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Drittmittel, der unbekannte Dritte in der Medizin

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Drittmittel, der unbekannte Dritte in der Medizin, oder warum wir uns das Gesundheitssystem nicht durch die Forschung finanzieren lassen sollten!

Als 2014 die Wiener Zeitung berichtete, dass das Pentagon universitäre Forschung in Österreich finanziert, begann man auch hierzulande darüber nachzudenken, ob jedes scheinbar auf der Straße liegende Geld von den die finanziell ausgehungerten Universitäten aufgeklaubt werden soll. Die Debatte verebbte jedoch rasch.

Daran, dass das Phänomen nicht nur Auswirkungen auf die technische und geisteswissenschaftliche Forschung hat, wollte man in Österreichs Medizinuniversitäten gar nicht erinnert werden, oder wie es Markus Müller, der Rektor der Medizinischen Universität Wien, formulierte: 
„Wir können uns diese Frage nicht leisten.“

Angesichts der finanziellen Ausstattung der Hochschulen seien Drittmittel schlicht notwendig: Rund 95 Prozent des Budgets der Med-Uni gingen allein in Personalkosten auf.

Folgerichtig wurde der Grad an eingeworbenen Drittmittel ein Performanzindikator der Wissenschaftlichen Forschung und eine wesentliche Voraussetzung jeder wissenschaftlichen Karriere. So spornte man den wissenschaftlichen Nachwuchs an, die Finanzierung der in die Selbstverwaltung entlassenen Universitäten zu sichern. Gleichzeitig wurde aber auch Druck aufgebaut, dass Patienten mit gerade passenden Erkrankungen die Teilnahme an laufenden wissenschaftlichen Studien angeboten wird. Klar, die Geldgeber brauchen rasch Resultate (z.B. für die behördliche Registrierung ihrer Produkte).
2007 fasste das eine Arbeit in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie so zusammen:
Ressourcen innerhalb und zwischen Universitäten und in der außeruniversitären Forschung werden angesichts der Finanzknappheit im Wissenschaftssystem zunehmend in Abhängigkeit von Forschungsleistungen verteilt. … Drittmitteleinkommen als relativ einfach zu erhebender Performanzindikator spielt in allen neuen leistungsbasierten Verteilungsverfahren eine große Rolle.

Wir wollen aber hier nicht den Verlust der unabhängigen freien Forschung beweinen, wie das Die Zeit getan hat
Werden die Hochschulen zu Sklaven der Wirtschaft?
denn das Interesse der Allgemeinheit an den heeren Zielen der Wissenschaft ist überschaubar.

Es ist den meisten auch einerlei, ob eine technische Universität oder Fachhochschule ihre Dienste an die Auto- oder Waffenindustrie verkauft.
Ein Artikel aus 2015 im Standard, „Gekaufte Wissenschaft“: Drittmittel für Hochschulen immer wichtiger, der die Größenordnung des Problems aufzeigte hatte im Forum 25 Kommentare, was dort als unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelten kann:
An den Universitäten stiegen die Drittmittelerlöse zwischen 2007 und 2013 um 47,1 Prozent auf 597,5 Mio. Euro, wie aus dem „Forschungs- und Technologiebericht 2015“ hervorgeht. Damit beträgt der Anteil der Drittmittel an den gesamten Umsatzerlösen der Unis 16,5 Prozent. Jeder fünfte Uni-Beschäftigte ist über Drittmittel angestellt. Für die Fachhochschulen (FH) gibt es keine damit vergleichbare Zahlen, sie messen den Anteil der Drittmittel an den Gesamtausgaben für F&E: Diese haben sich an den FH zwischen 2002 und 2013 mehr als vervierfacht und betragen nun 89,4 Mio. Euro. Der Anteil der Drittmittel an den F&E-Ausgaben lag bei 25 Prozent, wie die Fachhochschul-Konferenz (FHK) auf Anfrage der APA mitteilte.

Fremdfinanzierung in der Medizin, Stichwort Pharmagelder, löst jedoch auch bei Otto-Normalverbraucher eine heftige Reaktion aus, wobei sich die Kritik immer auf die (angeblich) gekauften Ärzte konzentriertCosì fan tutte: Pharma Fahmy.
Manchmal beschäftigt sich die Debatte auch mit anderen, auf den ersten Blick unbedachten Drittmittelflüssen: Pharma zahlt PatientInneninitiativen € 1.435.059
Letztendlich bleiben das aber boulevardeske Randthemen.

Ein gefährlicher Aspekt der aus Drittmitteln finanzierten Medizin fehlt in der öffentlichen Debatte völlig, obwohl er zu einer schleichenden und inzwischen ziemlich relevanten Änderung der Patientenversorgung führte und einen immer größeren Kreis an Patienten betrifft.
Inzwischen versuchen immer mehr Krankenanstaltenträger sich und die immer teureren Therapien über eine zunehmend lückenlose Rekrutierung von „passenden Patienten“ für laufende Firmen-finanzierte Studien zu finanzieren. Auf den ersten Blick ist das ja auch wirklich verführerisch. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie stellt der Auftraggeber nicht nur das teure Produkt gratis zur Verfügung, er muss auch meist auch eine Reihe anderer Kosten (Bluttest, Bildgebende Diagnostik, ….) abdecken, da er diese Befunde ja z.B. für die behördliche Registrierung seines Produkts benötigt. Ja und in manchen Fächern fallen auch Zusatzeinkommen für die Studienleiter ab.

Ganz extrem ist dies in der Onkologie, wo immer größere Einheiten geschaffen werden, um ….. ja warum wohl?

Natürlich macht es für die Patienten Sinn, dass sie, auch wenn ihre Diagnose in einem kleineren Spital gestellt wird, nach dem letzten Stand der Wissenschaft behandelt werden. Dazu benötigt es aber nicht notwendigerweise Big Brother, bestenfalls einen Zugang zu wissenschaftlicher Literatur oder einen kurzen Telefonanruf. Ich stelle nun die These auf, dass es neben allen wissenschaftlichen Argumenten, letztendlich um den Versuch geht, Drittmittel für die Abdeckung des auch des nicht-universitären Routinebetriebes zu lukrieren und letztendlich die Patienten immer weniger Chance haben werden, nach dem gesicherten State-of-the-Art behandelt zu werden.
Ich weiß schon, da sich nach der letzten Studienreform inzwischen jedes kleine Kreisspital als universitäres Lehrspital begreift, sich ab der zweiten Abteilung als Klinikum bezeichnet und ohnehin jedes Bundesland seine Medunis erfindet, verwischen sich die Grenzen. Aber prüfen wir meine These einmal an Hand der Onkologie:

2011 wurde das Comprehensive Cancer Center (CCC) der MedUni Wien und des AKH Wien gegründet, das sich zu seinem 5-jährigen Bestehen darüber freute 21 Tumorboards mit über 7.600 PatientInnen pro Jahr zu koordinieren und zu administrieren.
Auf der höchst professionellen Homepage wird dem Besucher versichert, dass das CCC die kompetente, interdisziplinäre medizinische Versorgung von KrebspatientInnen mit klinischer und grundlagenwissenschaftlicher Forschung sowie Lehre auf höchstem akademischem Niveau verbindet. Um gleich nachzusetzen:
Darüber hinaus haben sie zudem die Möglichkeit, an den neuesten nationalen und internationalen Forschungsprogrammen teilzunehmen.
Klar, da braucht man nicht nach Afrika oder Indien ausweichen, um Medikamente zu testen, da sprechen wir von Fallzahlen, die auch bei uns rasche Ergebnisse versprechen.
Klar, der Patient hätte so eine Chance als erster von einer neuen Therapie zu profitieren, aber mitunter auch nicht.
Erwarten sich Patienten im öffentlichen Gesundheitssystem ein Roulettespiel? 

2017 freute sich die Wiener Gesundheitsstadträtin, dass mit dem CCC für die Tumor-Forschung und Behandlung von KrebspatientInnen eine einzigartige neue Kooperation zwischen Wiener KAV, AKH und MedUni entstanden ist, als ob das AKH mit seiner MedUni nicht ohnehin Teil des KAV wäre.
Wien wird damit zu einem der relevanten Krebs-Forschungszentren in Europa.
Ja und dann staunt man über soviel Ehrlichkeit:
Mit dieser Einrichtung werden künftig noch mehr und größere krebsspezifische Studien möglich sein.
Und weil man schon dabei war, kamen auch gleich die Vinzenz-Gruppe mit dem St. Josef-Spital in Wien-Hietzing als Kooperationspartner dazu, denn natürlich sieht man auch dort den ökonomischen, pardon, klinischen Benefit. 

2018, also vor wenigen Tagen freute sich der oben schon zitierte Rektor der Meduni Wien (übrigens Klinischer Pharmakologie, gebürtiger Klagenfurter mit Wohnsitz auch in Kärnten) über eine weitere Erweiterung:
Wir bündeln in der Onkologie, die hoch spezialisiert ist, die Kräfte. Wir verbinden das Klinikum Klagenfurt und das Cancer Comprehensive Center der Uni Wien, damit Kärnten in einem Cluster auf Expertise zugreifen kann.
… und die Studienkoordination auf noch mehr Patienten ….

Eine Diskussion über Risiken und Vorteile durch die Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie würde den Rahmen dieses Beitrag sprengen. Eine relativ objektive Darstellung findet sich hier: Krebsratgeber

Die Fülle an neuen Krebsmedikamenten und ihre exorbitanten Kosten sprengen wirklich die Budgets der Krankenhäuser, aber der Weg über Drittmittel schein mir extrem gefährlich.
Wenn bald jeder Patient in eine wissenschaftliche Studie eingeschleust wird, dann schrumpft die Chance auf eine Behandlung nach den letzten Stand der Wissenschaft auf die Hoffnung in die Kontrollgruppe gelost zu werden.
Ob unter dem ökonomischen Druck noch eine ergebnisoffene Patientenaufklärung möglich ist, mag ebenfalls bezweifelt werden.
Langfristig ist der Weg ohnehin zum Scheitern verurteilt, weil irgendwann die Geldgeber auch wieder welches verdienen wollen!

In den Jahrzehnten in denen sie die Drittmittel in die wenigen Universitäten gepumpt haben und ihre Gewinne in der Peripherie einstreifen konnten, war das System in Balance, die jetzige Entwicklung scheint mir diese jedoch zu gefährden.
Ja, und deshalb denke ich, dass es für uns alle besser wäre, würden wir die Medizin (wie übrigens auch die Schulen, Universitäten, Museen, ….) lieber solidarisch aus Steuermittel finanzieren – und dort wo das offenbar nicht mehr geht die Warum-Frage aufwerfen, als uns noch weiter in die Lebenslüge einer Drittmittelfinanzierung zu verlieren.

6 Antworten

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  1. Ich gebe deiner philosophischen Betrachtung von Drittmitteln vollkommen recht – Solidarität bleibt damit nämlich auf der Strecke. Allerdings – am kalten Boden des beinahe täglich Erfahrenen: Lotto ist immer noch besser als eine totsichere Niete. Über den letzten Stand der Wissenschaft und seine Anwendung speziell in Wien, darüber hatte Gustav Mahler den passenden Weltuntergangsspruch parat.
    Natürlich sollten wir (uns) auch fragen, in welcher Situation wir überhaupt behandeln wollen. Z.B. sind trotz gut bezahler Medikamente über den Daumen nur rund 10% unserer IPF-Betroffenen aktuell in antifibrotischer Medikation, trotz Leitline und Drumherum. Für den einzelnen Betroffenen sind Pharmagelder für Patientenorganisationen natürlich ein Segen, weil er durch deren Wirken eher eine Chance hat, an eine richtige Diagnose/Therapie zu kommen und seine Überlebensspanne noch zu verdoppeln. Andererseits ist es leicht einsichtig, dass die billigste Therapie für den Zahler die ist, die man nicht macht – ein Dilemma.
    Andere, für die es derzeit noch überhaupt keine ursächliche Therapie gibt, hätten bestimmt in großer Zahl alle fünf Arme oben, wenn jemand ganz leise wegen einer Studienteilnahme anklopfen würde. Ich auch.

    Klaro sollten wir die Kostendiskussion schon längst führen. Aber nicht nur wegen Krebsmedikamenten bei alten Knackern wie mir, sondern auch für Kinder, bei denen wir jedes Lebensjahr mit einer halben Million erkaufen könnten.
    Und auch über die Patientenmobilitätsrichtlinie sollten wir reden – dass die in den meisten Fällen nur mit einer Zusatzversicherung (oder entsprechendem Zaster unterm Kopfpolster) in Anspruch genommen werden kann.
    Und wir sollten auch darüber reden, welcher Arzt welche Krankheiten behandeln kann. Jeder Arzt für alle Krankheiten aus seinem Fach – dieses Bild ist schon lange passe.

    Hansi

    26. Januar 2018 at 00:31

    • Du bedenkst aber schon, dass all die schönen Studien nur für die Massenerkrankungen (Prostata, Mamma, bis vor kurzem Alzheimer), also wo es Gewinnerwartungen gibt, laufen. Kein diabetischer Fuß wird da refinanziert.

      medicus58

      26. Januar 2018 at 00:49

  2. Is mir schon klar. Wir bemühen uns auch, in Deutschland oder in England an Studien teilzunehmen, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt.
    Und die Finanzierung sollte nicht nur wegen Drittmitteln im Gespräch sein, sondern auch wegen der Verteilung der vorhandenen Kohle. Wenn du ein paar Patienten in deiner Kundschaft hast, die dein (Zeit- oder Kosten-) Budget schon gut auslasten, musst du dich gegen weitere Patienten schon aus ökonomischem Selbstschutz wehren, obwohl Konzentration zum Wissens- und Erfahrungsaufbau meist unumgänglich wäre, um dem Stand der Medizin irgendwie nahe zu kommen.
    Case management ist in dem Zusammenhang für mich eine Wunschvorstellung. Ich seh das bei etlichen systemischen Erkrankungen, dass die Betreuung selbst bei relativ kleinen Fallzahlen „am Land“ mit einem beständigen Leitarzt immer noch ungleich viel besser und effizienter (sowohl vom Ergebnis her als auch kostenmäßig) funktioniert als in Wien, wo in der Regel der Körperausschnitt des „eigenen Fachs“ betreut und der Rest der Autonomie des Patienten überantwortet wird. Was da rauskommt, ist mystery doc shopping der übelsten Art. Und das Problem ist systemisch. Kannst leicht mal Orphanet Österreich aufschlagen und nach selbstdeklarierten Experten für D86 suchen – die Trefferquote ist unter dem Rauschen, das kann ich belegen.
    Um zu den Drittmitteln zurückzukommen: wir werben und betteln – und kriegen von Pharma oft viel mehr an freiwilliger Unterstützung als vom restlichen System, von den Kassen über Ärzte, Patientenanwälten oder -referenten, Politikern und letztendlich auch der „Allgemeinheit“. Obwohl – die Vergleichslatte ist nicht besonders hoch. Für „mehr“ reicht da schon oft ein Kugelschreiber.
    Du hast vor langer Zeit mal geschrieben, die Kluft zwischen Patienten und Ärzten wird immer größer. Da bin ich ganz bei dir. Wo diese Kluft groß ist, werden wir aber auch keine nachhaltigen Verbesserungen erreichen, weil jeder (verständlicher Weise) mit kurzfristiger, individueller Existenzsicherung ausgelastet ist.

    Btw.: Der NAP.se scheint tot zu sein. Vielleicht bin ich auch deshalb so „frusteriert“ unterwegs. Um jetzt aber wieder zurückzukommen: auch beim NAP.se kamen die meisten Förderungen und Unterstützungen gefühlt eher aus Drittmitteln und von außenstehenden Personen – das „restliche System“ (siehe oben) zeigt sich – abgesehen von einzelnen Personen – ziemlich zurückhaltend, obwohl gefühlt ganz Österreich bei der Erstellung des NAP.se dabei war und alle Systempartner mit unterschrieben haben.

    Hansi

    26. Januar 2018 at 08:49

  3. Außer der Reihe: „1600 Menschen verlieren einzigen Arzt“ kurier.at/chronik/niederoesterreich/1600-menschen-verlieren-einzigen-arzt/308.266.911

    Christine Kainz

    26. Januar 2018 at 09:26

  4. Einen hab ich noch (je nach Perspektive bin ich mir nicht im Klaren, ob ich weinen oder lachen soll):
    Nicht nur das Pentagon finanziert Forschung in Österreich, auch eine amerikanische Patientenvereinigung tut das:
    https://www.stopsarcoidosis.org/fsr-grants/
    Fairer Weise muss man sagen, dass wahrscheinlich auch der FWF in ähnlichem Umfang fördert.

    Hansi

    27. Januar 2018 at 10:47

    • Das Problem ist ja nicht die Finanzierung an sich, sondern der Wunsch sich damit (auf Kosten des Patientenwillens) die Standardversorgung finanzieren zu lassen, für die wir alle ohnehin Versicherung zahlen

      medicus58

      27. Januar 2018 at 11:23


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