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Covid-19: Letzte Rettung Intensivbett? Beitrag zur Diskussion

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Auch wenn die Gesundheitspolitik gerade schmerzhaft realisiert, dass es auch da große Unterschiede zwischen verschiedene „Betten“ gibt, sind Intensivstationen wie der Name schon sagt Orte, in denen ein Maximum an technischem, pflegerischen und medizinischem Aufwand angeboten wird. Wunder darf man sich aber auch keine erwarten.
In der aktuellen Phase der Covid-19 Pandemie starren alle auf die naturgemäß begrenzten und quantitativ nur mit gewisse Unschärfe einzuschätzende Ressource Intensivbett. Das war schon dumm, als sich die gesamte Gesundheitökonomie nur um die Anzahl an Spitalsbetten drehte, übrigens mit ein Grund, weshalb wir so unterschiedliche Definitionen von „offenen Betten“ haben.

In dieser Kakophonie – je nach Standpunkt – befürchtet oder droht man damit, dass die Menschen hilflos sterben, wenn wir nicht jedem Kranken einen Intensivplatz anbieten können, wir also triagieren müssen. Damit wird eine medial befeuerte Spirale der Verschärfungen begründet (Actio est Reactio, oder Politik ist nicht Physik),
koste es was es wolle, wir retten Leben, obwohl wir das naturgemäß nicht in allen Fällen können und implizit andere Patienten mit einer besseren Chance, verlieren, wenn wir uns zu sehr auf Covid-19 konzentrieren.

Selbstverständlich ist die Rettung von rettbarem Leben (idealerweise unter Beibehaltung der Lebensqualität (QUALY) eine der vordringlichsten Aufgaben der Medizin, ganz sollte man aber dabei die Relationen auch nicht außer Acht lassen:

Wir gehen (betrachtet man große Gruppen und nicht nur z.B. die Verhältnisse in Bergamo zu Begin ndes Jahres) dzt. davon aus, dass
etwa 1 von 5 Covid-19 Positiven hospitalisiert werden muss, weil seine Betreuung ambulant nicht mehr möglich ist und
etwa 1(-2) von 5 hospitalisierten Covid-19 Patienten (anders als Trump meist für > 1 Woche) ein Intensivbett benötigen.
Die Zahlen gelten für die Gesamtbevölkerung und Gesundheitssysteme wie unseres. Mit zunehmendem Alter der Betroffenen sind die Zahlen höher, mit abnehmendem Alter niedriger, also bitte keine Erbsenzählerei (Link, Link, Link).

Die Überlebenschancen von Covid-19 Patienten auf der Intensivstation wurden seit dem Frühjahr in allen Studien besser, aber eine große Metaanalyse in PLoS One (Rate of Intensive Care Unit admission and outcomes among patients with coronavirus: A systematic review and Meta-analysis) kam zu dem Schluss:

The Meta-Analysis revealed that approximately one-third of patients admitted to ICU with severe Coronavirus disease and more than thirty percent of patients admitted to ICU with a severe form of COVID-19 for better care died
which warns the health care stakeholders to give attention to intensive care patients.

Eine andere Metaanalyse kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen:

In patients with completed ICU admissions with COVID-19 infection, combined ICU mortality (95%CI) was 41.6% (34.0–49.7%), I2 = 93.2%). Sub-group analysis by continent showed that mortality is broadly consistent across the globe. As the pandemic has progressed, the reported mortality rates have fallen from above 50% to close to 40%. The in-ICU mortality from COVID-19 is higher than usually seen in ICU admissions with other viral pneumonias.

Den Menschen (Ärzten wie Patienten) nun mit der Keule Intensivbett Angst einzujagen halte ich für wenig evidenzbasiert:

warns the health care stakeholders to give attention to intensive care patients

Ab einer größeren Anzahl an Erkrankten entscheidet sich, was wir erzielen können, vor der Intensivstation, nicht mehr so sehr da drinnen.

IMHO ist auch die Zeit des Contact-Tracing, sorry Pam, vorbei und unsere verbliebenen Ressourcen sollten in die bestmögliche Betreuung der Covid-19 Patienten AUSSERHALB der Spitäler gesteckt werden (tägl. telefonische Kontrollanrufe, gezielte Hausbesuche durch spezifisch geschulte (und geschützte) Teams, ….). Werden die Menschen dort allein gelassen, dann stürmen sie in die Spitäler.
Warum im Frühjahr die Messe Wien um viel Geld mit Betten angerammelt wurde, jetzt aber m.W. solche zwischengeschalteten Auffangsysteme nicht öffentlich diskutiert werden, entzieht sich meines Verständnisses.

Die Gesundheitspolitik (koste es was es wolle) tut so, als wäre alles nur eine Frage der Kraftanstrengung an der Spitze eines pyramidenartigen Systems. Die Qualität der sozialen und medizinischen Versorgung entscheidet sich aber an der Basis, oder hat bisher irgendwer verlangt jeden Herzinsuffizienten mit einer Herztransplantation zu versorgen?

Written by medicus58

30. Oktober 2020 um 10:04

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