Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Anmerkungen zur hektischen Debatte um die Strahlentherapie

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radonk

Augenblicklich überbietet sich ja die Gesundheitspolitik Ostösterreichs mit der Ankündigung immer neuer Bestrahlungseinrichtungen (http://derstandard.at/2000051304733/Strahlentherapie-KAV-verspricht-13-Geraete-bis-Jahresende) und man kann sich nur wundern wie Einrichtungen, deren Planung, Aufstellung und Bewilligung bekanntlich einige Zeit benötigt.
Auslöser der Debatte schien ein RH-Bericht zu sein, der die Unterversorgung anprangerte. In einem Radiointerview verteidigte sich GD Janßen wenig empathisch (http://www.krone.at/nachrichten/wien-kav-boss-reagiert-mit-zynismus-auf-kritik-ist-schicksalhaft-story-550279):
„Das ist sicherlich schicksalhaft und eigentlich nicht zu vertreten, aber wir können die Versäumnisse der letzten Jahre nur Zug um Zug bereinigen. In den letzten zehn Jahren hätten entsprechende Entscheidungen getroffen werden müssen.“

Ja, und das mag die Leser dieses Blog überraschen, da gebe ich ihm Recht, dass es sich hier um Versäumnisse seiner Vorgänger handelt, nur hat er sich wieder einmal nicht wirklich informiert. Das Problem liegt viel länger als nur ein Jahrzehnt zurück.

Wir schreiben den 1. Oktober 1998 als Prof. Werner Dobrowsky die Leitung der Strahlentherapie im KH Lainz (nun Hietzing) von seinem Vorgänger Alth übernimmt, der dem Institut seit 1971 vor stand. Kurz darauf werden Gerüchte laut, dass die Stadt Wien die Abteilung schließen will, kein wirkliches Einstandsgeschenk für den frisch ernannten Primarius und er mobilisierte gemeinsam mit seinem Team gegen diese Pläne. Begründet wurde die beabsichtigte Schließung mit der seit 1996 zur Verfügung stehenden, neu gebauten und erweiterten Strahlentherapie im KFJ und überdies wurde 1996 auch die Strahlentherapie im Donauspital eröffnet. Diese hatte aber nur einen einzigen Beschleuniger, für mehr war auch kein Platz, denn die Abteilung wurde erst nachträglich in den Neubau „hinein gezwängt“.
Als der frisch in Lainz (Hietzing) installierte Primar Dobrowsky während seiner „Probezeit“ eine Pressekonferenz abhielt, um auf den zunehmenden Bedarf für sein Fach hinzuweisen und eine Standortgarantie für seine Abteilung verlangte, gefiel das der Stadt Wien so wenig, dass man sich bereits im September 2000 von dem aufmüpfigen Abteilungsleiter trennte, der seither in Newcastle, einem der größten Spitäler des NHS als „Consultant Clinical Oncologist“ arbeitet.
Auch unter seinem Nachfolger verstummten die Gerüchte nicht und zwischenzeitlich plante man überhaupt den gesamten Spitalsstandort zu schließen.
Jetzt brüstet man sich mit den zu Jahresende 2017 den Betrieb aufnehmenden Beschleunigern in Hietzing, verschweigt aber geflissentlich, dass diese Eröffnung nur deshalb erforderlich wurde, weil die seit Jahren immer wieder umgeplante Erweiterung des Standortes im Donauspital nicht in die Gänge kam. Unter den unzähligen Versionen des Wiener Spitalskonzeptes 2030 finden sich schließlich auch einige, die den Standort Hietzing schließen wollten, sobald die Erweiterung im Donauspital in Betrieb gegangen war. Schließlich sah das KH Hietzing keinen onkologischen Schwerpunkt mehr vor ….. aber all das ist ohnehin Makulatur, jetzt werden beide Standorte mit neuen Geräten ausgestattet, onkologisches Zentrum hin, Schwerpunktbildung her.
Errichten lässt man sich das alles ohnehin als PPP (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentlich-private_Partnerschaft), weil Geld und Kreditwürdigkeit hat man schon längst verspielt.

Aber eines kann man nicht behaupten, dass seit dem Abgang von Kollegen Dobrowsky niemand mehr von der Unterversorgung von Strahlentherapiepatienten im Osten Osterreichs gewarnt hätte:

2001 Wiener Grüne fordern Ankauf eines neuen „Linearbeschleunigers“
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20010711_OTS0055/gruene-pilz-akuter-handlungsbedarf-fuer-strahlentherapie-in-wien

2002 Fragestunde Wiener Gemeinderat
Im Bereich der Strahlentherapie merkte sie (Pittermann) an, dass voraussichtlich im Jahr 2005 in Krems eine eigene Strahlentherapiestation eröffnet werden wird, somit auch gewisse Entlastungen in diesem Bereich zu erwarten seien. Abschließend betonte sie, dass sie mit der ausweichenden Haltung Niederösterreichs in den Finanzbelangen ebenfalls unzufrieden sei.
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20020626_OTS0089/wiener-gemeinderat-1

2013 Strahlentherapie: Ärztekammer warnt vor Unterversorgung
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20130629_OTS0002/strahlentherapie-aerztekammer-warnt-vor-unterversorgung

2015 Strahlentherapie: Österreichs Krebspatienten unterversorgt http://derstandard.at/2000027967233/Strahlentherapie-Oesterreichs-Krebspatienten-unterversorgt

2017 Kurt Wagner (SPÖ): Alle Jahre wieder: Unsachliche Oppositionskritik zu Stadtrechnungshofberichten
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20170118_OTS0133/kurt-wagner-spoe-alle-jahre-wieder-unsachliche-oppositionskritik-zu-stadtrechnungshofberichten

Und um den Kommentatoren zuvor zu kommen: Was sollen diese Erinnerungen an einen ehemaligen Kollegen?

Sie zeigen uns, dass die Probleme der Gesundheitsversorgung wirklich nicht allein durch den Abgang Wehselys und Janßens behoben oder die nun angekündigte Kuscheltour der aktuellen Stadträtin gelöst werden können, auch nicht durch das „Rauswerfen aufmüpfiger Primarärzte“ sondern nur durch einen radikalen Systemwechsel.
Erst wenn die Verantwortlichen endlich erkennen, dass man die von motivierten Ärzten aufgezeigten Probleme nicht ewig mit irgendwelchem Polit- und Propagandatheater verdrängen, wird diese Stadt wieder ihrer sozialen Tradition gerecht.

Es mag bezweifelt werden, dass dieses Wendemanöver von den augenblicklich an der Macht befindlichen Akteuren noch geschafft wird.

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Written by medicus58

26. Januar 2017 um 18:31

Eine Antwort

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  1. Ärztemangel in der Strahlentherapie http://tirol.orf.at/news/stories/2823320/

    Christine Kainz

    2. Februar 2017 at 10:33


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