Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for Januar 2019

Einfach unerträglich die Leichtigkeit der Alternativen

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Nein, erwarten Sie sich jetzt keine Paraphrase auf Milan Kunderas Erfolgsroman. Worum es mir geht ist eine Phrase, die sich kaum mehr aus unzähligen unabgefragt gelieferten Wortspenden wegdenken lässt.
Nein, es geht mir auch nicht um die hohlen Versprechungen der Werbeindustrie sondern die unerträgliche Leichtigkeit der scheinbar Wissenden, die kurz den gleißenden Sonnenschein ihres alternativen Lebensstils verlassen, nur um uns Unerweckten den Weg ins Paradies zu weisen.

Egal, ob es um Komplementärmedizin oder die Segnungen veganen Lebensstils geht, ob es um das Anwerfen Ihres High-tech-Gerätes oder die Anfertigung unvergesslicher Hochzeitsfotos geht, um das Einschlafen Ihres Neugeborenen oder die Lernunwilligkeit Ihres bummelstudierenden Nachwuches, den Wechsel Ihres Strom- oder Handyanbieters oder Ihres Sexualpartners geht,
kurz immer wenn wir an der schieren Komplexität unseres Alltags verzweifeln, kommt irgendein ostentativ fröhlich gestimmter bester Freund, Moderator, Coach oder Guru und hat eine einfache Lösung zur Hand oder vielleicht nur in seinem rhetorischen Bauchladen.

Im Fokus meines Furors stehen da weniger die institutionellen Helfer, denen ja gar nix anderes übrig bleibt als uns in Ihr Geschäftsmodell zu lotsen:

Digitalisierung ganz einfach: Digitale Prozesse für Vertrieb …

An- und Abmeldung ganz einfach Alpenverein

Klinikum Klagenfurt: Anmelden ganz einfach

Besonders ärgerlich scheinen mir die alternativen Helfer, die Selbsthilfeforen und einschlägige Lebenshilferubriken in Funk (Ö1) und Print bevölkern und uns dort fröhlich gestimmt und offenbar bar jedweder (naturwissenschaftlichen) Vorbildung versichern, wie sich durch die eine TCM- (traditionelle chinesische Medizin) oder die andere TEM- (traditionelle europäische Medizin) Technik, also durch die Anwendung von unseren Vorvätern und -müttern wohlbekannten Geheimnissen, die ihre dekadenten Nachkommen, also wir, eben erst wiederentdecken müssen, alles ganz einfach lösen lässt. Für TEM/TCM mögen Sie auch Familienaufstellung, Paleo-Diät, Familienaufstellung oder was weiß ich einsetzen.

Verstehen Sie mich richtig, hier geht es nicht darum, jedem Kind beim Anfiebern die Essigpatscherln vorzuhalten und ihm NSAPs (nichtsteroidale Antiphlogistika) einzuflößen und als ehemaliger „Kurarzt“ ist mir die sinnvolle Anwendung „kalter Umschläge“ und „Kochsalzinhalationen“ bekannt. Es mag auch Sinn haben, wenn sich das Bundesministerium bei der UNESCO bemüht hat traditionelle Heilverfahren als „immaterielles Kulturgut“ vor einer rein kommerziellen Nutzung zu schützen, aber wenn sogar auf Science.ORF.at solcher Schwachsinn zu lesen ist:

Ernährung kann Krebszellen aushungern

da wundert es nicht, dass z.B. auch auf der Homepage einer Innsbrucker Apotheke völlig unkommentiert zu lesen ist:
Vor über 100 Jahren entdeckte der Arzt Dr. Wilhelm Heinrich Schüssler, dass fast jede Krankheit auf Störungen im Mineralhaushalt der Zellen zurück zu führen ist. 

So gesehen ist es ja kaum mehr verwunderlich, wer sich da aller bemüssigt fühlt uns zu beraten:

Über die Schilddrüse:
Endlich kenne ich seit über 20 Jahren Leiden meinen Weg und weiß mehr als meine Ärzte über die Einstellung. Link

Über die „Notwendigkeit“ zur Gadolinium-Ausleitung nach einer MRT-Untersuchung, wegen Chuck Norris Frau:
Zuerst half ich mir selbst und dann den Patienten Link

Über die Schwammerln:
Ich hab jetzt bei mir nachgetestet und die Frequenz von Candida mycosis oris gefunden, aber nur latent. Bei mir sitzt der Pilz wohl auch noch in der Schilddrüse, in den Halslymphknoten, in der Naschenschleimhaut und in der Eustachischen Röhre. 
Als Mittel dagegen zeigt es 
Maisgriffeltee und Brennnesseln an, vermutlich um den Körper basischer zu machen, eine zinkhaltige Salbe Akriderm genta, eventuell auch eine Salbe mit Salicylsäure und Betamethason,wenn man den Pilz auch auf der Haut hat. Wobei man immer auch sagen muss, dass ein Pilz auch Gifte bindet, ihn zu bekämpfen und sich gleichzeitig weiter zu vergiften ist vielleicht kontra produktiv. 
Ebenso eventuell 
Vitamin H und wenn wer an Heilsteine glaubt, Rubin und Saphir, das kann aber auch sein, dass das alles nur bei mir so ist. 
Ebenso eventuell 
Vitamin H und wenn wer an Heilsteine glaubt, Rubin und Saphir, das kann aber auch sein, dass das alles nur bei mir so ist.  Link

Wobei das nicht nur ein Phänomen sich selbst ermächtigender Gestörter ist, mit dem die Novelle des Ärztegesetzes so lange aufräumen wollte, bis die Wirtschaftskammer dagegen war. Ich empfehle ein paar ausgewählte Sendungen des Ö1-Radiodoktors (eines Senders den ich übrigens sehr häufig und mit Freude höre) um zu erkennen, dass auch von Ärzten, Diplompsychologen, Ernährungswissenschaftern, …etc. bisweilen Wahnwitziges verkündet wird, also durchaus von Leuten, die sich nicht auf das Fehlen einer naturwissenschaftlichen Ausbildung ausreden dürfen.

Mir scheint der Wunsch nach einer einfachen Heilsbotschaft für komplexe Probleme, vom „Kreuzweh“ bis zum ADHS, von der Melancholie bis zur chronischen Flatulenz inzwischen ebenso wirkmächtig, wie der Wunsch nach einfachen gesellschaftspolitischen Lösungen. (siehe die Wahlen in den USA, bei uns, in Brasilien, ….)

Könnte man nicht langsam wieder lauter sagen, dass es auf keinem Gebiet einen short cut ins Paradies gibt?

Dabei herrscht sogar in der Theologie seit jeher ein erbitterter Streit, für wie viele denn Platz da oben wäre:
Aber niemand konnte das Lied singen lernen außer den hundertvierundvierzigtausend, die freigekauft und von der Erde weggenommen worden sind. Offenbarung Johannes 14,3

Fred Sinowatz hatte schon Recht mit seinem (zweit-)berühmtesten Zitat:
Ich weiß schon, meine Damen und Herren, das alles ist sehr kompliziert so wie diese Welt, in der wir leben und handeln, und die Gesellschaft, in der wir uns entfalten wollen. Haben wir daher den Mut, mehr als bisher auf diese Kompliziertheit hinzuweisen; zuzu­geben, daß es perfekte Lösungen für alles und für jeden in einer pluralistischen Demokratie gar nicht geben kann.

Nur leider  sind die Ergebnisse dieser Bildungsreform bei uns wie anderswo nicht mehr zu spüren:

Written by medicus58

3. Januar 2019 at 21:57

Veröffentlicht in Was im Alltag so alles nervt

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Optimismus ist Pflicht

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Zum Jahreswechsel fiel es wieder besonders deutlich auf:

Man trug wieder Optimismus

Über die Hälfte aller Wähler wären mit der Regierung zufrieden.

Der Handel war zwar nicht ganz mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden, aber erwartete optimistisch noch vom Umtausch der Geschenke und Eintausch der Gutscheine ein gutes Ergebnis.

Der eine Herr schüttelte zwar missbilligend sein Haupt beim Neujahrskonzert, der Rest paschte wie jedes Jahr frenetisch sich und dem Radetzky zu.

Unser Bundeskanzler saß allen Gerüchten zum Trotz in blonder Begleitung neben einem Europäischen Schwarzen und strahlte Optimismus aus.

Spaßbremsen, Miesepeter, Kassandras und Kritiker haben wir satt, die vergiften bloß das Klima und das ist vergiftet genug.

Nachdem die Messages unter Kontrolle gebracht wurden, steht als nächster Schritt die Kontrolle der Empfänger an.

Sind Sie einfach optimistisch, halten Sie die Sektgläser nicht für halb leer, wenn Sie noch für voll genommen werden wollen.

Written by medicus58

1. Januar 2019 at 23:21

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