Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Vor der Wahl: Die feuchten Träume unserer Gesundheitspolitik

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Vieles könnte besser sein in Österreichs Gesundheitssystem, aber geben Sie sich nicht der Illusion hin, dass es noch viel schlechter werden könnte.

Nehmen Sie z.B. Schweden, das in unseren Augen noch immer als DER Wohlfahrtsstaat gilt. Es gibt keine Pflichtversicherung, die Finanzierung erfolgt zwar direkt aus dem Budget und was wir hierzulande gerade basteln, eine Verlagerung der Versorgung in die Primärversorgung ist dort längst Realität und private Gesundheitsausgaben machten (laut Weltbank 2012) etwa 18 Prozent der Gesundheitsausgaben aus. In der Versorgung mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln sind den individuellen Belastungen Grenzen gesetzt. Dennoch tragen Patientinnen und Patienten insgesamt zu circa 25 Prozent zur Finanzierung der Arzneimittelversorgung bei.
Wer aber nun glaubt, dass der Zugang der Schwedische Patienten zum Gesundheitssystems einfach ist, der irrt: Der Erstkontakt im Krankheitsfall findet, anders als in Österreich und Deutschland nicht mit einem Arzt, sondern mit einer Telefonberatung bzw. Pflegekraft statt. Es gibt kaum ein OECD Land, in dem die durchschnittliche Anzahl der Arzt/Patientenkontakte so niedrig ist, wie hier (2,9/Jahr vs. 6,7 bei uns (Zahlen 2007). Die Wartezeiten eskalierten aber bis 2005 derart, dass ein Gesetz beschlossen wurde das den Patienten das Recht zustand, innerhalb von 3 Monaten in einem der 800 von den Landtagen und 300 von Privaten betriebenen Versorgungszentren „angeschaut“ zu werden. 2008 ergab eine Überprüfung das damals erst 90% der Patienten innerhalb von 90 Tagen behandelt wurden.

Holland gilt jetzt auch nicht gerade als Dritte Welt und so mancher Gesundheitspolitiker schwärmt von einem Gesundheitssystem nach holländischen Vorbild. Auch hier haben sich die Bürger an Wartezeiten gewöhnen müssen, die in unseren Praxen und Ambulanzen zu Brandschatzungen führen würden. Dort wurden bereits im Jahr 2000 „Treeknormen“ beschlossen, die zumutbare Wartezeiten für „Erkrankungen mit erheblichen Belastungen psychischer und physischer Natur“ festlegten. Laut Treeknorm sollte die maximale Wartezeit für einen stationären Krankenhausaufenthalt zur Behandlung oder Diagnose einer Erkrankung vier Wochen nicht überschreiten. Für ambulante Behandlung in einer Poliklinik gilt eine Wartezeit von bis zu sechs Wochen als zumutbar. Trotzdem lassen sich immer mehr Holländer im Ausland behandeln. Im Jahr 2004 betrug die Gesamtsumme, die so außer Landes floss 56 Millionen Euro!

Glaubt man einer rezenten (2014)  Analyse der Kassenärztlichen Bundesvereinigung so liegt der Anteil der Patienten, die 4 Monate und länger auf einen geplanten Eingriff warten müssen in Kanada, Schweden, Norwegen und Großbritannien über 20%! Für den Zugang zu einem Facharzt warteten in Kanada, Norwegen, Schweden, Frankreich Australien, Neuseeland 22- 41% über 2 Monate.

Die deutsche Analyse weist zwar richtigerweise darauf hin, dass

Wartezeiten auf eine medizinische Behandlung eine Form der Rationierung medizinischer Leistungen darstellen. Werden die Wartezeiten der betroffenen Bevölkerung transparent dargestellt, handelt es sich um explizite Rationierung, ergeben sich die Wartezeiten ungeplant aufgrund zu geringer Kapazitäten, spricht man von impliziter Rationierung.

Etwas Kritik sollte sich aber bei folgender Aussage regen:
Zudem liegen bisher keine Studien vor, die belegen, dass geringe oder moderate Wartezeit von wenigen Tagen einen negativen Einfluss auf die Behandlungsqualität hat oder dadurch gesundheitliche Nachteile entstehen. 

Es existieren bekanntlich auch keine Doppelblindstudien, dass der Absprung aus einem Flugzeug ohne Fallschirm (nicht mit einem versagenden Fallschirm) ungesund ist, obwohl darüber wenig Dissens herrschen sollte.

Klar, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit einer Selbstimmunisierung schließt:
Daher entpuppt sich die Diskussion in Deutschland über Wartezeiten auf
einen Arzttermin als ein Scheinproblem bzw. beim Vergleich mit anderen hochindustrialisierten Ländern als Luxusproblem.

Hier ging es mir aber darum, dass all die genannten Beispiele aus den reichsten Ländern dieser Welt stammen, deren Gesundheitsversorgung uns (auch vor Wahlen) immer als erstrebenswerte Beispiele hingestellt werden ….

Written by medicus58

27. August 2017 um 11:43

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