Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Zur Problematik demokratisch gewählter Interessensvertretungen am Beispiel der ÄK

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Wahl

Aus den Rückmeldungen zu meinem letzten Eintrag über den Wiener Kammeramtsdirektor (Präsidenten kommen und gehen, der wirkliche Strippenzieher der Ärztekammer bleibt. http://wp.me/p1kfuX-107) könnte man schließen, dass sich einige Ärzte noch sehr wenig mit der Binnenstruktur ihrer Vertretung auseinandergesetzt haben. Sollte ich hier ein bisschen etwas in Gang gesetzt haben, würde es mich freuen. Heute jedoch ein CAVEAT:

Ehe nun jeder seine eigene „Partei“ und „Gewerkschaft“ gründet, möchte ich noch ausführen, dass es nicht zuletzt der letzte Führungswechsel an der Kammerspitze war, der die Tragödie der letzten Monate endgültig zur Farce gemacht hat.

Weshalb ich von Farce spreche?
Allein das Auf- und Abdrehen diverser, mit unserem Geld finanzierter Homepages (Die Ärztekammer hat schon den Maulkorb übergestreift http://wp.me/p1kfuX-105), zeigt die PR-technische Planlosigkeit unserer Standesvertretung.

http://notstandspital.at/ bleibt entsprechend des verhandelten Stillhalteabkommens geschlossen, http://schuetzenwirunserespitaeler.at/ war gestern kurz wieder online, so wie es Szekeres versprochen hat, heute ist sie down, und man liest dort:

Es ist am 01. Juli 2015 zu einer Einigung gekommen, die wir durch die hier veröffentlichten Artikel der letzten Monate nicht aufs Spiel setzen wollen.

Dafür feuert die Kurie der Niedergelassenen Ärzte (Steinhart) aus allen Rohren.

Aber Achtung, nicht jede kommunikative Dissonanz ist ausschließlich durch Dummheit oder Korruption der Spieler erklärbar, viel häufiger entlarvt sie gegenläufige Interessenlagen unterhalb der Oberfläche.

Primär einmal völlig unabhängig vom Charakter der beteiligten Personen, können Interessensvertretungen nur funktionieren, wenn ihre (Zwangs-)Mitglieder gemeinsame Interessen haben. Schon allein die vom Gesetzgeber festgelegte Kurienaufteilung der Ärztekammer plus des in Österreich in fast allen Problemzonen lähmenden Föderalismus (die ÖÄK hat viel weniger Geld und Einfluss als einzelne Bundesländer-Kammern) lähmen (absichtlich?) jedes konstruktive Vorgehen.


Mein Vorschlag:

Solange das extra- und intramurale Gesundheitssystem weiterhin nicht aus einer Hand finanziert wird, sehe ich nicht ein, weshalb sich die an den jeweiligen Fronten tätigen Ärzte zwischen den Mühlsteinen der jeweiligen Partikularinteressen ihrer Vertreter zermahlen lassen sollen. Die Zahnärzte haben es uns vorgemacht. Wenn wir angestellte und niedergelassene, wir Kassenvertrags- und wir Wahlärzte schon in eine Kammer gepresst werden, dann sollten wir nur noch Vertreter wählen, die ihre Position nicht durch das Schüren von Grabenkämpfen zwischen den Gruppen zementieren.

Eine Kammer, die aus politischer Räson Homepages schließt, auf der die Patienten aufgefordert werden die Unzulänglichkeiten im Spitalswesen aufzuzeigen, aber Tage nach einem bejubelten Abschluss (Honorarsteigerung 4%) mit der Gebietskrankenkasse
(http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20150629_OTS0164/durchbruch-bei-honorarverhandlungen-zwischen-wgkk-und-aerztekammer)
die Homepage (https://gesundheitistmehrwert.at/) weiter betreibt, auf der sie Patienten ausdrücklich zu Kritik und zu einem JA ZUR WENDE IM KRANKENKASSENSYSTEM! auffordert, entlarvt nicht nur ihre wahre politische Absicht sondern hat völlig zu Recht jede fachliche Autorität als Anwalt der Patienten verspielt.

Wer ein derart dissonantes Bild der Öffentlichkeit kommuniziert, hat das viele Geld an verschiedene PR-Berater völlig sinnlos beim Fenster hinausgeworfen.
Wir erinnern uns an den März 2015, da hatten wir das schon einmal: Wiener Ärztekammer: vorübergehend geschlossen? http://wp.me/p1kfuX-Vb

Die eine Seite des Dilemmas besteht also darin, dass es den handelnden Vertretern schon strukturbedingt schwer gemacht wird, eine für die gesamte Ärzteschaft produktive Entwicklung zu verhandeln. Je länger gewählte Vertreter sich in diesem System eingenistet haben, desto eher werden sie Intrigenspiel beherrschen, sich selbst zu erhalten. Die Lösung, also die regelmäßige Abwahl dieser Dinosaurier, führt aber paradoxerweise zu einer Verböserung, weil sie eben genau diese Personen, wie den hier vorgestellten Kammeramtsdirektor noch viel mächtiger werden lässt, als es ihnen innerhalb der geplanten Struktur zusteht. Vielleicht kommen wir irgendwann einmal auf den einen oder anderen Sektionschef im Gesundheitsministerium zu sprechen, dessen Einfluss auf viele Entwicklungen im Gesundheitssystem (ELGA, GuK, …) den aller Bundesminister der letzten Jahre in den Schatten stellt….

Aber zurück zur ÄK:
Durch die Trägheit des Systems lassen sich Wechsel an der Kammerspitze dann auch nur durch sehr kühne Konstruktionen schmieden, solche die gerade Präsident Szekeres auf den Kopf fallen.

So guter Absicht können die „Frischen“ gar nicht sein, dass sie bei ihrer erstmaligen Konfrontation mit ihrem seit Jahren die Verhandlungen für die Gegenseite führenden Kontrahenten nicht scheitern. Ich kann mich noch an „mein erstes Mal“ erinnern, wo ich ob der Unverfrorenheit des Vorgehens aller Beteiligten nachhaltig schockiert war, wobei ich auch schon vorher auf manchen Verhandlungstisch geschlagen habe.
Das ist aber die wahre Stunde der Kammeramtsdirektoren, Sektionschefs, Sekretäre, Berater … etc. , die Basis ihrer Macht.
Sie sind die einzigen, die einem hier, weil sie eben schon die x-te Verhandlungsrunde erleben, vor Schlimmem bewahren können oder eiskalt anrennen lassen. Es dauert dann immer einige Zeit, bis man realisiert, dass das Verhandlungsergebnis, das mühsam innerhalb von stundenlangen Verhandlungen erzielt wurde, zufälligerweise das ist, das in den Gesamtplan passt, auch wenn es dann viele Jahre Nulllohnrunden, degressive Tarife und nicht einmal Indexanpassungen für ärztliche Leistungen gibt.

Das „fatale Requisit„, um im Bild der Tragödie zu bleiben, ist einfach das Missverhältnis an Informationsgrad zwischen „den Alten“ und „den Jungen“, den Gewählten und den System.
Somit führt der prinzipiell wünschenswerte demokratische Wechsel in undemokratischen und intransparenten Strukturen zu undemokratischen und unerwünschten Ergebnissen; in jeder Verhandlungssituation, nicht nur in der ÄK.

Für mich persönlich sind Kammerfunktionäre, die der eigenen Kammer und der gesamten angestellten Ärzteschaft so in den Rücken fallen, wie die drei im Zusammenhang mit dem KAV-Pakt genannten, nicht mehr wählbar (den Originaltext, so wie er KAV-intern bekannt wurde möchte ich hier bewusst nicht zitieren), aber ehe wir nun alle nacheinander uns zur Wahl aufstellen (Keine Angst, ich beabsichtige dies für meine Person sicher nicht), sollten wir uns wirklich etwas näher mit den strukturellen Problemen unserer Kammer auseinandersetzen, um von der Tragödie wieder in ein Lustspiel wechsel zu können:

Bedingungen, unter denen wir unseren Beruf gerne ausüben

Strukturen und Mandatare, sollten, neben ihres formal-demokratischen Zustandekommens, nach folgenden weiteren Kriterien bewertet werden:

Transparenz

Offenlegung der eigenen Interessenlage

Solidarität mit allen vertretenen Gruppen

Verhandlungsexpertise

Written by medicus58

8. Juli 2015 um 17:28

4 Antworten

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  1. normalerweise viele gscheite sachen hier gelesen – aber das ist ziemlicher mist…

    was sich mit dem abschluss nämlich geändert hat:
    -vorher wollten wir die mängel im KAV GEGEN die Stadt verwenden und aufzeigen.
    -jetzt wollen wir sie MIT dem KAV lösen

    dass da einige Kommentare der letzten Zeit auf webseiten die druck ausüben sollten nicht mehr passen find ich nur verständlich

    wspbrauchtmehrleute

    8. Juli 2015 at 19:03

    • Ihrer Meinung nach haben Argumente bereits vor der Problemlösung ein Ablaufdatum?

      medicus58

      8. Juli 2015 at 21:30

  2. gut geätzt ist noch keine politik gemacht.
    yessir, dass die seiten offline gingen ist blöde politik der kammer
    yessir, die strukturen der ÄK sind beklagenswert undurchsichtig
    yessir, der kammeramtsdirektor ist ein zentraler machtposten.

    was genau falsch dran sein soll, ins stocken geratene verhandlungen wieder in gang bringen zu wollen, weiss ich nicht. wer sich auf einen streik gefreut hat und damit den KAV / die wehsely / die ÄK oder wen auch immer IN DIE KNIE ZWINGEN wollte, hat entweder doch noch ned auf so viele verhandlungstische geklopft bzw vermutlich noch nie versucht, ärztliche interessensvertretungspolitik jenseits der blanken randale zu machen: für ein NEIN kriegts jede menge unterstützung, für ein SO kriegst den verräterbonus.

    ich würde meinen, wer so brilliant die aktuellen probleme des gesundheitssystems im allgemeinen und des KAV im besonderen analysiert, sollte kene angst haben, sondern für die nächste ÄKwahl kandidieren. vor den vorhang !! bravo !!

    wspbrauchtwenigerpatienten

    8. Juli 2015 at 19:34


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