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Ärzteausbildung: Selbst der Billa beruft sich auf den Meisterbäcker

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Pfeiferl

Seit Tagen läuft ein Werbespot in dem einer etwas blässlichen, namenlosen Semmel der Eintritt in die BILLA-Filiale verwehrt wird, weil man sich ihrer Qualität nicht sicher sein kann, da sie schließlich nicht von einem Meisterbäcker stammt.
Beim Essen scheint also selbst im Supermarkt allen klar, dass nix Genießbares rauskommen kann, wenn ein Semmerl von Ökonomen, Politikern und Versicherer geknetet wurde. Bei der Ärzteausbildung sind wir hier weniger wählerisch.

Das, was nun der Kammertag der Österreichischen Ärztekammer verabschiedet hat (http://derstandard.at/2000017723893/Aerztekammer-stimmt-Aerzteausbildung-zu), ist nur zum geringsten Teil das Produkt der Meister, also der Fachärzte der jeweiligen Sonderfächer, sondern das, was die sogenannte Artikel 44 Kommission im Bundesministerium wollte und die Kammerfunktionäre nicht verhindern wollten (oder konnten).

Die Basisausbildung für alle sichert einmal, dass bis nächstes Jahr konservative und chirurgische Fächer genügend „Weißmäntel“ bekommen. Die Lehrziele strotzen vor Gemeinplätzen,so dass damit jede Abteilung auch des kleinsten Landspitals den Anschein von anwesenden Ärzten erwecken kann. Was sie dabei lernen sollen, was sie nicht ohnehin schon im KPJ gesehen haben, bleibt eines der Mirakel dieses Meilensteins.

Die danach unbedingte Entscheidung für Allgemeinmedizin oder für ein bestimmtes Fach, kanalisiert zwangsweise mehr Ärzte in die Allgemeinmedizin, weil es sich um einen ziemlichen Glückstreffer handeln muss, dass gerade die Ausbildungsstelle in meinem Wunschfach vakant ist, wenn ich die 9 Monate Basisausbildung hinter mir habe. Der früher mögliche Übertritt während der Ausbildung zum Allgemeinmediziner in ein bestimmtes Fach, soll nun explizit nicht mehr möglich sein. Da waren schon alle inkl. der Spitalserhalter dahinter, weil sie einem fertigen Praktischen Arzt in der Facharztausbildung einfach mehr zahlen müssen als einem frischer Studienabgänger! Aber auch der Hauptverband wünscht sich weniger Fachärzte, schließlich kommt ihm – trotz lächerlicher Refundierungen in beiden Fällen – der Besuch beim Allgemeinmediziner auch billiger als beim Facharzt.

Das Streichen der Gegenrotationen ist ebenfalls ein Kniefall unserer Kämmerer vor den Spitalserhaltern. Was kann ein Neurochirurg denn schon auf einer Neurologie, ein Internist auf einer Chirurgie, ein Dermatologe auf einer Diabetesambulanz, ein Radioonkologe auf einer Onkologie, … etc. lernen, das macht alles nur Probleme für die Personalabteilungen.

In dieser Artikel 44 Kommission des BuMin, die den Prozess maßgeblich beeinflusste, setzten
die Gesundheitspolitiker der Länder und die Spitalserhalter durch,
dass sie auch für ihr kleinstes Renommierspital noch JungärztInnen finden, die den Schein einer ärztlichen Versorgung aufrechterhalten, auch wenn sie halt nur einen sehr eingeschränkten Einblick in das jeweilige Sonderfach bekommen (man nennt das Modularisierung).
Es durfte der Hauptverband sicher stellen,
dass sehr bald viele Allgemeinmediziner am Markt erscheinen und sich für ihre Primärversorgungszentren melden und die Anzahl der Fachärzte sinkt, bzw. sich diesen die Patienten privat zahlen.
Die Allgemeinmediziner durften sich freuen, dass sie in ihren Lehrpraxen bald günstige Helferlein haben werden,
die sie nun in all den Qualifikationen schulen werden, die sie selbst während ihres Turnus nicht gelernt haben und bisher in die Ambulanzen schickten (warum die Ärztekammer zu allem anderen Ja und Amen gesagt hat, ohne dass sie die verlangten 12 Monate Unterstützung für die Lehrpraxis bekommen haben, bleibt ein Rätsel).

Die Bundesfachgruppen, also die frei gewählten und gesetzlich verankerten Vertreter der einzelnen Sonderfächer, die bisher sagen durften, was ihrer Meinung nach eine zukünftige Kollegin oder ein zukünftiger Kollege LERNEN UND KÖNNEN muss, wurden seitens der Ärztekammer praktisch übergangen. An ihre Stelle übertrugen die Kämmerer den sogenannten „akkreditierten wissenschaftlichen Gesellschaften“ die Aufgabe das Ziel der Ärzteausbildung zu definieren. Dabei handelt es sich um Vereine, deren Interesse weniger in der täglichen Praxis ihrer Fächer als in der Forschung liegt. Deshalb existiert jetzt auch ein – wenig definiertes – wissenschaftliches Modul, in dem der zukünftige Facharzt für seine Praxis (!) ausgebildet werden soll …..

Gerade ein Monat gab es eine Einsichtsmöglichkeit in die neuen Rasterzeugnisse und für die Diskussion ein völlig untaugliches Online-Forum, dann strichen Bundesministerium, Gesundheitspolitiker, Hauptverband, Ökonomen und ein paar politisch vernetzte Ärztekämmerer nach Belieben durch, was ihnen nicht passte.

Weshalb dieser (angebliche) Meilenstein nun vom Kammertag beschlossen wurde, ist schwer verständlich und für mich nur dadurch erklärbar, dass auch hier andere, als wirklich fachliche Gründe die Oberhand behielten.
Die nächsten Monate werden zeigen, welchen Mühlstein man zukünftigen Arztgenerationen umgehängt hat.
Vielleicht stellen sich dann auch noch andere die Frage, weshalb der politische Einfluss auf die Qualität der Ärzteausbildung direkt proportional zum ökonomischen Interesse und indirekt proportional zur fachlichen Qualifikation ist.

Aber vielleicht kommt erst der Aufschrei, wenn auch die Krankenpflege bemerkt, dass hinter der politisch seit Jahren betriebenen Akademisierung der Pflege keine Aufwertung, sondern ein politisch gewolltes Downsizing  steckt.

Eine akademische Führungskraft hat dann mit einer Reihe von Hilfskräften die Leistung billiger zu erbringen, als jetzt eine Gruppe nicht-akademischer, aber höher qualifizierter Pflegekräfte.
Die heute geäußerten Gedanken des NÖ Gesundheits- und Finanzlandesrats Sobotka über die Qualifikation, die die Pflege im Operationssaal benötigt, ist da ein klares Vorzeichen. Seiner Meinung nach gibt es auch im OP genügend einfache Aufgaben, für die dann weniger qualifiziertes Personal ausreichen würden als jetzt. Sobotka ist übriges studierter Musikpädagoge!

 

Links:

Was sich der Stöger hier wieder erlaubt hat … http://wp.me/p1kfuX-GM

Wirkungsorientierte Folgenabschätzung der Ärzteausbildung: Geiz war geil http://wp.me/p1kfuX-Wj

Wickel oder Neustart der Ärzteausbildung: Komm auf die Schaukel, KollegIn http://wp.me/p1kfuX-Sc

Entwertung der Ausbildung durch das Geschäft mit der Fortbildung http://wp.me/p1kfuX-Mx

Ärzteausbildung revisited oder leckt’s mich am 15a http://wp.me/p1kfuX-IC

KPJ und so weiter: Das Chaos der Ärzteausbildung http://wp.me/p1kfuX-GQ

Die wahre Reform der Ärzteausbildung http://wp.me/p1kfuX-Ex

2 Antworten

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  1. also bei der Anzahl an derzeit offenen Sonderfach-Assistentenstellen wird sich glaub ich die Zwangskanalisierung in die Allgemeinmedizin in Grenzen halten.

    drsebi

    21. Juni 2015 at 20:22

    • Die enorme Ärzteflucht wurde von ddn Verantwortlichen nicht vorhergesehen, das Projekt läuft seit Jahren im Hintergrund. Trotzdem engt sich der zeitliche Spielraum außerhalb der großen Träger stark ein. Wir der begabte Chirurg halt Labormediziner ist vielleicht auch nicht der versprochene Qualitätssprung.

      medicus58

      22. Juni 2015 at 07:43


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