Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Das sogenannte Böse, oder hat es die Wiener Uni immer schon gewusst?

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50_Schilling_1998_Konrad_Lorenz

Die Uni Salzburg widerruft jetzt das Ehrendoktorat des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz, denn man kam zur Erkenntnis, dass
Der weltbekannte Verhaltensbiologe und Forscher über Graugänse sich klar zur Nazi-Ideologie bekannt hat.
Dies lasse „Herrn Lorenz als unwürdig erscheinen, als Ehrendoktor der Universität Salzburg geführt zu werden.“ 
http://salzburg.orf.at/news/stories/2747997/

Nun ja, die inkriminierten Anbiederungen waren schon seit vielen Jahen bekannt und auch auf Wikipedia nachzulesen (https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Lorenz) und doch zog die Uni Salzburg erst jetzt, die ihrer Meinung nach moralisch und wissenschaftlich gebotene Konsequenz.

Meinen Lebensweg kreuzte Lorenz zweimal.
Das erste Mal war ich etwa 13 Jahre alt und las auf Empfehlung der Mutter eines Schulfreundes sein bereits 1963 erschienenes Buch „Das sogenannte Böse“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Das_sogenannte_B%C3%B6se). Die Familie meines Schulfreundes war sicher weit entfernt von rechter Rassenideologie und ihr Interesse an den populärwissenschaftlichen Büchern Lorenz erklärte sich eher aus einem damals durch einschlägige Fernsehsendungen (https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Koenig_(Verhaltensforscher)) angefachte Interesse an vergleichender Verhaltensforschung. Mich hat damals vor allem beeindruckt, wie differenziert man sich dem überwiegend negativ konnotierten Begriff der Aggression nähern kann.

Mein zweite Begegnung mit Konrad Lorenz fand viele Jahre später statt.
Die Rettung hatte einen alten Mann auf eine Tragbahre mitten am Gang einer Wiener Universitätsklinik abgestellt. Er trug die damals üblichen Spitalshemden und war nur notdürftig mit einer Rettungsdecke verhüllt. Dutzende Menschen, Patienten wie Spitalsmitarbeiter, zwängten sich links und rechts an ihm vorbei. Er nahm von all dem keine Notiz und lag regungslos, etwas zusammengekauert auf seiner Bahre. Trotz seines charakteristischen weißen Bartes und des markanten Gesichtes schien den Mann niemand zu erkennen. Ein Blick auf die neben ihm liegende Krankengeschichte, er war stationär an der Wiener Poliklinik aufgenommen und viel zu früh für eine Spezialuntersuchung an das AKH gebracht worden, identifizierte ihn als Konrad Zacharias Lorenz (* 7. November 1903).
Es mag bezweifelt werden, dass sich das offenkundiges Desinteresse, das die Universität Wien damals Lorenz entgegenbrachte, bereits eine erste akademische Distanzierung von dessen politischer Vergangenheit war und unsere Alma mater somit bereits 1989 vollzogen hat, wozu die Salzburger noch weitere 26 Jahre benötigten.
Da kurz vorher ein Lokalpolitiker ziemlich von allen „Granden der Klinik“ umschwänzelt wurde, konnte sich ein „kleiner Assistenzarzt“ nur wundern, wie dieses Land mit seinen Nobelpreisträgern und einem Autor der ihn Jahre früher sehr beeindruckt hat, umgeht.
Es fand sich einen leerstehendes Kämmerchen finden und bot Lorenz somit ein bisschen Privatsphäre. Er bedankte sich mit einem freundlichen Lächeln und wirke fast überrascht über diese „Sonderbehandlung“. Mir schien damals, dass er sich auch damit abgefunden hätte, wenn er die ganze Zeit auf einer „Gangbahre“ verbringen hätte müssen. Wenige Wochen später war Konrad Lorenz tot.

Wie gesagt, die Entscheidung der Salzburger Universität mag aus heutiger Sicht nachvollziehbar sein, mit meinen Erinnerungen an einen bescheidenen Menschen, der noch kurz vor seinem Tod eine stille Größe vermittelte, ist sie schwer kompatibel. Irgendwie musste ich das loswerden.

PS: Für die Nachgeborenen, 1989 existierte die Wiener Meduni noch nicht und „wir“ waren als Medizinische Fakultät Teil der Universität Wien

Bildnachweis: „50 Schilling 1998 Konrad Lorenz“ von Perseus1984 – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:50_Schilling_1998_Konrad_Lorenz.jpg#/media/File:50_Schilling_1998_Konrad_Lorenz.jpg

Written by medicus58

17. Dezember 2015 um 19:45

8 Antworten

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  1. Es war 1966 vor der Matura und wir studierten in Psychologie „das sogenannte Böse“. Für mich war und ist Lorenz immer ein Mensch der neue Wege aufzeigte im Umgang mit Tieren und auch Menschen.
    Was mir schändlich erscheint, ist die österreichische Geschichtsverfälschung. Jeder wusste alles von jedem,alle wussten, dass Arbeit in Forschung und Kunst etc… nur mit dem Parteibuch möglich war und doch tut man heute so, als wären es nur wenige gewesen. Es waren viele.
    Ich bin auch heute noch der Meinung, dass Leidenschaft in Kunst und Wissenschaft die Betroffenen unempfindlich macht für das Drum-herum, denn was sie wollen ist forschen oder spielen, denken wir doch nur an Furthwängler u.a.
    Hat Da nicht jemand von Karajan geschrieben ?
    Ich bin Arzt, kümmere mich um Tiere und die sie begleitenden Menschen, der Begriff der Prägung ist uns allen geläufig, für mich, was zählt, ist was Lorenz uns ermöglicht hat, und hat er nicht auch sich ändern können ?
    Manchmal hab ich den Eindruck, das da zu viele 5Schein)heilige am Werk sind und persönliches regeln wollen.
    Was wir mit 18 dachten ist mit 60 nicht mehr relevant, und Menschen ändern sich, nichts ist mit 6 Jahren fixiert und versteinert.
    In EMDR ist es möglich den Übeltäter zu „verarbeiten“, aber seine guten Seiten in einen Tresor zu legen, damit sie als solche bleiben, auch wenn die traumatisierenden Anteile behandelt wurden.
    Wäre doch auch für jene möglich die nicht immer 100% Saubermänner waren.
    Verschiedene Studien haben doch gezeigt, dass der Menschliche nur ein Produkt seiner Umgebung ist, sondern auch reagiert wie es in verschiedenen Umständen ermöglicht wird.
    Glauben wir wirklich von Versuchung gefeit zu sein?

    Dr.DBS

    18. Dezember 2015 at 00:17

  2. Konrad Lorenz befand sich damals in guter Gesellschaft. Der Nobelpreisträger Wagner Jauregg und der geniale Sozialreformer Julius Tandler waren ebenfalls der „Rassenlehre“ zugetan. Ist auch kein Wunder, war diese doch unter dem Eindruck Darwins und dem damals nationalistisch geprägten Verständnis vom „Volkskörper“ offizielle Lehrmeinung an den Universitäten.
    Aus heutiger Sicht halte ich es mit Bankl´s Buchtitel: „Der Pathologe weis alles aber leider zu spät“ oder allgemein formuliert: Im Nachhinein ist es leicht klüger sein.

    hawliczek

    18. Dezember 2015 at 09:45

  3. Den beiden Kommentaren schließe auch ich mich vollinhaltlich an. Es fällt mir dazu immer Orwell`s „1984 “ ein und die dort beschriebene Geschichtsverfälschung. Z.B.: „Die Hauptfigur Winston Smith arbeitet im „Ministerium für Wahrheit“ in London und ist damit beschäftigt, alte Zeitungsberichte und somit das vergangene Geschichtsbild fortlaufend an die gerade herrschende Parteilinie anzupassen.“

    Bei uns werden eben Anerkennungen widerrufen, Verleihungen etc. „zurückgenommen“, Straßennamen verändert…
    ABER, wie viele kleiden heute noch hohe Ämter aus, wo man sich auch verschiedene Fragen stellen könnte…

    Christine Kainz

    18. Dezember 2015 at 10:44

  4. Z.B. Attila Hörbiger und Paula Wessely. Wie bekannt und auch in Wikipedia nachzulesen https://de.wikipedia.org/wiki/Attila_H%C3%B6rbiger + https://de.wikipedia.org/wiki/Paula_Wessely

    „Nach dem Anschluss Österreichs wurde Hörbiger unter der Mitgliedsnummer 6.295.909 NSDAP-Mitglied. Zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Paula Wessely spielte er in Heimkehr, einem anti-polnischen und anti-semitischen[2]Propagandafilm von Gustav Ucicky aus dem Jahr 1941. Wegen der ausgeprägten propagandistischen Intention im Interesse der NS-Machthaber ist das Machwerk nach dem Ende des Dritten Reiches als Vorbehaltsfilm eingestuft worden. Schon davor drehte das Paar den Propagandafilm „Ernte“ für das austrofaschistische Regime.“

    Auszeichnungen:

    1950: Kammerschauspieler
    1954: Bundesverdienstkreuz
    1959: Kainz-Medaille
    1961: Ehrenring der Stadt Wien
    1966: Grillparzer-Ring
    1971: Ehrenmitglied des Burgtheaters
    1971: Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse
    1977: Großes Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich
    1980: Nestroy-Ring
    1985: Raimund-Ring

    Ehrengrab der Stadt Wien.

    Warum regt sich da keiner auf? Warum wird da nicht aberkannt? Warum? Warum? Warum?

    Christine Kainz

    20. Dezember 2015 at 13:24

  5. Christine Kainz

    21. Dezember 2015 at 01:27

  6. Der Schriftsteller Franz Schuh schreibt dazu im KURIER:

    „In meinen Jugendjahren bin ich mit der Kriegsgeneration auch hart ins Gericht gegangen, weil ich einfach nicht verstand, dass man mit so einem menschenverachtendem Regime kooperieren konnte.

    Heute sehe ich das etwas anders. Diese Generation hatte einfach das Pech, in so einer Zeit leben zu müssen. Wenn man bei den Nazis gesellschaftlichen und sozialen Aufstieg erreichen wollte, blieb nichts viel anderes übrig, als zu kollaborieren. Das kann man verwerflich finden, aber es war einfach so – und es ist im Prinzip heute nicht anders.

    Wenn solche Leute wie Jazz-Gitti, Erika Pluhar oder Peter Turrini das Personenkomitee für die Wiederwahl Erwin Prölls unterschrieben haben, so ist das in Wahrheit eine ähnliche Art des Opportunismus. Es lebt sich eben leichter, wenn man sich mit den Mächtigen arrangiert. Herbert von Karajan (ebenfalls NSDAP-Mitglied) hat einmal auf die Frage nach seiner NS-Vergangenheit mit einer Gegenfrage geantwortet: „Wenn Sie den Berg hinaufkommen wollen, gehen Sie zu Fuß oder nehmen Sie den Lift?“

    „Als nächstes wird wahrscheinlich das Ehrendoktorat von Karl Popper widerrufen. Er war ein Freund von Konrad Lorenz.“

    „Günter Grass hat noch alle seine Ehrendoktortitel.“

    Christine Kainz

    21. Dezember 2015 at 01:34


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