Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Wiener Ärztekammerwahl 2017: Was wird uns versprochen? Teil 2

leave a comment »


kammer

Gestern haben wir uns unter Wiener Ärztekammerwahl 2017: Was wird uns versprochen? Teil 1
(https://medicus58.wordpress.com/2017/02/23/wiener-aerztekammerwahl-2017-was-wird-uns-versprochen/) mit einigen allgemeinen Beobachtungen und den Vorstellungen der Kandidaten zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen gewidmet. Heute werde ich mich mit den Stellungnahmen zu Versorgungsstrukturen bis hin zu Kassenverträgen, ELGA, ABS und 15a beschäftigen.

Szekeres (Stopp), Grüne Ärzte und Vereinigung (Vom Master- zum Desasterplan 2030) lehnen das Wiener Spitalskonzept 2030 ab.
Die Wahlgemeinschaft scheint da weniger radikal, fordert aber den Ausbau der Notaufnahmen.
Asklepios Union  fordert zusätzlich auch Reformen im Wiener Rettungswesen. Szekeres spricht auch eine Patientenflusssteuerung an, verriet aber bisher nicht das WIE.
Da es der offenkundige politische Wunsch ist die Wiener Gesundheitsversorgung zunehmenden nach intramural zu verlagern (Wehsely finanziert die Wiener Gebietskrankenkasse und keinen stört’s ) beschäftigt auch einige Kandidaten die Zukunft des größten Arbeitgebers und Krankenanstaltenbetreibers, des KAV.
Seit Wochen trommelt WÄK Vizepräsident Steinhart von der Vereinigung (Janssen muss weg) und WÄK Präsident Szekeres verlangt eine Neuaufstellung der Führung mit einem Expertenrat von ÄrztInnen. Wenig verwunderlich, stammt Szekeres schließlich aus dem AKH, thematisiert er auch am deutlichsten die prekäre Dienstverträge und das seit Jahrzehnten schwelende Problem, wie Lehr und Forschung im gleichzeitig größten Versorgungsspital des Landes unter einer Hut bzw. in ein faires Zeitschema zu bringen sind.
Bemerkenswert ist für mich in diesem Zusammenhang jedoch, dass kein Kandidat eine der wesentlichen Zeitbomben von Wehselys Spitalskonzept anspricht:
Den WSK Häusern (Alle KAV KHs exklusive AKH) verordnet die Stadt unter dem Titel Schwerpunktbildung zunehmend eine Verschiebung teurer und komplexer Routineleistungen ins AKH, während man dort im Hinblick auf Forschungs-, Publikations- und Lehrverpflichtung immer weniger Kapazität für Routineleistungen hat. Auch die verschiedenen Zusammenarbeitsverträge zwischen Stadt und Wissenshcfatsministerium konnten das Problem, allein schon aus ökonomischen Gründen, nicht wirklich lösen.

Ein wesentlicher Punkt für die extramurale Versorgung stellen auch Vorstellungen dar, wie diese organisiert werden soll. Einig scheinen sich da die meisten Fraktionen, dass der Hausarzt aufgewertet werden soll, es einen Gesamtvertrag geben soll und dass große Versorgungsstrukturen (PHCs, Ambulatorien, Institute, ….) unter der Leitung eines Arztes und nicht eines Kapitalinvestors stehen müssen und dass es Anstellungsmöglichkeiten von Ärzten durch Ärzte geben muss.

Am radikalsten, dadurch aber auch irgendwie irreal wirkend sagt das Reisner
KEINE ANONYMEN ZENTREN!
DER HAUSARZT DARF NICHT AUSSTERBEN!
DER FACHARZT DARF NICHT AUSSTERBEN!

Zu den medial besonders hoch gekochten PHCs bleibt die Haltung zu den wesentlichen Fragen m.E. etwas indifferent. Naturgemäß können die Grünen Ärzte, deren Spitzenkandidaten im bislang einzige Vorzeigeprojekt Wiens involviert sind das letztendlich nur gut heißen, was sie aber ebenso wie die Wahlgemeinschaft nicht hindert den Wahlarzt aufwerten zu wollen und mehr Kassenverträge zu fordern, also irgend wie alles wie bisher bleiben aber besser werden soll. Dies kulminiert in der Forderung das alles … möglichst sanft für alle Beteiligten zu gestalten. Wie Reisner werden sie IMHO etwas irreal, wenn sie von Erste Klasse für alle sprechen und sie durch neuartige Strukturen: von Netzwerken über Gruppenpraxen bis hin zu PHC-Modellen die Rahmenbedingungen massiv verbessern und Anreize für Allgemeinmediziner_innen schaffen wollen. 
Aeskulap und Kammer light scheinen mit den PHCs viel weniger „zu können“ und sprechen von Alternative zu PHC-Zentren: Anstellungsoption von Ärzten.
Szekeres spricht gendersauber von Zwei-Frauen-Praxen im Allgemeinmedizinischem Bereich, um dann an anderer Stelle wieder „nur“ den Hausarzt aufzuwerten. Einerseits will auch er den Gesamtvertrag beibehalten, andererseits (übrigens wie ÖÄK Präsi Wechselberger) den Hauptverband, der den Gedamtvertrag zumindest unterschreibt, abschaffen.
Die Vereinigung legt sich nur insofern fest, dass sie keine einseitige Förderung großer Versorgungseinheiten sondern gleichberechtigtes Nebeneinander von Einzelordinationen, Gruppenpraxen und großen Versorgungseinheiten fordert und ist das den Grünen Ärzten und dem BÖI sehr nahe. Zusätzlich will sie eine Legalisierung des Parallelarbeitens in den Ordinationen.

Auch Aeskulap will irgendwie alle leben lassen und spricht von Freiwilligen Netzwerken und wie eh alle vom Nein zu PHC in dzt. Form. Eine zumindest originelle, wenn auch nicht wirklich erklärte Verschränkung des extra- und intramuralen Bereiches kommt nur von dort: 
Die rund um die Uhr bestehende Vorhalte in den Spitälern muss genützt werden.
Allgemeinmediziner sollen am Wochenende die Ambulanzen benützen können und dort Patienten behandeln.

Bekanntlich ist die Ausverhandlung von Kassentarifen für Arztordinationen seit Jahrzehnten eine der wesentlichen Existenzberechtigungen der Ärztekammern, so dass es etwas eigenartig anmutet, wenn hier etablierte Mandatare Forderungen stellen, die – weshalb auch immer – bislang nicht in die Verträge Eingang fanden bzw. finden konnten.
Szekeres verlangt eine Inflationsabgeltung der Tarife, bei der Vereinigung findet man Teilung von Kassenverträgen und die Möglichkeit der Dauervertretung. Reisner freut sich für NÖ, dass die Erweiterte Vertretung gesichert werden konnte.
Noch detailiertere Forderungen stellt die Wahlgemeinschaft und streicht hervor, dass die zweite und dritte Patientenkonsultation pro Quartal derzeit unbezahlt bleibt.
Kammer light, zum Teil auch Asklepios Union, BÖI und Reisner können sich ein in anderen Ländern praktiziertes Tarifmodell vorstellen, das sich ganz betriebswirtschaftlich aus einheitlichen Stundensätzen für die ärztliche Leistungen und eine separate Abgeltung für Geräte- und Infrastrukturkosten zusammensetzt. Reisner will überdies, dass vor allem Spritzen, Nadeln und Verbände sollen in Zukunft von den Kassen bereitgestellt werden. 
Natürlich sind Wahlärzte ein Thema, schließlich verdankt Reisner in NÖ nicht zuletzt dieser Gruppe seine Kammerpräsidentschaft. Niemand bekennt sich offen zu der von der Politik aufgebrachten aber letztlich wieder aus den 15a-Vereinbarungen geflogenen Forderung, die 75%-Refundierung des Kassentarifes an Wahlärzte zu beenden. Bemerkenswert, dass auch in der medialen Diskussion damals niemand darauf hingewiesen hat, dass dieser stiller Selbstbehalt ohnehin nur für Fächer gilt, für die eine Kassenvertrag existiert und bei Facharztwechsel im Quartal nicht ausgezahlt wird!
Aeskulap, Grüne Ärzte und Reisner verlangen zwar eine 100%-ige Refundierung der Wahlärzte nach Kassentarif, lassen aber die anderen Problemkreise offen.
Nur beim BÖI findet sich die Forderung Gleichstellung der Facharztpraxen mit Ambulanzen und Privatkliniken bezüglich der Direktverrechnung mit den Zusatzversicherungen und dass Honorarverhandlungen wieder durch die Fachgruppen erfolgen sollen.

Die hier schon öfters angesprochenen 15a Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern werden langsam von den Ärzten als massive Systemänderung erkannt. Die Asklepios Union und die Wahlgemeinschaft sagen Nein zu 15a, das Komitee toppt mit der Aussage: 15a Schralaffenland für jene, die Kontrolle anderer der eigenen Arbeit vorziehen.

Interessant, dass andere Hemmschuhe wie  das EBS (= Elektronisches Bewilligungs- und Antragsservice) nur von Reisner direkt angesprochen wird, ebenso wie die Deckelungen im Vertragssystem, für die aber wohl ohnehin keiner sein wird, obwohl sie bisher offenbar nicht weg zu verhandeln waren.
Das ABS (= Arzneimittelbewilligungssystem) kritisiert neben Reisner auch die Wahlgemeinschaft.

In meinem nächsten Blogbeitrag werde ich mich mit den Vorstellungen zur Ärzteausbildung und zu den Kammerstrukturen beschäftigen.

Links:

Team Szekeres vormals Sozialdemokratische Ärztevereinigung
Vereinigung Österreichischer Ärztinnen und Ärzte
Grüne Ärztinnen und Ärzte
Wahlgemeinschaft Ärzte für Ärzte
Kammer light
Team Reisner (kandidiert 2017 als Einzelperson in Wien und als Liste in NÖ)
Asklepios Union

Komitee – Freie Ärzteplattform
Aeskulap
BÖI
10 Liste TFT
11 Wahlärzte Wiens
12 ÖHV – Landesgruppe Wien
13 Liste Raunig – Liste für Hausärzte
14 Team Wien
15 AKHInitiative

16 Plattform Ärztinnen +/- 60 (kein Link)
17 Union Wiener Ärzte (kein Link)

Written by medicus58

24. Februar 2017 um 19:15

Veröffentlicht in Allgemein, Ärztekammerwahl 2017

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: