Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Nehmen Sie Ihren Arzt in Haft(ung)

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Dass juristisches und ärztliches Denken mitunter kaum zur Deckung zu bringen ist, verwundert den Erfahrenen kaum.
Augenblicklich sorgt ein von der Presse aufgegriffener OGH Entscheid für Verwunderung, in dem verkürzt
eine Gynäkologin für die Fehler des beigezogenen Pathologen haftet, der Gebärmutterhalsabstriche mehrfach falsch befundet hat.

Wir wollen uns nun gar nicht darüber mokieren, dass die obersten Richter unseres Landes über einen Sachverhalt urteilen, den sie nicht einmal richtig schreiben können ( rechtzeitigen Behandlung der karzinomotösen Veränderungen), das wäre selbst mir zu billig.
Ich greife diesen Fall nur auf, weil er ein grelles Licht auf einige meist ausgeblendete Aspekte der ärztlichen Tätigkeit wirft:

1.) Medizin ist (auch wenn laut Herrn Travnicek berühmte Ärzte eben Chirurgen sind) stets Teamwork
2.) Ohne Vertrauensgrundsatz, dass andere Ärzte, aber auch andere medizinische Berufe wissen was sie tun, wenn sie eine staatlich anerkannte Ausbildung durchlaufen haben, kommt das Werkel zum Stillstand
3.) Teste sind nie zu 100% richtig, aber wie gehen wir damit um

Liest man sich die Urteilsbegründung (oben verlinkt) aufmerksam durch, so begründen unsere juristischen Weisen ihr Urteil damit, dass ein Patient nicht wissen kann, wer im Hintergrund aller dazu beiträgt, dass „sein Arzt“ zu einer Diagnose kommt und deshalb jetzt die Gynäkologin für eine verspätete Diagnose haftet,
die sie zwar mitverschuldet hat (weil angeblich ihre Abstriche nicht diagnostisch verwertbar waren), aber eigentlich auch auf das Verschulden des Pathologen zurückgeht, da der nicht darauf aufmerksam gemacht hat, dass die übermittelte Probe nicht ausreichend beurteilbar war.

Damit gelangt man für den vorliegenden Fall zum Ergebnis, dass sich die Beklagte – mangels jeglicher einschränkender Hinweise – zur Erbringung all jener ärztlicher Leistungen verpflichtet hat, die erforderlich sind, um der Klägerin letztlich eine der Sachlage entsprechende Einschätzung des Krebsriskos bekannt zu geben. Da sie – wie dargelegt – dabei auch für Fehler des von ihr als Erfüllungsgehilfen beigezogenen Nebenintervenienten einzustehen hat, können Erörterungen darüber, welcher Fehler in welchem Ausmaß der Beklagten und/oder dem Nebenintervenienten vorzuwerfen ist, unterbleiben; dies ist erst für die Regressfrage von Bedeutung.

Das hohe Gericht stößt hier in eine Eiterblase und widerspricht m.E. seiner Sicht aus 2010, wo der Oberste Gerichtshof ausdrücklich feststellte, dass ein Facharzt nicht für die Fehler seines Kollegen aus einem anderen Spezialgebiet haftet.

Der Unterschied zwischen beiden Fällen beruht meinem rechtlich ungeschulten Verständnis nach nur in dem Maß, wo man dem Patienten einmal nicht zubilligt zu wissen, dass sein Arzt einen Befund nicht selbst angefertigt hat und im anderen Fall schon davon ausgeht, dass er sich denken kann dass ein Behandler sich andere Konsiliarärzte bedient … Ich bin überzeugt, dass unsere juristischen Freunde darlegen können, dass in beiden Fällen zu Recht erkannt wurde … aber eigentlich geht es ja um etwas ganz anderes.

Wie ich hier immer wieder kritisiere, ist die Diagnostik sowohl in der Versorgungsforschung, der Gesundheitsökonomie, aber auch in der Lehre unterrepräsentiert.
(Interessierte mögen sich die hier angeführte Online-Vorlesung 1 Am Anfang war die Diagnose – Clinical Decision making Not only for Dummies  genehmigen)
Wenn überhaupt wird sie als lästiger Kostenfaktor gesehen und von einem one-stop-shop geträumt.

In Fällen wie diesen, holt uns das Nicht-Wissen um die Gesetzmäßigkeiten des Diagnoseganges ein.
Die in klinischen Studien publizierte Sensitivität und Spezifität eines Tests kann in der Praxis ganz anders aussehen …
Was aber selbst viele Ärzte nicht wissen, dass insbesondere in der Labormedizin, die auf einem einheitlich aussehenden Befundausdruck daher kommenden Laborwerte mitunter aus vielen verschiedenen Labors stammen.
Selten wird der Ultraschall und der CT in ihrem Röntgeninstitut von ein und derselben Person angefertigt und beurteilt, oft erfolgt die Beurteilung beider Untersuchungen völlig getrennt voneinander, alles andere wäre ökonomisch nicht darstellbar.
Wird das Blut (wie häufig gehandhabt) in der Ordi des Hausarztes abgenommen, würden unsere Richter wohl davon ausgehen, dass ein Patient das Recht hat zu glauben, dass sein Arzt das Blutbild noch selbst in der Türk’schen Kammer gezählt hat und vermutlich das Antibiogramm seines Lulus im Nebenraum bebrühtet wurde.

Der OGH kreidet der Beklagten auch an, dass sie nie beim Pathologen nachgefragt hat, ob denn die Abstriche eh diagnostisch verwertbar gewesen wären ….
In Analogie werden wir uns in Zukunft von jeder Patientin schriftlich bestätigen lassen müssen, ob die Harnprobe (z.B. für den Schwangerschaftstest), die sie aus dem WC bringt, auch wirklich von ihr stammt …
Ebenso könnten wir uns von jedem Labor die tägliche Eichkurve des Automaten auch gleich mitliefern lassen..
Wir werden zahllose Re-Biopsien machen, wenn die Pathologen darauf bestehen immer nur erstklassig beurteilbare Abstriche zu befunden.
(Überlegen Sie mal, würden Sie sich nicht auch im Zweifelsfall lieber der Veranwortung einer Diagnose entziehen, liebe Richter? Gerade Juristen brechen doch stets alles auf Formalfehler herunter, um Entscheidungen in der Sache treffen zu müssen … siehe Präsidentschaftswahlen …)
Können wir stillschweigend voraussetzen, dass der Patient der erstmals mit einem grenzwertigen Blutdruck zur Untersuchung erscheint, nicht ohnehin schon eine Dreier-Therapie an Antihypertensiva schluckt und uns das verheimlicht, um seinen Flugschein zu behalten?
Werden wir in jedem dieser Fälle eine Harnprobe veranlassen, um allf. Abbauprodukte eingenommene Medikamente nachweisen zu können, damit man uns das nicht vorwerfen kann?
Haben wir nun jeden MR zu wiederholen, wenn er kleine Bewegungsartefakte aufweist, die u.E. die Hauptdiagnose nicht beeinflussen?

Die Schlüsse unserer Höchstrichter sind innerhalb ihres Universums schlüssig, sie werden aber dadurch problematisch, dass sie sich offenbar nicht ausreichend damit beschäftigt haben, welche Kette von diagnostischen Schritten im Hintergrund abläuft und dass diese in der Praxis nur abläuft, wenn jeder hier für seinen Teilbereich die Veranwortung übernimmt. Das alles nur mehr unter dem Gesichtspunkt der Regressmöglichkeit zu sehen, schafft zwar Arbeitsplätze für Juristen, und scheint die Interessen der Patienten zu befriedigen, dreht aber die Schraube der Absicherungsmedizin wieder einen Grad höher.

 

 

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Written by medicus58

11. Mai 2017 um 21:38

Veröffentlicht in Gesundheitssystem

4 Antworten

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  1. Ich muss leider widersprechen, obwohl ich nicht will:
    1.) Medizin sollte Teamarbeit sein. Isses aber nicht. Zumindest nicht unter Ärzten. Oder zumindest nicht in der Regel, die durch seltene Ausnahmen bestätigt wird.
    2.) Staatlich anerkannte Ausbildung als Grundlage eines Vertrauensgrundsatzes = Duschgel, einfach zum Brausen. Darum haben wir auch so viele anerkannte Scheinmediziner und selbstdeklarierte Experten (nicht nur bei den Ärzten). Und ja, wir haben verbreiteten Stillstand.
    3.) Hier bin ich uneingeschränkt bei dir.

    Damit wir uns nicht missverstehen: ich halte den konkreten Urteilsspruch ebenso für absurd, ebenso wie die „Absicherungsmedizin“ aus unterschiedlichen Beweggründen.

    Hansi

    11. Mai 2017 at 22:10

    • Ad 1: ist es doch rein faktisch, oft aber weder kollegial noch solidarisch
      Ad 2: zwischen einem Studienabschluss und der medialen Anerkennung liegt die Welt von der ich sprach.
      Ich gebe aber zu, dass wir durch das Runterfahren der Lehre an den Universitäten, den politische gewollten Schwammerln von FH zu Sigmund Freud Privatuni und den Diplomen und Spezialisierungen der Arztakademie uns bald nicht mehr klar sein können, was vom Gegenüber erwartet werden darf

      medicus58

      12. Mai 2017 at 07:42

  2. Als Jurist irritiert mich das Faktum, dass in diesem Erkenntnis ein Facharzt zum Erfüllungsgehilfen eines anderen degradiert wurde. Hier bedürfte es eines Aufschreis der Standesvertretung, was haftungsrechtlich für alle von Vorteil wäre.

    medlaw

    13. Mai 2017 at 15:27

    • Unsere Standesvertretung ist aktuell mit sich und ihren Pöstchen beschäftigt

      medicus58

      13. Mai 2017 at 16:37


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