Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Auf’s Timing kommt es an, auch beim Operieren

with 6 comments


Ich möchte Sie ja nicht verunsichern, wenn Sie endlich den Operateur Ihres Vertrauens gefunden haben oder dem Versprechen einer renommierten Krankenanstalt – eines Best-Point-of-Care Zentrums eben – Glauben schenken, dass dort erstklassig gearbeitet wird.
Sie sollten sich zusätzlich den Zeitpunkt genau überlegen, zu dem Sie sich unter das Messer legen. 

Auf einer Literatursuche über ein ganz anderes Thema stolperte ich wieder über eine bereits im November des Vorjahres im International Journal of Cancer erschienenen Studie einer schwedischen Arbeitsgruppe, die an Hand von 228.927 Krankengeschichten zwischen 1997-2014, ja dort funktioniert die elektronische Krankenakte, Erstaunliches zu Tage förderte:

Wer sich während der Urlaubszeit in einem von 16 Krebszentren operieren ließ hatte eine signifikant schlechtere Prognose als zu anderen Zeiten.

Signifikant war das für Operationen an der Brustdrüse, Leber, Gallenwege und der Bauchspeicheldrüse. Ein ähnlicher Trend fand sich auch für kolorektale Karzinome, Kopf-Hals-, Prostata-, Nieren-, Blasen- und Schilddrüsenkrebs.

Andererseits macht es sich in den USA bezahlt seinen Herzinfarkt dann zu bekommen, wenn die Experten gerade bei nationalen Meetings weilen (JAHA 2018).

Und jetzt erinnern wir uns an das gesundheitspolitische Gelaber vom Best-Point-of-Care, Schwerpunkt- und Zentrumsbildung, ut sim:

Die medizinische Versorgung ist ein hoch komplexes System an den Schnittpunkten von Wissenschaft, Praxis und gesellschaftspolitischen Phänomenen dessen Ergebnisqualität der monokausalen Lösungsvorschläge Außenstehender entzieht …

Written by medicus58

26. Mai 2018 um 17:43

6 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Und der Mondkalender?

    Christine Kainz

    26. Mai 2018 at 17:56

  2. Aber bitte das Kind nicht mit dem Badewasser entsorgen – ich bin ein Fan der HSM.
    Wenn du bei diesen Vergleichen auch Zentren mit ins Spiel bringst, dann aber bitte auch die Resultate von Zentrum zu Etablisment mit geringer Fallzahl vergleichen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es für den Patienten immer noch ungleich vorteilhafter ist, sich in der Urlaubszeit in einem Zentrum als zu einer anderen Zeit irgendwo in der Pampa operieren zu lassen.
    Dass Qualitätszahlen aus Österreich in der Schublade bleiben, werte ich als Indiz dafür.

    Hansi

    26. Mai 2018 at 22:05

    • Muss nicht sein; dass Problem der großen Zentren ist, dass die mehr Azubis anstellen und sich prinzipiell die Zahlen auf mehr Ärzre verteilen. Überdies habe zB ich für bestimmte Krankheiten, mit denen ich noch im AKH mit enormen Fallzahlen zu tun hatte, eine größere Expertise als die jetzt dort Tätigen, obwohl das ho viel seltener aufschlägt. Irgendwo habe ich auf diesem Blog schon mal das Missverständnis angesprochen, dass Fallzahl und Expertise IMMER parallel laufenm

      medicus58

      27. Mai 2018 at 00:22

      • Natürlich, das Pendel gibt immer Platz auf beiden Seiten.
        Aber prinzipiell sind Fallzahlen aber eine notwendige Voraussetzung. Transientes mitnehmen von Expertise ist natürlich möglich, aber ohne kontinuierliche Weiterbildung auf diesem Gebiet (kostet vor allem viel Zeit) und genügend Gelegenheit, in Übung zu bleiben, isses irgendwann vorbei damit.
        Andererseits – AZUBIs ohne Begleitung in eine Spezialambulanz zu stellen – das kenn ich aus eigener Erfahrung: das ist das Hirnverbrannteste, was man in der Organisation machen kann. Das ist vielleicht Verzweiflung, weil man kein Personal hat, oder auch nur schlicht Unfähigkeit in der Einschätzung – mit Expertise hat das aber (wie die auch oben anführst) nichts zu tun.
        Ein anderes Argument, dass Fallzahlen nicht Qualität heißen muss, ist, dass gute Versorgung auch aufwendig und damit teuer sein kann. Oft ist es damit auch schlicht eine ökonomische Ursache, dass ich mit hohen Fallzahlen zwar eine gute Expertise für spontane oberflächliche Symptombehandlung hab, mir ein eventuell nachhaltigeres, aber aufwendigeres Befassen mit dem Patienten nicht leisten kann.

        Es gab früher ein gutes Set an Kriterien, die man erfüllen musste, um sich in Orphanet als Experte eintragen zu können. Mit den deutschen Vorsitz vor etliche Jahren wurde das so modifiziert, dass man auch praktisch ohne Forschung, dafür aber mit sehr vielen Patientenkontakten (damit hat man wenig Zeit für Forschung), als Experte gelten durfte.
        In Österreich ist das so (Stichprobe Herbst 2016), dass ich für eine Erkrankung 13 selbstdeklarierte Experten an 10 Standorten für insgesamt (höchst wahrscheinlich) drei Patienten gefunden hab. Und glaub mir, mit Forschung ist nix bei uns / in diesem Bereich.

        Aber Fallzahlen sind natürlich nicht alles, wenn man keine Qualität hinterher zu bestimmen versucht. Als Laie glaub ich schon, dass das Ergebnis für einen Schlaganfallpatienten zeitnah auf einer Stroke Unit meist besser ist als auf einer kleinen Neurologie.

        Meine simple Zusammenfassung: Man muss den richtigen Best point of Service ausmachen können und ohne Fallzahlen (notwendig, aber nicht hinreichend) gibt es auch dort keine bleibende Expertise.

        Hansi

        27. Mai 2018 at 07:56

      • Was in der über weite Strecken nachvollziehbaren Argumentation aber fehlt ist der diagnostische Prozess, der zum Point-of-Best-Care führt. Bei den stroke-units ist es ja relativ einfach rasch die Diagnose zu stellen, aber wenn alle nur mehr an ihren Fallzahlen zu einer Erkrankung arbeiten, geht das differentialdiagnostische Wissen flöten. Genau das passiert aber bei vielen relativ häufigen Erkrankungen (vergiss orphans), weil sich auch dort niemand mehr auskennt und nur nach Flussdiagrammen arbeitet.

        medicus58

        27. Mai 2018 at 12:09


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: