Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Babylonische Zustände in der Medizin

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Ich sitze gerade vor drei Bildschirmen, einem großen 4K, einen Standard Flatscreen und einen noch teureren EIZO, und tippe meinen heutigen Beitrag auf einem ziemlichen High-end PC, den ich normalerweise für weitaus rechenintensivere Aufgaben verwende, als für diese kleinen Wortmeldungen am Rande des Internets.
Will heißen, ich halte mich auch privat für ein bisschen EDV-affin.
Das will ich vorausschicken, da regelmäßige Leser vielleicht den Eindruck gewinnen können (siehe Links), dass ich ein prinzipielles Problem mit der EDV (oder IT) habe, was definitiv nicht stimmt.

Als 13-Jähriger habe ich von einer allgemein zugänglichen Enzyklopädie geträumt, da ich mit einen Brockhaus nicht leisten konnte – heute stehen die 24 Bände einen Handgriff hinter mir, einschließlich der Ausgaben für Weltgeschichte.
Trotzdem genieße ich es, dass ich auch in der U-Bahn die Wikipedia befragen kann.

Meine ersten Erfahrungen mit Spracherkennungssoftware machte ich vor mehr als zwei Jahrzehnten und finde die diesbezüglichen Fähigkeiten meines Smart-TV bemerkenswert.
Trotzdem konnten Sie hier lesen, dass die Anwendung in der medizinischen Praxis mehr als hinterfragbar sind (Eupnoe – Aponoe)

Ja, und ich bin mir der bemerkenswerten Fähigkeiten von IBMs semantischer Suchmaschine Watson, durchaus bewusst, obwohl ich mich entgegen anders lautender Werbeaussendungen nicht ausschließlich nach seinen Erkenntnissen onkologisch behandeln lassen wollte, obwohl der Link uns zu beweisen scheint, dass dieser Algorithmus zu 90% zu den gleichen Therapien rät, wie ein interdisziplinäres Tumorboard.
JA, und eigentlich habe ich auch mal ein bislang nicht realisiertes Watson Projekt erarbeitet, aber Schwamm drüber.

Nun scheint es mir aber, dass ich mich langsam geschlagen geben muss:
Babylon AI erreicht Genauigkeit bei Global Healthcare First, die menschlichen Ärzten gleichwertig ist

Wenn Sie sich das Nachlesen dieser APA Meldung ersparen wollen, wovon ich abrate, dann steht dort, dass ein Algorithmus bei einer ärztlichen Befähigkeitsprüfung besser abschnitt, als der durchschnittliche britische Arzt.
Die Ergebnisse des heutigen Abends zeigen deutlich, wie durch AI erweiterte Gesundheitsdienste die Belastung der Gesundheitssysteme weltweit verringern können. Unsere Mission ist es, zugängliche und erschwingliche Gesundheitsdienstleistungen in die Hände jedes Menschen auf der Erde zu legen. Diese bedeutenden Ergebnisse bringen die Menschheit einen wichtigen Schritt näher zu einer besseren Welt, in der niemandem eine sichere und exakte Gesundheitsberatung verweigert wird.“

So weit so gut, wir alle wissen aber, dass es nicht darum geht, sondern um die Einsparung von „ärztlichen Vollzeitäquivalenten“, und das wird auch so kommen, seien Sie (als Patient) gewarnt.

AI (=Artificial Intelligence)ist derzeit einer der heißesten Tickets in der Medizin.

IBM, das schon lange mit seiner Hardwaresparte keine Geld mehr macht, investierte Unsummen in Watson, seinen AI Algorithmus, der wie eine Reihe anderer IT-Anwendungen, zum Super-Doktor gehypt wird, als ob ein derartig komplexes System wie die Behandlung eines einzelnen Patienten durch einen Algorithmus erfasst werden könnte.

Im American Journal of Medicine erschien im Februar 2018 ein Artikel mit dem Titel: Artificial Intelligence in Medical Practice: The Question to the Answer? und kommt wenigstens zu dem Schluss, dass da auch noch fallweise ein Arzt zwischen den Bits and Bytes auftauchen soll.

Ich habe vor längerer Zeit meine Vorlesung aus den 90er Jahren (Am Anfang war die Diagnose – Clinical Decision making Not only for Dummies) hier auf den Blog gestellt, um ein bisschen die Komplexität des Diagnoseprozesses zu umschreiben, die nicht zu letzt die Schwierigkeiten an der Schnittstelle Patient:Medizin(Arzt) aufzeigt,
die auch heute nicht FÜR DEN EINZELFALL, von der AI abgedeckt werden kann und damit haben wir es in der Praxis zu tun.
Nicht mit Mittelwerten und Gruppen-Wahrscheinlichkeiten, sondern dem Einzelfall.

Egal: Drücken Sie die 1 wenn Sie krank sind oder die 0 wenn sie tot sind

Meiner Wahrnehmung nach haben die meisten in meiner ärztlichen Kollegenschaft noch gar nicht begriffen, wie nahe stark die Versprechungen der IT-Industrie das Berufsbild der Ärzte bereits gefährdet.
Ja, und Patienten beschweren sich ausschließlich über Wartezeiten ….

Links: 
Krankenhaus EDV: erfassten Widerspruch im Anlassfall
Meine Paranoia mit der Spitals-EDV oder wenn alles steht, geht’s weiter wie bisher
Die Überraschungseier der Krankenhaus EDV
Kunstfehler waren gestern, heute haben wir die EDV

Written by medicus58

28. Juni 2018 um 21:58

7 Antworten

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  1. Ist das die Zukunft?: https://www.krone.at/303381

    Christine Kainz

    28. Juni 2018 at 22:31

    • Vorerst mal ja, aber schon Cicero: O, Zeiten o Sitten
      und zum Gnadenschuss: selber geben is OK, sich abschießen lassen: Nur über DEREN Leiche 😉

      medicus58

      28. Juni 2018 at 23:15

  2. Die Technik schreitet flott voran, doch immer mehr ältere Menschen geben sich den Gnadenschuss…

    Christine Kainz

    28. Juni 2018 at 23:13

  3. Jein. An manchen Stellen kommt zwangsweise mein seltenes Engagement durch.
    Ich komm damit aus einer Klientel, die zumindest eine Menge ärztlicher Fehldiagnosen hinter sich hat und die nicht wenig oft auf die Richtige Spur/zum richtigen Arzt nur durch „Zusatzinformationen“ gekommen ist.
    Aber es ist nicht nur bei den Seltenen so: auch meine Zöliakie – wahrlich nichts Seltenes – hat 17 Jahre Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen auf dem Buckel (war noch im letzten Jahrtausend). In diesem Fall hätte Watson nur ein Segen sein können.
    Ich bin eigentlich total überzeugt davon, dass die Wissensaufbereitung ala Watson oder Symptoma schlicht notwendig ist – ist für mich Wikipedia für Diagnosen.
    Und natürlich bin ich zu 100% davon überzeigt, dass es gutes Personal braucht, um diese AI-Tools oder einfach Datenbanken auch sinnvoll benutzen zu können – es braucht die Hand, Auge und Ohr am Patienten.
    Was hältst du übrigens von der https://www.symptoma.com ?

    Hansi Ho

    29. Juni 2018 at 09:02

    • Jein, eh. Jede Unterstützung bei der Wissensgenerierung ist OK, aber wir wissen auch, dass es Menschen mit Erfahrung braucht, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Nur viele Daten ist gefährlich. Aber was dzt abläuft ist die Mythenbildung, dass die Algorithmen die Menschen im Spital ebenso ersetzen werden wie an der Börse.

      medicus58

      29. Juni 2018 at 10:57

  4. Zu Symptoma … habe darüber oder über was Ähnliches mal geschrieben. Ist das Problem von Pflanzenbestimmungsbüchern und anderer eher linearer, nicht Fehler verzeihender Algorithmen

    medicus58

    29. Juni 2018 at 18:37


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