Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Eine kleine Geschichte der Verpflegung in Wien

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Einheimische wie Touristen, wer durch die Straßen einer Stadt läuft steht irgendwann vor der Frage einer geregelten Nahrungsaufnahme. In wärmeren Gegenden sorgen hier institutionalisierte wenn auch oft improvisierte Ausspeisungen am Straßenrand für das benötigte Streetfood. In klimatisch härteren Gegenden ist man eher bestrebt seinen Kalorienbedarf in wind- und wettergeschützter Umgebung einnehmen zu können, so auch in der österreichischen Haupt- und Residenzstadt Wien.
Als ich neulich so am Volkstheater vorbei schlenderte fiel mein Blick auf eine Häuserzeile in der Museumsstraße, die uns den Wandel der Labungsmöglichkeiten und -formen in geografisch übersichtlicher Weise vor Augen führt und Überraschendes aufdeckt.

Beginnen wir von unserem Standort (der Haltestelle des 49) aus gesehen links außen mit dem Cafe Raimund:
Seit 1900 fielen Mitarbeiter und Gäste des nahen Volkstheaters hierorts ein, nicht nur um sich dem Namen des Etablissements entsprechend mit Kaffee und kleinen Süßspeisen zu dopen, sondern bekamen – wie es in Wiens Kaffeehäusern eben üblich ist – neben Eier in allen Härtegraden, belegten Broten und einem kleinen Gulasch, gern auch in Suppenform, allerlei Schmankerln, die in ihrer Auswahl fast aber doch nie ganz an das heranreichten, was ein dediziertes Restaurant verspricht.
Als ich noch große Teile meines Studiums in einschlägigen Herbergen verbrachte, nahm es mich immer Wunder, welche Vielfalt in den dafür oft gar nicht eingerichteten Kaffeehausküchen nahezu 24/7 produziert werden konnten. Jetzt versteigt sich die Küche des Raimunds zu manch unnötigem Tribut an den Ungeist früherer Jahrzehnte, wenn sie mit Theatertoast und Raimund Sandwich lockt, aber immerhin bietet sie auch noch Geröstete Knödel mit Ei an, die vermutlich schon zu Zeiten eines Egon Friedell oder Hans Weigel hierorts aufgetragen wurden. Ob sie von Ingeborg Bachmann geschätzt wurden entzieht sich zwar meiner Kenntnis, jedoch bin ich seit Jahrzehnten der Meinung, dass es sehr viel Positives über den Lebensstil einer Stadt verrät, wenn sich dort eine entsprechende Kaffeehauskultur etabliert hat. Neben Wien, zähle ich hier vor allem Paris, Buenos Aires und Budapest dazu.

Neben dem Kaffeehaus findet sich in besagter Straßenfront rechts außen eine weitere kulinarische Institution, die viele Jahre die Ernährungsgewohnheiten nicht nur Wiens geprägt hat: Das Wienerwald.
Dem Zug der Zeit entsprechend ging man dort hin, nicht weil man zu allerlei kultureller Betätigung auch was essen musste, sondern die Aufnahme von Nahrung und Getränk rückte in den Mittelpunkt des Aufenhalts.
Auch wenn ein böser Schmäh damals davor warnte in ein Lokal zu gehen, in dem der Underberg (=Magenbitter) obligat auf den Tischen stand. Der Jägermeister-Generation heute wäre das aber ohnehin Blun’zn.
Höhenflug und fast völliger Absturz dieser Restaurant-Kette gibt mindestens so viel her, wie die bewegte Geschichte der Institution Wiener Kaffeehaus, wir werden uns aber kurz fassen.
Der Linzer  Friedrich Jahn (1923-1998) eröffnete 1955 in München sein erstes Lokal und gab der Wirtschaftswundergesellschaft, lange bevor US-amerikanische Familienlokal-Ketten seinem Beispiel folgten, genau das was sie wollte:
Rustikal scheinende Gastlichkeit und vertrautes Essen. Jahn erfand die Grillhend’lstation und das Restaurant-Franchising gleich dazu.
Das Hendl stand und steht im Mittelpunkt unseres Sortiments, und unser Wissen um Verarbeitung und Zubereitung ist einzigartig.
brüstet man sich bis heute, wo die wesentliche Versorgung mit geflämmtem Geflügel schon längst durch meist türkisch geführte Hendelparadiese abgedeckt wird.
Der gelernte Kellner Jahn gründete damals einen wirklich weltumspannenden Konzern, der seine Hühner sogar im Waldorf-Astoria in Manhattan brut.
In den 80er Jahren brach das Imperium, das inzwischen auch ein Reisebüro, Weinkellereien, Transportunternehmen, einen Grillgerätehersteller, eine Druckerei, Immobiliengesellschaften, Hotels, Beratungsgesellschaften für die Gastronomie und einen Verlag umfasste, durch zu rasche Diversifizierung und Überschuldung zusammen. Jahn verlor sein Lebenswerk und wird zitiert, dass sein Hauptfehler gewesen wäre, einen Banker als Finanzchef angestellt zu haben.
Neun Jahre nach dem Tod des Firmengründers konnte die Familie die Rechte am Firmennamen wieder zurück kaufen und versucht seit 2009 erneut eine internationale Expansion.

Eingebettet zwischen den beiden genannten kulinarischen Polen Kaffeehaus und Wienerwald finden wir auf der Museumsstraße den rezentesten Zuwachs in der Versorgung hungriger Mägen, einen Noodle King.
Eines der unzähligen Lokale, die Tonnen von Instantnudeln mit allem, was man sich so unterhalb Sibiriens unter asiatischer Küche vorstellt, unter die Leute bringen.
Ein paar Sitzplätze, viel take away, Google findet auf Anhieb allein sieben Lokale gleichen Names in Wien, gefühlt gibt es sicher mehr als ein Dutzend.
Das Besondere aber kommt zum Schluss.
Das Noodle King 1010 hat aktuell bei 16 Rezensionen glatte fünf Sterne auf Google:
Very tasty food, clean and low price. For the price of 1 small coffee in starbucks we ate nice meal. 

Das Cafe Raimund kommt bei 202 Rezensionen hingegen nur auf schwache 3,8 Sterne:
Relativ angenehm, jedoch wc erst nach dem Raucherraum.. 🙂 

Das Wienerwald stürzt mit 128 Rezensionen überhaupt auf 2,8 Sterne ab:
War von den Bewertungen etwas abgeschreckt und hatte daher das schlimmste erwartet. War letztendlich aber bei weitem nicht so schlimm. Das Grillhenderl und der Kaiserschmarrn waren sehr gut. Das Ambiente war auch sehr angenehm. Nur das Personal wirkt teilweise sehr demotiviert und überfordert.

Damit beenden wir den kleinen kulinarischen Rundgang ohne den Anspruch auf Vollständigkeit oder gar tiefere Erkenntnis.
Was mich nur etwas wundert ist, dass sich augenblicklich offenbar das gastronomische Konzept am besten bewährt, das sich am weitesten von dem entfernt was dereinst typisch war für Wien:
Ein zweites Wohnzimmer um der Einsamkeit zu entfliehen,
vielleicht auch um sich mit Freunden zu treffen ohne die eigene Wohnung aufräumen zu müssen und
die Möglichkeit neben Zeitungslektüre, Kellnertratsch und Menschenbeobachtung
fast beiläufig auch eine Nahrungsaufnahme realisieren zu können.

Written by medicus58

25. März 2018 um 19:11

2 Antworten

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  1. Wie es zu Rezensionen und Sternen kommt, ist dem darum Wissenden hinlänglich bekannt und hat eigentlich keinerlei ernst zu nehmende Aussagekraft. Was sich ja an Ihrer Zufriedenheit mit dem Wienerwald-Essen bestätigt.

    An das von Ihnen abgebildete Wienerwald habe ich sehr schöne Erinnerungen. Als mein erstgeborener Enkel zur Welt gekommen war, fuhr ich schnell noch zu besagtem Wienerwald, um meinen Schwiegersohn, der bei der Geburt dabei war und die Nacht vorher mit meiner Tochter mitleidete, kulinarisch zu versorgen. Und, ich hatte gut daran getan denn das Grillhendl war schnell verschlungen…
    Vor einigen Jahren hat das Wienerwald sogar noch Hauszustellungen gemacht. Jetzt leider nicht mehr oder zumindest nicht in allen Bezirken.

    Im Cafe Raimund war ich glaublich nur ein Mal – nach meiner Scheidung bot es sich direkt an 😉

    Von den Cafés mochte ich sehr gerne das Rathaus-Cafe, mit den, von Ihnen bereits schön beschriebenen, kleinen Speisen und dem gut geschulten freundlichen Servierpersonal. Als mir vor einigen Jahren allerdings eine Schinkenrolle serviert wurde, die in der Salatmarinade schwamm, blieb ich dem Café fern. Zumal auch das Personal gewechselt hatte und auch hier ziemlich demotiviert wirkte.

    Na bis dann, im Wienerwald!

    Christine Kainz

    26. März 2018 at 20:24

    • hihihihi, Danke für Ihre Erfahrungen. Ich war sehr selten im Wienerwald, einmal im 12., weil ein Studienfreund dort wohnte, einmal auch in dem in der Museumsstraße, weil ich mal in der Gegend arbeitete …
      Im Raimund war ich einmal und fand die heiße Schokolade zu lauwarm und eigentlich eher ein Nequick …. Mein Lieblingscafe war das Cafe Grillparzer, als es noch nicht Blaustern hieß ….

      medicus58

      26. März 2018 at 20:40


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