Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Ist diese Ärztekammer noch eine Kammer für Ärzte?

with one comment


In den selten stillen Kämmerchen unserer Standesvertretung ist es gerade wieder einmal lauter.
Das wäre kein wirklich schlechtes Zeichen, wenn es so wie im Wahlkampf 2017 auch vor der Wahl der Ärztevertreter zu lebhaften Diskussionen gekommen wäre. Da war aber so viel Funkstille, dass es sich hier nicht mal lohnte gesondert darauf einzugehen.
Wird nach einer Entscheidung plötzlich diskutiert ist das ein untrügliches Zeichen, dass da viel falsch gelaufen ist.
Ja, man fürchtete sich vor der Wiener Wahl medial begleitet vor der MFG, was letztendlich aber dann kaum wahlentscheidend war. Außer von Steinharts Vereinigung, flatterten von den großen Fraktionen nur vereinzelte Folder ins Postfach, von den kleinen, kostenbedingt, gar nix.
Viele hatten nach zwei Amtsperioden vom Szekeres genug, er scheinbar auch, und es war klar, dass Steinhart sein langes Kammerleben endlich mit der Funktion des Kammerpräsidenten krönen wollte und dafür auch genug Finanzen hatte. Das dann als Reformkoalition über Steinharts beliebteste PR Agentur (B&K – Bettschart und Kofler Kommunikationsberatung) bezeichnen zu lassen war Eingeweihten gleich etwas des weniger Guten zu viel, aber: Hart geht`s weiter in der Wiener Ärztekammer, Steinhart

Während ich bereits 2017 andiskutierte, dass die von Szekeres gezimmerte Koalition die beiden großen ärztlichen Kurien (Niedergelassene, wo Steinhart stark ist und Angestellte) nicht abbildet (WÄK Wahl: Die Würfel scheinen gefallen), hat die jetzige Koalition das umgekehrte Problem, auch wenn das von den Medien nicht so berichtet (oder verstanden) wurde.
Ja, wie die meisten Kammern sind Frauen in der oberen Etage der ÄK traditionell massiv unterrepräsentiert, was auch zu einigen Medienberichten führte.
Traditionelle Kritiker der Ärztekammer wie der nach Eigendefinition Versorgungswissenschaftler Pichlbauer bewarfen im Netz Steinhart mit ganz anderen Kritikpunkten:
rezeptblog als 1996 in der Regierung beschlossen wurde bis 2001 eine einheitlicher Leistungskatalog zu entwickeln, war es STEINHART, der dagegen war, als 2005 die Entwicklung dann begonnen wurde, war es STEINHART, der sie boyokttierte, als 2014 ein solcher Katalog für die Spitäler entwickelt wurde, war es STEINHART, der die Mitarbeit der Ärztekammer untersagte. Als 2019 die KAssenfusion anstand und eine einheitlicher Katalog zu verhandeln gewesen wäre, war es STEINHART, der jede Verhandlung ablehnte. Statt dessen wurde eine Katalog quodlibet kammerintern entwickelt, der jetzt das Resultat der „langjährigen Forderung“ der Ärztekammer sein soll – es ist ein reines MAchtspiel eines alten weißen mannes Link

Für das Verständnis des aktuellen Tumultes, der seinen Ausgangspunkt schon bei der Wahl zum Wiener Ärztekammerpäsidenten (Voraussetzung, um Bundeskammerpräsident zu werden) hatte sind mE drei Dinge essentiell:

  1. Die meisten Ärzte haben keine Hoffnung mehr, dass sie von der ÄK vertreten werden und sind so mit den Folgen der schlechten Vertretung (Bürokratie) in der täglichen Arbeit beschäftigt, dass ihnen auch keine Zeit bleibt sich mit Standespolitik zu beschäftigen
  2. In der ÄK (vermutlich in allen Kammern) wurde und wird immer alles von wenigen vorbesprochen, so dass Diskussionen vor Abstimmungen völlig sinnlos werden, weil die Positionen vorab bezogen sind. Was bleibt sind Geschäftsordnungstricks.
  3. Die (gesetzlich aufgezwungene) Aufspaltung der Ärzteschaft in einzelne Kurien verstärkt das Gefühl in seiner jeweiligen Position schlecht vertreten zu sein (divide et impera). Damit wurde und wird traditionell auch Politik gemacht.

Um eine Mehrheit in der Wiener Kammer zu bekommen, musste Steinhart zu seiner immer satten Mehrheit bei den Niedergelassenen (warum eigentlich?) auch Unterstützer bei Turnusärzten und Angestellten finden. Wie seine Vorgänger schmiedete er diese aus den traditionellen „Überläufern„, die nach der Wahl sich plötzlich bei einer anderen Fraktion wiederfinden und einem fast 45- jährigen, ehemaligen Finanzreferenten unter Szekeres (Dr. Stefan FERENCI, geb. 15.09.1977), der trotz seiner Vita (2015 bis 2017 Oberarzt, seit 2018 Kassenordination in Baden, Wahlarztpraxis in Wien) nun im Wahlkörper der Turnusärzte für Turnusärzte kandidierte. In der ÄK in NÖ vertritt er übrigens die Fachärzte (Kurier).

Als nun in der Österreichischen Ärztekammer die Gremien gewählt wurden, wurde mit dem Unfallchirurgen Dr. Harald Mayer ein weiteres Urgestein der Kammerpolitik (seit 19 Jahren Obmann der Bundeskurie angestellte Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer) in seinem Amt bestätigt und, sie werden sich vielleicht wundern, sein 1.Stellvertreter wurde der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Ferenci.
Bei dem Mangel an Jugendpsychiatern in diesem Land, darf man vielleicht die Frage stellen, ob die wenigen ärztlichen Kapazitäten nicht besser in der praktischen Medizin als in multiplen Kammerfunktionen genutzt werden sollten bzw. wie viel Aufwand all die Posten denn bedeuten, wenn man daneben zwei Praxen in zwei verschiedenen Bundesländern betreiben kann, aber natürlich müssen wir uns freuen, dass es trotzdem noch Kollegen gibt, denen die Standespolitik ein Anliegen ist. <end of irony>
Die Freude war dann aber vielleicht doch nicht so groß, wenn man über die Umstände der Wahl heute im Kurier liest:
Haben die Spitalsärzte die falschen Vertreter bekommen?
Der Vorgang war, nun ja, doch speziell: Als es vergangene Woche in der Bundeskurie der angestellten Ärzte darum ging, einen Chef zu wählen, boykottierten gleich vier Bundesländer die Abstimmung, indem sie den Raum verließen. Der Grund des Protests: Es sei keine Frau und auch kein JungärzteVertreter bei der Postenbesetzung berücksichtigt worden.

Man kann den Vorgang als übliches Polit-Hickhack abtun, das sich schon bald wieder beruhigen wird, wenn alle mit ein paar Pöstchen oder anderen Goodies zufriedengestellt wurden, die Frage, ob diese Ärztekammer noch eine Kammer für Ärzte ist, wird uns aber bleiben. M.E. geht es da in Wirklichkeit auch gar nicht um die fehlende Repräsentanz der einzelnen ärztlichen Funktionen und Geschlechterparitäten, sondern um ein gewachsenes Netzwerk nur mehr formal demokratischer Berufskämmerer.

Man muss sich doch nur die Frage stellen, weshalb Steinhart es seit 33 Jahren in der Kammer erst jetzt und noch dazu einstimmig zum Österreichischen Ärztekammerpräsidenten geschafft hat, obwohl sein Mentor Dorner ihn bei seinem Rückzug schon als Nachfolger empfohlen hat. Schwer vorstellbar, dass jemand wie der ehrgeizige Oberösterreichische Ärztekammerpräsident Dr. Peter Niedermoser, der noch ein starker Gegenkandidat gegen Szekeres war, nicht auch Ambitionen auf den Job hat, mit dem Steinhart seine Karriere endlich krönen konnte.

Niedermoser war bereits in der Hochschulpolitik tätig, dann bis 2001 stellvertretender Kurienobmann der angestellten Ärzten in Oberösterreich, gleichzeitig Obmann der Bundessektion der Turnusärzten in der Österreichischen Ärztekammer. Zwischen 2003 und 2005 war er Vizepräsident der Ärztekammer für Oberösterreich, bis er bis heute nach Otto Pjeta das Präsidentenamt in Oberösterreich mit satten Mehrheiten innehat. Daneben ist er Vorsitzender des Bildungsausschusses der ÖÄK, und seit 2013 Präsident des wissenschaftlichen Beirats der Akademie der Ärzte, also dieses Gremium, das u.a. aus Turnusärzten fertige Ärzte macht. Kurz vor der jetzigen Wahl zum Österr. Ärztekammerpräsidenten ließ er jedoch ausrichten, dass er nicht zur Wahl antreten werde.

Dieser Sinneswandel wird erst klarer, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Niedermoser so wie Mayer aus der OÖ Kammer kommen und dies wohl zu der unbeliebten Kampfabstimmung geführt hätte, die möglicherweise beiden das Amt gekostet hätte. Es liegt daher sehr nahe, dass der ganze Wahlvorgang, wie ohnehin das meiste in der Ärztekammer von einigen wenigen im stillen Kämmerchen akkordiert wurde und halt manche anderen da dazugehören müssen, weil es sich sonst nicht ausgeht, oder man (weshalb auch immer) in deren Schuld steht.
Dass das der Wiener Kammeramtsdirektor und Jurist Holzgruber schon bei der Wiener Kammerwahl alles korrekt fand wundert wenig, da er, übrigens ebenso wie Steinhart, von Langzeitpräsidenten Walter Dorner über die ÖVP-nahe Vereinigung mit multiplen Quervernetzungen zum CV in die Standespolitik geholt wurde.

Also, ja, es ist ein Irrwitz, dass ein Beruf, der inzwischen mehr Frauen als Männer zählt, mit wenigen Ausnahmen seine Standesvertreter nur unter Männern findet, und ja, junge Ärzte in Ausbildung müssten in der Standesvertretung ihre Sicht einbringen können, aber vor allem sollten wir Ärzte uns endlich einmal dafür interessieren, wer was mit unseren Kammerumlagen so macht.
Solange dieses verständliche aber desaströse Desinteresse besteht, dürfen wir uns nicht wundern, wenn der Kongress nach seinen eigenen Regeln tanzt!

Written by medicus58

28. Juni 2022 um 17:27

Eine Antwort

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  1. Danke für die Geschichtsstunde.

    Hansi Hochreiter

    28. Juni 2022 at 21:55


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