Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Wir Österreicher bremsen für Medikamente

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Grad haben wir (scheinbar) die Bremsen für CT und MR in unserem Gesundheitssystem gelockert (Der scheinbare Sieg: Verkürzte Wartezeiten in der Radiologie), erfindet der Nationalrat die Medikamentenbremse, also dass Medikamente nur mehr in den Erstattungskodex der Kassen aufgenommen werden, wenn auf ihrem Preiszetterl der EU-Durchschnittspreis steht.

Verlässlich bricht der Shitstorm zwischen dem Hoch der Freien Marktwirtschaft und dem Tief der unbezahlbaren Lebensverlängerung aus und führt zwanghaft zu den angeblich so hohen, andererseits wieder anteilsmäßig so geringen Medikamentenkosten.
Ein Blick auf http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/gesundheitsausgaben/019701.html würde für die Vergangenheit beide (!) Positionen etwas relativieren, wobei es einem hier ähnlich wie in der Debatte der Klimaerwärmung geht,
Bezugszeitpunkt und Standpunkt bedingen die Empfindung:
Was bisher geschah war noch nicht so fürchterlich, extrapoliere ich einen gerade absehbaren Trend, wird es heiß.
Bin ich Eisverkäufer, sehe ich da aber wieder kurzfristige Vorteile.

Der Anteil der Medikamente an den Gesamtkosten der Gesundheitsversorgung ist wenig überraschen relativ gering, denn trotz der Debatte über Großgeräte und Wunderdrogen ist das Gesundheitssystem i.e.L. ein Dienstleistungsgewerbe, bei dem Menschen Zeit für andere Menschen aufwenden, die nicht so einfach wegzurationalisieren ist, und Löhne (inkl. Lohnnebenkosten) verhalten sich anders als der Preis des Flachbildschirms von gestern!
Für diejenigen Player, allen voran die Krankenkassen, die traditionell gerade diesen Teil der Gesundheitsversorgung chronisch unterbezahlen (Warum die Kosten der Medizin immer der Inflationsrate vorauslaufen werden), stellen die Medikamentenkosten einen relativ hohen Anteil in ihrem Gesamtbudget dar, und diese wurden von der Politik nun scheinbar gerettet.

Trotzdem kann nicht abgeleugnet werden, dass neue Medikamente für „Volkserkrankungen“  gegen das Fortschreiten der Makuladegeneration (des Auges), der Multiple Skelerose, Rheumatischer Erkrankungen, der viralen Leberentzündung und vor allem bösartiger Erkrankungen, auf allen Gebieten, inzwischen ganz astronomisch viel kosten.
Zum Missverhältnis zwischen erzielbarem Einkommen und Therapiekosten habe ich hier übrigens schon 2013 etwas gebloggt:
Was sagt uns Diskrepanz zwischen erzielbarem Einkommen und Therapiekosten?

Die ganzen Bremsmanöver bleiben aber weitgehend sinnentleert, solange wir die Finanzierung des Gesundheitssystems nicht ganzheitlich sehen, d.h.
die Finanzierung aus einer Hand durchsetzen!

Da könnte wir etwas vom – aus anderen Gründen zu Recht geschmähten – Britischen Gesundheitssystem (NHS) lernen!

Und verfolgt man die PV-Debatte schwebt ja manchen österreichischen Politikern auch so etwas vor, ohne aber etwas an den zersplitterten Finanzierungsströmen ändern zu wollen.
Das NHS kennt keine Krankenversicherung, sondern wird ausschließlich von der Regierung im Zuge der Budgetzuteilung ausfinanziert.
Vereinfacht heißt das,
dass jede neue medizinische Leistung innerhalb der Gesundheitsversorgung zu einer Reduktion einer anderen Leistung führen muss!
Klingt auf den ersten Blick einmal grauenhaft und nach: Keine Hüftprothese für die Großmutter!
Was auf den zweiten Blick natürlich auch stimmt, nur zwingt es zu einer fairen Diskussion:
Auch wenn in der Finanzwirtschaft so getan wird, als würde der Energieerhaltungssatz der Naturwissenschaften außer Kraft gesetzt worden sein, kann ein Pfund (oder Euro) natürlich immer nur einmal ausgegeben werden!
Auch wer bei teuren Pharma-Innovationen nur die Vorteile sieht („drei Monate Lebensverlängerung“) kann sich in unserem, unübersichtlichen Finanzierungssystem leicht darum herumschwindeln, dass diese drei Monate (ohne Erhöhung der Gesamtmittel) irgendjemanden eine Leistung wegnehmen werden.

Das NICE geht seit 2004 davon aus, dass für den Gewinn eines zusätzlichen Lebensjahr in voller Gesundheit (QUALY) innerhalb des NHS eine Investition von 20.000 – 30.000 Pfund adäquat wäre. In einer lesenswerten Analyse  zeigte eine Arbeit aus der Universität York an Hand der wirklichen Ausgaben, dass der Durchschnittspreis für eine QUALY bei £12,936 lag, was aber auch schon ein schönes Sümmchen ist!

Der Punkt (Opportunitätskosten) ist aber, dass ein solcher, von vielen vielleicht als menschenverachtend aufgefasster Zugang das Bewusstsein dafür schärft, dass wir auch im Gesundheitssystem immer vor der Frage eines Entweder-Oder stehen und uns nicht mit einem Sowohl-als-auch aus der Affäre ziehen können.
Das per Gesetz „Verbilligen“ teurer Medikamente ist ein Placebo, die uns letztendlich nicht ersparen werden uns zu entscheiden, ob wir das Überleben des metastasierten Prostatakarzinoms durch die seit vielen Jahren fehlende Inflationsanpasssung der Erstattungssätze für den Mutter-Kind-Pass gegenfinanzieren wollen!

Da sind die Brexiter schon weiter …..

 

 

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Written by medicus58

31. März 2017 um 18:01

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