Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Posts Tagged ‘argumentation

Warum pfeifen die Spatzen nicht oder pfeifen sie schon drauf?

leave a comment »


Die Grenze zwischen selbstgefälliger Rechthaberei und ehrlichem Bemühen um die Veränderung von als unerträglich empfundenen Missständen ist mitunter schmal; die Freude am Skandal stets groß, jedoch von geringer Nachhaltigkeit und frei nach Gajus Julius Cäsar: Man liebt den Verrat und hasst den Verräter.

Dies gilt auch meist für Whistleblower im Gesundheitswesen, also Menschen, die Missstände in diesem Bereich thematisieren:

Der Fall der Altenpflegerin Brigitte Heinisch und die unverständliche Argumentation des Richters in der Wiederaufnahme des Kündigungsschutzverfahren wurde hier schon thematisiert (https://medicus58.wordpress.com/2012/05/27/whistleblowing-im-gesundheitswesen-erlaubt-aber-altenpflege/).

Auch die Tierärztin Dr. Margrit Herbst wurde in den 90er Jahren fristlos aus dem öffentlichen Dienst entlassen, da sie „ohne zwingenden Grund gegen Verschwiegenheitspflichten verstoßen und innerdienstliche Möglichkeiten nicht genutzt habe“, als sie aufzeigte, dass ihr Dienstgeber den Fällen von BSE in einem deutschen Schlachthof nicht nachging. (http://www.vdw-ev.de/index.php?option=com_content&view=article&id=92%3Awhistleblowing-in-zeiten-von-bse-&catid=23%3Awhistleblower&lang=de)

Ein Zusammenfassung der „Fälle“ der Assistenzärztin Cora Jakobi (http://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article410586/Dr-Cora-Jacoby-Protokoll-einer-24-Stunden-Schicht.html, Antje Bultmann (Hrg.), Auf der Abschussliste, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 1997) und der Krankenschwestern Sonja Rahimic und Slavka Schuhbauer http://www.beepworld.de/members43/sunnysonni/) findet sich hier: http://www.ungesundleben.org/privatisierung/index.php/Whistleblowing#Gesetzgebung

All diese Fälle liegen schon einige Zeit zurück und angesichts der letzten Fülle an medizinkritischen Büchern und gewerkschaftlichen Aktionen im KAV (http://wp.me/p1kfuX-91) wundert man sich vielleicht, weshalb eigentlich so wenig an direkter Kritik der im öffentlichen Gesundheitswesen Beschäftigten nach außen dringt.

Um dies zu erklären, genügt ein Blick in die (in Wien) geltenden Dienstvorschriften:

Dienstordnung 1994 – DO 1994
§ 21. (1) Der Beamte ist zur Verschwiegenheit über alle ihm ausschließlich aus seiner amtlichen Tätigkeit bekannt gewordenen Tatsachen verpflichtet, deren Geheimhaltung im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit, der umfassenden Landesverteidigung, der auswärtigen Beziehungen, im wirtschaftlichen Interesse einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, zur Vorbereitung einer Entscheidung oder im überwiegenden Interesse der Parteien geboten ist.

Da bleibt nicht mehr viel übrig, das eine öffentliche Kritik erlaubt. Wohlgemerkt, hier geht es explizit um Tatsachen, nicht Gerüchte, Vermutungen, … etc. Selbst bei gerichtlich strafbaren Tatbeständen, endet die erlaubte Aktivität bei der Meldung an den Vorgesetzten. 

§ 35. (1) Wird dem Beamten in Ausübung seines Dienstes der begründete Verdacht einer gerichtlich strafbaren Handlung bekannt, die von Amts wegen zu verfolgen ist, so hat er dies unverzüglich dem Vorgesetzten zu melden.

Selbst wenn die Medien einem Problem auf die Spur kommen, besteht per Weisung ein wirksamer „Maulkorberlass“:

GED -36/09 Gemäß § 42 Abs. 1 der Geschäftsordnung für den Magistrat der Stadt Wien (GOM) ist für den Verkehr und die Vermittlung des Verkehrs mit Vertretern und Vertreterinnen von Publikationseinrichtungen (Presse, Nachrichtendienste, Rundfunk, Fernsehen und Filmunternehmungen) die Genehmigung des zuständigen amtsführenden Stadtrates oder der zuständigen amtsführenden Stadträtin erforderlich. 

Für den KAV wurde mit den Sonderbestimmungen zur GOM für die Unternehmung „Wiener Krankenanstaltenverbund“ die Wahrnehmung der sonst von der MA 53 – Presse- und Informationsdienst zu erfüllenden Agenden dem Generaldirektor bzw. der Generaldirektorin des KAV übertragen.

Anfragen politischer Parteien, einzelner Mandatar/-innen und der Bezirksvertretungen sind an das Büro der amtsführenden Stadträtin der Geschäftsgruppe Gesundheit und Soziales zu verweisen.

So ganz scheint man der Stadträtin aber doch nicht zu trauen:

Es wird gebeten, die Stabsstelle Kommunikation der Generaldirektion telefonisch, zeitnahe über derartige Anfragen zu informieren.

Auch wenn man sich in der beschaulichen Blogosphäre das kaum vorstellen kann, haben die Verantwortlichen schon realisiert, dass ihnen aus dem Web 2.0 Ungemach droht. Entsprechende Verordnungen werden erlassen:

MD-OS-329/2011 Die Nutzung des Internets darf nicht dem Ruf oder dem Ansehen des Magistrats schaden oder diesen in Misskredit bringen.

Da jede, auch berechtigte Kritik prinzipiell einen Imageschaden des Magistrats bedeutet, ist somit jede Kritik zu unterlassen.

KAV-GD – 215/00/PR Geben Sie als MitarbeiterIn des Wiener Krankenanstaltenverbundes keine Stellungnahmen zu Artikeln in Online-Foren ab.

Wie sehr sich die öffentliche Verwaltung bereits Sorgen um diese Hintertüre der Kritik macht, zeigt ein Leitfaden (WIKI) des Bundeskanzleramtes (http://www.ag.bka.gv.at/index.php/E-Dem:Web_Verwaltung_2.0) in dem Folgendes zu lesen ist:

Interessant ist natürlich auch das Monitoring von sozialen Diensten im Netz: „Was wird über uns als Behörde im Netz gesprochen?“. Um dies mitzuverfolgen sind Dienste und Tools für das Monitoring bzw. Screening von sozialen Netzwerken verfügbar, die hier zum Einsatz kommen können. Nachfolgend eine einige Links zu solchen Tools:

US-Tools:
radian 6
Alterian
ViralHeat

In dem Text findet sich auch gleich ein Link auf eine kommerzielle Site, die die Tools beschreibt und bewirbt!

http://www.stayonsearch.com/9-professional-social-media-monitoring-tools

Es verwundert vielleicht, dass das Bundeskanzleramt in seiner Leitlinie auf die Site von StayOnSearch verweist, dessen Motto „Dominate Your Niche. Make More Money“ lautet, aber das tut offenbar nichts zur Sache, wenn es darum geht herauszufinden: „Was wird über uns als Behörde im Netz gesprochen (wird).

Statt nur auf das Überwachen, Unterdrücken und Verfolgen zu setzen, hat man in vielen Ländern schon längst erkannt, dass es unter diesem Meinungsklima zu keiner Aufklärung von Missständen im öffentlichen Bereich kommen kann und dass man damit nur konstruktive Kritiker (Whistleblower) vergrault (http://de.wikipedia.org/wiki/Whistleblower). In Österreich hat der grüne Abgeordnete Albert Steinhauser 2009 Entschließungsanträge betreffend den Schutz von Whistleblowern in der Privatwirtschaft und im Beamtendienstrecht eingebracht (http://www.parlinkom.gv.at/SUCH/viewsource.shtml?docid=0bb95af86374173081b71313bd583e95_both) die Ende 2011 zu Änderungen im Beamtendienstrecht führten:

Schutz vor Benachteiligung

§ 53a. Die Beamtin oder der Beamte, die oder der gemäß § 53 Abs. 1 im guten Glauben den begründeten Verdacht einer in § 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Einrichtung und Organisation des Bundesamts zur Korruptionsprävention und Korruptionsbekämpfung, BGBl. I Nr. 72/2009, genannten strafbaren Handlung meldet, darf durch die Vertreterin oder den Vertreter des Dienstgebers als Reaktion auf eine solche Meldung nicht benachteiligt werden. Dasselbe gilt, wenn die Beamtin oder der Beamte von ihrem oder seinem Melderecht gemäß § 5 des Bundesgesetzes über die Einrichtung und Organisation des Bundesamts zur Korruptionsprävention und Korruptionsbekämpfung Gebrauch macht.
§4 Abs.1 BGBl. I Nr. 72/2009  bezieht sich jedoch naturgemäß auf Aspekte der Korruption, nicht jedoch aber auf Unzulänglichkeiten der öffentlichen Hand, z.B. im Bereich des Gesundheitssystems.

Auch §5 BAK-G des Bundesgesetzes über die Einrichtung und Organisation des Bundesamts zur Korruptionsprävention und Korruptionsbekämpfung (BAK-G, BGBl. I Nr. 72/2009) erlaubt Bundesbediensteten nur im Falle einer Anzeige wegen Korruption eine Umgehung des Dienstweges.

SOMIT DARF ES UNS NICHT WUNDERN, DASS ÜBER FEHLENTWICKLUNGEN IM GESUNDHEITSSYSTEM ZWAR JEDER SEINE SUBJEKTIVEN ERLEBNISGESCHICHTEN (wie zuletzt  Kurt Langbein https://medicus58.wordpress.com/tag/kurt-langbein/) ODER SEINE ZU SPÄT KOMMENDEN LÖSUNGSVORSTELLUNGEN (wie Ex-Bu-Min Kdolsky) VERÖFFENTLICHEN DARF, ABER SEHR ENIG AUS ERSTER HAND VON DEN  BESCHÄFTIGTEN IM ÖFFENTLICHEN GESUNDHEITSWESEN ZU LESEN IST.

Links:
http://www.whistleblowing.at/Whistleblowing_Austria/Willkommen.html
http://www.whistleblower-netzwerk.de/

Written by medicus58

29. Mai 2012 at 17:17

Nach 100% ist es aus, das Kasperltheater

leave a comment »



Zum dräuenden Jahrestag des Super-GAUs im AKW Fukushima lud Armin Wolf erneut Kasperl und Krokodil ein, damit sich die PT Zuschauer erneut ergözen mögen, wie sich die beiden nicht einigen.

Das war auch @ArminWolf via Twitter im Vorfeld klar:
Wird eine interessante Fukushima-Debatte jetzt zwischen den Herren Kromp und Steinhauser. Sind sich praktisch in nichts einig.

Georg Steinhauser, eloquenter und telegener Radiochemiker am Atominstitut der TU in statu habilitandi (2008 FAME LAB http://www.youtube.com/watch?v=19Vxg2ZWAlg ) und naturgemäß an der Weiterentwicklung der Reaktortechnik interessiert, sonst hätte er ja am Reinhardseminar inskripiert.

Wolfgang Kromp (Institut für Sicherheits- und Risikoforschung der BoKu) und laut Zeit Online, der Prophet der Apokalypse, die Kassandra der Republik (Der graue Wolf im Heimatlook erklimmt das Podium. Das Trachtenband um den Hals ist sein Amulett gegen die Globalisierung). http://www.zeit.de/2011/13/A-Kromp)

Persönlich hatte ich, der die Nutzung dieser Technologie zur Energiegewinnung seit den 70er Jahre ablehnt aber versucht die Mitte zwischen Verharmlosung und Alarmismus zu finden, die zweifelhafte Ehre in den rufschädigenden Bannstrahl von Kromp zu kommen, weil ich ihm vorwarf, dass seine Argumentation (bewußt?) zu vage bleibt, bzw. er bei seinem Lieblingsthema, das er auch gestern wieder angesprochen hat, (völlig unbekannt was mit Radionukliden im Meer passiert), wissenschaftliche Fakten entweder nicht kennt oder negiert.

Nach der üblich-saftigen Einmoderierung 
„würden Sie Gemüse aus Fukushima essen“ 
wurden gestern in der ZIB2 wieder die üblichen Standpunkte eingenommen:

Steinhauser: „es ist ja gar nicht so viel passiert“
Kromp: „ein Großexperiment, von dem wir nicht wissen was da noch kommt“

Hat das den Auftrag des öffentlich rechtlichen Rundfunks erfüllt?

Ich bezweifle es, denn die uns allen von vielen Journalisten gestellte Frage „Ist das schlimm?“ lässt sich naturgemäß die Medien nur befriedigend beantworten, wenn man sich auf ein Ja oder Nein beschränkt,
was aber ohne vorheriger Festlegung des Messsystems aber methodisch angreifbar bleiben muss.

Jedem, der sich jenseits der Baumschule gebildet hat, wurden die Kant’schen Kernfragen:
Was kann ich wissen??
Was soll ich tun??
Was darf ich hoffen??
eingebleut.
Heute müsste der Alte vermutlich seinen Kanon um die Frage des
Wovor soll ich mich fremdfürchten??
(http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35227) ergänzen.

Öffentlich-rechtliche Information sollte meines Erachtens einmal die unbestreitbaren FAKTEN UND IHRE VERTRAUENSBEREICHE festmachen, wobei das Schwergewicht auf diesen Fakten zu ruhen hat, die auch für den hiesigen Medienkonsumenten entscheidungsrelevant sind.

Also konkret müsste man Armin Wolf antworten, dass jeder von uns jedes Gemüse auch aus der Sperrzone einmal essen könnte, ohne dass das sein sicherer Tod wäre, weil es für uns eine EINZELDOSIS wäre, das Problem aber im Dauerkonsum kontaminierter Nahrung der Anreiner liegt.

Theoretisch wird etwa 1 von etwa 1,6 Millionen Menschen, die eine Zigarette pro Jahr rauchen, genau an dieser Zigarette durch Lungenkrebs sterben, 
weil statistisch gesichert ist, dass unter 200 Menschen, die 8000 Zigaretten/Jahr rauchen einer pro Jahr daran sterben wird.

Ob aber diese LINEARE EXTRAPOLATION eiens gesicherten Risikos bei hoher Exposition auch bis gegen Null valide ist, kann keiner sagen.

ABER:

Es wäre zum Beispiel eine sinnvolle Anregung auf Basis der bekannt gewordenen Problemen der Informationsweitergabe (um es freundlich zu formulieren) zwischen Betreiber und Aufsichtsbehörde

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitrag/video/1576888/ZDFzoom:-Die-Fukushima-Lüge 

zu diskutieren, ob es gesellschaftspolitisch wünschenswert ist, dass Risikotechnologien im Bereich privater, zur Gewinnmaximierung ihrer Miteigentümer (share holder value) verpflichteter Firmen bleiben dürfen.

Dieses Problem liesse sich auch – und dann macht es Sinn und ist keine der üblichen Like/DisLike Schlachten – an Beispielen aus anderen Industrien abhandeln:

Bhopal/Union Carbide/Auslagerung in die Dritte Welt: http://de.wikipedia.org/wiki/Katastrophe_von_Bhopal
Mexikanischer Golf/BP/Tiefseebohrung:
http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lpest_im_Golf_von_Mexiko_2010
ÖMV/Weinviertel/Fracking: http://derstandard.at/1330390280448/Weinviertel-OMV-lenkt-ein-Vorerst-keine-Schiefergasfoerderung

Das aufgewärmte Gruseln, ob der japanische Butterfisch im Shushi oder der japanische Blattspinat uns im Munde stecken bleiben soll, schafft wenig Erkenntnis.

Das Kasperltheater der streitenden Experten bringt wenig, egal ob das Wasser halbvoll oder halbleer ist.

Ein Risikoforscher Kromp ist für mich nicht sehr überzeugend, wenn er (siehe die Arbeitsgebiete seiner Institutshomepage:  nahezu ausschliesslich mit dem atomaren Risiko befasst.
https://forschung.boku.ac.at/fis/suchen.orgeinheit_uebersicht?sprache_in=de&menue_id_in=201&id_in=H818

UND DOCH:

Ein fast nur gemurmelter Beitrag Kromps in seinem Rückzugsgefecht hat dann doch das wirklichee Problem angesprochen:

Wir können nicht 1 1/2 Welten für den Energiehunger der entwickelten Welt verbrauchen …..

Es gibt eine Möglichkeit, die Gefahren des Super GAUs auch ohne Übertreibung in eines der beiden Extreme zu diskutieren:

Ist ist ziemlich egal, ob die residuale Strahlenbelastung die japanische Krebsrate um 0,002% angehoben wird
(der Chemiker Steinhauser zitiert den Onkologen Gale mit einer Sterberate von 0,001%) oder
(meine worst case Annahme für eine seafood basierte Exposition auf Basis der Daten nach den Unfällen in Windscale/Sellafield http://de.wikipedia.org/wiki/Windscale
um maximal 0,5% für die betroffenen Küstenabschnitte ansteigt…

Am Ende der Fahnenstange haben wir alle als Gesellschaft „100% Risikolose“:
 
Wenn wir die verspielt haben ist es aus …

Links:
Versuch einer Kommunikation von Strahlenrisiko:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=32224 
ZIB 2
http://tvthek.orf.at/programs/79134-Spaet-ZIB/episodes/3698623-ZIB-2

%d Bloggern gefällt das: