Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Weihnachten im KAV: Leise rieselt das Vertrauen

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Trio

Eine ausgewogene Balance der Loyalität zwischen Führung und Belegschaft sowie eine enge Abstimmung zwischen Strategie der Führung und operativer Aufgabenerledigung der Basis ist für jeden Betrieb essentiell.

Im öffentlichen Dienst hat dies eine jahrhundertelange Tradition, als die Mächtigen sich noch bewusst waren, wie sehr sie auf die Expertise „Ihrer Beamten“ angwiesen waren und nicht glaubten, sich fehlende eigene Kompetenz von politisch befreundeten „Beratern“ zukaufen zu können. Für die Bundesverwaltung sah Clemens Jabloner, Universitätslehrer und der ehemalige Präsident des Verwaltungsgerichtshofs ,
das besondere Vertrauen, welche das Verhältnis zwischen der Beamtenschaft eines Ministeriums und dessen politischer Führung einst prägte, als weitgehend verloren an:
http://www.wienerzeitung.at/meinungen/analysen/775336_Was-schieflaeuft-in-Oesterreich.html

Die Führung des Wiener Krankenanstaltenverbundes könnte Jabloner als weiteres Beispiel dienen, wie man höchst professionell einen im Kern funktionierenden öffentlichen Bereich – aus welchen politischen Absichten auch immer – nachhaltig demoliert,
in dem Mitarbeitern systematisch über- und hintergeht.

Selbstverständlich könnte man mir, der sein Berufsleben überwiegend, aber nicht ausschließlich (!), im öffentlichen Bereich verbracht hat, hohe Subjektivität vorwerfen, geschenkt, ….
aber Gleiches könnte man dem hier abgebildeten Trio infernal mit mindestens eben soviel Recht vorwerfen:
Personen, die ihr ganzes Berufsleben ausschließlich im parteipolitischen Umfeld verbracht haben, oder selbst weder direkt ärztliche Verantwortung übernommen haben noch auf erfolgreiches Management im Gesundheitswesen verweisen können, haben nicht viel mehr Anspruch auf Objektivität als diejenigen, die in der täglichen Praxis der öffentlichen Gesundheitsversorgung stehen, also Einstand – mögen die Argumente sprechen.

Hier wurde ausführlich darüber berichtet, mit welchen PR-Tricks die Dienstgeberin versucht hat der Öffentlichkeit weiß zu machen, dass es in Wien möglich wäre:

  1. die EU-weiten Regeln zur ärztlichen Arbeitszeiten kurz vor einer Strafe aus Brüssel einzuhalten, trotzdem
  2. das ärztliche Einkommen auf international vergleichbares Niveau anzuheben (+30%, LOL), überdies
  3. die Nachtdiensträder im KAV einzusparen (112) und
  4. ohne mit immer weniger Turnusärzten das Leistungsspektrum der Spitäler für die Bevölkerung zu erhöhen.

Wien 2015: Wählen wir eigentlich Wehsely? http://wp.me/p1kfuX-121
Dem Wiener Gesundheitssystem droht der Kollaps http://wp.me/p1kfuX-11T
Dreimal NEIN bei der Urabstimmung http://wp.me/p1kfuX-UG 

Innerhalb der letzten Woche setzte die Dienstgeberin zwei weitere Maßnahmen, ohne jede Vorinformation, geschweige den Dialog mit den Betroffenen, die, würden das Vorgesetzte an der Basis ebenso machen, den täglichen Betrieb in der Sekunde lahmlegen.
Es gibt wohl nur mehr wenige Mitarbeiter, deren Burn-out nicht auch von kritischen Gutachtern attestiert würde. Soviel zur Aussage unseres GD, der zwar allen unter ihm Fehlende Managementfähigkeiten vorwirft, dessen Weisungen schon in der Vergangenheit überfallartig, mitten in den Sommerferien erfolgten und bis heute nicht wirklich umgesetzt wurden!

Nachdem in den letzten Monaten schon Dutzende Nachtdiensträder in den öffentlichen Spitälern teils durch direkten Druck auf die Abteilungsleitungen, teils indirekt durch fehlende Personalzuteilungen eingespart wurden, und die versprochenen Gehaltssteigerungen auf Basis der weiterhin innerhalb der neuen Dienstzeitregeln leistbaren Überstunden (10 Millionen € pro Monat und noch meutern, die Ärzte sind unersättlich http://wp.me/p1kfuX-Yn) endgültig als Farce entlarvt wurde, werden nun auch in den Pflegeheimen des KAV doppelte Diensträder gestrichen (http://diepresse.com/home/panorama/wien/4888939/Wien-kurzt-Aerztedienste-). Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob die doppelten Dienste in jedem Fall erforderlich waren, jedenfalls hat sie die Dienstgeberin und die Personalvertretung offenbar seit Jahrzehnten für notwendig erachtet. In jedem kollegial geführten Betrieb hätte man sich vor einer kommentarlosen Weisung mit den Betroffenen zusammen gesetzt und die offenbar neuen Erkenntnisse besprochen, die nun zu einer Reduktion Anlass geben. Da man sich aber traditionell auf die Parteidisziplin von Personalvertretung und Gewerkschaft verlassen kann, glaubt man seitens der Dienstgeberin zu Recht sich derlei Schnickschnack sparen zu können (Da ist irgendwo der Hund drinnen, Herr Minister Hundstorfer! http://wp.me/p1kfuX-UX).
ja und wenn auch die Gesundheitsministerin am Ticket der roten Gewerkschaft in die Regierung gesegelt ist, dann (wie wir für den Fall der Bereitschaftsdienste an Universitätskliniken gleich sehen werden) werden wir überhaupt kein Recht, ich meine natürlich keinen Richter brauchen; denn beides repräsentieren wir eh…

Die Übernahme der Infusionen durch die Pflege, so wie es das KAV nachträglich darstellte, kann es wohl kaum sein (http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20151217_OTS0101/wr-landtag-sp-wagner-aerztliche-versorgung-ist-in-allen-pflegewohnhaeusern-sichergestellt), da meiner – diesbezüglich zugegebenen eingeschränkten lokalen Wahrnehmung –  die Infusionstherapien in den Pflegeheimen kaum die Ausmaße eines Akutspitals erreichen und sich die ärztliche Tätigkeit wohl auf ganz andere Fragen konzentriert.
In Wirklichkeit handelt es sich dabei um ein seit Jahren verfolgtes System der Aushöhlung ärztlicher Versorgung während der Nachtstunden. Schon im ÖSG 2012 wurden „reduzierte Organisationsformen“ (Die Potemkinschen Spitäler http://wp.me/p1kfuX-n8 ) sanktioniert. Alle, die sich nun über den nächsten Streich einer mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP, NEOS und Team Stronach beschlossenen „Rufbereitschaft an Universitätsklinik“ (http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20151216_OTS0186/rufbereitschaft-von-fachaerztinnen-in-unikliniken-wird-ermoeglicht) wundern, hätten die letzten Jahre diesen Blog lesen sollen!

Wenige Tage nach dem Kahlschlag in den Pflegeheimen erkennt der KAV, der (siehe oben) auf Beratung von Ebner & Hohenauer (Dr. Ebner – Die „objektive“ Krake im Gesundheitssystem http://wp.me/p1kfuX-xw) schon vor einem Jahr wusste, dass er 112 Nachtdienste einsparen kann, weil die (Originalton Wehsely) „Ärzte nicht fürs Schlafen bezahlt werden„, plötzlich die Notwendigkeit einer „Tätigkeits- und Belastungsanalyse“ der Ärzte: 

Ein Mitarbeiter der Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbunds hat an Chirurgen iPhone-ähnliche Geräte ausgeteilt, die jeder Arzt ab 1.1.2016 im Nachtdienst mit sich zu führen hat. Dieses Gerät soll zwischen 5 und 15 Minuten, je nach Einstellung, piepsen und den Arzt auffordern, seine gerade durchgeführte Tätigkeit einzugeben. In Ruhephasen kann man es deaktivieren. Die betroffenen Kollegen wurden weder gefragt, noch wurde diese Überwachungs-Maßnahme angekündigt. Es gab keine Kommunikation. Nach meinem Wissensstand wusste außer der ärztlichen Direktorin (die auch in der Primarärztesitzung nichts davon erwähnte), niemand davon.
http://schuetzenwirunserespitaeler.at/einsparungen-ueberwachung-und-neue-ideen-um-aerzte-zu-frustrieren/

Natürlich ist es das Recht der Dienstgeberin festzustellen, ob die (vom Steuerzahler) bezahlte ärztliche Arbeitskraft ökonomisch eingesetzt wird! Das Entlarvende an diesen Vorgängen ist nur, dass stets zuerst das Downsizing beschlossen wird und nachträglich mit hochbezahlten Beratern eine Begründung für den Kahlschlag nachgeliefert werden muss, weil

  1. den Mitarbeitern prinzipiell misstraut wird,
  2. man seitens der Dienstgeberin keinen klaren Versorgungsauftrag formuliert, um sich einer Diskussion über dafür erforderlichen Ressourcen zu entziehen und
  3. am Ende den Ärzten nichts als die Gesamtverantwortung überlässt.

Das ging viele Jahre gut, weil man sich auf eine besondere Loyalität der im öffentlichen Gesundheitssystem Tätigen verlassen konnte und erfolgreich die verschiedenen Gruppen (Abteilungsleiter, Mittelbau, Pflege, MTDG, …) gegeneinander auszuspielen wusste.
Klar, einige Ärzte benutzen ihre Position im öffentlichen System zur Füllung der Privatordination oder Belegspitäler, jedoch die Mehrheit hat mehr oder weniger bewusst auf die höheren Einkommensmöglichkeiten in anderen in- und ausländischen Systemen verzichtet,
weil ihnen eine öffentliche Gesundheitsversorgung jenseits markt- und gewinngesteuerter Krankenhausbetreiber ein persönliches Anliegen ist.

Die anfänglich lächerlich geringen und auch gegen Karriereende im internationalen Vergleich meist nicht allzu hohen Einkommen im öffentlichen Dienst können kaum Motivation für eine Tätigkeit im KAV sein.
Die im Leitbild vollmundig angesprochene persönliche Wertschätzung kommt jetzt auch nicht gerade zwingen herüber, wenn der einzige Kontakt mit der Generaldirektion die Direktiven sind, die uns durch externe Berater ausgerichtet werden.
Und die Möglichkeiten der medizinischen (geschweige wissenschaftlichen) Entfaltung können es angesichts der seit einem Jahrzehnt auf minimalem Niveau eingefrorenen Reinvestitionsbudgets auch kaum sein.

Noch schwindelt man sich bei Abteilungsbesetzungen über das auf Null gesunkene Interesse durch Abteilungszusammenlegungen und –schließungen herum, jedoch würde eine Analyse des Bewerberkreises für Neuausschreibungen innerhalb des letzten Jahrzehntes schonungslos offenlegen, dass das öffentliche Gesundheitswesen kaum noch für „die Besten der Besten“ in ihren Fächer interessant ist.
Über das fehlende Interesse der Medizinabsolventen konnte man ohnehin in den letzten Wochen vieles lesen (Wie lange glaubt Ihr noch, dass das hineingeht? http://wp.me/p1kfuX-13d).

Es wird Zeit den Pflichtversicherten und Steuerzahlern schonungslos klar zu machen, welchen Grad an Gesundheitsversorgung die öffentliche Hand ihnen in Zukunft zur Verfügung zu stellen die Absicht hat und,
dass wir Ärzte (aber auch die Pflege) unter diesen Rahmenbedingungen nicht mehr das zu leisten im Stande sein werden, was uns eigentlich in den öffentlichen Dienst gebracht hat:
Hochqualitative Versorgung aller Menschen unabhängig ihrer Herkunft, ihres Geschlechtes, ihres sozialen Status, ihrer Religion und ihres Alters sowie ihrer besonderen Bedürfnisse.  

Und wenn die im öffentlichen Dienst Tätigen wirklich die von mir suspezierten altruistischen Motive haben, dann sollten sie sich ernsthaft fragen,
wie lange sie zu diesen Vorgängen stillschweigen dürfen, wenn sie zwar nach § 7. (1) Beamten-Dienstrechtsgesetz in ihrer Angelobungsformel  einst gelobten,
die Gesetze der Republik Österreich befolgen und alle mit ihrem Amte verbundenen Pflichten treu und gewissenhaft erfüllen werden“,
andererseits im Hippokratischen Eid (den zugegeben die wenigsten wirklich jemals ablegten) schworen
Verordnungen zu treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil“ und „sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Eid_des_Hippokrates

Written by medicus58

20. Dezember 2015 um 16:30

2 Antworten

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  1. Gut auf den Punkt gebracht! Wir aus der Pflege leiden mit allen Ärzten mit und bekommen dies auf den Stationen auch leider täglich zu spüren!!! Die Ärzteschaft ist unterbesetzt, die KPJler sind auch aufgrund der Gesetzeslage nicht einsetzbar…. Und die Pflege bewegt sich deshalb leider immer öfters in Aufgabengebieten, in denen sie vom Gesetz her nichts zu suchen hat… Bis was Schlimmes passiert…. Traurig für alle Menschen, die auf ärztliche Versorgung angewiesen sind……

    Anonymous

    20. Dezember 2015 at 18:29

  2. Als „nur“ Patient kann ich die Richtigkeit der hier gemachten Behauptungen weder bestätigen noch in Frage stellen. Ich kann nur aus der eigenen Erfahrung berichten und da wundert man sich als Patient in einem der Spitäler des KAV schon über Einiges. z.B. dass man zu hören bekommt dass eigentlich ab 12 Uhr mittag KEIN Arzt mehr auf der Abteilung ansprechbar ist. Nein, es läge nicht daran, dass dieser schon seit 4 Uhr morgens im Dienst sei. Sondern eher, dass er am Nachmittag etwas Besseres zu tun habe als sich um seinen primären Patientenstamm zu kümmern. So das Pflegepersonal ins durchaus süffisanter Manier. Wahrscheinlich ist, dass wir ihm am Nachtmittag in der Wiener Privatklinik oder der Döblinger Privatklinik oder einem anderen Zweit- und Drittjob finden. Etwas was es sonst bei Beamten und Angestellten nicht gibt und eigentlich nicht geben sollte und in der 4 freien Wirtschaft grundsätzlich nichtz genehmigt wird. Ärzte dürfen das. Aber Österreich ist halt schon immer etwas anders gewesen wenn es um die persönlichen Prründen geht. Oder ich könnte mich auch darüber auslassen warum sich KAV und die Ärtzteschaft gerade an privat Versicherten ohne Rücksicht auf den hippokratischen Eid finanziell geradezu schadlos halten. 20 Minuten Ordination= 200 Euro. Kann man das wirklich verteidigen ? 1200 Euro das Einzelzimmer pro Nacht (meine private Versicherung hat mir dieses Privileg der Kosten wegen gerade gestrichen) ? Von der WGKK bekommt das der gleiche Arzt, das gleiche Spital nicht. Und was ist mit der immer mehr um sich greifenden Verschwendung die ich beobachtungen durfte ? Die Ärtzteschaft sollte vielleicht etwas weniger bemüht sein immer nur die eigenen Problemfelder d.h. das liebe eigene Einkommen in den Fordergrund zu schieben und sich fragen ob sie sich tatsächlich noch dem Dienst am Menschen oder primär dem Dienst am Mammon verschrieben hat. In letzter Konsequenz ist es so wie in allen Berufssparten: ein Teil wandert aus,ein anderer Teil bleibt und Angebot und Nachfrage bestimmen die Entlohnung. Die Patienten werden schon auf die Barrikaden gehen und nicht mehr „unser Gesundheitssystem ist das beste der Welt“ hinausposaunen (wahrscheinlich weil die Kassen fast jeder Forderung der Gesundheitsversorger nachgeben und die Defizite aus dem Steuertopf gedeckt werden statt zu höheren Versicherungspämien zu führen – die würden ja richtig weh tun und einem die Augen öffnen) wenn die Leistungen, wie in diesem Beitrag vorhergesagt, iknakzeptabel schlecht werden.

    Konrad

    20. Dezember 2015 at 18:38


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