Sprechstunde

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Tag der (Schuld-)Befreiung: Die Doppelbödigkeit politischer Korrektheit

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Allied_army_positions_on_10_May_1945

Ein allgemein anerkannter Test, um Ewig-Gestrige von Lupenreinen-Demokraten zu unterscheiden, ist die Frage, ob das Kriegsende 1945 als Befreiung gesehen wird oder nicht.

In der DDR war der Tag von 1950 bis 1966 und 1985 sogar ein gesetzlicher Feiertag, in der BRD nicht, und so wurde er es im wiedervereinigten Deutschland auch nicht mehr.
1985 haben aber Bundeskanzler Kohl und kurz danach Bundespräsident Weizsäcker den 8. Mai als Tag der Befreiung bezeichnet und seither gilt dieses „wording“ als Ausweis lupenreiner demokratischer Gesinnung im gehobenen politischen Dialog.

Österreich freute sich jahrzehntelang seines in der Moskauer Deklaration verbrieften Opferstatus.
Die Regierungen des Vereinigten Königreiches, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika sind darin einer Meinung, dass Österreich, das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll. (http://de.wikipedia.org/wiki/Moskauer_Deklaration)

Heute hat die ehemalige Ostmark die, ursprünglich nur am Wirtshaustisch geäußerten Vorbehalte gegen eine Befreiung (Vergewaltigungen, Verschleppungen, Plünderungen, Reparationszahlungen, ….) historisch sublimiert (http://orf.at/stories/2275815/2275813/).

Zeithistoriker (sic ORF.at) Oliver Rathkolb:
Viele Österreicher (haben) das historische Geschehen in der ersten Zeit nach dem Krieg als zwiespältig empfunden. „Sie waren froh, dass der schreckliche Krieg und die unmenschliche Nazi-Herrschaft zu Ende war. Der Aspekt der Befreiung wurde mit der Dauer der Besetzung des Landes durch die Siegermächte aber immer schwächer und schwächer und machte einer zunehmenden Enttäuschung über die bestehenden Verhältnisse Platz“.

Mit der uns Österreichern eigenen Unschärfe sprachen wir vom Tag der Befreiung erst, „als der letzte Soldat Österreich verlassen hat„.
(Vergleiche: http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalfeiertag_%28%C3%96sterreich%29)

Seit 2013, als Gegenveranstaltung zum „Totengedenkender Burschenschafter, kanonisiert das politisch korrekte Österreich die Ereignisse in einem Fest der Freude (http://wien.orf.at/news/stories/2709523/) und verströmt das,
wofür wir Österreicher doch in aller Welt bekannt sind: Sound of Music.

Mir erschließt sich aber nicht ganz, weshalb denn das nun alles so politisch korrekt sein soll, denn gerade das Mäntelchen der Befreiung umhüllt bequem jegliche Mitschuld an der Machtübernahme eines Regimes, das zumindest 1933 in freier und geheimer Wahl gewählt wurde und dem folgenden Angriffskrieg.

Erinnern wir uns doch kurz an die Definition des kleinen Herrn aus Königsberg, was ihm zum Thema Befreiung und individuelle Schuld so eingefallen ist:

Aufklärung ist der Ausgang (Befreiung) des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. 

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Der 8.Mai 1945 war und ist m.E. in erster Linie der Tag,
an dem eine weltanschaulich und ökonomisch heterogene Allianz
aus z.T. divergierenden Beweggründen
das (sogenannte) III. Reich und seine Verbündeten unter eigenen Opfern und
durch einen Verteidigungskrieg der gezwungenermaßen bis vor die Türe von Hitlers Bunker in Berlin geführt werden musste,
zu einer bedingungslosen Kapitulation eines grundlos begonnenen Angriffskrieges gezwungen hat.

Wenn wir hier ausschließlich von Befreiung sprechen, verstecken wir uns hinter einer (scheinbar schuldbefreienden) Unmündigkeit, die einer entwickelten, europäischen westlichen Gesellschaft im 20. Jahrhundert schwer zugestanden werden kann.

Wenn wir die Freude in den Vordergrund stellen, werden wir zurecht von Historikern eines besseren belehrt (Es gab kein Happy End, es gab nicht einmal ein „Ende“ im klassischen Sinne. http://www.falter.at/falter/2015/04/28/der-jubel-kam-zu-frueh/).

Es kann nicht die höchste Ausformung politischer Korrektheit sein, sich darüber zu freuen, das unsere Gesellschaft von einem Deus ex machina aus temporäre Umnachtung befreit wurde, weil wir uns so um die für uns heute wesentliche Frage herumschwindeln, weshalb es überhaupt dazu kommen konnte, dass sich dieses Regime hier etablieren konnte.

Wenn das Gedenken das Denken ablöst, werden wir die Geschichte wiederholen.

Bildnachweis: „Allied army positions on 10 May 1945“ von User:W. B. Wilson – http://en.wikipedia.org/wiki/File:Allied_army_positions_on_10_May_1945.png. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Allied_army_positions_on_10_May_1945.png#/media/File:Allied_army_positions_on_10_May_1945.png

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