Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Doktor auf Abruf

with 3 comments


Kennen Sie die?
Was steht am Straßenrand und ist rot?
Nein, nicht Bundeskanzler Kern, der auf den ÖBB Ersatzverkehr wartet, sondern eine Hagenutte.

Was steht am Straßenrand und ist grün?
Nein, nicht der Radfahrbeauftragte mit einem Patschen, sondern eine Froschtituierte.

Was steht am Straßenrand und ist weiß?
Ein Arzt auf Rufbereitschaft.

Arzt-Bus

Was lange politisch vorbereitet und in einigen Bundesländern und Fächern schon lange exekutiert wurde, wird nun zum letzten Rettungsanker im finanziell maroden Wiener Krankenanstaltenverbund:
Die ärztliche Rufbereitschaft!

Jänner 2016: Fassadenpolitik erreicht inzwischen die Universitäten
https://medicus58.wordpress.com/2016/01/29/fassadenpolitik-erreicht-inzwischen-die-universitaeten/
Dezember 2015: Weihnachten im KAV: Leise rieselt das Vertrauen
https://medicus58.wordpress.com/2015/12/20/weihnachten-im-kav-leise-rieselt-das-vertrauen/
Juli 2014Spezialisierung zur Qualitätsverbesserung ist out, im Spital gibt’s fachärztlichen Pannendienst
https://medicus58.wordpress.com/2014/07/23/spezialisierung-zur-qualitatsverbesserung-ist-out-im-spital-gibts-facharztlichen-pannendienst/
Juli 2012: Die Potemkinschen Spitäler
https://medicus58.wordpress.com/2012/07/11/die-potemkinschen-spitaler

Ja, bitte, warum denn eigentlich nicht?
Die privaten Belegspitäler praktizieren das ja auch und scheffeln Gewinne indem sie nächtens nur einen Dr. med. univ im Dienst haben, den die Pflege anrufen darf, wenn sie nicht mehr weiter weiß….
Dem Gesetz ist Genüge getan und …

Krankenhaus Göttlicher Heiland freigesprochen, obwohl Mängel aufgedeckt wurden. 6.300 Euro Strafe wegen fahrlässiger Tötung – nicht rechtskräftig.
http://kurier.at/chronik/wien/urteil-im-kunstfehler-prozess-gegen-krenkenhaus-goettlicher-heiland-geldstrafe-fuer-turnusarzt/19.431.952

Ja, verlockend ist das ja auch, daheim bei seinen Lieben (vielleicht auch in der Ordi?) zu sitzen und dabei schnelles Geld mit der Rufbereitschaft (außerhalb der maximal 48 Wochendienststunden) zu verdienen , wenn eh nichts passiert …

Mein altes Herz wird wieder jung, wenn sich diese Goldenen Zeiten meiner Ausbildung wiederholen:
Das radiologische Institut, in dem viele Jahre lang der ägyptische MTF die Stellung hielt und schon mal das Lungenröntgen schoss, bis Kollege Facharzt dann doch in den Dienst kam.
Nur nur war das vor Jahrzehnten, wo CTs dort gar nicht durchgeführt werden konnten, nur wenige Radiologen überhaupt interventionell ausgebildet waren und im Ernstfall in unmittelbarer Nähe ein Zentralröntgen zumindest theoretisch den Patienten übernehmen konnte. Ein einziges mal habe ich es geschafft, dass dort doch akut eine Pulmonalisangiografie bei Verdacht auf Pulmonalembolie durchgeführt wurde.

Als im Akutlabor nächtens auch nur eine MTA (heute BA) Dienst versah, die mit der Frage, ob denn die blauen Pünktchen im Blutausstrich Blutplättchen oder Malaria-Erreger wären in einigen Fällen überfordert wurde, aber irgendjemand war dann schon im Dienst, der sich damit etwas auskannte, wenn das private Belegspital seine Patienten nächtens kostenschonend in das öffentliche Krankenhaus transferierte.

Oder die Chirurgie, in der man seinen Hämatokrit im Nachtdienst selbst in die Zentrifuge legen musste, um abschätzen zu können, wie viele Blutkonserven man noch bis morgen früh bestellen muss.

Die Kuranstalt, wo man bei Herzinfarktverdacht seine CK selbst bestimmen musste …. also nicht primär seine eigene CK, schon die des Kurgastes ….

Ja, auch ein Gerinnungs– oder Vergiftungsdienst waren (für ganz Österreich) nur telefonisch erreichbar, aber da ging es ja auch um Empfehlungen zu ganz spezifischen Bereichen und nicht um zeitkritische direkte Interventionen.

Blöd halt nur, dass sich die Zeiten, in denen manche der KAV Berater vielleicht auch mal in die stationäre Medizin gerochen haben, doch drastisch geändert haben:

Schwer kranke, instabile Patienten liegen nicht mehr ausschließlich im Zentralkrankenhaus.
Die Verweildauer der Patienten wurde kürzer, präoperative Vorbereitung? Da lachen ja die Hausinternisten!
Die Diensträder mit zwei fast fertigen Assistenzärzten und einem Turnusarzt als reines Beiwagerl für den Spritzendienst haben wir ja schon längst mit dem Segen des Stadtoberhaupts eingedampft:

382 Mediziner weniger bis 2018: Häupl verteidigt Stellenabbau der Spitalsärzte
http://www.heute.at/news/wirtschaft/Haeupl-verteidigt-Stellenabbau-der-Spitalsaerzte;art69352,1126677

Ja, und was hört man von unsere, hochbezahlten, grünen Patientenanwältin?

25.5.2016: Pilz: Bericht der Wiener Pflege- und PatientInnenanwaltschaft 2015
Viele Anfragen (!!!) beweisen hohes Interesse der Bevölkerung
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20160525_OTS0182/pilz-bericht-der-wiener-pflege-und-patientinnenanwaltschaft-2015

Wir haben gespart, koste es was es wolle und sind jetzt sind so richtig effizient und trotzdem Pleite:

In einem internen Brief werden alle Primare aufgefordert, die Ausgaben ihrer Abteilungen deutlich zu reduzieren. Noch heuer sollen 24 Millionen Euro eingespart werden.
http://diepresse.com/home/panorama/wien/4986661/Sparauftrag-an-die-Wiener-Spitaeler

Überstundenverbot für Ärzte
http://diepresse.com/home/panorama/wien/4969427/Ueberstundenverbot-fur-Aerzte

Also jetzt 12,5 Stunden-Diensträder; tagsüber ein Facharzt, wenn das- so im Originalwortlaut aus der GenDir- wirklich erforderlich ist und in der Nacht ein anwesender Arzt mit ius practicandi und bestenfalls ein Facharzt, eine Fachärztin in Rufbereitschaft.
Das spart ungemein.

Wien: Kein Krebsarzt auf der Krebs-Station
http://www.xn--sterreich-z7a.at/chronik/Aerzte-Aufstand-Kein-Krebsarzt-auf-der-Krebs-Station/236102983

NÖ: Spitalsärzteumfrage: Personalknappheit und Dokumentationsaufwand sind gravierendste Probleme
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20160504_OTS0090/noe-spitalsaerzteumfrage-personalknappheit-und-dokumentationsaufwand-sind-gravierendste-probleme

Zwar irgendwie komisch, dass noch niemand in einer Großstadt wie Wien die Vorhaltekapazität der Feuerwehr einzusparen vorgeschlagen hat und diese nur einberuft, wenn es wirklich brennt;
bei den Freiwilligen Feuerwehren hat sich das ja auch bewährt.
Die Nachtdienste im Verwaltungsbereich sind auch außen vor,
aber auf die (Originalton Stadträtin Wehsely) für’s Schlafen bezahlten Ärzte kann man ja leicht verzichten.

An all diejenigen KollegInnen, die sich nun für etwas Bereitschaftsgeld die Verantwortung für diese Potemkinschen Spitäler aufhalsen lassen, sollten aber folgendes bedenken:

Auch wenn Sie wegen Ausfall des Handy- oder Telefonnetzes nicht erreichbar waren, tragen Sie weiter die Verantwortung.
Auch wenn Sie wegen Ausfall oder Unfall ihres Transportmittels nicht rechtzeitig anwesend sein konnten, tragen Sie weiter die Verantwortung.
Wenn Sie man Ihnen auch im Falle unverschuldeter Komplikationen nachweisen kann, dass Sie unausgeschlafen waren, tragen Sie weiter die Verantwortung.
Wenn Sie man Ihnen auch im Falle unverschuldeter Komplikationen nachweisen kann, dass Sie nur ein Gläschen hatten, tragen Sie weiter die Verantwortung.

Bisher hat eigentlich die Dienstgeberin die Verantwortung:

Die Sicherung der Gesundheit ist in Österreich eine öffentliche Aufgabe und das Gesundheitssystem ist öffentlich organisiert. Das bedeutet: Bund, Länder, Gemeinden, Sozialversicherung und gesetzliche Interessenvertretungen (z.B. Kammern, Patientenanwaltschaft etc.) sind für verschiedene Teilbereiche des Gesundheitswesens verantwortlich: z.B. Gesetzgebung, Verwaltung, Finanzierung, Leistungserbringung, Qualitätskontrolle, Ausbildung etc.
https://www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/DasGesundheitswesenimUeberblicktml_LN.html

Die Ärzteschaft steht langsam vor der Frage, ob sie sich für ein paar Kröten diese Verantwortung für eine Gesundheitssystem aufbürden lassen, das derartig ausgehöhlt und insuffizient gemacht wurde, dass eine verantwortungsvolle Patientenversorgung in den städtischen Krankenanstalten oftmals nicht mehr möglich ist.

Kennen Sie den?

Was steht am Straßenrand und ist gelb und abgestempelt?
Eine Postituierte.

 

Written by medicus58

30. Mai 2016 um 18:05

3 Antworten

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