Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Warum die Kosten der Medizin immer der Inflationsrate vorauslaufen werden

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Aktuell wieder aufgeflammt, aber prinzipiell seit Jahren einfach verschlampt, erreicht der Arbeitszeitkonflikt in Wiens Spitälern erneut die Medien:

KURIER: Spitalsärzte sollen keine Überstunden mehr machen
http://kurier.at/chronik/wien/spitalsaerzte-sollen-keine-ueberstunden-mehr-machen/190.220.890

KAV Dementi

PRESSE: Überstundenverbot für Ärzte
http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/4969427/Ueberstundenverbot-fur-Aerzte

KAV Drohung an ÄK Präsident Szekeres

KAV-Überstundenverbot: Vorwurf der Lüge für Szekeres „vollkommen haltlos“
Schriftliche Beweise liegen vor – Ärztekammer erwägt rechtliche Schritte gegen KAV
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20160418_OTS0179/kav-ueberstundenverbot-vorwurf-der-luege-fuer-szekeres-vollkommen-haltlos

 

Stadträtin Wehsely und GD Janßen wollen den Eindruck erwecken, dass es hier ausschließlich um einen Konflikt mit den angestellten Ärzten bzw. dem Njet-Sagern in der Ärztekammer geht, dabei rüstet die Gewerkschaft (Younion) aber gerade mit Dienststellenversammlungen und Demo-Drohungen zum globalen Kampf und da geht’s – wie in der Vergangenheit – gar nicht um die Ärzte, sondern um alle anderen im KAV Beschäftigten:

Auf zeitgleich stattfindenden Versammlungen in allen Dienststellen des Wiener Krankenanstaltenverbundes haben die örtlichen Gewerkschafts- und Personalvertretungen über den aktuellen Stand der Verhandlungen zu Gehalt und Rahmenbedingungen mit der Unternehmensführung des Krankenanstaltenverbundes informiert – und einen „heißen Frühling in Wien“ angekündigt.
„Wir lassen uns nicht spalten. Wir sind das Team Gesundheit und stehen hier für bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Entlohnung unserer Kolleginnen und Kollegen“, erklärt Wolfgang Hofer, Vorsitzender der Personalvertretung und des Gewerkschaftsausschusses im AKH. Auf den zentral in allen Dienststellen zeitgleich stattfindenden Dienststellenversammlungen kommen Mitglieder aus dem gesamten Team Gesundheit zusammen – die Beschäftigten aus dem Wiener KAV.
Anlass sind die aktuell ins Stocken geratenen Verhandlungen der younion Hauptgruppe II mit dem KAV-Management.
„Am 31. März 2016 ist die Frist abgelaufen, die wir dem Management gesetzt hatten, um auf unseren Forderungskatalog zu reagieren.
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20160414_OTS0092/younion-team-gesundheit-schafft-klarheit

Also nix nur Ärzte, im KAV kocht es an allen Fronten. Natürlich ist absehbar, wie man seitens der Politik, der Gesundheitsökonomie und der Generaldirektion reagieren wird:
Die Medizin wird immer teurer und das können wir uns nicht leisten!

Nur was heißt „immer teurer“?

Immer teurer heißt eigentlich, dass die Kosten im Gesundheitssystem schneller wachsen als das Bruttosozialprodukt.

Anders ausgedrückt lautet der Vorwurf an die im Gesundheitssystem Tätigen, dass sie ihre Effizienz weniger gesteigert haben, als andere Branchen.

Nun an den schönen Kassentarifen kann es wohl nicht liegen:
rektale Untersuchung 2,75 €
Juni 2012: Der typische Arzt ist ein Hausarzt mit Kassenverträgen und reich
https://medicus58.wordpress.com/2012/06/10/der-typische-arzt-ist-ein-hausarzt-mit-kassenvertragen-und-reich/

Natürlich steigen die Spitalskosten, aber: DIE OECD irrt, unsere Spitäler sind billig und werden jetzt ohnehin geschlossen
https://medicus58.wordpress.com/2015/11/05/die-oecd-irrt-unsere-spitaeler-sind-billig-und-werden-jetzt-ohnehin-geschlossen/

Was wir im Gesundheitssystem Tätigen (oder besser diejenigen, die behaupten unsere Interessen zu vertreten) aber immer wieder klar stellen sollten,
hat Meister Rembrand schon 1632 in seinem Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp erkannt.

Noch klarer kommt das bei dem 1875 von Thomas Eakins geschaffenen Gemälde Die Klinik Gross (The Gross Clinic) zum Ausdruck:

The_agnew_clinic_thomas_eakins

MEDIZIN IST EINE PERSONALINTENSIVE  DIENSTLEISTUNG

Ich habe dies hier schon vor vier Jahren unter dem Titel
Fordismus im Spital: Das Geld liegt auf der Strasse?
https://medicus58.wordpress.com/2012/04/27/fordismus-im-spital-das-geld-liegt-auf-der-strasse/
abgehandelt:
Die Effizienzsteigerungen der Fertigungsindustrie basieren auf Automation, Personalreduktion und Preisoptimierung für den Rohstoff,
die von großen Teilen des Dienstleistungssektors darauf, dass ein Teil der Arbeit an den Kunden auslagert wurde (Stichwort: Online-Banken, -Flugtickets, -Service, …).

In der Medizin kann ich zwar den Patienten einen Fragebogen geben und damit versuchen das Anamnesegespräch zu ersetzen (habe ich in meinem Bereich immer wieder versucht), nach diesen Ergebnissen, konnte aber niemand eine Diagnose stellen.

Ich kann gehfähigen Patienten zwar ein schönes SB-Buffet anbieten, für das löffelweise Füttern benötige ich Pflegepersonal.

Kurz: in den Gesundheitsberufen ist die persönliche diagnostische, therapeutische und pflegerische Tätigkeit am Patienten das Kernstück des Ganzen und das muss ich auch in der Ausbildung weitergeben. Deshalb standen bereirs im 17. Jhdt um einem Patienten schon so viele andere Personen herum, dabei gab’s damals noch nicht einmal Tumorboards und ausführliche Dokumentationsvorschriften.
Im 21. Jhdt ist die Medizin sicher nicht einfacher geworden…

Alle Bereiche, in denen ich mit den drei ökonomischen Feuchtträumen (Automation, Personalreduktion, billige Rohstoffpreise) nicht operieren kann, müssen in Relation zu den übrigen Bereichen „teuerer“ und/oder „weniger effizient“ scheinen.

Und genau darum geht es bei dem aktuellen Dienstzeitkonflikt:
Eine trotz neoliberalem Sprech und Tun ökonomisch ungebildete Politik, vertraute auf unsachliche Berater, die ihr weismachten, dass man in der Medizin in erster Linie am Personal sparen könnte, weil das schließlich der größte Kostenfaktor wäre. Mit dem eingesparten Geld könnte man EDV, Großgeräte, ELGAs bis hin zu Big Data basierten Algorithmen finanzieren, die die Medizin genauso effizient machen könnten wie die Fließbänder der Fertigungsindustrien oder die großen Handelsriesen vom Schlage Amazon oder Zalando.
Im Unterschied zur Medizin wird in diesen Branchen immer wieder der gleiche Prozess abgespult. In der Medizin haben wir es letztendlich immer mit einer „Einzelanfertigung“ in einem hoch komplexen und interdependenten Prozess zu tun und den beherrscht ebem nur qualifiziertes Personal. Seine Reduktion steigert nicht die Effizienz sondern vermindert die Qualität.

Bilder Copyright:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AThe_Anatomy_Lesson.jpg
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Klinik_Gross

Written by medicus58

18. April 2016 um 23:32

5 Antworten

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  1. SUPER! Vielen Dank! Sollte man J. ebenfalls senden……..

    Dr. Silvia Wogritsch

    18. April 2016 at 23:55

    • Schad um’s Porto, hätt‘ ich

      medicus58

      19. April 2016 at 07:32

    • Schad um’s Porto hätt‘ ich früher gesagt, oder an Brief gibt ma auf … heute gilt das nicht, insbesondere wenn man mitten im Satz Click macht🙂

      medicus58

      19. April 2016 at 07:35

  2. Besonders schöne und berühmte Bilder ausgewählt. Kompliment!

    Christine Kainz

    19. April 2016 at 00:41


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