Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Im Nebel der Öffentlichkeitsarbeit oder die Grenze zwischen selektiver Information und Lüge

with one comment


Die heutigen Überlegungen haben zwar einen konkreten Anlass, sind aber letztendlich völlig unabhängig davon und in gewisser Weise die Fortsetzung dessen, was hier schon unter dem Titel Risikokommunikation abgehandelt wurde. Exemplarisch eben an Strahlenunfällen: Ruthenium Slow burn

Wir leben in einer Zeit der scheinbaren Voll-Information.
Keine Firma, kein Betrieb kann es sich mehr leisten, sich nicht permanent der Öffentlichkeit zu erklären.
In der gewinnorientierten Privatwirtschaft nennt man das schlicht Werbung, wenn auf die eigenen Vorzüge hingewiesen wird und allfällige Risiken verschwiegen werden, oder das im Schnell-Sprech-Modus nachgestellte „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“gelöst wird.

Längst scheint es aber auch dem im nicht gewinnorientierten Bereich bei NGOs und öffentlichen Einrichtungen unumgänglich, alle immer gleich und direkt zu informieren. Wir finden keine Katastrophen-Handbuch mehr, dass nicht detaillierte Anweisungen gibt, wie diese permanente Öffentlichkeitsarbeit abzulaufen hat; nicht zuletzt deshalb, um die Informationshoheit nicht an andere (Medien, Opposition oder Trolle) zu verlieren. Vermutlich lässt sich das auch nicht mehr in andere Bahnen lenken, es wird aber dort zum Problem, wo die Öffentlichkeitsarbeit perfekter scheint, als die geleistete Arbeit an sich.

Während früher den „lästigen Fragestellern“ einfach die Türe vor der Nase zugeschlagen wurde, beantworten heute designierte Sprecher scheinbar objektiv die Fragen und veröffentlichen oft im Minutentakt die Untersuchungsergebnisse. Problematisch wird das, wenn in der Fülle an Informationen selektiv gerade die Teile ausgespart werden, die einerseits für das Verständnis des Geschehenen essentiell wären, um die ganze Tragweite abschätzen zu können.

Wir werden oft mit Meldungen beruhigt, wie viele Helfer im Einsatz waren, ohne uns mitzuteilen, ob diese auch dort waren, wo sie gebraucht wurden.
Wir hören von oft übermenschlichen Anstrengungen einzelner, um die Frage nicht aufkommen zu lassen, ob man sich diese nicht ersparen hätte können, wenn davor etwas anders gehandelt worden wäre.
Mit großer Geste werden falsche Mutmaßungen mancher Medien von sich gewiesen, ohne zu erklären, dass zwar die erste Mutmaßung falsch war, aber die eigene selektive Öffentlichkeitsarbeit Mutmaßungen herausgefordert hat, weil sich die Dinge so wie sie dargestellt wurden sicher nicht zugetragen haben können.

Wenn in einem Risikobereich gearbeitet wird haben Fehler oft schreckliche Folgen und Einzelpersonen steht das Recht zu sich nicht selbst zu belasten.
Wenn aber Institutionen Öffentlichkeitsarbeit leisten, dann sollten (selbstverständlich unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten) alles offen legen oder nichts.

Die selektive Auslassung von bereits vorliegenden Informationen schrammt ebenso messerscharf an der offen Lüge vorbei, wie ein Limited Hangout (Unentschieden, oder was?).

Letztendlich stellt sich dann oft die Frage, ob man nicht mehr Sorgfalt in die Kernarbeit als in die Öffentlichkeitsarbeit stecken hätte sollen.

Written by medicus58

4. September 2018 um 17:00

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. In unserem Firmenbereich sind Pressemitteilungen in etwa so wie Statistiken:
    Lügne, infame Lügen, …
    Nein, so schlimm ist es nicht, das war ein Scherz.
    Ich bin überzeugt, dass nur in der Minderheit der Problemfälle aus Vorsatz und nicht etwa aus Naivität entstanden sind.
    Aber um tagesaktuell ein Thema aufzugreifen: Qualtätszahlen aus dem Gesundheitsbereich ist so ein Bereich, der gerne totgeschwiegen wurde. Und wenn doch jemand über offizielle Zahlen schrieb, war (da hab ich ein böses Beispiel aus dem Bekanntenkreis zur Hand) schnell der Rechtsanwalt zur Stelle. Ich hoffe, dass sowas heute nicht mehr gesellschaftsfähig wäre.

    Hansi

    4. September 2018 at 20:18


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: