche Problemfelder zu erkennen.

Begeben wir uns nun einmal an den Ort des Geschehens, dem ersten Zusammentreffen zwischen Arzt und Patient. Alle vorhergehenden Schritte, wie Konsultation mit der Nachbarin und der Milchfrau, ob sie dieses Problem nicht auch hätte, Besorgung des Krankenscheins (bzw. heute Suchen nach der e-card), Passage der Ordinationsgehilfin oder der Ambulanzadministration, lassen wir beiseite, sie sind ja schließlich auch nicht Inhalt der universitären Ausbildung des Medizinstudenten, obwohl sie einen nicht geringen Einfluss auf die Erwartungshaltung des Patienten nehmen können.

II) Patient und Arzt haben nicht a priori dieselben Interessen

Sitzt nun einmal der Patient dem Arzt gegenüber, so könnte man meinen, dass beide Teile nun dieselben Interessen verfolgen und sich somit gegenseitig bei der Erreichung dieses Zieles behilflich sind. Als Arzt lernt man, dass der Patient ein Problem (Symptom, Krankheit) hat, das innerhalb des gelernten Systems (Schulmedizin, Homöopathie, TCM, …) zu benennen ist, um sich dessen Elimination (Heilung, Linderung) zu widmen. Dass man auf diesem Weg der neuesten diagnostischen und therapeutischen Mittel zu bedienen hat, ist klar, dass man davon zu leben hat wird am besten verschwiegen. Aber ist dies schon die ganze Wahrheit? Ist der Patient nun dieser kooperative, aufgeklärte, mündige Partner, wenn sich als Arzt ihm nur freundlich, empathisch und kompetent nähert? In vielen Fällen nein, ohne dass hier von einer der beiden Seiten böswillig agiert werden muss. Einer der Gründe sind die unterschiedlichen Interessen von Patient und Arzt.

III) Beide wollen verstanden werden, verwenden aber verschiedene Begriffsysteme

Naturgemäß stehen für den Patienten seine augenblicklichen Beschwerden im Vordergrund. Diese möchte er artikulieren und benützt hier auch ein Begriffssystem, dass sich jedoch von dem des Arztes in nahezu allen Punkten unterscheidet. Vereinfacht gesagt umfasst für den Patienten der Begriff „Herzschmerzen“ neben der Mitteilung einer organischen Erkrankung des Herzens, der Lunge, des Bewegungsapparats, der Speiseröhre, des Magens etc. auch die Beschreibung einer psychiatrischen oder sozialen Problematik. Die formal richtige Mitteilung an den Patienten, dass nach den Ergebnissen des Belastungselektrokardiogramms, der Myokardszintigrafie und der Koronarangiografie „das Herz ja Gott-sei-Dank nichts hat“, frustriert mehr als es erleichtert, da es als Falsifizierung der Patientenaussage aufgefasst wird. In seinem Begriffssystem hat der Patient „seine Herzschmerzen“ ja wirklich empfunden. Die Problematik geht über die auch den Laien bekannt Problematik der „Psychosomatik“ hinaus, denn hier geht es nicht nur um den Unterschied zwischen „organischen Erkrankungen“ mit hartem pathoanatomischen Korrelat (Gefäßverschluss, Magengeschwür, …) und den naturgemäß etwas „weicher definierten“ „funktionellen“ und „psychischen“ Störungen, sondern um ein prinzipiell inkompatibles Begriffsystem. Für den Patienten ist nicht nur „das Herz“ etwas anderes als für seinen Arzt, sondern auch andere Organe. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Projektionsorgan, auf das Missempfindungen bevorzugt bezogen werden, unterschiedlich zwischen Kindern und Erwachsenen, Männern und Frauen und zwischen verschiedenen Ethnien ist.
In der Pädiatrie ist es bekannt, dass jedwede Schmerzen präferentiell in „den Bauch“ projiziert werden auch wenn es sich letztendlich um eine Lungenentzündung handelt. Männer sind sowohl im Selbstverständnis eher „herzkrank“, Frauen haben es traditionell eher „auf der Brust“. Viele Daten sprechen dafür, dass dies sogar eine Rückwirkung auf die Schulmedizin hatte die traditionell einen Herzinfarkt bei Frauen eher übersieht als bei Männern. Während Kaukasier ihre Symptomatik gerne „in das Herz projizieren bzw. erklären, ist dies bei z.B. Ägyptern eher der Bauch. Überspitzt sprechen meine kurzzeitigen Erfahrungen am Universitätsspital in Kairo dafür, einen Patienten mit nach seiner Aussage „akuten Bauchschmerzen“ eher ein EKG anzulegen und einem Österreicher mit der subjektiven Verdachtsdiagnose eines „Herzinfarktes“ auf die Möglichkeit einer Gastritis zu untersuchen. All diejenigen Kollegen, die mir hier keinen Glauben schenken, ist empfohlen ihre Patienten einmal zeigen zu lassen, wo denn ihrer Meinung nach die Schilddrüse, das Herz, die Galle oder der Magen läge. Diese Erkenntnisse wirken sich meiner Erfahrung nach auf die Qualität der Diagnostik besser aus, als die Kenntnis der sogenannten Head’schen Zonen. Wir werden uns im Zusammenhang mit der richtigen Fragetechnik während der Anamnese noch damit zu beschäftigen haben, dass es wenig Sinn macht den Patienten nach dem „schmerzenden Organ“ oder „seinen Krankheiten“ zu fragen und man sich besser die Stelle der Beschwerden zeigen lässt.

IV „Herz“ kann auch „Angst“ meinen und die Leber liegt vermeintlich im Becken

Dieses Dilemma entspricht der sprichwörtlich problematische Beziehung zwischen Hund und Katz: Freut sich der Hund, wackelt er mit dem Schwanz, ist er angespannt und kurz vor dem Angriff, dann bleibt der Schwanz unbeweglich. Bei der Katze verhält es sich umgekehrt. Das heißt man spricht unterschiedliche Sprachen missversteht einander.

In CB Helman’s Buch „Culture, Health and Illness“ (p 101) werden unter den Voraussetzungen unter denen sich der Arzt der Krankheit nähert u. a. naturwissenschaftliche Rationalität, Betonung objektiver und messbarer Parameter, Bezug auf biochemische Vorgänge und Reduktionismus aufgezählt. Selbstverständlich steht er außerhalb des Geschehens, was ihn auch leicht in die Rolle des „Gottes in Weiß“ stellt (Die Galle auf Zimmer 1 benötigt ein Schmerzmittel). Es wäre aber zu billig, diese Haltung nur zu kritisieren. Sie ist u.a. auch als ego defense Mechanismus erforderlich, um nicht in der Fülle an „persönlichen Schicksalen“ selbst unter zu gehen. Andererseits gibt es auch rein rationale Gründe für eine Distanzierung. Wie wir zu einem späteren Zeitpunkt sehen werden, erfordert ein erfolgreicher Diagnose (und Therapie-) prozess einen zum Teil sehr theoretischen Zugang, der aus einer ausschließlich empathischen Position kaum möglich scheint. Die in der Öffentlichkeit besser beurteilte scheinbar „alternative“ ärztliche Position, die sich alternativmedizinischer Diagnostik und Therapie öffnet und einen „Mix“ aus „Schulmedizin“ und augenblicklich modernen „komplementären Methoden“ anbietet, stellt einen Rückschritt in frühere Entwicklungsstufen der Medizin dar. Auch der von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehende Bader hinterließ oft zufriedene Patienten, ohne dass ein in unserem heutigen Sinn positives Behandlungsergebnis erreicht wurde. Auch wenn eine diesbezügliche Beweisführung erst zu einem späteren Zeitpunkt versucht wird, gehen wir für den Augenblick einmal davon aus, dass eine von naturwissenschaftlichen und mathematischen Prinzipien abzuleitende Entscheidung in der Medizin den besten Erfolg für den Patienten garantieren kann. Daraus folgt, dass sich der Arzt aus dem Diagnose- und Therapiegang emotional weitgehend aussparen muss, so weit seine eigenen Gemütsbewegungen die Entscheidung unzulässig beeinflussen könnten.

V)  The patient is the one with the disease.

In einem während der achtziger Jahre sehr populären satirischen Arztroman (The House of God) laute nicht ganz unberechtigt ein Merksatz für Ärzte in Ausbildung:

The patient is the one with the disease. 

Beziehungsweise, in case of emergency, first feel your own pulse. Auch wenn diese Sätze in dem Roman eher als Beschreibung negativer ärztlicher Verhaltensweise verwendet werden, beinhalten sie doch eine richtige Erkenntnis.

Der Patient, wie mündig und rational er auch immer ist, oder scheint soll und kann seine Emotionalität nicht ausblenden. Sein Gesundheitsbegriff entspricht der bekannten WHO Definition, in dem er hier neben dem gesundheitlichen auch das soziale …. Wohlbefinden subsummiert und sich bei Abweichungen einmal an den Arzt wendet. Er steht naturgemäß im Zentrum des Geschehens, oder wie das House of God es so schön formulierte, sie wissen es schon: „The patient is the one with the disease. Das heißt nicht, dass der Patient nicht auch „objektive“ Parameter für sein „Leiden“ einfordert. Schließlich gestattet sich heute immer weniger, vor allem besser Gebildete nicht mehr die scheinbar unterlegene Position des „klagenden Patienten“ (Kenner klassischer internistischer Arztbriefe ist die Formulierung „Der Patient klagte über ….“ nur allzu vertraut). Nichts wirkt kurzfristig so verbindend zwischen Patient und Arzt, wie die Abbildung von „Abnützungserscheinungen an der Wirbelsäule“ im Röntgenbild, die endlich die seit Jahren chronischen Rückenschmerzen zu erklären scheint. Die Mitteilung, dass bei der Mehrzahl der nicht an Rückenschmerzen leidenden Gleichaltrigen ähnliche Röntgenbilder geschossen wurden, gefährdet dieses Vertrauensverhältnis wieder und kostet den niedergelassenen Radiologen einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Einkommens. Hier liegt auch das Missverständnis vieler Juristen und Aktivisten von Selbsthilfegruppen, die vom absoluten Recht des Patienten auf ärztliche Aufklärung ausgehen. Der knapp formulierte Befund, dass der Knochenscan mit einer generalisierten ossären Metastasierung vereinbar wäre, führt beim zuweisenden Arzt, der in der Gesamtschau des klinischen Bildes und der Laborwerte keinen Hinweis auf einen bösartigen Tumor, sehr wohl aber auf einen primären Hyperparathyreoidismus findet im Idealfall zur Bestimmung des Parathormon-Spiegels im Serum. Beim Patienten, der den schriftlichen Befund abholt und liest eventuell zu einer Panikreaktion.

Primär erwartet der Patient und er hat meines Erachtens auch alles Recht dazu, dass sich endlich „jemand seines Problems annimmt“ anhört. Während wir uns alle aber gewöhnt haben, dass uns eine hot-line oft nicht hilft, der Patent-Anwalt uns in Scheidungsangelegenheiten wenig hilft und zur Installation eines Badezimmers hintereinander Maurer, Fliesenleger, Installateur, Elektriker und Feng-Shui Berater benötigt werden, gehen wir als Patienten davon aus, dass für alle Missempfindlichkeiten prinzipiell der Arzt die alleinige Anlaufstelle zu sein hat. Ihm erklären wir dann unsere Lage mit den Begriffen „Magenweh“, „Herzschmerz“, „Schlaflosigkeit“, „Übelkeit“, „Kreuzschmerz“, „Krankenstand“, „so was, was der Nachbar auch hatte“. Selbstverständlich akzeptieren wir das „Weiterschicke zum einen oder anderen Facharzt“, aber sind schwer davon zu überzeugen, dass wir die Lösung nicht vielleicht wo ganz anders suchen müssten.
Als ich als Medizinstudent schon etwas enerviert einem Jugendfreund gegenüber jammerte, dass sich offenbar alle in meiner Umgebung für Medizin interessieren seit sie erfahren haben, dass ich dieses Fach studiere, korrigierte er mich und gab zu bedenken, dass sich die Leute nicht für Medizin sondern für Krankheiten interessieren würden. Was er nicht wissen konnte, dass auch das was der Patient für Krankheit hält, nicht deckungsgleich mit dem ist, was in unseren medizinische Lehrbüchern steht.

Halten wir einmal fest: Patient und Arzt verwenden verschiedene Bezugssysteme und verschiedene Zugänge, wenn sie erstmals aufeinander treffen. Geht das gut? Meiner Meinung nach derzeit nicht. Kann man aus diesem Dilemma heraus kommen? In Erweiterung des Prinzips der Aufklärung, ja!

IV) ALTER (NAIV) MEDIZIN

ALTER-NAIV-MEDIZIN

Alternativmedizin/Komplementärmedizin (CAM) umfassen ein breites Spektrum von Heilmethoden, die nicht Teil der Tradition des jeweiligen Landes sind und nicht in das dominante Gesundheitssystem integriert sind.
http://www.who.int/medicines/areas/traditional/definitions/en/index.html

Schulmedizin: an Universitäten und Medizinischen Hochschulen nach (natur-)wissenschaftlichen Grundsätzen gelehrt und entwickelt.

Das Match lautet also:

CAM: Homöopathie, Kinesiologie, Aromathapie, Phytotherapie, Cranio-Sacral-Therapie, Traditionelle Chinesische Medizin, Tibetische Medizin, Ayurveda, Yoga, Tai-Chi, Feldenkrais, Alexandertechnik. Osteopathie, Chirotherapie, Massage, Reiki, Therapeutic Touch, … (und jetzt höre ich auf, weil ich nicht soviel bits verschwenden möchte)

gegen:

Schulmedizin

WIE LÄSST SICH GEGEN DIE FÜLLE DER ALTERNATIVEN IN WENIGEN SÄTZTEN ARGUMENTIEREN? 
GANZ EINFACH, MIT EINEM ARGUMENT GEGEN DIE FÜLLE:

OCKHAMS RASIERMESSER: 
Steht man vor der Wahl mehrerer Erklärungen, die sich alle auf dasselbe Phänomen beziehen, soll man diejenige bevorzugen, die mit den einfachsten bzw. der geringsten Anzahl an Annahmen auskommt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser

Deshalb bin ich Schulmediziner, weil ich was gelernt habe, in der Schule!

ALTER-NAIV-(?)-MEDIZIN II

Die Apotheke zur Kaiserkrone ist eine der größten Apotheken Wiens.
Der Standort von Apotheken ist gesetzlich geschützt, um eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung, -ja womit eigentlich (?)-, zu gewährleisten. Ganz naiv würde ich einmal annehmen, dass der Gesetzgeber hier die Versorgung mit wissenschaftlich validierten und registrierten Arzneimitteln gemeint hat, um Unfug und Geschäftemacherei zu unterbinden (siehe ersten Link).

Sieht man aber den Ausbildungskatalog 2011 der Kaiserkrone durch, der  „zertifizierte Ausbildungen für Ärzte, Heilpraktiker, Therapeuten und med. Heilberufe“ verspricht, dann stolpert man über

erfahrene und hochkarätige Dozenten (keiner der Vortragenden hat eine Dozentur im Sinne der Lehrberechtigung an einer österr. Universität, sondern es handelt sich um Leute, die ihre eigenen – wissenschaftlich nicht validierten Baumessenzen, Gemmoazerate, Spenglersan Kolloide, Mikroimmuntherapeutika, Rizole, Australische Bush Blüten, Berg- und Wasserfallessenzen, Schlangenbergessenzen, K-Taping, Regena-Therapeutika, … ) anbieten.

Für 1170 € erhalten Sie eine Komplettausbildung Sanum+Dunkelfeld, für nur 165 € lernen Sie von einer Frau Mag. Dr. (Apothekerin), dass durch seine Entstehung  und seinen Standort jeder Berg und Wasserfall ein sehr spezifisches Energiepotential hat und dass der Mensch, wenn er damit in Berührung kommt, mit seinem gesamten Energiekörper mit Berg und Wasserfall in Resonanz tritt ….

Selbstverständlich bekommen Sie die Wässerchen auch online (siehe zweiten Link).

Diesem wissenschaftlich verbrämte Unsinn einen gesetzlich garantierten Gebietsschutz angedeihen zu lassen halte ich für absurd! Was auf den Jahrmarkt gehört, sollte auch dort von Wanderpredigern verhöckert werden und sich nicht als KomplementärMEDIZIN bezeichnen.

und wenn Sie in meinem Posting nur den um seine sauren Trauben fürchtenden Fuchs vermuten, rate ich Ihnen, sich mit Unschuldsaugen den angesprochenen Ausbildungskatalog vor Ort zu erbetteln um sich so von diesem Wahnsystem zu überzeugen.

„Wahn gilt als Zeichen einer psychischen Störung. In der Psychiatrie werden Wahngedanken auch als „inhaltliche Denkstörungen“ bezeichnet.“

Links:
http://michael.hahsler.net/stud/done/kuzdas/Online_Apotheken_Kuzdas.pdf 
http://www.kaiserkrone.at/

Fortsetzung folgt irgendwann …

Erzähl's wem andern
%d Bloggern gefällt das: