Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Mögen Sie Flüchtlinge?

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draht

Vorab,

für mich ist es ein Skandal, wie Österreich bisher in der „Flüchtlingsfrage“ agiert hat und ich erwarte für den nicht unbeträchtlichen Teil meines Einkommens,
den ich an diesen Staat abliefern muss, dass er einen rechtsstaatlichen und humanitären Umgang mit Menschen garantiert, die hier um Asyl ansuchen oder/und einwandern wollen, egal ob sie das zu Recht oder zu Unrecht tun.
Weiters weiß ich aus eigener vor Ort Erfahrung, dass ein Großteil der Menschheit gute Gründe hätte, nach Europa auszuwandern, aber es in der Regel nur bestimmte Gruppen auch versuchen bzw. schaffen, und das nicht immer die Ärmsten und Bedürftigsten sind.

Letztendlich steht es für mich außer Streit, dass Flüchtlinge (http://www.unhcr.at/mandat/questions-und-answers/fluechtlinge.html) völkerrechtlichen Schutz zu erhalten haben.
Nicht aus Nächstenliebe, Gnade oder kurzfristiger Gefühlsaufwallung, sondern, weil es sich bei diesem Recht um eine wesentliche unserer Gesellschaft handelt.

Bei der augenblicklichen Welle der Hilfsbereitschaft von Teilen der Zivilbevölkerung und der Politik , sowie den flammenden Appellen in Kirchen und Parlamenten frage ich mich aber, ob auch jeder,
der sich jetzt freudig seiner überschüssigen Decken oder Wasserflaschen entledigt, klar ist, dass Flüchtlinge naturgemäß auch Teile ihres bisherigen Umfelds mitbringen, das mitunter nicht ganz kompatibel mit der Gesellschaft sind,
die wir uns mit viel Blut und Opfer in Europa erkämpft haben.

Sollen wir den anerkannten Flüchtlingen das Recht geben, ihre Mädchen zu beschneiden, weil das in ihrer bisherigen Heimat so Sitte war?
In sieben Ländern – in Dschibuti, Ägypten, Guinea, Mali, Sierra Leone, Somalia und im Norden des Sudan – ist die Praxis fast flächendeckend verbreitet: Über 90 % der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind dort beschnitten. Die Infibulation (Typ III) ist insbesondere in Dschibuti, Eritrea, Äthiopien, Somalia und Nordsudan verbreitet, in Dschibuti und Nordsudan ist mehr als die Hälfte der Frauen, in Somalia sind etwa 80 % der Frauen von diesem Eingriff betroffen. Außerhalb Afrikas ist bisher der Jemen das einzige Land mit Beschneidungspraxis, für das die Verbreitung statistisch erfasst wurde: 22,6 Prozent der 15- bis 49-jährigen Mädchen und Frauen sind betroffen. Indizien deuten darauf hin, dass die Beschneidung weiblicher Genitalien in Syrien und dem West-Iran präsent ist. Weiter ist die Praxis für das irakische Kurdistan, für Teile des übrigen Irak, für kurdisch besiedelte Regionen in der Türkei,für das nördliche Saudi-Arabien und südliche Jordanien, für Beduinen in Israel, für die Vereinigten Arabischen Emirate, für muslimische Gruppen in Malaysia und für Indonesien (primär auf den Inseln Sumatra, Java, Sulawesi, Madura, vorwiegend Typ I und IV) dokumentiert.
https://de.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Genitalverst%C3%BCmmelung#Afrika

Vermutlich würden Sie jedem Afghanen und Pakistani Flüchtlingsstatus zubilligen, wenn er nachweisen kann, dass er von den Taliban verfolgt wurde. Woher wissen Sie aber, dass er nicht auch Taliban, eben einer der anderen Fraktion war?
Sie beide heißen Taliban
, doch die Islamisten in Afghanistan und Pakistan kämpfen auf unterschiedlichen Seiten. Das Schulmassaker in Peschawar verschärft die Rivalität zwischen den beiden Gruppen.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-schulmassaker-verschaerft-rivalitaet-der-taliban-a-1009029.html

Sollen wir anerkannten Flüchtlingen aus islamischen Ländern das Recht zubilligen, die Scharia über das nationale Recht zu stellen?
In Sub-Sahara Afrika stellt über die Hälfte der Menschen die Scharia über nationales Recht, in Niger sind es sogar 86%, in Djibouti 82%,  in der Demokratischen Republik Kongo 74% und in Nigeria 71%.

sharia
http://www.pewforum.org/2013/04/30/the-worlds-muslims-religion-politics-society-beliefs-about-sharia/

Und schließlich steht es wohl außer Frage, dass syrische Flüchtlinge vor den Barbaren des Islamischen Staats flüchten, oder?
Das Land ist in die Herrschaftsgebiete verschiedenster Fraktionen zerfallen, die sich zum Teil untereinander bekämpfen. Geht irgendwo ein Palast in die Luft, wird das in unseren Medien stets vermeldet, wenige Medien sprechen aber über die anderen Gruppen:
Syrisches Regime: Zuerst Stillhalteabkommen mit IS, jetzt auch Gefechte zwischen Regime und IS.
Freie Syrische Armee: Dachverband verschiedenster Rebellengruppen von der Türkei und USA unterstützt. 
Islamische Front: Dachverband Aufständischer, die einen islamischen Staat errichten wollen, von Saudiarabien und Golfmonarchien unterstützt.
Jabhat al-Nusrah: kooperiert zum Teil mit der Islamischen Front, offizielle Vertretung des Terrornetzwerkes al-Qaida
Islamischer Staat (IS): „Kalifat“, dass sich bis in den Irak zieht. Zu Beginn mit Unterstützung des Regiems gegen anderen syrischen Rebelleneinheiten, jetzt gegen alle; angeblich auch anfänglich von Türkei unterstüzt
Volksverteidigungseinheiten (YPG): Kurden, die für einen unabh. Kurdistan kämpfen
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4809036/Syrien_Ein-Burgerkrieg-ohne-Ausweg

Wir wollen gar nicht so bösartige Fragen stellen, wie nach der Bereitschaft für eine freiwillige Abgabe zur Abdeckung der Integrationskosten (Sprachkurd, Verfahren, Unterstützungen, Umschulungen, Nostrifikationen, …),
nach Ihrer Präferenz sich in die Hände eines nostrifizierten nigerischen Arztes oder Rechtsanwalts zu begeben oder
ob Sie Ihrer minderjährige Tochter die Erlaubnis geben würden, ihren 40-jährigen afghanischen Verlobten zu ehelichen… (http://fotodesjahres.unicef.de/foto_-2008/2007/index_2007.htm)

Es ist eine Illusion, dass Menschen nicht Teile ihrer bisherigen Probleme und Überzeugungen mitbringen und ich vermisse eine offene Auseinandersetzung, wie wir mit diesen Herausforderungen umgehen.
Nochmals, dies alles sind keine Gegenargumente gegen das Asylrecht für Flüchtlinge, aber Fragen, denen wir uns rechtzeitig stellen sollten, weil wir sie uns nicht ersparen können.

 

PS: Am 2.9.2015, also am Tag nachdem ich diesen Beitrag schrieb lief das auf ZDF:
Ein Staat – zwei Welten?
Wie die etwa 800.000 Flüchtlinge in die Gesellschaft integriert werden, ist eine Frage unserer Zukunft. Werden sie in Parallelwelten abtauchen oder lernen, unser Wertesystem zu akzeptieren?

http://www.zdf.de/zdfzoom/ein-staat-zwei-welten-einwanderer-in-deutschland-39881050.html

Written by medicus58

1. September 2015 um 19:40

7 Antworten

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  1. Ich kann gar nicht sagen, wie oft mir dies alles schon durch den Kopf ging. Ich denke dabei an meine Enkelkinder. In wen werden sie sich verlieben…
    „Rat mal, wer zum Essen kommt“ mag einen auf der Kinoleinwand zwar erheitern, aber ist man dem auch im realen Leben „gewachsen“?…
    Probleme sind da leider oft schon vorprogrammiert.

    Christine Kainz

    1. September 2015 at 22:10

    • Ich denke mir bei den Demonstranten (https://www.flickr.com/photos/egm/sets/72157658046636785/) immer, ob sie sich jemals ein Bild von den Weltgegenden gemacht haben, aus denen diejenigen kommen, die sie hier so freudig begrüssen. Es ist sicher auch ein Generationenkonflikt den wir hier in Österreich erleben, zwischen den Jüngeren, die die Schengen-Grenzen öffnen wollen und den Älteren, die sich die nationalen Grenzen wieder herbeiwünschen. Mit meinem Beitrag wollte ich nur ein paar Überlegungen anregen, dass Menschen die vor bestimmten Gesinnungen, die wir auch hier ablehnen, flüchten, nicht notwendigerweise mit unseren gesellschaftlichen Vorstellungen harmonieren müssen. Konkret würde so mancher pakistanische oder afghanische Vater seiner Tochter verbieten so auf die Straße zu gehen, wie es vorgestern die Demonstrantinnen taten, die ihn so freudig begrüssen …
      Aber vielleicht sind wir eben beide einfach nur zu alt😉
      PS: Die Letztauflage von „Rat mal, wer zum Essen kommt“ ist übrigens „Monsieur Claude und seine Töchter“

      medicus58

      2. September 2015 at 11:38

  2. Wenn die Flüchtlingskinder eingeschult werden, und die Erwachsenen Deutsch lernen, kann man *unser* Wertesystem (UN-Charta) vielleicht dabei vermitteln. Immerhin hört man auch oft, dass viele unbedingt arbeiten wollen, um etwas zurückgeben zu können (wie neulich in einem Bericht in der ARD gehört), z.B. als Busfahrer oder als Arzt. Ist ja nicht so, dass sie nichts tun wollen. Da wird auch ein zu negatives Bild transportiert.

    Forscher

    7. September 2015 at 02:07

  3. Florian Klenk (Chefredakteur FALTER) im Gespräch mit Thomas Fischer (Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, Autor für DIE ZEIT), Dienstag, 29. September 2015, 18.00 Uhr, Bezirksgericht Meidling, 1120 Wien, Schönbrunner Straße 222-228, Stiege 3, 5. Obergeschoß.
    Anmeldung erbeten: bgmeidling.laedt.ein@gmail.com
    Die Veranstaltung wird unterstützt von: FALTER, SOS Mitmensch, Verein Ute Bock, Kunstverein Wien Alte Schmiede, Nationalfonds der Republik Österreich, Zukunftsfonds der Republik Österreich.

    Christine Kainz

    22. September 2015 at 14:28


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