Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Die Toten Seelen des PV-Gesetzes und des ÖSG

with 5 comments



Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen von meiner Verehrung für Gogols Roman Die Tote Seelen, in dem mit schon längst verstorbenen Leibeigenen noch gute Geschäfte gemacht werden.
Auch in der Gesundheitspolitik wird gerne mit Parametern jongliert, die eigentlich gar nicht mehr existieren.

Blättert man die aktuellen Entwürfe des PVG (Primärversorgung) und des ÖSG (Österr. Strukturplan Gesundheit) durch, dann zieht sich durch beide ein Denkansatz:
Die Versorgung der Patienten muss weg von den Facharzt dominierten Spitälern hin zu den Allgemeinmedizinern:
Aufwertung des Berufsbildes Allgemeinmedizin 

Wäre man wohlmeinend könnte man auch die (explizit im ÖSG) angeführte Möglichkeit immer mehr Tätigkeiten des Arztes an andere Gesundheitsberufe abzutreten, in diesem Sinne verstehen:
Teambasierte Primärversorgung

Eine ambulante Fachversorgung sollte nur mehr dort stattfinden, wo es keinesfalls mehr ohne Fachärzte geht.

Jetzt könnte ich meine Vorwürfe erneut erheben, dass jedem anderen Beruf immer mehr Spezialisierung zugebilligt wird, nur in der Heilkunde soll der Allgemeinmediziner mit dem Großteil der medizinischen Probleme allein zurecht kommen,
nur verstehe ich schon das Diktat der leeren Kassen, wo ein Besuch beim PA (einschließlich der Folgebesuche) halt billiger ist als beim Facharzt, nur geht es mir gar nicht mehr darum.
Ich sehe augenblicklich die größte Sollbruchstelle all dieser Versorgungsphantasien darin, dass es die Dreh-und Angelpunkte all der politischen Bemühungen gar nicht mehr gibt!

Fachärzte stellen schon seit längerer Zeit die Mehrheit aller Ärzte!
Umfragen bei Medizinstudenten ergeben regelmäßig, dass sich die Mehrheit spezialisieren und außerhalb des österreichischen Pflichtversicherungssystems agieren möchte!

Soviel medizinische Leistungen kann man (fachlich und gesetzlich) gar nicht zu den anderen Teilnehmern der teambasierten Versorgung verschieben, dass man für das beabsichtigte System noch genügend einheimische Ärzte finden wird.
Niemand hat noch erklärt, welche der neuen Versorgungsformen denn um so viel interessanter als das Bisherige wären, damit es zu einem Boom in die Allgemeinmedizin kommt.

Dort wo das anläuft, wie in der grünen Gruppenpraxis in Mariahilf, läuft es nur wegen massiver zusätzlicher Subventionen.
All die Telefonhotlines und zusätzlichen nicht-ärztlichen Teammitglieder kosten Geld und gerade daran scheiterte es ja bisher.

Klar war das Überreichen einer Broschüre bisher keine adäquate Ernährungstherapie für den Diabetiker, aber wie der Hausarzt die nun beigezogenen Diätassistentin von den bisherigen Kassentarifen bezahlen soll,
erschließt sich mir nicht. Und wenn nun plötzlich mehr Geld ins System fließt, wie im kleinen Kreis so mancher Sektionschef anmurmelt, frage ich mich, weshalb man damit nicht gleich das bisherige System aufgewertet hat.

Da aber die Gesundheitsökonomie (und ein Rattenschwanz von Interessensvertretungen, IT-Konzernen, …. ) der Gesundheitspolitik vorgaukelt, dass das alles nur Anschub- also einmal Finanzierungen sind,
wird für den so dringend benötigten Allgemeinmediziner, der freudig von der kleinen Handchirurgie bis zur abschließenden Behandlung unkomplizierter Infektionen alles anbietet, wenig von der Knete übrig bleiben,
um gemeinsam mit seinem Team all das (das Folgende ist nur ein Auszug aus dem ÖSG) leisten zu können:

Planung, Koordination und Monitoring des erforderlichen Versorgungsprozesses
Informationsaustausch durch standardisierte Dokumentation und Kommunikation inkl. Team-  und Fallbesprechungen
Information über Selbsthilfegruppen und Opferschutzgruppen einschließlich Vermittlung
Telefonberatung entsprechend den rechtlichen Rahmenbedingungen
Zielgruppenspezifische und populationsbezogene Aufgaben
Aktives Zugehen auf und Unterstützung im Zugang zur Versorgung für vulnerable Gruppen wie z.B. Personen mit Migrationshintergrund, sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen, Risikogruppen
Administrative Aufgaben zur Unterstützung der Lotsenfunktion
Verwaltung, Organisation & Wartezeitenmanagement, Führen von Erinnerungssystemen
Erheben, Nutzen und Bereitstellen von Daten und Informationen für den jeweils erforderlichen Versorgungspartner unter Berücksichtigung des Datenschutzes
Elektronische, multiprofessionell zu nutzende Patientendokumentation (kompatible IT-Systeme, ELGA) unter Berücksichtigung des Datenschutzes (z.B. Zugangsberechtigungen)
Qualitätsmanagement als Grundlage für Versorgung „state of the art“ mit Fokus auf Teamarbeit
Regelung der Kommunikation im Team Führen eines teambezogenen Qualitäts- und Fehlermanagementsystems einschließlich Bereitschaft zur begleitenden Evaluierung
Teilnahme an/ Organisation von Qualitätszirkeln
Regelmäßige Fortbildung
Berücksichtigung evidenzbasierter Leitlinien
Erfüllen der Kriterien zur Aus- und Weiterbildungstätigkeit (Lehrpraxis und Praktika)
Erheben, Nutzen und Bereitstellen von Daten und Informationen zur Wissens- generierung als Grundlage zur evidenzbasierten Analyse und Steuerung des Gesundheitssystems

Ob das die Jungen motiviert in die Ausbildung zum Allgemeinmediziner zu strömen oder die noch im System Arbeitenden anspornt?

Hier belehnt man die Toten Seelen der österreichischen Allgmeinmediziner wie sich einst Pawel Iwanowitsch Tschitschiko auf den Namen längst verstorbener Leibeigener verschuldete.
Oder glaubt man das System zukünftig ohnehin mit der Verpflichtung externer Kräfte bespielen zu können?

PS: Ich lege Wert auf die Feststellung, dass der schriftliche Zusatz rechts von der oben abgebildeten Tafel NICHT von mir stammt!

 

 

Advertisements

Written by medicus58

23. April 2017 um 16:55

5 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. hast du den ösg emtwurf?

    Ernest Pichlbauer

    >

    ernestpichlbauer

    23. April 2017 at 21:03

  2. Es ist jetzt rund 30 Jahre her, da haben wir mit der „Brotdose“ – inspiriert von den Grenzen des Wachstums – unsere zweiten Weltsimulationen gerechnet. Simuliert ist da ein sehr hochtrabender Begriff – aber für mich war es der Einstieg in die Analyse von vernetzten Systemen. Und so hab ich dann auch viele Talisman-Runden gespielt: nicht nur mit viel Spaß in der Runde, sondern auch mit einem analytischen Entdeckergeist.
    Mittlerweile sind die Haare schon lange grau und die Systeme, die Mann versucht in ein Modell zu fassen, sind andere. Manchmal – wenn die Freude am Spieltrieb wieder mal mit mir durchgeht, auch ganz banale Sachen.
    Eine erfahrene Erkenntnis, die sich trotz seit 30 Jahren Alterung nicht geändert hat, ist, dass man bei kooperativem Spiel mehr erreichen kann.

    Ich habe den Eindruck, im Gesundheitsbereich hätte Kooperation aber Seltenheitswert – in jeder Richtung. Egal ob Ärzte, Trägern, Versicherungen, Landespolitikern, Sektionen oder Abteilungen im Ministerium oder Patientenorganisationen – jeder scheint nur für sich und nichtmal für seine Untergruppe zu spielen. Wahrscheinlich kommt daher auch der Ausdruck „Player im Gesundheitssystem“. Dabei scheinen viele diese „Player“ auf jeder Bühne eine andere Rolle zu spielen – ganz wie das Stück es verlangt.
    Ganz viele Fasern in mir schreien nach einer spielerischen Begegnung auf Augenhöhe – und zwar mit einem nassen Fetzen in der Hand.

    Aktuell steh ich als Patient auch mit dem Rücken zur Wand und der Teppich unter mir wird gerade eingerollt.
    Die Versorgung vieler seltener Krankheiten ist bei uns noch nicht in diesem Jahrtausend angekommen. Der NAP.se als Hoffnungsschimmer ist offenbar das Papier nicht wert, auf das er gedruckt wurde. Ist auch kein Wunder – alle berufen sich auf den ÖSG als kleinster 15a-Kompromiss. Ohne Fallzahlerhöhung in spezialisierten Einrichtungen aber keine brauchbare Versorgung, an Qualität erst gar nicht mal denken.
    Die Teppich-Einrollaktion war die parlamentarische Fragebeantwortung zum Thema NAP.se, wo schon im Vorwort drinnen gestanden ist, dass sich Keiner für zuständig versteht und dass deshalb nichts passiert ist – und wohl auch nichts passieren wird.
    http://www.sarko.at/RDD_index.htm

    Es wird Zeit, in diesem „trägen Koloss“, wie unsere verblichene Ministerin unser Gesundheitssystem nannte, mehr zu erreichen. Kooperativ spielen. Wir haben es bitter notwenig.

    Hansi

    23. April 2017 at 21:11

    • Zum Trost: den Orphans ist im öSG jetzt sogar ein Kapitel gewidmet …

      medicus58

      23. April 2017 at 22:57

      • Ja, ich würd mich auch freuen, wenn der hoheitliche Akt der Designierungen endlich über der Bühne wäre, weil damit beinahe 100% aller verfügbaren NAP.se – Kräfte blockiert werden.
        Andererseits – für die Patienten hat das Null Auswirkung.
        Und die Strukturen, die grad flöten gehen – denk an die Arbeitsmedizin – kommen nit so schnell wieder.
        Wird mit der Kohle im Topf wohl so sein, dass neben Designierungen und Kaan nicht mehr viel Luft bleibt, wenn man die Investitionen in technische Einrichtungen abzieht.
        Zur Erinnerung: wie lange betteln wir schon um die Finanzierung von Therapien für wenige Seltene aus einer Hand, damit die nicht zwischen intra und extra herumgeschoben zu werden – und dann scheitert das Ganze am Veto vom achten Zwerg von links?
        Ich glaub nicht, dass im ÖSG dazu was drinnen stehen wird …

        Hansi

        23. April 2017 at 23:39


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: