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Abenteuer Inland – vom Reisen an den Rändern der Heimat

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Treue Leser dieses Blogs wissen schon, dass sich Ihr Medicus gerne in fernen Gefilden bewegt hat und bis heute G’schichtln druckt, wie es denn dort so war, wo keine Behörde die Höhe der Pissmuscheln kontrollierte, wenn solche überhaupt schon Einzug gefunden hatten.

Pyramiden und versunkene Dschungeltempel machten in den nachfolgenden Dia-Abenden schon was her, doch nichts gegen die Erfolge, die die Aufnahmen eines tibetischen Plumpsklos oder die blanken Drähte im Badezimmer eines staatlichen Hotel in Sikkim beim p. t. Publikum einfuhren.

Verschlägt es einen aber in die hiesige Provinz, dann kommt man zu entsprechenden Aufnahmen mit einer CO2-Bilanz, die selbst Greta Thunberg die Freudentränen rauspressen würde.

Jetzt schalten Sie mal den Ton Ihres Kopfkinos ein und versuchen sich vorzustellen, zu welchen Ausdrücken bei der Installation dieses Waschbecken gegriffen wurde, um die zu bewältigenden Hindernisse zu beschreiben, von allfällig hergestellten Kausalzusammenhängen ganz zu schweigen.

Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Bizarre liegt so nah, oder um es mit Joachim Ringelnatz zu umschreiben:

Überall ist Wunderland, überall ist Leben, bei meiner Tant‘ im Strumpfband, wie irgendwo daneben.

Written by medicus58

1. Juni 2019 at 10:48

Abenteuer auf Vorbestellung

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Als ich 1992 dieses Foto am Dashashwamedh Ghat von Varanasi aufnahm, wütete die Tage vorher der Monsun so stark,
dass er mich in meinem Reiseplan schon zwei Tage zurückgeworfen hat. Natürlich hatte ich bei der Ankunft aus Patna
keine Hotelreservierung, wie auch in einem Land in dem damals Telefonverbindungen selbst zwischen den großen Städten
mehr einer Lotterie als einer Form geregelter Kommunikation glichen, denn
Damals war man noch einfach mal weg (https://medicus58.wordpress.com/2016/07/26/damals-war-man-noch-einfach-mal-weg/).

Ein wirkliches Problem war die Verspätung aber nicht, denn Hotelzimmer gab es genug und die Sehenswürdigkeiten besuchte man dann,
wenn man wirklich dazu Lust hatte.

Hatte man das Glück einige Tage in Florenz verweilen zu können, dann stellte man sich vor den Uffizien in Florenz dann an,
wenn die Schlange gerade nicht bis zum Ufer des Arno reichte.

Schon vor einigen Jahren hörte ich; Ich, der in den 80er und 90er Jahren mindestens einmal jährlich den Big Apple am Hudson River
besucht hatte, dass man inzwischen bereits Wochen vor der Anreise ein Online-Ticket für die Freiheitsstatue (man beachte den inneren Witz von wegen Freiheit)
buchen musste und sich selbstverständlich exakt an den dort gewährten time slot zu halten hätte.
Noch dachte ich, dass das halt mit der Regelwut der US-Amerikaner nach 9/11 zu tun hätte, aber weit gefehlt.

Ob man einen Lift auf den Eiffelturm, ein Ticket für Versailles, die Baustelle der Sagrada Familia  besichtigen oder einfach mal in Barcelona den Park Güell schauen möchte,
nichts geht mehr ohne elektronischer Voranmeldung. Das Versprechen, dass dadurch einfach alles schneller gänge, ist spätestens dann entlarvt,
wenn man sich trotz eines elektronisch erworbene Tickets die Beine vor dem Schloß des Sonnenkönigs in den Bauch steht.

Da ja jeder sich so ein Ticket ausdrucken kann, ist es inzwischen selbstverständlich geworden, immer einen Lichtbildausweis dabei zu haben, von wegen Schengen und so.

Täglich besichtigen in 43 stets ausgebuchten Durchgängen maximal 1075 Besucher Leonardos Letztes Abendmahl im klimatisierten Refektorium des Dominikanerklosters S. Maria delle Grazie, Corso Magenta, Milano. Sollten Sie gerade Lust auf einen Abstecher nach Mailand haben, steht Ihnen für 19€ als frühester Termin eine Besichtigung in 10 Tagen zur Verfügung und klarerweise nur in den Randzeiten (8:15, 8:45 und 18:00). Für andere Optionen berappen Sie rasch ein kleines Vermögen, da offenbar alle touristenfreundlichen Termine bereits an Reisebüros verkauft sind, die Ihnen dann aber schon ein kleines Vermögen abknöpfen.

Aber, hallo!

Wenn ich schon Monate im vorhinein festlegen muss, wann ich wo zu sein habe, dann kann ich mich ja gleich einer Reisegruppe anschließen!
Auch dort  gehe ich auf die Toilette, wenn es der Reiseleiter erlaubt und genieße meinen Espresso, wenn es die anderen tun.

Jetzt komme mir keiner mit Sicherheit. Vor 9:00 pfeift sich im Park Güell keiner der gähnenden Wärter, wer da mit oder ohne Ticket hineingeht, da man beim hinausgehen dann ohnehin registriert wird. Und dem Selbstmordattentäter wird es nachträglich auch ziemlich egal sein, dass er vorher E-Mail-Adresse und Mobil-Nummer angeben musste.

Mich beschleicht einfach der Verdacht, dass man nun eine Technologie anwenden möchte, weil man sie hat und irgendwer im Hintergrund gerne Stricherlisten führt und Daten zusammen führt.
Klar, Google, Tripadviser und Co. wissen nun ganz genau und teilen uns das auch im Browser mit, dass sich Besucher zB. bis zu 1,5h im Park Güell aufhalten und dass die beliebteste Besuchszeit um die Mittagszeit liegt – Big Data!

Wenn Sie die Anlage kennen, hätten es Sie aber wohl verwundert, wenn jemand 7€ berappt hätte und nach 10 Minuten wieder das Weite gesucht hätte oder dort drei Stunden für die gerade mal drei fertiggestellten Gebäude benötigt hätte. Eben, wie so oft bei den Big Data handelt es sich um Informationen, die sich mit Menschenverstand auch ohne EDV gewinnen hätten lassen, sorry IT-Freaks.

Übrigens beträgt die Wartezeit auf den Zutritt zu Gaudis Fliesenparadies augenblicklich nur 2 Tage, wenn Sie früh aufstehen wollen oder können!
Einfach spontan nach der letzten Tapas vorbeischauen war gestern, in den Zeiten, wo man noch wirklich reiste und nicht am Gängelband der Regulierungswut hing. ….

 

Written by medicus58

2. November 2016 at 13:46

San Pedro de Atacama : Nicht das Abenteuer sondern das Ziel

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Wie schon einmal in dieser Rubrik erwähnt, habe ich es 
stets abgelehnt, meine Reisen als Abenteuer zu bezeichnen
Mir waren und sind Menschen, die die wüstesten Reiseabenteuer zu berichten wissen, kaum dass sie das Flughafengebäude verlassen haben, höchst suspekt.
Der Reisende sucht nicht das Abenteuer sondern sein Ziel.
Bisweilen findet er sich aber trotzdem in einer Lage, in die er eigentlich nicht kommen wollte und die nachträglich betrachtet durchaus etwas Abenteuerliches an sich hat.

In der ersten Hälfte der 90er Jahre hatte Chile zwar die Militärdiktatur bereits abgeschüttelt, der Schatten Pinochets, der als Heereschef erst 1998 zurück trat, lag aber noch auf dem Land. Während in den meisten Regionen des Landes der öffentliche (Bus-)verkehr verlässlich und dicht war, stellte sich in Antofagasta heraus, dass die Verbindungen durch die Atacamawüste weniger dicht waren und mehr Zeit in Anspruch nehmen würden, als geplant. Ein Mietauto schien hier die einzige Möglichkeit, nicht nur die Städte an der Küste (Iquique, Arica) und den Lago Chungará im Grenzgebiet zwischen Chile und Bolivien sondern auch die weit verstreuten Geoglifas (Bilder aus gelegten Steinen) in der Atacama, vor allem aber San Pedro de Atacama (http://de.wikipedia.org/wiki/San_Pedro_de_Atacama) zu erreichen. 

Detaillierte Straßenkarten ließen sich weder beim Vermieter noch in einem der Geschäfte Antofagastas auftreiben, jedoch schien das Unternehmen nicht allzu schwierig. Zuerst der Straße No 25 bis Calama folgen und dort auf die No 23. abbiegen, die ohnehin nur nach San Pedro führt. Mit der Strichzeichnung aus dem Lonely Planet Guide machten wir uns zu zweit in einem 1,1 Liter Daihatsu auf den Weg.

Während es anfangs (Bild) wirklich auf einer asphaltierten Straße nur gerade aus ging und ab, verlor sich der Straßenbelag irgendwann einmal und wir polterten auf einer Schotterpiste dahin, von der einen so lange Pfeile (Desvio) auf eine andere Piste umleiteten, bis völlig unklar war, ob man sich noch annähernd auf dem richtigen Weg befand. 

Die etwa 300 km schienen endlos. 

Furchen und Gruben in der Piste wurden immer tiefer und ab und an saß der kleine Wagen mit seiner Bodenplatte auf.
Zuerst orientierte der Sonnenstand über die ungefähre Richtung in der unser Ziel lag, aber es wurde später und später.
Andere Fahrzeuge waren hinter Calama nicht mehr zu sehen und der Zeiger der Tankuhr neigte sich immer mehr nach links.
Habe ich vergessen zu erwähnen, dass es natürlich keine Tankstellen auf der Strecke gibt?

Nie werde ich den Anblick (Bild) vergessen, der sich uns bot, als ich schon ganz fest hoffte, von der vor uns liegenden Anhöhe bereits San Pedro erkennen zu können.
Meiner Begleitung entfuhr ein verzweifeltes 
das darf aber nun nicht wahr sein“, 
als lediglich eine Art Sanddüne hinter der Anhöhe in das nächste Tal führte. 

Der Reiseführer beschreibt eine der dortigen Landschaften wirklich als „ 
Valle de Luna“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Valle_de_la_Luna_(Chile)) 
nur sollte man sich diesem eher mit einer Reisegruppe als auf eigene Faust mit einem Kleinstauto nähern.

Ach ja, und wenn die „Nachgeborenen“ nun etwas von GPS „schwätzen“, so was gab es damals für den zivilen Gebrauch nicht einmal in Österreich, geschweige denn im Nach-Pinochet-Chile.

Die wild blinkende Tankuhr versuchte ich schon seit vielen Kilometern zu negieren, die Tanknadel hatte ihre linke Begrenzung schon längst erreicht und klebte unbeweglich an der Skala, als ich schließlich von weitem eine Gruppe von Bäumen und kurz danach das Ortsschild von San Pedro erblickte.

Das letzte Bild schoss ich knapp vor dem endgültigen Sonnenuntergang bereits in San Pedro, als die Schafe in den Stall getrieben wurden.
Mich erinnert es noch immer an das wohlige (OK, meinetwegen „wollige“) Gefühl „an einem Ziel angekommen zu sein“.
Die Alternative, irgendwo abseits der Hauptstraße mit leerem Tank liegen geblieben zu sein, mochte ich mir damals und möchte ich mir heute gar nicht vorstellen.
Wenn man http://maps.google.com/maps?q=San+Pedro+de+Atacama&hl=de&ie=UTF8&sll=37.0625,-95.677068&sspn=48.77566,45.615234&t=h&hnear=San+Pedro+de+Atacama,+El+Loa+Province,+Regi%C3%B3n+de+Antofagasta,+Chile&z=8  Glauben schenkt, 
dürfte die Straße nun komplett asphaltiert sein, so dass die Fahrt heute weniger abenteuerlich verlaufen wäre. 
Sollte ich nochmals dort hin kommen, dann habe ich sicher ein GPS, vielleicht sogar einen Reservekanister dabei, sicher ist sicher, 
denn eigentlich will ich ja nur Ziele erreichen und keine Abenteuer erleben.

Written by medicus58

2. Oktober 2012 at 16:27

Veröffentlicht in Allgemein, Reisen

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Life is not a Destination but a Journey

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Immer wenn mich die bisherigen Themenkreise diese Blogs zu sehr frustrierten, beschloss ich mit einer neuen Rubrik „Über das Reisen“ zu beginnen, ließ es aber schließlich doch immer wieder sein, weil viele der Erlebnisse schon Jahrzehnte zurück liegen und somit von fraglicher Aktualität schienen.

Andererseits hat schon Tucholsky auf die enge Verquickung zwischen Heimat und Ferne  einerseits und Gegenwart und Vergangenheit andererseits hingewiesen:

Wer die Enge seiner Heimat ermessen will, reise.
Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere Geschichte.
Kurt Tucholsky 1890-1935

Keine Angst, es ist nicht beabsichtigt hier das schriftliche Pendant zur gefürchteten Einladung zu Knabbergebäck und den ersten tausend Strandfotos vom letzten Kroatienurlaub abzuliefern, und es soll auch keine bildungsbürgerlicheUniversumfolge“ über „die letzten Paradiese der Erde“ werden.
Hier wird es um die persönlichen Erfahrungen auf Individualreisen durch (bislang) 67 Staaten dieser Welt gehen, teils mit Rucksack, teils mit Samsonite; manchmal  vorausgeplant, häufig improvisiert; einmal in einer Suite im Stadtpalast des Maharadschas, dann mit Brechdurchfall in einer indischen Bahnhofstoilette …
 
Widersprechen wir einfach Blaise Pascals lapidarer Erkenntnis:

Alles Unglück des Menschen kommt daher, dass er nicht ruhig in einem Zimmer verweilen kann.
Blaise Pascal 1623-1662

Für Francis Bacon schien das Reisen vorwiegend eine Beschäftigung der Jugend, was im Hinblick auf die damaligen Verkehrsmittel kaum verwundert:

Reisen ist in der Jugend ein Teil der Erziehung,
im Alter ein Teil der Erfahrung.
Sir Francis Bacon (1561 – 1626)

Für Max Frisch konnte das kaum noch gelten und die Schikanen nach 9/11 hat er sich erspart. Er wird aber hier zitiert, da er uns ebenfalls darauf aufmerksam macht, dass ein wichtiger Teil des Erkenntnisgewinns erst nach der Rückkehr abläuft:

Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird.
Entwickeln wird ihn die Erinnerung.
Max Frisch (1911 – 1991)

Auch für mich waren meine ersten Reisen hilfreich, Österreich mit anderen Augen zu sehen.

Wo gehn wir denn hin? – Immer nach Hause!
Novalis 1772-1801

Der Mensch bereist die Welt auf der Suche nach dem, was ihm fehlt.
Und er kehrt nach Hause zurück, um es zu finden.
George Moore (1852 – 1933)

Schön ist nur, was niemals dein.
Es ist heiter, zu reisen, und schrecklich, zu sein.
Kurt Tucholsky 1890-1935

Kant, der selbst nicht gerade als Weltreisender in die Geschichte eingegangen ist,
hat diesen Erkenntnisgewinn, luzide wie immer, analysiert:
 
Das Reisen bildet sehr; es entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes, des Glaubens, der Familie, der Erziehung.
Es gibt den humanen duldsamen Sinn, den allgemeinen Charakter.
Wer dagegen nichts sah, was ihn in der Sphäre,
worin er lebt, umgibt, hält leicht alles für notwendig
und einzig in der Welt, weil es in seiner Heimat dafür gilt.
Immanuel Kant (1724-1804)

Damit kommen wir auch schon bei einem wichtigen Unterscheidungsmerkmal zwischen „Urlaub“ und „Reisen“:

Touristen sind Reisende, die ihren Besitz verbrauchen, um sich den Besitz anderer anzusehen.
Ernst Heimeran (1902 – 1955)

Früher zeichnete man auf Reisen, um sich erinnern zu können, wo man war.
Heute filmt man auf Reisen, um zu erfahren, wo man gewesen ist.
Albert Camus (1913-1960)

Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet
Hans Magnus Enzensberger (*1929)

Es ist ja nicht so, dass „Reisen“ nicht auch einen gewissen Erholungswert hat, jedoch findet dieser eher mental statt. In allen anderen Aspekten ist „Reisen“ harte Arbeit.

Das Reisen ist eine Passion,in dem wunderbaren Doppelsinn dieses Wortes,
der im Wort Leidenschaft vollkommen nachgeformt ist:
eine Passion, kein Vergnügen.
Erhart Kästner (1904 – 1974)

Zum Reisen gehört Geduld, Mut, guter Humor, Vergessenheit aller häuslichen Sorgen, und dass man sich durch widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost und der gleichen nicht niederschlagen lässt.
Adolf Freiherr v. Knigge (1752 – 1796)

Nur um richtig verstanden zu werden, hier geht es nicht um das so genannte „Abenteuer“ oder um eine Verherrlichung der Strapazen, die man „überstanden“ hat. Wer derartige Reisebeschreibungen sucht, ist bei der Fülle an einschlägiger Literatur und den allenthalben plakatierten Diavorträgen besser aufgehoben. Ich habe auch in all den Jahren unter all den Menschen, die weit aus längere und weitaus „gefährlichere“ Reisen als ich erlebt hat, niemanden gefunden, der diesen Aspekt besonders hervorgehoben hat. Ganz im Gegenteil, der „wahre Reisende“ freut sich über jeden Abend, den er bequem an einem warmen und trockenen Ort verbringen konnte, über jede Dusche die funktioniert und jede Toilette, die ihren Inhalt nicht mehr von sich gibt, weil ihm all das die Kraft gibt, die nächste Nacht, die vermutlich anders verlaufen wird, so zu überstehen, dass sein Sensorium weiterhin frei für die wesentlichen Eindrücke seiner Reise bleibt. Dafür offen zu bleiben, ist für den Reisenden unumgänglich:

Der wahre Reisende weiß nicht, wohin die Reise geht, der wahre Abenteurer weiß nicht, was er erleben wird. Seine Reisen führen ihn nicht eher in eine Richtung als in eine andere. Seine Neugierde ist nicht auf einen bestimmten Punkt gerichtet.
Chuang-tzu, ca. 365-286 v. Chr.

Reisen erfordert einen radikalen Umgang mit sich selbst, auch wenn Diderots Forderungen für die meisten von uns unerfüllbar sein werden:

Reisen, mein Freund, ist eine schöne Sache; aber man muss seinen Vater, seine Mutter, seine Kinder und seine Freunde verloren haben, oder nie welche besessen haben, um auf dem Globus umherzuirren. Was würden Sie von dem Besitzer eines riesigen Palastes sagen, der sein Leben damit verbrächte, treppauf, treppab zu eilen, vom Keller zum Dachboden, vom Dachboden in den Keller, anstatt sich ruhig im Kreise seiner Familie niederzulassen? Das ist das Bild des Reisenden. Dieser Mensch hat keine Moral, er wird von einer Art natürlicher Unruhe geplagt, die ihn entgegen seinem Willen von Ort zu Ort treibt.
Denis Diderot 1713-1784

Bevor wir die Reise um die Welt beginnen, sollten wir die Reise um uns selbst beendigen.
Denis Diderot 1713-1784

In jedem Fall aber ist „Reisen“ untrennbar mit einem selbst verbunden:

Der Weg zu dir selber hört nie auf
Hinter dir geht’s abwärts
Und vor dir steil bergauf
Wolfgang Ambros (*1952)

Das Ergebnis ist nicht immer im Sinne der Aufklärung:

Die Deutschen fahren ins Ausland, um auch mal andere Vorurteile kennen zu lernen.
Richard W. B. Cormack (*1941)

aber es zwingt einen zur Auseinandersetzung mit sich selbst:

Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum.
Hermann Keyserling (1880 – 1946)

Vor denen, die Sven Hedin nicht verstehen:

Jeder Mensch braucht dann und wann ein bisschen Wüste!
Sven Hedin (1865 – 1952)

sei gewarnt, denn wie schon Alexander von Humboldt erkannte:

Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.
Alexander von Humboldt

Am Beginn meiner Reisen stand ich vor einer kleinen südenglischen Kirche und las unter all den Sinnsprüchen, die den Gläubigen an solchen Orten mitgegeben werden:

“Life is not a Journey but a Destination”

und dachte sogleich:

“au contraire“

Was ziemlich eigenartig ist, da ich der französischen Sprache ja eigentlich nicht mächtig bin. Meinem damals ziemlich „britanophilen“ Unterbewusstsein schien es aber opportun, dieser Aussage nicht nur inhaltlich, sondern gleich in einer anderen Sprache zu widersprechen. Nicht dass ich frei jeglicher Hoffnung auf zielgerichtete Entwicklungen wäre, aber in diesem im Zusammenhang schien mir die Umkehrung dieses Satzes zutreffender; bestenfalls könnte ich  Jean Pauls zustimmen, dass Reisen und Leben ohnehin dasselbe wäre:

Nur Reisen ist Leben,
wie umgekehrt das Leben Reisen ist.
Jean Paul (1763 – 1825)

Auf einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden weist uns Susan Heller hin:

When preparing to travel,
lay out all your clothes and all your money.
Then take half the clothes and twice the money.“
Susan Heller

 PS: Dem Amateurpsychologen wird aufgefallen sein, dass ich mich hinter ausnehmend vielen Zitaten versteckt habe, um zu verbergen, wie schwer es mir fällt etwas „Prinzipielles über das Reisen“ zu formulieren, ohne das vorweg zu nehmen, was eigentlich in den folgenden Beiträgen kommen soll. Das Bild zeigt übrigens das Haus in London, das vor vielen Jahren Ausgangspunkt für meine ganz persönliche „Vermessung der Welt“ war. Schau’n mir ‚mal, was da nach folgt …

Written by medicus58

29. August 2012 at 17:30

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