Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Früher war unser Image im A …., heute sind wir schon weiter

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Im Jänner 2013 verwendete ich diese Fotomontage erstmals und stellte fest, dass das Image von uns Ärzte im Arsch wäre.
Ich bezweifle, dass sich das bis heute gebessert hätte.
Zu glauben, dass das nur an der fragwürdigen Rolle unserer Ärztekammer liegt, griffe zu kurz, denn nicht nur bei uns sondern in politisch und ökonomisch ganz unterschiedlich ausgerichteten Gesellschaften, fühlen sich Ärzte zu Recht oder zu Unrecht schlecht behandelt, protestieren und streiken:

Polen:
Hungerstreik: Polnische Ärzte fordern bessere Arbeitsbedingungen – derstandard.at/2000066230339/Hungerstreik-Polnische-Aerzte-fordern-bessere-Arbeitsbedingungen

Schweiz:
Krankenkassen attackieren Ärzte und Spitäler

Tschechien:
Ärzte-Streik: Apotheker solidarisieren sich

Griechenland:
Protest im Gesundheitswesen: Griechische Ärzten und Krankenhauspersonal streiken

Deutschland:
1000-facher Protest gegen Ärztemangel


Australien:
SA public doctors to strike over pay and conditions after talks with Government stall

Nepal:
Government calls on doctors to stop protests, resume services

Indien:
Doctors outraged over theme of Md Ali Park pandal, hold protests

Dominikanische Republik:
Dominican Republic Doctors Go on 48-Hour Strike

Es geht eigentlich immer um die gleichen Problemkreise: Arbeitsbedingungen, Bezahlungen, fehlender Nachwuchs.
Natürlich könnte man das alles einfach dadurch erklären, dass wir alle halt unersättliche Faulpelze sind,
die eben immer mehr verdienen und immer weniger arbeiten wollen.
Auch das von Ärzten aufgezeigte Nachwuchsproblem wischen Experten bei uns gerne mit dem Verweis auf die im OECD Schnitt hohe Ärztezahl pro Einwohner weg. Auch der ungebrochenen Zustrom zum Medizinstudium, immer neue Ausbildungsstandorte und die Bereitschaft sich das Studium an den allen Enden auftauchenden Privatuniversitäten Unsummen kosten zu lassen scheint die Argumente der Ärzteschaft zu entkräften.

Also wie erklärt sich denn diese offenkundig weltweite Proteststimmung unter den Ärzten und Pflegeberufen?

Ich denke die Antwort ist einfach:

Ein solidarisches Gesundheitssystem ist für alle Gesellschaften – in Relation zu ihrer jeweiligen Wertschöpfung teuer.
Die Kosten wachsen, weil das Gesundheitssystem in hohem Ausmaß personalintensiv und Innovations-getrieben ist;

Dass Personal teuer ist, ist eigentlich kein spezifisches Problem des Gesundheitssystem sondern ein Problem, dass die Einkünfte unserer Staaten überwiegend auf der Besteuerung der menschlichen Arbeit und nicht ausreichend auf einer Gewinnbesteuerung beruhen. Das Spezifische im Gesundheitssystem, im Gegensatz zur z.B. Fertigungsindustrie, ist jedoch, dass wir „unsere Werkstücke nicht auf eine ostasiatische Werkbank schicken“ können wo die Lohnkosten geringer sind und die Erlöse hier lukrieren, auch wenn das vereinzelt angedacht wird (Best Exotic Marigold Hotel).

Dass die Gewinnerwartung ganze Industriezweige (Pharma, Labordiagnostik, Hardware) an Innovationen für das  Gesundheitssystem gehängt wird, verwundert auch kaum, denn naturgemäß sind Menschen bereit tiefer in die Tasche zu greifen, wenn ihnen Wohlbefinden und Lebensverlängerung winken.

Also alles irgendwie eine scheinbare Erfolgsstory bei der man sich doch nur noch frägt, warum nicht alle glücklich sind:
Die im Gesundheitssystem Arbeitenden und die von seinen Leistungen Profitierenden.

Paradoxer Weise liegt die Ursache in unserem von der Politik verwalteten solidarischen Gesundheitssystem.

Um das amerikanische Gesundheitssystem mit seinem großen privatwirtschaftlichen Anteil war es gerade deshalb lange Zeit sehr ruhig, weil die aktuell nicht Betroffenen, die Gesunden und Nicht-Pflegebedürftigen keine vitalen Interessen in diesem Spiel und die Kranken und Pflegebedürftigen akut andere Sorgen hatten.
S
prich: die meisten Patienten zahlen sich die Leistungen selbst; erst ab 65 griff Medicare, eine Basisversorgung für die Ärmsten bot Medicaid, der Rest fühlte sich unbeteiligt und zumindest Ärzte und Industrie verdienten gut daran.
Erst die Versuche unter Clinton und Obama dieses System in Richtung eines solidarischen Gesundheitssystems für alle zu entwickeln und die aktuellen Versuche unter Trump das Erreichte wieder rückzubauen, wirbelten plötzlich mehr politischen Staub auf, als die zahllosen, unterversorgten Bürger. 
Wohlfahrtsstaat gewohnte Europäer verstehen oft nicht, weshalb sich in den USA so viele Wähler so leicht gegen ein solidarisches Gesundheitssystem instrumentalisieren lassen. Wenn sich aber der Verlust an innergesellschaftlicher Solidarität auch bei uns fest frisst, wird auch hier ein Auseinanderklaffen zwischen Zahlern und Begünstigten zum politischen Thema, so wie wir das aktuell in der Frage der Asylwerber sehen. 

Ja, aber was hat das nun alles mit dem Sch.. Image von uns Ärzten zu tun, weshalb revoltieren wir an allen Ecken und Enden?

Im Gegensatz zu den USA wurden und werden viele Politiker für Ihre Versprechen für eine State-of-the-Art Gesundheitssystem gewählt, ohne dass sie dafür sorgen können oder wollen, dass dieses auch solidarisch finanzierbar bleibt.
Nach außen versprechen sie die „Spitzenmedizin für alle“ und eröffnen unheimlich gerne jedes „Großgerät„, jedes „Kompetenzzentrum„, sparen aber dann dort, was bei jeder Dienstleistung die meisten Kosten ausmacht, dem Personal.

Solange wir, Ärzte und Pflege, es nicht schaffen diese Zusammenhänge in die politische Diskussion einzubringen, werden wir weiter den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen. Erst wenn wir es schaffen Patienten und Wählern zu erklären wohin sie sich wenden müssen, wenn ihnen die Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität in der Gesundheitsversorgung unertäglich wird, haben wir eine Chance zur Imagekorrektur.

 

 

Written by medicus58

20. Oktober 2017 um 18:56

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