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Così fan tutte: Pharma Fahmy

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Kauf mich arzt

Bereits vor Erscheinen seines Buches Die Pharma-Falle: Wie uns die Pillen-Konzerne manipulieren füttert der Wiener Neurologe Fahmy Aboulenein die Medien mit Headlines:

„Der wahre Skandal spielt sich im gesetzlichen Rahmen ab“
(http://kurier.at/lebensart/gesundheit/neurologe-fahmy-aboulenein-attackiert-im-buch-die-pharmafalle-die-pharma-industrie/191.462.118)

„Ein Arzt bekommt von einem Pharmariesen Geld für einen lobenden Artikel über ein neues Medikament und er braucht ihn nicht einmal selbst zu schreiben. Das ist verdeckte Korruption und doch nur ein kleines von vielen Beispielen dafür, wie die Pharmaindustrie unsere Ärzte teils subtil und teils ganz offen manipuliert. Fahmy Aboulenein, Neurologe und MS-Spezialist, hat genug davon.“
https://www.falter.at/event/604802/fahmy-aboulenein-die-pharma-falle 

Aboulenein schätzt, dass zwei Drittel der in der westlichen Welt verschriebenen Medikamente überflüssig sind.
http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/4962641/Der-Filz-zwischen-Pharmafirmen-und-Aerzten

„Die Phamakonzerne bestechen die Ärzte nicht mehr wie früher plump mit Bargeld, sondern nutzen die Grauzonen des Gesundheitssystems, um dieser für sich wichtigsten Zielgruppe wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen“, so Aufdecker Aboulenein. „Teilweise beziehen Ärzte aus solchen Tätigkeiten mehr Einkünfte als aus ihrer eigentlichen ärztlichen Tätigkeit.
Und weil es alle tun, hat keiner mehr ein schlechtes Gewissen dabei.“
http://gesundheitsnews.at/die-machenschaften-der-pharmaindustrie-neues-buch-ueber-das-geschaeft-mit-der-gesundheit/

Jetzt soll hier gar nicht bestritten werden, dass es all die „Mietmäuler“ (bezahlte Vortragende, die bestimmte Produkte empfehlen), Auftragsstudien, Gefälligkeitsgutachten, unnötige aber honorierte Beobachtungsstudien in der Ordination oder Expertenkonsense , Aufwandsentschädigungen für Advisory Boards attraktive Kongress-Destinationen, etc. etc. gab und vermutlich noch immer gibt.
Ob das auch schon aus jedem Hausarzt oder Fortbilder einen hochbezahlten Lobbyisten der Pharmaindustrie macht?

Auch dieser Blog hat sich immer wieder mit dem Thema der Korruption im Gesundheitswesen auseinander gesetzt:

Jänner 2013: Ärzte: Unser Image ist im Arsch, soviel scheint sicher
https://medicus58.wordpress.com/2013/01/06/arzte-unser-image-ist-im-arsch-soviel-scheint-sicher/

November 2014: USA: Ist Ihre Arzt korrupt, muss nicht immer die Pharmaindustrie dahinter stehen
https://medicus58.wordpress.com/2014/11/20/usa-ist-ihre-arzt-korrupt-muss-nicht-immer-die-pharmaindustrie-dahinter-stehen/

Juni 2015: Sponsoring österreichischer Ärztefortbildung. Systematische Analyse der DFP-Fortbildungsdatenbank https://medicus58.wordpress.com/2015/06/03/sponsoring-osterreichischer-arztefortbildung-systematische-analyse-der-dfp-fortbildungsdatenbank/

Was mir aber beim emotionalen ZIB2 Auftritt „Pharmakonzerne kaufen Ärzte“ des Kollegen (http://tvthek.orf.at/program/ZIB-2/1211/ZIB-2/12392834/Pharmakonzerne-kaufen-Aerzte/12392863) und den hier angeführten Zitaten massiv kontraproduktiv erscheint,
ist die hier gewählte, intellektuell flache und generalisierende Zugangsweise.

Klar ist:

Die großen Player in der Pharmaindustrie sind börsennotiert und gewinnorientiert.
Ihr Budget für „Werbemaßnahmen“ ist prozentuell an die erwarteten oder zu erhaltenden Umsätze gebunden.

Wohl kaum praktikabel aber vielleicht sogar wünschenswert könnte man natürlich verlangen, dass im öffentlich finanzierten Bereich nur gemeinnützige Firmen tätig werden dürfen, aber ausschließlich der Pharmaindustrie, nicht aber der Versicherungswirtschaft, den Medien, der Bauwirtschaft, der Waffenindustrie, den Geräteherstellern, …. etc. vorzuwerfen, dass sie alle legale Wege ausnützen um ihren Umsatz und damit ihren Gewinn zu erhöhen,
ist eine so einseitige Sicht, dass wohl auch die Beweggründe für diese Sicht zu hinterfragen sind.

Auch die Generalisierung, dass es alle tun, ist nicht nur falsch, selbst wenn schon jeder von uns mal einen Pharmakugelschreiber oder ein paar Brötchen nach einem Vortrag auf Pharmakosten abbekommen hat, sondern behindert eine sauberer Aufarbeitung des Problems.

Man muss kein ausgewiesener Logiker oder Dialektiker sein um zu erkennen, dass Thesen die alles einschließen („alles ist Politik“, „Alles ist Korruption“), jeden Diskurs beenden, da es wohl keine Alternative mehr, keine Antithese mehr gibt, über die es noch zu sprechen lohnt.

Konkret, wenn alle, ohne jeden Unterschied, ohne jede Graduierung korrupt sind, dann werft sie ins Gefängnis und verbietet die Branche.
Ende der Debatte!

Mit einem etwas differenzierteren Zugang hätte Kollege Aboulenein aber in seinem ureigensten Bereich, der Neurologie, einen einfachen Lösungsweg finden können, um unterscheiden zu können, wo es wirklich um Korruption geht, oder wo es sich um Querfinanzierungen handelt, ohne die sehr sinnvolle Aktivitäten in der Medizin (Finanzierung von Grundlagenforschung, Finanzierung von produktunabhängiger Fortbildung, …) schlagartig beendet würden.

Solange die Neurologie in Ermangelung spezifisch wirksamer Medikamente mehr oder weniger nur zwischen einigen billigen Vitamin B Präparaten wählen konnte, wird kaum ein Konzern Ihn oder irgendeinem anderen Arzt als Dank für seine Verschreibepraxis nach Hawaii zum Surfen geschickt haben. Seit er als MS-Experte nun auch sehr teure monoklonale Antikörper (Alemtuzumab) verschreiben konnte, oder auch nicht, wurde er natürlich als Umsatzmaximierer interessant.
Aboulenein beschreibt in seinem Buch auch die Vorgänge, wie das ehemalige Krebsmedikament als MS-Mittel plötzlich viel teurer wurde, übrigens eine Geschichte die hier schon im August 2012 zu lesen war (Warum setzt man meinem Gewinnstreben Grenzen und lässt die Pharma machen was sie will? https://medicus58.wordpress.com/2012/08/27/warum-setzt-man-meinem-gewinnstreben-grenzen-und-lasst-die-pharma-machen-was-sie-wollen/  ).
Weshalb er aber aus seinem eigenen Erfahrungen in seinem Sonderfach nicht den einzig richtigen Schluss zieht, dass in der Pharma- wie bei jeden anderen Industrie – nur dort Geld für umsatzsteigernde Bestechung budgetierbar ist wenn es auch entsprechend hohe Umsätze gibt und man sich auf diese relativ wenigen Bereiche zu konzentrieren hat, wenn man Korruption bekämpfen möchte, ist mir nicht nachvollziehbar.

So plakativ und auf den ersten Blick für den Laien vielleicht überzeugend seine Forderung nach einem Verbot von Vertreterbesuchen ist, das Problem wird kaum dadurch bekämpft, wenn der Turnusarzt keinen Kugelschreiber und keinen Sonderdruck aus dem New England Journal mehr bekommt.
Ob die Absage aller wissenschaftlichen Kongresse, auch die in weniger spektakuläreren Destinationen als Hawaii, die zu mehr als der Hälfte durch die Austellermieten bezahlt werden, obwohl die Teilnehmergebühren für Einzelpersonen inzwischen schon viele Hundert Euro kosten, im Sinne der medizinischen Wissensvermittlung wären, mag ich bezweifeln

Jedes Whistleblowing führt zu Kollateralschäden, klar.

Aber ob die Generalbeschädigung eines Berufsstandes der richtige Weg ist, um seine persönlichen Erfahrungen zu verarbeiten, nur weil man halt auch mal ein teures Medikament verschreiben durfte, mag ich noch viel mehr bezweifeln.

 

Written by medicus58

8. April 2016 um 16:26

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