Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Gesundheit ist unbezahlbar: dazu eine banale Überlegenshilfe

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Claudia Polic ist fassungslos. „Uns wurde vermittelt, wir sollten unseren Sohn Georg sterben lassen“, sagt sie über ein Treffen mit der Krankenanstaltengesellschaft am Montag.

Die Kages bleibt dabei, dass es richtig sei, nicht die Kosten für die Behandlung mit Spinraza zu übernehmen. Dies hätten „fachlich kompetente
Experten“ so entschieden.

Konkret geht es um das tragische Schicksal einer steirischen Familie, deren Sohn an spinaler Muskelatrophie leidet und für den die Krankenanstalt die Behandlungskosten (Spinraza, pro Spritze 77.000 Euro) nicht übernehmen will.
Nach einem Bericht der Gratiszeitung Heute wurden schon 100.000 € gesammelt.
Die Krone berichtet, dass Promi-Lady und Lebensgefährtin von Bau- und Immobilientycoon Georg Stumpf Patricia Schalko allein 77.000 spendete und liefert auch Bildmaterial.

Eine Nusinersen Therapie (Therapiekosten im ersten Jahr aktuell 540.000 Euro) wurde schon 2016 von der New York Times als die vermutlich teuerste Medikation der Welt bezeichnet. Ob die Verabreichung im vorliegenden Fall noch erfolgversprechend ist oder nicht, kann und will ich gar nicht diskutieren, worauf ich (wieder einmal) hinweisen möchte ist, dass wir uns endlich daran gewöhnen müssen, dass
Geld im Gesundheitssystem ein Faktor ist, der nicht unendlich vermehrbar ist und
die Kosten einer Einzeltherapie immer auch daran gemessen werden muss, welche Leistungen dann NICHT erbracht werden können.

Menschlich verstehe ich alle Bemühungen Betroffener für den Einzelfall, aber letztendlich sind dem
individuellen Nutzen immer die Opportunitätskosten
 des Gesamtsystem entgegen gestellt werden.
Einfacher betrachtet:
Was bringt mehr Gesundheit:
Kostendeckende Tarife für direkte Patientenkontakte oder sinnlose Überweisungsmedizin.

Letztendlich läuft es wieder auf die schon so oft hier erwähnte Lösungsmöglichkeit hinaus,
Finanzierungung und Verantwortung für das Sozialsystems aus einer Hand

Erst dann werden wir alle erkennen, dass es sich bei den verschiedenen Aspekten immer um kommunizierende Gefäße handelt.
Oder polemisch formuliert: wie wenig Kinderpsychiatrie, wie wenig HPV Impfung ist uns eine teure Einzeltherapie wert

Dieses Bewusstsein wurde aber noch nicht entwickelt, weil wir seit Jahrzehnten Kosten und Patienten verschieben und uns generös mit dem Budget der anderen Hand verhalten: Mein Patient, Dein Patient, das Budget ist nicht für alle da 

Dieses Problem nun, wie im Fall der steirischen Familie, mit medialem Donner vor Gericht lösen zu wollen ist aber menschen verachtend.
Ob der Preis des Medikamentes nicht auch menschen verachtend ist, möge ebenfalls auf einer anderen Bühne verhandelt werden.
Die Erlöse des US-Biotechnologiekonzern Biogen kletterten im ersten Quartal um 11 Prozent auf rund 3,1 Milliarden US-Dollar, und enttäuschten trotzdem die BörseSpinraza hat allein 364 Millionen Dollar eingefahren, wobei es aber zu keiner weiteren Umsatzstteigerung gekommen war, obwohl der Konzern viel Geld investiert, um Betroffene bei der Durchsetzung ihrer Therapieansprüche zu unterstützen.

Letztendlich hat sich die Pharmaindustrie in den letzten Jahren ganz bewusst auf Medikamente für seltene Erkrankungen spezialisiert, weil hier naturgemäß die Konkurrenz geringer als bei den Massenprodukten ist und man angesichts der verzweifelten Lage hoffen konnten, leichter mit den enormen Therapiekosten durchkommen zu können.
Man wird um die Frage nicht mehr lange herum kommen, ob die schon jetzt geforderte behördliche Genehmigung (Approval) für das In-Verkehr bringen von Medikamenten nicht ausschließlich auf dem Wirkungsnachweis der Substanz sondern auch (in Abhängigkeit des Verkaufspreises) auf seine Nebenwirkungen für das Gesamtsystems abzielen soll.

Die teuersten Medikamente der Welt – Spinraza und Ravicti an der Spitze

Written by medicus58

25. April 2018 um 18:03

Veröffentlicht in Gesundheitssystem

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6 Antworten

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    • Naja, … das Vorgehen des Gesundheitssystems erinnert an den Spruch meiner Oma:
      Z’weng und z’fü is den Norr’n earna Zü

      medicus58

      27. April 2018 at 21:16


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