Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Alles wird privatisiert, nur soll es keiner merken

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KAV for sale

2012 habe ich mich hier auf diesem Blog schon bemüht klar zu legen, dass wir eigentlich in revolutionären Zeiten leben:
Haben Sie die Revolution verpasst? Die lautlose Diktatur des globalisierten und deregulierten Kapitals

https://medicus58.wordpress.com/2012/06/18/haben-sie-die-revolution-verpasst-die-lautlose-diktatur-des-globalisierten-und-deregulierten-kapitals/

Da unser Gesellschaftssystem letztendlich nur über den Glauben an schrankenloses Wachstum funktioniert,
das Wachstum aber an seinen Grenzen angelangt ist, müssen dem Kapital „neue Märkte“ erschlossen werden, sonst bleibt nur mehr die Kannibalisierung durch gegenseitige Verdrängung.
Nach der Öffnung des Pensions- und Bildungswesens, Bereiche, die sich im mittel- und nordeuropäischen Wohlfahrtsstaat des 20. Jahrhunderts noch vor privaten Playern weitgehend geschützt hat,
erleben wir nun auch die massive Öffnung des Gesundheitswesen.

Bemerkenswert ist aber, dass die bestehenden Finanzierungswege aber nicht in Diskussion stehen!
Finanziert wird das Gesundheitssystem maßgeblich durch die Krankenversicherungen und immer größere Zuschüsse aus der öffentlichen Hand.
Öffnet man das System für private Player mit Gewinnabsicht, dann finanziert man deren Gewinne (ebenso wie schon längst bei privaten Versicherungen, Schulen und Universitäten), insbesondere wenn man ihnen das Cherry-Picking erlaubt, also sie sich aus dem allgemeinen Versorgungsauftrag diejenigen „Fälle“ aussuchen dürfen, mit denen Gewinne erzielbar sind.

Die öffentliche Hand ist aber inzwischen pleite, allein in Wien müssen im sogenannten WiStA-Prozess im Sozialbereich zwischen 2017 und 2020 jährlich über 330 Millionen € eingespart werden.
Inzwischen spart Wien sogar bei der Beleuchtung: http://diepresse.com/home/panorama/wien/5101900/Wien-dimmt-die-Strassenbeleuchtung-fruher

Statt Farbe zu bekennen und den Wählern (ohnehin nach der geschlagenen Wahl) die Wahrheit zu sagen, eben dass die Leistungen reduziert werden müssen, aber sich zu einer starken Versorgung in öffentlicher Hand zu bekennen, sucht man politisch sein Heil in einer zunehmenden Verlagerung der Versorgung in den  privaten Bereich.

2015 wurden in 30 privat geführten Krankenanstalten, laut Jahresbericht des Privatkrankenanstalten-Finanzierungsfonds (Prikraf) in den hier zusammengefassten 30 Häusern fast 100.000 Patienten versorgt. (http://www.prikraf.info/index.php/krankenanstalten) Vertreten werden die Prvatkrankenanstalten übrigens von der Wirtschaftskammer!
Im Vergleich dazu werden im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) jährlich rund 382.500 Patienten stationär aufgenommen. Aber da gibt es ja noch einen Player, die konfessionellen Betreiber:

Allein in Wien betreuen die Ordensspitäler inzwischen 20% aller Patienten!

Und der Sprecher der Wiener Ordensspitäler und ärztliche Direktor des Herz-Jesu-Krankenhauses verkündete unlängst stolz:
Wir entwickeln unser Angebot in Kooperation mit der Stadt kontinuierlich weiter“. 

Standorte, die ob ihrer Kleinheit eigentlich zur Schließung anstanden, werden fusioniert und umbenannt (Hartmannspital + St. Elisabeth = Franziskusverbund) und die Bettenkapazitäten werden ausgebaut:
St. Josef-Krankenhaus wird zum Eltern-Kind-Zentrum aufgebohrt, St. Elisabeth und Orthopädisches Spital Speising bekommen mehr Betten, im Wiener Krankenanstaltenverbund werden Abteilungen eingedampft und Betten reduziert.

Dort wo Geld zu verdienen ist, dort werden die Kirschen gepflückt, egal ob das in der ihren Namen nicht verdienenden Leistungsorientierten Krankenanstaltenfinanzierung (LKFgut dotierte neurochirurgische oder orthopädische Eingriffe oder unkomplizierte Eingriffe an der Schilddrüse sind.
Die betagte Diabetikerin mit Herzschwäche, Infekten und chronischen Ulzerationen bleibt natürlich den öffentlichen Spitälern und noch etwas bleibt der öffentlichen Hand, obwohl es eigentlich Sache der Krankenversicherungen wäre:

Die öffentlichen Krankenanstaltenträger versorgen ungleich mehr ambulante Patienten, als ihre privaten konfessionellen und nicht konfessionellen Mitbewerber, nicht zuletzt deshalb, weil dort wenig zu verdienen ist.
Allein im Wiener Krankenanstaltenverbund KAV werden jährlich rund 3,2 Millionen Ambulanzbesuche gezählt!

Natürlich könnte man sich zurücklehnen und sich darüber freuen, dass die nicht-öffentlichen Anbieter einen immer größeren Anteil der stationären Versorgung übernehmen („mehr privat, weniger Staat„, „Private wirtschaften eben besser„).
Unter den derzeitigen Defiziten in den Finanzierungssystemen, der fehlenden Kostenwahrheit, unsanktionierten Fouls („bounce back and turf„; House of God) und der dualen Refundierung von intra- und extramuralen Versorgung handelt es sich nicht um einen fairen Wettbewerb und wird letztendlich zur Kostenfalle für die öffentlichen Hand werden.

Eine moderne Diagnostik wird im LKF System überhaupt nicht honoriert, vergleichen Sie die in den privaten Häusern angebotenen Leistungen.
Viele moderne Therapien werden im LKF  nicht kostendeckend abgegolten, gerade in der Onkologie wird es da halt die alten Schemata geben.
Cherry-Picking und Transfer von Komplikationen werden erfasst und natürlich nicht sanktioniert. Gibt’s Probleme landet der Patient dann in der Intensivstation der öffentlichen Häuser.
Und die schlecht refundierte ambulante Versorgung lagern wir natürlich auch aus.

Written by medicus58

16. Oktober 2016 um 08:41

10 Antworten

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  1. AKH-Ambulanz für Herbstdepression http://wien.orf.at/news/stories/2803229/

    Christine Kainz

    16. Oktober 2016 at 09:23

  2. Mann kann gar nicht genug winseln.
    Hast du eigentlich eine ungefähre Ahnung, wieviele Ambulanzen im KAV dicht machen bzw zur Schließung vorbereitet weden?

    Hansi

    16. Oktober 2016 at 09:34

    • Ahnung, ja; intern zirkulierende Listen, ja. Letztendlich müsste das im Gemeinderat abgefragt werden, weil prinzipiell ‚Geschäfzsgeheimnis‘. ZT weiß es vermutlich nicht einmal die GD so genau, weil immer wieder Abfragen kommen

      medicus58

      16. Oktober 2016 at 10:41

  3. das elisabethspital wird meines wissens künftig kein akutspital mehr sein sondern rein geriatrisch. und organisatorisch ans hartmann angedockt (sollte die overhead-kosten senken). meiner meinung nach sinnvoll.
    geburtshilfen ohne neonatologie sind einfach nicht mehr zeitgemäß. die fusion der geburtshilfen von göttl.heiland und st. josef an einen standort, dort dann mit neonatologie ist insgesamt eine verbesserung der versorgung (=“wir entwickeln unser angebot in abstimmung mit der stadt wien weiter“) und wird daher grtls von der stadt wien finanziert.
    dass die ordensspitäler wenig ambulanzen betreiben, darf man ihnen nicht vorwerfen, dafür haben sie keinen auftrag. btw liegt da ein systemfehler, dafür gibts weder fondsmittel noch krankenkassenvergütung.
    man darf nicht äpfel mit birnen vergleichen, aber die kosten je lkfpunkt oder je pflegetag differieren mehr als sich die leistungen unterscheiden. und wenn patienten die chance haben, „mit den füssen abzustimmen“, …

    g.f.

    18. Oktober 2016 at 13:53

    • Franziskus = ist sinnvoll, weil man sonst zugesperrt worden wäre und wird sich durch Cherry picking finanzieren
      St.Joseph hat seit Jahren expandiert und das OHNE Neonat
      Auch die WSK haben eigentlich KEINEN Auftrag Ambulanzen zu führen und das kostet enorm
      Die Patienten stimmen zuerst mit den Füssen ab und werden bei Komplikationen rasch in die WSKs verschoben …

      medicus58

      18. Oktober 2016 at 14:08

  4. Weiß jemand, was mit dem bestpointofservice ist?

    Hansi

    18. Oktober 2016 at 22:01

    • Best point of service wofür?
      Als gesundheitspolitischer Terminus oder für best Diagnose?

      medicus58

      18. Oktober 2016 at 23:00

      • bestpointofservice.at – best point für eh fast alles.
        Der Bloog war erst kürzlich noch erreichbar und du verlinkst ihn ja auch oft.

        Hansi

        18. Oktober 2016 at 23:08

      • Ist augenblicklich nicht zugänglich, weiß auch nicht warum

        medicus58

        18. Oktober 2016 at 23:39


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