Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Dem Wiener Gesundheitssystem droht der Kollaps

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Wien kämpft Wahl,
aber dieser hier zitierte Ausspruch kommt nicht von der „revolutionstrunkenen“ blauen Opposition sondern aus der SPÖ-dominierten HGII der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten und aus 2011. Der Folder lässt sich augenblicklich noch immer auf deren Server finden (http://www.hg2.at/files/262/) wie lange noch, hängt vermutlich davon ab, wie viele Rote diesen Blog lesen.

Damals erhob die Gewerkschaft die Streikbereitschaft ihrer Mitglieder, und Kurt Felber, Personalvertreter aus dem Donauspital – Sozialmedizinisches Zentrum Ost wurde zitiert:
„Ich denke, dass alle Bediensteten die Protest-Befragung nutzen werden.
Der nicht endende Kürzungswahn und die damit einhergehenden Gefahren für Belegschaft und Patienten lassen gar nichts anderes zu“.

Als sich im Frühsommer 2015 die Mehrheit der KAV Ärzte für einen Streik aussprach, weil sich all das, was die Gewerkschaft noch 2011 vollmundig kritisiert hat, fortgesetzt und verschlimmert hat, machten die Kollegen rasch Mauer und man hörte:

Ein Streik im Gesundheitsbereich kommt für die Gewerkschaft nicht in Frage
Ärztearbeitszeiten oder die Welt des ÖGB (http://wp.me/p1kfuX-Z7Genossen )

Schweigen sogar im ureigensten Bereich der Gewerkschaft, dass es kaum wo die seit Juli (!) notwendigen Vereinbarungen mit der Personalvertretungen zum neuen Arbeitszeitmodell gibt …

Wien kämpft Wahl,
und da wird notfalls geknebelt, gedroht und mit Klage gedroht, um den scheinbaren Glanz des Potemkinsche Spitalssystems dem Wähler noch eine Regierungsperiode vorzuspielen:

Die Potemkinschen Spitäler
http://wp.me/p1kfuX-n8
Nun gibt die Politik die Potemkinschen Spitäler langsam zu, schiebt aber Verantwortung auf Ärzte http://wp.me/p1kfuX-Br

Im Hintergrund entpuppt sich das Spitalskonzept 2030 und die „wehsentliche“ Wandlungen seiner Produktdeklaration“ (http://wp.me/p1kfuX-K9) als reiner Kahlschlag mit Abteilungsschließungen, Personal- und Leistungsreduktion.

Der letzte große Coup, das neue Dienstzeitmodell, von dem (Noch?-)Stadträtin Wehsely und (Noch?-)Generaldirektor Janßen unermüdlich trommelten, dass es
zu mehr Tagespräsenz und ausgeweiteter Leistungsbereitschaft untertags führen wird, hat sich offenbar zum Megabauchfleck entwickelt.

Die Überstunden explodierten,
die Kosten sind höher als angenommen,
die Tagespräsenz ist zum Teil geringer als vorher,weil das System so unflexibel ist, dass arbeitswillige und arbeitsfähige Ärzte in den Zwangsurlaub geschickt werden müssen, um den Vorgaben zu folgen und allein die Diensteinteilung mehr als doppelt so lange dauert als bisher, weil vernünftige Softwaretools erst für 2016 angekündigt sind.

Verkürzt kann man sagen, dort wo arbeitstäglich mehr Ärzte anwesend sind, beschäftigen sie sich mit der Diensteinteilung und allen Fallstricken und nicht mit der Patientenversorgung, bravo!

Und wie reagieren die Verantwortliche?
Erkennen Sie, dass all die Berechnungen ihrer teuer eingekauften Beraterfirmen falsch waren, was ihnen übrigens mehrfach vorausgesagt wurde?

Natürlich nicht.

Dass ich in den Kollaps laufe,
wenn ich gleichzeitig eine Studienreform, eine Spitalsreform, eine Dienstrechtsreform und eine Reform der postpromotionellen Ausbildung ausrolle,
die jungen Ärzte durch eine miserable Ausbildung und unklare Zukunftsaussichten und die älteren Ärzte durch unerträgliche Arbeitsbedingungen (Oberärzte schlafen eh nur im Nachtdienst) verjage und
ein Dienstzeitmodell austüftle, dessen erste Prämisse ist die ärztliche Arbeitsleistung weiterhin so billig wie möglich zu bekommen und deshalb wahlweise in Arbeitsstunden, Arbeitstagen und Durchrechnungszeiträumen rechne,
leuchtet nicht zuletzt dem sprichwörtlichen Milchmädchen ein.

Wien kämpft Wahl

Nach außen wird gemauert und wie wild Inserate geschaltet, nach innen hört man nur Gebrüll aus dem Stadträtinnenbüro, vernimmt unverhohlene Drohungen vom Generaldirektor, wenn man ihn auf diese inneren Widersprüche aufmerksam macht und hat an der Basis völlig den Überblick verloren, wie viele Labors, Bettenstationen und Fächer im KAV geschlossen werden. Weisungen werden mündlich mitgeteilt, weil man weiß ja nicht, ob und wer letztendlich dazu stehen muss.

Es werden fieberhaft Schuldige für das eigene Managementersagen gesucht, weil es natürlich ein Organisationsversagen Nachgeordneter darstellt,
wenn sich zwar die gesetzlich maximal mögliche Ärztearbeitszeit von 72h auf 48h reduziert,
freiwerdende Stellen von der Zentrale nicht nachbesetzt werden,
Diensträder gestrichen werden,
die versprochenen flankierenden Maßnahmen (PHCs, Notaufnahmen, ….) Hirngespinste bleiben,
und die bisherige Leistungen nicht mehr erbracht werden können.

Schuld sind die Soldaten, niemals die Generäle.

Wer zum chaotischen Rückzug nicht Frontbegradigung, pardon Schwerpunktbildung, sagt, der baumelt.

PS: Ich habe hier kürzlich einen Schulterschluss zwischen Ärzten und einer neuen Vertretung der Pflege verlangt und darf nun vermelden, dass genau das Asklepios plant:

Wir planen daher mit CareRevolution unter dem Motto „Gemeinsam für Transparenz und Mitbestimmung, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal sowiegerechte Löhne“ eine gemeinsame Demonstration von Ärzten und Pflege am 5.10. 2015 16 Uhr (Treffpunkt MQ) um auf die Auswirkungen der aktuellen Veränderungen im Gesundheitswesen aufmerksam zu machen.

Written by medicus58

16. September 2015 um 18:54

2 Antworten

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  1. Liebe/r Medicus 58. Verfolge schon lange die ausgesucht guten Analysen und Kommentare. Diese ist wohl einer der Besten, da die Probleme und Fallstricke genau auf den Punkt gebracht werden. was sich seit 1/2 a bereits und in letzter Zeit vermehrt abspielt, v.a. im KAV und gegen die bereits einige Kollegen ( und nicht nur Asklepios) in den Häusern durch privaten Aktionen ankämpfen. Habe mir auch erlaubt, die Plakate der ungeliebten hgII (Jonak habe ich schon priv. kennen gelernt) auf den Desktop zu holen, sollten sie in der GdG aus Scham (da aktuell wie 2011) gelöscht werden. Vielen Dank!

    Dr. Silvia Wogritsch

    16. September 2015 at 22:48

    • Danke für die netten Worte.
      Die Rache des Journalismus ist das Archiv. Robert Hochner (Kurzzeitchefredakteur der Arbeiterzeitung)

      medicus58

      17. September 2015 at 08:00


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