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Studiosusreisen: Herr Lehrer, ich muss mal

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afrika

Sich weit weg zu bewegen war früher synonym mit Abenteuer und Mut des Reisenden.
Es dauerte lange, bis man endlich am Ziel war, war sich nie so ganz sicher,
wer einem da gegenüber stand (Dr. Livingstone, I presume„) und musste sich den Inhalt seiner späteren Erzählungen mühsam erkämpfen.

Als Maureen und Tony Wheeler dann 1973 ihre Reiseerlebnisse in Südost-Asien sozusagen zum Nachmachen veröffentlichten und damit die Travel Survival Packs des Lonely Planet Verlages erfanden,
wurden individuelle Fernreisen fast zum Kinderspiel.
OK, Ihr alte Werbespruch, wer es schafft seinen Rucksack vom Förderband des Flughafens zu hieven, kann mit ihren Reiseführern überall hin fahren, mag etwas übertrieben gewesen sein,
aber als ich 1984 versuchte auf eigene Faust durch Indien zu trampen, realisierte ich bald,  dass der Große Polyglott kaum zu einem preiswerten Hotel brachte und ich begann jede Gelegenheit zu nützen,
bei anderen Backpackern einen Blick in den drei Jahre vorher veröffentlichten LP India zu werfen …
Ihre besten Zeiten haben die LP-Guides längst vorbei, bzw. haben andere Verlage das Konzept übernommen oft verbessert.

Auch lassen sich Bücher, die in einer Gesamtauflage von über 55 Millionen Exemplaren erscheinen, nicht mehr so erfrischend frei von der Leber weg schreiben, wie in der Anfangszeit.
Unvergessen bleibt für mich das Vorwort zu einem LP China der späten 80-er Jahre, in dem der Autor meinte, dass er – sich eingeschlossen – viele Reisende kennt, die zu dieser Zeit einen Individualtrip durch die VR China als sehr interessant empfanden,
aber niemandem, der ihn als uneingeschränkt schön bezeichnete. Die, die damals von einer China-Reise nur begeistert waren, haben das Land mit einem westlichen Reisebüro bereist.

Das bringt uns zum wirklichen Thema: Der organisierten Studienreise 

Das Urgestein aus deutschen Landen ist hier Studiosus Reisen.

Eine eingeschworene Gruppe prä- und postpensionärer Lehrer wird (meist von einem Expat) in wenigen Tagen durch exotische Gefilde gehordet,
zur Völkerverständigung in die Häuser immer der selben Bauernfamilie geführt und mit einer Mischung an persönlicher Meinung und Lehrplan gefüttert.
Beim abendlichen Dinner bewundert man pflichtschuldig die von seinen Mitreisenden bereits „absolvierten“ Destinationen, klarerweise mit Studiosus und erfährt vom unerträglichen Wackelkontakt der Nachttischlampe im Hotelzimmer.

Reiseleiter und Busfahrer kennen sämtliche öffentlich zugängliche Toiletten des Landes und versäumen es auch nicht vor und nach jeder neuen Etappe auf diese Möglichkeit hinzuweisen.
Im Hinblick auf das Durchschnittsalter der Gruppe ist diese Fürsorglichkeit nicht grundlos, wenn auch bisweilen etwas Befremdlich.

Studienreisen sind letztendlich eine Regression auf die Klassenfahrten der eigenen Schulzeit, als diese noch nicht Sprachreisen in andere europäische Länder waren, sondern noch bestenfalls Wanderungen durch das noch nicht restaurierte Carnuntum.
Keine Rede davon, dass man sich auf irgendetwas in der Art der früheren Forschungsreisen von Wissenschaftlern oder bildenden Künstlern begibt, der heutige Kulturtourismus ist eine mehr oder weniger wohlorganisiertes Abenteuer auf Vorbestellung (https://medicus58.wordpress.com/2016/11/02/abenteuer-auf-vorbestellung/ ).
Die Zeiten, wo man einfach mal so weg war (http://wp.me/p1kfuX-19z) sind vorbei, eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch Wien, heute oft exotischer als eine organisierte Durchquerung Tibets.

Hat mir die Reise mit Studiosus damals gefallen? Ja, schon.
Werde ich nochmals eine organisierte Gruppenreise buchen? Wenn es sich vermeiden lässt, nein.

PS: Das Foto entstand NICHT im Rahmen einer Studiosusreise …

Written by medicus58

18. Dezember 2016 um 14:42

Veröffentlicht in Reisen

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Eine Antwort

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  1. Reisen anno 1962 bis 2001 Reiseapotheke: 2 Flaschen selbstgebrannter Schnaps. In Ägypten z.B. geht’s ohne Schnaps nicht… Ein interessantes Panorama – beginnt allerdings erst ab ca. 1:05 https://www.youtube.com/watch?v=GTrUqg0GzO4

    Christine Kainz

    18. Dezember 2016 at 16:10


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