Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Kapitalismus 21.0; Rückdelegieren und Mitschneiden

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Es ist auch schon fast fünf Jahre her, wo wir uns hier zu ein bisschen Kapitalismuskritik hinreißen haben lassen und ausführten,
wie sich dieses System, ähnlich wie Kettenbriefe eines Pyramidenspiels ausschließlich durch das Aufbrechen der letzten – bislang in öffentlicher Hand befindlichen – Kapitalkreisläufe (Pensionsvorsorge, Krankenversicherung, Bildungssystem) am Leben halten kann. So in der Art eines Neokolonialismus innerhalb der eigenen Grenzen:
18.6.2012: Haben Sie die Revolution verpasst? Die lautlose Diktatur des globalisierten und deregulierten Kapitals

Zwei weitere Schritte zur Gewinnmaximierung in stagnierenden Märkte der Ersten und somit kaufkräftigsten Welt wollen wir nun ansprechen.

Während sich durch technische Innovationen in der Herstellung „echter Produkte“ (im Gegensatz zu sogenannten Finanzprodukten) immer wieder Effizienzsteigerungen erreichen lassen,  ist dies im Bereich de Dienstleistungen (z.B. dem Gesundheitswesen) naturgemäß nicht möglich.
Während die Auslagerung der Produktion in Billig-Lohn-Länder trotz fallender Realeinkommen den Bürgern der Ersten Welt einen beruhigenden Grad an Konsumismus erlaubt, wird die Konsumation von Dienstleistungen für viele immer unfinanzierbarer.
Ich habe erst unlängst darauf hingewiesen, dass die Lösung nicht in einer Reduktion der Lohnnebenkosten (Voll daneben: Lohnnebenkosten), liegen kann, weil wir dadurch die überwiegend auf Dienstleistung beruhenden Leistungen des Sozialstaates abschaffen.
Die Reaktion der Dienstleistungsindustrie besteht daher seit Jahren,
immer mehr ihrer ureigenen Aufgaben an den Kunden rück zu
delegieren:
Flugpassagier, Theater- oder Kinobesucher bekommen Tickets nur mehr mit Aufpreis wenn sie diese nicht auf den eigenen Druckern ausdrucken.
Patienten haben nicht mehr das Recht von einem erfahrenen Arzt befragt zu werden, sondern arbeiten mit Helpdesks Algorithmen ab.
Um an Auskünfte zu gelangen hängen wir stundenlang in Telefonwarteschlangen nur um festzustellen, dass der „dann drücken sie die Null“-Algorithmus uns, an die falsche Stelle gelotst hat oder um eine inhaltsleere Standardmeldung zu hören.
Versuchen Sie einmal NUR einen Aufladebon für ihr Wertkarten an einer Self-Service-Kasse eines Supermarktes zu erstehen und Sie wissen was ich meine …

Das alles erdulden wir mehr oder weniger still seit Jahren, weil uns vorgegaukelt wird,
dass wir uns Zeit ersparen, weil wir diese Leistungen „rund-um-die Uhr-von daheim“ abrufen können, ohne dass wir realisieren, wie viel wir von unserer Freizeit investieren müssen, um eine Leistung zu bekommen, die eigentlich an und für uns erbracht werden sollte.
Wir glauben dass wir uns Geld ersparen, bis uns bewusst wird, dass sich am Preis/Leistungs-Verhältnis gar nichts verbessert, wenn wir dazurechnen, dass wir zuvor in Mobiltelefone und Provider investieren mussten, um überhaupt noch bedient zu werden!

Ein zweiter Aspekt wird aber nun immer offensichtlicher:
Hinter dem Versprechen uns leichter, besser, günstiger an unsere Dienstleister heranzubringen, steht das
wahre Modell der Amazons, Ebays, Will-habens, Trivagos, Geizhals und Co das nun von der Finanzindustrie übernommen wird:

Sie schneiden mit.  Kein Prozess, an dem nicht ein kleiner Teil des Umsatzes abgezweigt wird.

Für die Vermittler vom Schlage der Amazons und Ebays war das ja noch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, denn ohne Sie wären wir höchstwahrscheinlich wir nicht auf das Schnäppchen des Garagenhändlers in Tripstrü gestoßen, auch wenn gerade dieser Onlinehandel dazu beiträgt den letzten lokalen Fachhändler aus dem Geschäft zu drängen und sich letztendlich dadurch alternativlos in jede Geschäftsbeziehung einmischt.

Die bei uns medial immer wieder auftauchenden Versuche des Bargeldentzuges (500€, Höchstbeträge für Bartransaktionen, …), ist in anderen Ländern auf Druck der Finanzindustrie schon weiter gediehen; Indien, NigeriaSchweden, Singapur, Niederlande, Frankreich,

Eine gute Einführung zum Thema „De-cashing“ nach Art des IWF“ fand sich vor einigen Tagen überraschend in der NZZ, von der man sowas gar nicht erwartet hätte.
Ein Bargeldentzug mache den Bürger aber gläsern und greife tief in seine Freiheitsrechte ein. Es gehe weniger um Verbrechensbekämpfung oder effizienten Zahlungsverkehr als um die Wegbereitung von deutlich tieferen Negativzinsen als bisher. Ziel sei die Entwertung der aus dem Ruder gelaufenen Staats- und Bankenschulden.
https://www.nzz.ch/finanzen/cashless-eine-welt-ohne-geldnoten-ld.1287296

Die Kritik des De-cashings ist nicht neu:

2015 Vier Gründe, weshalb Bargeld abgeschafft wird

2017 Visualizing The Global War On Cash

Bemerkenswert sehen viele je nach Standpunkt nur die „Gefahr eines gläsernen Menschen“, „Hackergefahr“ und die „Möglichkeit zur stillen Enteignung“, oder „Steuergerechtigkeit“ und „Terrorprophylaxe“ aber kaum jemand
das neue Geschäftsmodell der Finanzwirtschaft sich – mit politischer Duldung – hier in jeden Werttransfer einzuklinken und mitzuschneiden!

Die Frage „Wem gehört die Welt?“ muss so beantwortet werden: Sie gehört denjenigen, die mit dem Geld anderer arbeiten und so eine eigene „Kunstwelt“ schaffen – bis zum Platzen der nächsten Blase.
http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/autoren/886312_Hinter-den-Kulissen-der-Weltfinanz.html

Sollte hier festgehalten werden, um es später zitieren zu können.

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Written by medicus58

18. April 2017 um 12:40

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