Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Posts Tagged ‘Anarchie

Die moralischen und politischen Grenzen des Grenzschutzes

leave a comment »


Rom

Die Türkei schützte die Integrität Ihrer Grenzen durch den Abschuss eines Kampffliegers, der sich weniger als 2 Meilen und für 17 Sekunden über türkischen Hoheitsgebiet aufgehalten hat:

https://twitter.com/wikileaks/status/669188253279473664

Seit Monaten überschreiten Hunderttausende Menschen unkontrolliert die türkische Grenze, um in die EU zu gelangen. Mehrere unabhängigen Presseberichten zufolge schreitet der türkische Grenzschutz nicht ein. Auch große Bestechungssummen an lokale türkische Behörden werden immer wieder behauptet.

Wer angesichts dieser und anderer Widersprüche noch an die Legitimität staatlicher Gewaltmonopole glauben kann, ist – gerade vor Weihnachten – zu beneiden. Er muss auch noch an das Christkind glauben.

Written by medicus58

25. November 2015 at 07:46

Wer A sagt muss auch F wie Freiheit sagen

leave a comment »


Freiheit klingt gut!

Sie wurde spätestens seit der Aufklärung zu einem zentralen Begriff des europäischen Geisteslebens.

Ob Kant die Aufklärung als Werkzeug des Menschen definiert, um sich aus selbstverschuldeter Unmündigkeit zu befreien, 
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“
oder ob sich verschiedensten politische Strömungen berufen fühlten, den Menschen (oft auch gegen ihren Willen von Hab, Gut und Leben) zu befreien, die individuelle Autonomie des Subjekts war, was der aufgeklärte (europäische) Mensch anstrebte. 
Auch für anarchistische Denker war der Freiheitsbegriff von zentraler Bedeutung:

„Wir sind überzeugt, dass Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalität bedeutet.“
Michail Bakunin

„Die Autorität ist also die erste soziale Idee des menschlichen Geschlechtes gewesen. Die zweite hat darin bestanden, unmittelbar an der Abschaffung der Autorität zu arbeiten.“
Pierre Joseph Proudhon

Dass das manche, wie F.-J. Strauß das nicht so ganz mitbekommen haben:

„Die Demokratisierung der Gesellschaft ist der Beginn der Anarchie, das Ende der wahren Demokratie. Wenn die Demokratisierung weit genug fortgeschritten ist, dann endet sie im kommunistischen Zwangsstaat.“ – Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 11. Januar 1978

ändert nichts daran, dass die meisten von uns das Ideal der größtmöglichen individuellen Freiheit, wenn schon nicht in unseren Köpfen, so doch in unseren Schulaufsätzen bewahrt haben.

„Niemand kann mich zwingen, auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit Anderer, einem gleichem Zwecke nachzustreben, die mit der Freiheit von jedermann nach einem möglichen allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, (das ist diesem Rechte des Andern) nicht Abbruch tut.“
I. Kant

Freiheit ist das Recht, alles zu tun, was anderen nicht schadet.
Pierre Joseph Proudhon

Ich kann mich noch gut an manche Philosophiestunde erinnern, in der dieser wunderbare Hymnus auf die Freiheit durch folgende ketzerische Frage unterbrochen wurde:

„Freiheit, ja schön und gut, aber Freiheit wovon?“

Wie viele generell positiv besetzte Begriffe, ist auch der Begriff der Freiheit nur sinnvoll, wenn man ihn auch gleich abgrenzt; konkret welcher der mannigfachen Fußangeln des Lebens man sich konkret entledigen will.

Im intellektuellen Sinn war Kant (http://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant
ohne Zweifel einer der freiesten Denker der europäischen Geschichte. Erst im Alter von 46 Jahren in die schon lange angestrebte Position eines Professors für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg aufgestiegen, nur um 11 Jahre später mit einem seiner Hauptwerke (Kritik der reinen Vernunft) die Metaphysik, also eigentlich Zweck und Inhalt seiner Position, endgültig abzuschaffen, das hatte schon was.
Ob der inzwischen sprichwörtliche Eigenbrötler mit all seinen kleinbürgerlichen Gewohnheiten auch unserem heutigen Ideal eines äußerlich Freien entsprochen hätte, mag angezweifelt werden. 
Frei von Konventionen war Kant im Denken, nicht so sehr im täglichen Leben. 

Dazu passt wieder eine Schnurre meines hoch verehrten „Bertl
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=40086  
In seinem Denken freier, als es so manche Eltern in den 70ern für ihre Sprösslinge als gut empfanden. Zu einer Zeit, in der wir unsere Individualität durch lange Haare und möglichst abgewetzte Jeans beweisen wollten, trat er stets in (wenn auch verschnuddeltem) Anzug und konservativer Krawatte auf. Als er einmal in der letzten Stunde des Nachmittagsunterrichts -sehr zu unserer Verwunderung – während eines Referates seinen elektrischen Rasierapparat herausholte, um sich zu rasieren, meinte er nur verständnislos, dass er heute noch in die Oper gehen würde und es sich da doch gehören würde, nur glatt rasiert aufzutauchen …
Mir fällt dieses G’schicht’l hier ein, weil ganz gut zum Thema passt:

Wir sind selten VÖLLIG frei, man kann sich sogar völlig unkonventionell an Konventionen binden.

Einmal, danach kehren wir sofort wieder zum Thema dieses Artikels zurück, haben wir „Bertl“ sogar in dieser Diskrepanz ertappt: Als er uns vorwarf, dass unser einheitliches Outfit in „Jeans und T-Shirts“ kein Zeichen einer „Befreiung“ sondern eine von der Modeindustrie angebotene Uniformierung war, schnappte er kurz nach Luft als der „Resi“ ihn fragte, weshalb er den Krawatte trägt. Soweit ich mich erinnere, murmelte er etwas von seiner Freiwilligkeit anzuerkennen, dass sich „das einfach so gehört“, …. jedenfalls schien er für einen kurzen Augenblick etwas weniger stringent und unsicher.

Ein großes Missverständnis der meisten Aufklärer ist der kaum zu rechtfertigende Optimismus, der sich in der Entwicklung „der Linken“ fortsetzte, dass der einmal „aufgeklärte“ (oder „befreite“) Mensch letztlich alle Aspekte der Freiheit anstreben wird.

Die Geschichte lehrte aber, dass sich in den meisten Gesellschaften viele Menschen mit Teilen der Freiheit begnügen, ohne ein allumfassenden Freiheitsideal anzustreben.

In manchen Gesellschaften nehmen wir gerne an, dass dies nicht ganz freiwillig passiert:

Extrem führt uns das die VR China vor Augen. Als ich Ende der 80er Jahre ein Monat durch das Land trampte, war ich überzeugt, dass das damals begonnene Experiment der weitgehenden wirtschaftlichen Freiheit ohne eine sich parallel entwickelnde „bürgerliche“ Freiheit auf längere Sicht nicht funktionieren kann.

Blicken wir aber auf so genannte „westlichen“ Gesellschaften, scheint das Bedürfnis nach mehrdimensionaler Freiheit, die über die Freiheit des Konsums hinaus geht, auf wenige Außenseiter beschränkt. 

Themen wie die ab 1.April in Österreich wirksam werdende „Vorratsdatenspeicherung“ 
(http://de.wikipedia.org/wiki/Vorratsdatenspeicherung), 
die schon Orwell’sche Dimensionen annehmenden
Datensammlung von REWE bis Facebook
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=33358
die Auswirkungen des Anti-Produktpiraterie- Handelsabkommen (ACTA) http://de.wikipedia.org/wiki/Anti-Counterfeiting_Trade_Agreement,
der verpflichtende Austausch von Bankdaten (SWIFT) für Flugreisende in die USA, … die Liste ist endlos,
all das findet in der öffentlichen und veröffentlichten Diskussion wenig Raum.

Vorsicht ist somit geboten vor jenen, die gerne ihren Ideologien den Begriff der Freiheit voran stellen, wenn sie das ursprüngliche Ideal durch rücksichtlose Beschränkung auf nur einen einzelnen Aspekt nahezu pervertieren:

Freiheit ist der Zustand, in dem ein Mensch nicht dem willkürlichen Zwang durch den Willen eines anderen oder anderer unterworfen ist.“

sagte Friedrich von Hayek, der Ahnvater des Neoliberalismus und Säulenheiliger all jener, die an die geheimnisvollen, jedoch benevolenten Kräfte des Marktes glauben wollen, ohne die humanistischen Voraussetzungen individueller Freiheit anerkennen zu wollen. Nach den letzten Finanzkrisen sind es diese Kreise, die in der augenblicklichen Situation kein Versagen ihrer Ideologie sondern ein Versagen aller („auch die Häuselbauer waren gierig“) aber in erster Linie des Staates („die Politiker haben zugeschaut“) sehen wollen.

Vermutlich müssen wir uns damit abfinden, dass ein derartig mannigfaltiger Begriff, wie der der Freiheit, für den täglichen Gebrauch, nahezu unbrauchbar ist, es sei denn, man verwendet ihn wie einst Voltaire:

„Ich bin nicht Eurer Meinung, aber ich werde darum kämpfen, dass Ihr Euch ausdrücken könnt.“

Ob er das wirklich so gesagt hat, darüber herrscht jedoch Unklarheit.

„Die Freiheit nehm’ ich mir!“ -VISA
http://www.youtube.com/watch?v=U8pgscP7Rzw http://www.gwa.de/images/effie_db/1997/72537_244_Visa.pdf

Written by medicus58

28. März 2012 at 08:46

Wer A sagt, muss auch Bakunin sagen

leave a comment »


Archetyp des linken Revolutionärs, unbeherrscht, kompromisslos, vazierend durch die Revolutionen der Zeit, letztendlich in der Praxis gescheitert, aber einer der wichtigsten Theoretiker des Anarchismus. http://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Alexandrowitsch_Bakunin

Der Spross eines kleinen Adelsgeschlechts durchlief eine militärische Laufbahn, desertierte, scheiterte als Mathematiklehrer, begann Philosophie zu studieren und war an allen revolutionären Schauplätzen der Jahre 1840-49 zu finden bis er verhaften und shcliesslich nach Sibierien verbannt wurde. Auf seiner Flucht über Japan und die USA gelangte er nach Europa, übersetzte das Kommunistisches Manifest ins Russische um sich schliesslich mit Marx zu überwerfen, da er ihm den Weg des Sozialismus in die nächste Diktatur prophezeihte. Marx betrieb schliesslich Bakunins Ausschluss aus der Internationale.
Man mag darüber philosophieren, wie sich der Marxismus entwickelt hätte, hätte er sich nicht schon zu diesem Zeitpunkt seiner Kritiker entledigt.

Zitate: „Diejenigen, die immer nur das Mögliche fordern, erreichen gar nichts. Diejenigen, die aber das Unmögliche fordern, erreichen wenigstens das Mögliche.“ erinnert doch ein bißchen an Che Guevaras: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“

„Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich. Die Freiheit der anderen, weit entfernt davon, eine Beschränkung oder die Verneinung meiner Freiheit zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Voraussetzung und Bejahung.“

„Ich werde so lange ein unmöglicher Mensch sein, wie diejenigen, die heute möglich sind, dies bleiben werden.“

So wird die menschliche Vernunft, das einzige Organ, das wir besitzen, um die Wahrheit zu erkennen, durch ihre Verwandlung in göttliche Vernunft unverständlich für uns und erscheint dem Gläubigen zwangsläufig als Offenbarung des Absurden. So äußert sich die Ehrfurcht vor dem Himmel in der Verachtung für die Erde und die Verehrung der Gottheit in der Herabwürdigung der Menschheit. Die menschliche Liebe, dieses unermessliche Band natürlicher Solidarität, das alle Individuen, alle Völker umspannt und die Freiheit und das Glück jedes einzelnen von der Freiheit und dem Glück aller anderen abhängig macht und die Menschen, allen Unterschieden der Rasse und Hautfarbe zum Trotz, früher oder später zu einer brüderlichen Gemeinschaft verbinden muß – diese Liebe wird, wenn sie sich in Liebe zu Gott und religiöse Nächstenliebe verwandelt, alsbald zu einer Geißel der Menschheit: Alles Blut, das seit Anbeginn der Geschichte im Namen der Religion vergossen wurde, die Millionen Menschen, die dem höchsten Ruhm der Götter geopfert wurden, legen davon Zeugnis ab…“ (Föderalismus, Sozialismus, Antitheologismus)

Im Hinblick auf die aktuelle politische Situation ist vor allem Bakunins Liebe zum Föderalismus als Gegenpol zur staatlichen Autorität interessant …. man muss ihm aber zugute halten, dass er Pröll und Häupl nicht kennen konnte … 😉

 

 

„Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: folglich existiert Gott nicht. Ich fordere jeden heraus, diesem Kreis zu entgehen, und nun mag man wählen.“ (Gott und der Staat)

Diese Unlogik hat was Bestechendes .., sorry, but I like it.

 

„Seien wir Sozialisten, aber werden wir nie Herdenvölker. Suchen wir die Gerechtigkeit, die ganze politische, ökonomische und soziale Gerechtigkeit nur auf dem Wege der Freiheit. Es kann nichts Lebendiges und Menschliches außerhalb der Freiheit geben, und ein Sozialismus, der sie aus seiner Mitte verstößt oder der sie nicht als das einzige schöpferische Prinzip und als Grundlage akzeptiert, würde uns ganz direkt zu Sklaverei und Bestialität zurückführen.“ Brief an „La Démocratie“

Written by medicus58

19. Februar 2012 at 17:57

A wie Anarchie: William Godwin (1756 – 1836)

leave a comment »


mit seinem Werk (An Enquiry Concerning Political Justice) Ahnvater anarchistischen Gedankengutes und Vater von Mary Godwin (später Mary Shelley, die mit dem Frankenstein):
http://www.dadaweb.de/wiki/William_Godwin 
http://en.wikipedia.org/wiki/William_Godwin

Revolutionen sind das Produkt von Leidenschaft, nicht das von nüchternen und ruhigen Gründen.

Der Geist des einen ist wesensmäßig verschieden von dem Geiste des anderen. Wenn nicht jeder seine Individualität bewahrt, wird das Urteil aller schwach sein und der Fortschritt unseres gemeinsamen Verständnisvermögens unausprechlich verzögert werden. Daraus folgt, dass die Ehrernietung eines Kindes zum Laster wird, wann immer es Grund hat zu bezweifeln, dass die Eltern eine wesentliche Information besitzen, die ihm abgeht. Nichts ist um des allgemeinen Wohles willen notwendiger, als dass wir uns … der Fesseln der Kindheit entledigen; … dass die Menschen jeder für sich urteilen, unverbildet durch die Vorurteile der Erziehung oder der Institution ihres Landes,

Einer Regierung, die uns von Verehrung der politischen Autorität und Ehrerbietung den uns Überlegenen gegenüber spricht, sollten wir daher antworten: „Es liegt in eurer Macht, unseren Körper zu fesseln und unsere äußeren Handlungen unter Zwang zu stellen; diese Art Zwang erkennen wir an. Kündigt eure Strafen an; und wir werden WÄHLEN, ob wir uns unterwerfen oder leiden wollen. ABER sucht nicht, unseren Geist zu versklaven. Zeigt eure Macht in ihrer einfachsten Form, denn das ist euer Bereich; aber sucht nicht uns zu verlocken oder zu verleiten. Gehorsam und äußere Unterwerfung ist alles, worauf ihr einen berechtigten Anspruch habt; ihr habt jedoch kein Recht, unsere Ehrerbietung zu erprssen oder von uns zu verlangen, dass wir eure Fehler nicht sehen und sie nicht ablehenen.“

Es gabe einmal eine Zeit, wo die Linke des 20. Jahrhunderts diese Haltung auch nioch vertreten hat: (Vergleiche den Artikel über Otto Wels
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=32221

© Portrait Wikipedia

Written by medicus58

15. Februar 2012 at 11:45

%d Bloggern gefällt das: