Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Gegen die Reform des öffentlichen Gesundheitssystems

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Mao

Sollten Sie über die Überschrift hinaus gelesen haben, haben Sie entweder diese nicht Sinn erfassend gelesen oder gehören zu den reformverweigernden Nutznießern des heutigen Systems, sind also im zweiten Fall Investor oder privater Gesundheitsdienstleistungsanbieter.

Wer kann denn heute noch daran zweifeln, dass nicht alles in dieser Gesellschaft einem permanenten Reformbedarf unterliegt.

OK, die Sache mit der permanenten Revolution des schlitzäugigen Vorsitzenden weit im Osten schreibt sich keiner mehr so auf die Fahnen, wir sind ja schließlich keine Kommunisten.
Denke ich aber etwas genauer über die Sache nach, dann erschließt sich mir der konzeptionelle Unterschied zwischen dem altbachenen „Ruf nach einer permanenten Revolution“ und den heutigen „Reformen“ nicht wirklich.
Alles wird immer neu gedacht, reformiert, zertifiziert – schlicht an die heutigen Gegebenheiten angepasst, als hätte sich das früher niemand so richtig überlegt, wären die „Riesen auf deren Schultern wir eigentlich stehen“ sämtlich totale Dodeln gewesen.

Nehmen Sie nur das Schul- und Bildungswesen. Seit Jahrzehnten laufen dort Schulversuche, Kommissionen werden gegründet, Konzepte entwickelt und der Stein der Weisen auf Sisyphus‘ Berg gerollt.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen, aber nur als Beweis für meine in der Überschrift angeführte These …
Kaum jemand, unabhängig seiner politischen Position, würde sich heute zur Behauptung versteigen, dass das österreichische Schulsystem seine Kernaufgabe heute besser erfüllt als ehedem.
Selbst sein krönenden Abschluss, der Matura, berechtigt nicht mehr ohne zusätzlicher Aufnahmeprüfung (und selbstbezahlter Paukerkurse) für die den angestrebten universitären Bildungsweg (außer in den Fächern, die ohnehin keiner will) und am anderen Ende kämpft man mit den funktionellen Analphabeten, die kaum mehr die Wurstsemmelbestellungen ihrer Vorarbeiter zu lesen imstande sein sollen.

Und das Bundesheer! Von der Grenzsicherung 1956 zum Raumverteidigungskonzept, dann wieder der Katastrophenschutz oder der Auslandseinsatz, einmal Elitetruppe, dann Milizheer, dann beides, mal Hü mal Hott, jetzt wieder Heerschau am Heldenplatz und Ordnerdienst an der Grenze.
Nach all den gegenläufigen Doktrinen stehen wir vor einer dem Schulwesen nicht unähnlichen Situation: Jeder würde was anderes ändern aber alle sind sich einig, dass der Ist-Zustand erbärmlich ist.

Die Liste könnten wir beliebig verlängern: Steuerreform, Pensionsreform, Reform der Marktordnung, des Gewerberechts, der Verfassung

Reform leitet sich aus dem Lateinischen re (zurück) und formatio (Gestaltung, Wiederherstellung) ab, was die bisherige Erfahrung massiver Rückschritte nach erfolgreichen politischen Reformanstrengungen sehr gut  umschreibt.
Wer nach einer Reform brüllt, möchte i.d.R. seinen verloren gegangenen oder noch nie besessenen Einfluss auf die Vorgänge (wieder)gewinnen, nicht mehr und nicht weniger. Mit der Sache hat das einmal gar nichts zu tun.

Man prüfe also ernsthaft die Beweggründe jener, die am lautesten nach Reformen brüllen.
In vielen Fällen geht es nicht um Weiterentwicklung sondern um Rückführung in den eigenen Machtbereich.

Es bestand keine Notwendigkeit die Umlageverfahren des Pensionssystems in eine Anspar-(Kapitaldeckungs-)system zu verändern, hätte man nicht diesen Bereich nicht mit voller Absicht für private Investoren öffnen und die freiwerdenden Gelder nicht in den Kasinokapitalismus überführen wollen (Haben Sie die Revolution verpasst? Die lautlose Diktatur des globalisierten und deregulierten … http://wp.me/p1kfuX-l1).

Natürlich kann man eine öffentliche Gesundheitsversorgung sowohl über ein Hausarztsystem und niedergelassene Fachärzte als auch über Primärversorgungszentren und nachgeschaltete Krankenhäuser mit Terminambulanzen organisieren,
aber nicht durch ein rasch durchgepeitschtes Gesetz und innerhalb von ein bis zwei Jahren, außer man bezweckt hier Machtverschiebungen und Klientelpolitik. Die Bereitstellung von für die verschiedenen Systeme adäquat ausgebildeten Protagonisten dauert mindestens eine halbe Berufsgeneration.
Wenn gleiche Spielregeln für alle Beteiligten herrschen und eine kostendeckende Refundierung ohne Quersubventionen herrscht, ist es vermutlich unerheblich, ob es sich um öffentliche oder private Krankenanstaltenbetreiber handelt,
aber nicht, wenn Gesundheitsbehörden aus politischen Motiven immer mehr private Anbieter genehmigen, deren kostenpflichtige Komplikationen dann im öffentlich finanzierten System aufgefangen werden.

Insbesondere in Systemen mit zunehmend knapperen Ressourcen ist weniger die Art des gewählten Systems ausschlaggebend als die Regeln nach denen das System zu funktionieren hat oder hätte.

Um bei dem eingangs gewählten Beispiel zu bleiben: China zeigt es (mit massiven Kollateralschäden) seit fast drei Jahrzehnten vor, dass es die Spielregeln und nicht das System selbst sind, die den Kurs einer Gesellschaft bestimmen.
Oder hat dort irgendwer die KPCh abgeschafft?
Es kam zur Modernisierung der Landwirtschaft, der Industrie, der Verteidigung sowie der „Wissenschaft und Technik“, (https://de.wikipedia.org/wiki/Vier_Modernisierungen) aber das Einparteiensystem der kommunistischen Partei Chinas blieb unangetastet.
Ich halte das persönlich für nicht für so prickelnd und hätte 1988 vor Ort viel Geld verloren, wenn man mit mir gewettet hätte, ob das System gut gehen könnte, aber das Beispiel zeigt dreierlei:

  1. Es ist ein Irrtum, wenn man uns glauben macht, dass man immer das System ändern muss, wenn man etwas verbessern möchte
  2. Wenn die Mächtigen selbst von permanenten Reformen sprechen, geht es um Machtkämpfe und hat mit der Sache nichts zu tun.
  3. Auch ich kann mich irren.

 

Lassen Sie sich nicht von denen Sand in die Augen streuen, die ihnen neue (Heils-)systeme anbieten, sondern hinterfragen Sie welche aktuellen Probleme im Gesundheitswesen vorrangig durch die Reformen angegangen werden sollen:

Mangel an Pflegekräften
Mangel an Ärzten
Wartezeiten
Fehlende Empathie
Fehldiagnosen, -behandlungen
Kunstfehler
Kosten, …

Dann hinterfragen Sie, weshalb es zu diesen Phänomenen, so es einen Beweis für ihre wirkliche Relevanz gibt, im derzeitigen System kommt:

Mangel an Pflegekräften: Bezahlung ?, Arbeitszeiten ?, Wertschätzung ?, fachfremde Bürokratie, Kosten der Ausbildung (FH!) ?, …
Mangel an Ärzten: Bezahlung ?, Arbeitszeiten ?, Wertschätzung ?, fachfremde Bürokratie ?, Attraktivität des Auslands ?, Ärztemangel: Nimmst Du’s mir, so nehm‘ ich’s Dir – eine Art Viele-Jahre-Rückblick http://wp.me/p1kfuX-Sw
Wartezeiten: siehe oben, Deckelungen, Niederlassungsrecht, ….
Fehlende Empathie: Auslastung mit fachfremder Bürokratie ?, falsche Berufsselektion ?, …
Fehldiagnosen, -behandlungen: Ausbildungscurricula, personelle Ausdünnung,
Kosten: Die verlogenen Finanzierung der Medizin: Was lange gewährt bricht endlich weg http://wp.me/p1kfuX-Jt
, …

und schließlich lassen Sie sich erklären, weshalb diese Probleme nun im brandneuen Reformprojekt mit einem mal nicht mehr auftreten werden.

 

Written by medicus58

25. Oktober 2015 um 12:59

4 Antworten

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  1. Gut geschrieben – beifallklatsch.

    Aber was machen wir konkret, um die aktuelle Situation für uns (Arzt + Patient) positiv zu verändern?
    Vielleicht kann ich ja den Janßen kommenden Dienstag dazu befragen, wenn er über „Agenda Gesundheitsreform in den D-A-CH-ländern“ spricht.
    Btw: Hast du ein kleines Banner/Logo, das man etwas prominenter zum Verlinken deines Blogs platzieren/verteilen könnte?

    Hansi

    25. Oktober 2015 at 13:45

    • ad Arzt+Patient: Mir fällt nicht sehr viel mehr dazu ein, als das was ich seit Jahren hier schreibe: Meine Sicht dazu
      ad Janßen und DACH-Reform: Glaube kaum dass sich hochbezahlte Mietmäuler politischer Interessen durch eine Auseinandersetzung mit diesen Gedanken ihrer Posten berauben werden. Als konkrete Frage würde ich aber vorschlagen, welchem Konzept denn dadurch Genüge getan werden soll, eine Abteilung, konkret die Thoraxchirurgie aus dem OWS, in ein frühestens 2017 zu besiedelndes KH (KH Nord) einzusiedeln und jetzt schon festzulegen, dass sie einige Jahre später wieder umziehen muss (ins SMZO).😉
      ad Banner: Nein, habe mir noch keine Gedanken über eine Trademark gemacht …

      medicus58

      25. Oktober 2015 at 13:58

      • Hast natürlich recht gehabt, muss ich gestehen.
        Anfangs erzählte Guido Offermanns über Qualitätsbemühungen in D, wobei einer der Hauptschlüssel Fallzahlen waren.
        Beeindruckend war für mich im Anschluß die Darstellung des Projekts Hochspezialisierte Medizin (SHM) in der Schweiz durch Ernst Wolner. Nicht nur wegen der Sache an sich (wie schitern ja auch am 15a), sondern auch wegen der Person und seiner klaren und handfesten kommentare zu anderen Themen.

        Der Abschluß der Vorträge durch Undo Janßen musste dagegen natürlich etwas abfallen. Er zeigte aber trotzdem in nachhaltigen Bildern, wo die Probleme im KAV und KAV-Kundenbereich liegen und er verdeutlichte und begründete mit vielen Grafiken die Notwendigkeiten und Zusammenhänge, warum der aktuelle Weg der eingeschlagen wurde.

        Wie schon oben gesagt – besonders beeindruckend waren für mich die Verbalwatschen, die unsere ehem. oberster Sanitätsrat in der Abschlussdiskusion ausgeteilt hat. Angefangen mit „Das haben wir schon vor 15 Jahren gesagt und bestimmt haben auch 15 Jahre davor andere Leute schon das Selbe gesagt“, …

        Was mir auch länger in Erinnerung bleiben wird ist der Umstand, dass der KAV-Chef zu diesem Vortrag ohne eine einzige Folie gekommen ist. Hey – so eine auch für mich einsichtige Darstellung wie ein leeres Beamer-Bild hab ich schon lange nicht mehr erleben dürfen.

        Hansi

        28. Oktober 2015 at 11:13

  2. Christine Kainz

    8. Dezember 2015 at 10:38


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