Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Der Gesundheitsministerin dreingeredet

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Oberhauser

Gesundheitsministerin Oberhauser gab dem Kurier ein Interview (http://kurier.at/wissen/oberhauser-mehr-zeit-fuer-patienten/202.343.468), das mit „Mehr Zeit für die Patienten“ übertitelt wurde.
Wer wie ich täglich in Administration, Fehlersuche, Dokumentation et al. erstickt, kann manche Aussagen nicht unkommentiert lassen und da kommt dann auch noch einiges mehr zur Sprache:

KURIER: Selbst im Akutfall eines Bandscheibenvorfalls wartet man wochenlang auf eine Magnetresonanztomografie (MRT). Verschärft sich aus Spargründen die Zweiklassenmedizin?
Sabine Oberhauser: Nicht aus Spargründen, sondern zum Teil aus Managementfehlern. Bei einem Bandscheibenvorfall muss der zuweisende Arzt differenzieren: Wenn der Patient Lähmungserscheinungen hat, braucht er rasch eine OP. Es gibt aber auch Situationen, wo man warten kann, hier muss der Arzt den Patienten informieren. Wir haben zum Teil auch ökonomische Interessen bei den Instituten, daher wird mitunter auch verknappt.

Wäre neugierig, ob Frau Minister mit Managementfehler auch Radiologen, wie Ihren Gatten meint und ob sie von ihm erfahren hat, dass privatwirtschaftlich geführte Röntgeninstitute – oh Wunder – ökonomische Interessen haben. Wenn beide, als hochrangige Gewerkschafter, das ändern wollten, wäre es doch leicht den Krankenkassen zu verbieten täglich kündbare Verträge mit Röntgeninstituten abzuschließen, einen konstanten Prozentsatz von erbrachten Leistungen nicht zu zahlen und überdies Deckelungen abzuschließen.

Warum muss übrigens der Arzt dem Patient erklären, dass die Versprechungen der Gesundheitspolitik und Pflichtversicherung (Alles sofort in Spitzenqualität) gelogen waren? Dieses Ärgernis war übrigens vor vielen Jahren mein Beweggrund mit diesem Blog zu beginnen. Ich hatte es satt, dass täglich das Schalterpersonal einer Ambulanz sich von Patienten beschimpfen lassen musste, wenn sie ihm erklärte, was seine Versicherung für ihn zu bieten hatte und was nicht.

 Ist es nicht eher die Krankenkasse, die limitiert? International nehmen Kernspintomografien um acht Prozent zu. Doch die Krankenkasse bezahlt nur eine Erhöhung von 0,5 Prozent.
Die Verträge werden von der Sozialversicherung und den Anbietern unterschiedlich ausgelegt. Hier gibt es Gespräche auf allen Ebenen, auch mit uns.

siehe oben

 

Die Zahl der MR-Untersuchungen wird steigen. Aber man muss sich auch anschauen, ob jede MR-Untersuchung nötig ist. Ein alter Kreuzbandriss kann noch warten.
Siehe: Wartezeiten, stilles Regulativ im Gesundheitssystem (https://medicus58.wordpress.com/2016/02/08/wartezeiten-stilles-regulativ-im-gesundheitssystem)
Wieso ein Mangel durch Schieben in die Zukunft gelöst werden kann, hätte ich auch gern mal von Politik und Gesundheitsökonomie erfahren.

Schilddrüsenärzte auf Krankenschein gibt’s in Wien so gut wie keine – und zu wenig Spezialambulanzen, obwohl die Zahl der Krankheitsfälle steigt.
Die Wiener Gebietskrankenkasse hat mir zugesagt, hier Abhilfe zu schaffen.
Dieses Problem (keine Kassenverträge für thyreologisch tätige Nuklearmediziner und Endokrinologen; keine Tarife für thyreologische Leistungen (Schilddrüsenscan, Feinnadelaspirationszytologie, Calcitonin-Bestimmung…)  existiert in Wien seit Jahrzehnten und Frau Reischl von der WGKK lässt den Ärzten nur ausrichten: „Kassenverträge nur über ihre Leiche“
Würde gerne wissen, WAS man Frau Minister seitens Wehsely und Reischl zugesagt hat….

Wahlarzt heißt: 100 Euro bezahlen und 20 Euro von der Kasse rückerstattet bekommen.
Ich kann keinen Arzt in einen Vertrag zwingen. Immer mehr Ärzte weichen in die Privatmedizin aus. Ich will mit den Sozialversicherungen nach Gründen suchen. Wir müssen das Kassensystem so gestalten, dass es mehr Zeit für die Patienten gibt. Die Chance gibt’s – auch wenn die Ärztekammer das nicht hören will – mit der neuen Primärversorgung. Dort kann eine diplomierte Krankenschwester oder eine Sozialarbeiterin Aufgaben übernehmen und sich Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit einem Team ganzheitlicher um Patienten kümmern. Dazu gehört auch ein anderes Honorierungssystem mit einer gescheiten Fallpauschale pro Patienten.
Es fällt schwer hier den Ton zu wahren.
Die Gründe für das Ausweichen in die Privatmedizin sind allen klar:
Deckelungen, lächerliche Tarifstrukturen, fehlende Leistungen im Sozialversicherungssystem.
Das Wahlarztsystem ist ein politisch gewollter Selbstbehalt für pflichtversicherete Patienten.
Weiters macht die Antwort klar, dass es bei den PHCs NICHT darum geht eine bessere extramurale Versorgung der Pflichtversicherten anzubieten, sondern Ärzte, Ärztekammer aus dieser Versorgung rauszuhalten und damit die Art „Kollektivvertrag der Ärzte und dem Hauptverband“ auszuhebeln. Für Ärzte bedeutet das als Einzelner mit dem Hauptverband Tarife ausverhandeln zu müssen und letztendlich als Angestellte bei nicht-ärztlichen PHC Betreibern anheuern zu müssen.

Für Patienten bedeutet das aber eine KOMPLETTE ÄNDERUNG IHRER VERSORGUNG:
Auch wenn schon heute viele Besuche bei der Abteilungshelferin enden (zur Recht für die unsinnige monatliche Rezeptausstellung für Dauermedikamente), werden Patienten zukünftig im PHC KEINEN Anspruch mehr haben, einem Arzt ihre Beschwerden mitteilen zu können.
Wie in Schweden wird man bestenfalls einer Diplomkrankenschwester von seinem Brustschmerz berichten zu können und im schlimmsten Fall den frischen Herzinfarkt unter der Fehldiagnose spondylogener Beschwerden von einer Physikotherapeutin behandelt bekommen.
Was bei der Übernahme ausländischer Modelle aber stets vergessen wird zu sagen, dass in diesen Ländern nicht-ärztliche Berufsgruppen seit Jahrzehnten ganz andere Ausbildungsinhalte gelehrt bekommen haben.
Nursing ist in den USA seit Berufsgenerationen ein Studium, dass viele Inhalte des Medizinstudiums beinhaltet. Ich kann da nur empfehlen sich einmal die entsprechenden Lehrunterlagen anzuschauen. Ich nehme jede Wette an, dass nur sehr wenige unserer GuKs und MTDGs dort eine Nostrifizierung schaffen würden. Auch wenn derzeit politisch eine Akademisierung der Pflege anstrebt, werden erst nach frühestens einem bis zwei Jahrzehnten genügende ausgebildete Personen im System sein.

Die Ärzte kritisieren an diesen Zentren, die noch verhandelt werden, dass sie teurer wären als das Hausarztmodell, weil es mehr Personal braucht, das es am Markt gar nicht gibt.
Wir wissen, dass es abseits der Kammerfunktionäre Interesse von Medizinern gibt, die nicht allein in einer Ordination sitzen wollen und auch nicht mehr wie die Verrückten Patienten durchschleusen wollen, um auf ihr Geld zu kommen.

Die Gesundheitspolitik missbraucht die prinzipiell sinnvolle Möglichkeit einer niederschwelligen extramuralen Behandlung chronischer Erkrankungen im Rahmen von PHCs für reine Machtpolitik und sucht trotzdem nach Gründen, weshalb sie im Inland keine Ärzte mehr finden, die dumm genug sind das Spiel mitzuspielen.

Soll man Sozialversicherungen zusammenlegen?
Für mich wichtiger ist: gleicher Beitrag, gleiche Leistung. In Deutschland haben sich Großkrankenkassen nicht wirklich gerechnet.
Alle müssen flexibel sein in der Gesundheitspolitik, Patienten, Ärzte, Pflege, …. außer die, die von den Parteien kontrollierten Pfründen der Pflichtversicherungen Entsandten.

Hat sich Ihr Blick aufs Gesundheitswesen durch Ihre eigene schwere Erkrankung geändert?
Man kommt drauf, wie wichtig das Zwischenmenschliche ist. Und ich habe gesehen, wie stark der Druck auf die im Spital Tätigen ist.
Interessant, dass das Frau Minister NICHT zwischen ihrer Promotion 1987 und 1997 während ihrer Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin und zur Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde den Druck auf die im Spital Tätigen nicht „gesehen“ hat.
Fragen Sie einmal andere Turnusärzte dieser Zeit, ob sie ihre Tätigkeit damals als so entspannt und ruhig empfunden haben, wie die spätere Personalvertreterin, Stv. ÖGB Präsidentin und postkommotionelle Studentin an der Wirtschaftsuniversität Wien und an der Donau-Universität Krems.

Siehe auch:
Räderwerk der Macht: Wie das alles zusammenhängt https://medicus58.wordpress.com/2016/03/02/raederwerk-der-macht-wie-das-alles-zusammenhaengt/
Oberhauser: Gefährliche Versprechungen des Bestehenden, aber bringt’s das? https://medicus58.wordpress.com/2014/09/08/oberhauser-gefahrliche-versprechungen-des-bestehenden-aber-bringts-das/

Written by medicus58

5. Juni 2016 um 13:32

Veröffentlicht in Gesundheitssystem

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3 Antworten

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  1. Hervorragend
    .. da gäbe es noch viel zu parasitären Strukturen innerhalb der Verwaltung zu sagen…Bücher könnten über Neubauten und Renovierungen geschrieben werden…
    Und wie effektiv Ärzte iher Ordinationen ohne „grussartigen“ Verwaltungsmanagern führen …

    Werner Weissenhofer

    6. Juni 2016 at 06:58

    • Ja, natürlich gäbe es noch mehr zu sagen, das WWW ist aber hierfür nicht geeignet😉

      medicus58

      6. Juni 2016 at 07:44


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